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(c) Mark Mann

Yo-Yo Ma

Seelen-Doc auf vier Saiten

Der amerikanische Star-Cellist spendet mit seinem neuen Album mit Ohrwürmern aus Klassik, Jazz und Folk den Corona-Gebeutelten etwas Trost.

Wenn ein Musiker vom Kaliber eines Yo-Yo Ma seinen 65. Geburtstag feiert, wird das normalerweise im illustren Musikerkreis und weltweit mit entsprechenden Konzertreihen getan. Aber normal ist in diesen Zeiten eben gar nichts. So musste der cellospielende Weltstar und Globalplayer am 7. Oktober seinen Jubiläumstag ohne großes Brimborium begehen. Und dass auch Yo-Yo Mas Zukunftspläne wie die von abertausend anderen Musikerkollegen weiterhin an seidenen Fäden des Pandemie-Verlaufs hängen, spiegelt sein radikal ausgedünnter Tourkalender für die kommenden Monate wider. Das Virus hat also auch seinen Konzertalltag mächtig durcheinandergewirbelt. Trotzdem ist der in Paris geborene Amerikaner mit chinesischen Wurzeln in den letzten Monaten nicht untätig geblieben. Bereits in den ersten Wochen des Corona-Lockdowns ging er in den heimischen vier Wänden digital mit seinem Projekt „#SongsofComfort“ auf Sendung. Und für sein live eingespieltes Home-Video von Antonín Dvořáks „Goin’ Home“, hinter dem sich das „Largo“-Thema aus dessen 9. Sinfonie verbirgt, wurde Yo-Yo Ma mit inzwischen über 18 Millionen Klicks belohnt. Dieser sanfte Ohrwurm findet sich nun ebenfalls auf dem Album „Songs of Comfort & Hope“, das Yo-Yo Ma mit der englischen Pianistin Kathryn Stott aufgenommen hat. Arrangements von insgesamt 21 zumeist bestens vertrauten Melodien aus Klassik und Jazz, aus Musicals und der Folkmusic sind darauf zu hören. Angefangen vom Traditional „Amazing Grace“ über Edvard Griegs „Solveigs Lied“ und einem „Lied ohne Worte“ von Felix Mendelssohn-Bartholdy bis hin zum irischen Song „Londonderry Air (Danny Boy)“ und „Over the Rainbow“ aus Harold Arlens „The Wizard of Oz“. „Wir wollten immer schon mit Musik mehr Menschen erreichen, hätten aber nie gedacht, dass die Pandemie, die unser Leben so verändert, dafür so ein Katalysator sein würde“, so Yo-Yo Ma und Kathryn Stott. „Die Lieder sind wie kleine Kapseln voller Emotionen: Sie können lange verlorene Träume und Wünsche enthalten, aber auch starke Empfindungen von großer Kraft, Optimismus und Gemeinschaftsgefühl.“ Auf ihrem ersten gemeinsamen Album „Songs from the Arc of Life“, das Yo-Yo Ma und Kathryn Stott vor fünf Jahren eingespielt hatten, erzählten sie entlang der ausgewählten Musikstücke von einem imaginären Leben. Nun aber ist man mit den „Songs of Comfort & Hope“ ganz nah am wirklichen Leben angelangt. „Diese Musik erzählt Geschichten, gibt Erinnerungen und den Geheimnissen des Lebens eine Stimme. Darunter sind auch Songs, die eine Hommage an so manche Fürsprecher sozialer Gerechtigkeit sind – wie Paul Robeson und Violeta Parra.“ All die berührenden und anrührenden, so herrlich melossatten und sentimentalen Songs ohne Worte muss man aber erst einmal so spielen können wie Yo-Yo Ma und Kathryn Stott. Kitsch- und Pathos-Alarm? Fehlanzeige! Stattdessen besitzt die Musik, wie etwa auch Ernest Blochs „Jewish Song“, einfach nur tröstlichen Zauber und innige (Seelen-) Tiefe. Dieses Album ist das ideale Mittel gegen den Corona-Blues.

Erscheint Mitte Dezember:

„Songs of Comfort & Hope“

mit Ma, Stott

Sony

Reinhard Lemelle, RONDO Ausgabe 6 / 2020



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