Startseite · Künstler · Gefragt

(c) Peter Rigaud

Wiener Symphoniker

Neubeginn mit einem Vertrauten

Andrés Orozco-Estrada hat seine Stelle als Chefdirigent des Orchesters angetreten – und will Brücken zur Stadtbevölkerung bauen.

Ein Hauch von Feststimmung lag über dem Abend. Rund 1000 Besucher gestattete der Gesetzgeber, zu Anfang Herbst noch recht großzügig, im Großen Saal des Wiener Konzerthauses, und dieses Publikum strömte am 10. Oktober dann auch in hellen Scharen in den Prestigebau nahe der Ringstraße. Der Lockdown des Frühjahrs war fast vergessen, der herannahende zweite schien noch undenkbar. Thema des Tages: Andrés Orozco-Estrada. Der stadtbekannte Dirigent feierte sein Antrittskonzert als Chef der Wiener Symphoniker, und er tat es mit hoffnungsfrohen Tönen. Die ersten Klänge waren einer Novität namens „Vorfreude“ gewidmet, zum triumphalen Ende setzte es Richard Strauss’ „Heldenleben“. Natürlich: All das war zu einer Zeit geplant worden, als Corona noch nicht als Virus auf dem Planeten grassierte, sondern nur in Form einer Biermarke. Dennoch vermittelte die Dramaturgie dieses 10. Oktobers den Willen, sich von einer Pandemie nicht ins Bockshorn jagen zu lassen – und frohgemut in eine neue Ära zu schreiten.

Corona-sichere „Umarmung“

Und dieser Zeitenwechsel klang an dem Abend auch freundlich. Carlijn Metselaar, die sich vorab in einer Komponistenkonkurrenz durchsetzen konnte, steuerte die Eröffnungsfanfare „Vorfreude“ bei – die 31-jährige Niederländerin erwies sich als konziliante Wahl. Ihre Klangsprache besitzt zeitgenössische Raffinesse, erspart dem Ohr des Klassik-Liebhabers aber einen avantgardistischen Frontalangriff. Dissonanzen? Tummeln sich in dieser Musik, doch verwischt in sphärische Soundschwaden und glitzerndes Gewölk; da und dort verdichten sich diese Klangnebel zu schattenhaften Fanfaren. Eine Attraktion war dieses sechsminütige Formenspiel vor allem, weil es sinnlich durch den Saal huschte: Das Orchester hatte nicht nur auf der Bühne Stellung bezogen, sondern war auch in Splittergruppen im Raum verteilt. Orozco-Estrada hat sich diese Anordnung für seine ersten Minuten im neuen Amt gewünscht – nicht nur, um einen Surround-Effekt zu erzielen, sondern auch im Sinn einer schönen Geste. Um die musikalischen Außenposten zu leiten, durfte er sich dem Saal zuwenden und das Publikum somit gewissermaßen „umarmen“ – jedenfalls in einer Corona-kompatiblen Art und Weise. Durchaus smart, das Wienerherz danach mit etwas Heimatlichem zu erwärmen. Doch auch das kein Konzertalltag: Wer kennt sie schon, die „Einfachen Lieder“ von Erich Wolfgang Korngold in der Orchesterfassung von 1917? Christiane Karg ließ ihren Kristallsopran für die bittersüßen Gesänge sanft schimmern, die Symphoniker rollten ihr einen seidigen Klangteppich aus; und in diesem linden Zusammenspiel wurde zuletzt auch das „Lied der Marietta“ gereicht, der Über-Hit aus der Feder des Spätest-Romantikers. Erwiesen die Symphoniker Korngold hier einen subtilen oder zu stillen Dienst? Darüber schieden sich in der Pause die Geister. Umso markanter gestaltete Orozco-Estrada jedoch das „Heldenleben“. Zugegeben – das autobiografische Klanggemälde von Richard Strauss ist nicht jedermanns Sache. Die Selbsternennung des Tonsetzers zum „Helden“, das tosende Schlachtgetümmel mit den Widersachern, der Prunk und Pomp der Farbeffekte: Geniekult-Weihrauch einer Welt von gestern. Doch Orozco-Estrada kehrt die Schönheiten dieser Klang-Langstrecke hervor. Er lässt das Orchesterkolorit sorgfältig schillern, schenkt den Melodiebögen innere Spannung und Konzertmeisterin Sophie Heinrich den nötigen Raum für grazile Solo-Passagen. Erstaunlich an diesen 45 Minuten vor allem: Der Verzicht auf gummige Tempo-Dehnungen. Was sonst oft unförmig im Klangraum wabert, tönte in dieser umjubelten Aufführung sortiert und sinnvoll. Kleiner Wermutstropfen: Wo Orozco-Estrada die Lautstärke drosselte, schwand mitunter die musikalische Spannung. Doch zur Behebung solcher Mängel stehen ihm nun fünf Arbeitsjahre mit dem Klangkörper zur Verfügung.

Arbeit an der Feinmechanik

Eine Zeit, in der das Eis nicht erst gebrochen werden muss. Orozco-Estrada, 1997 zum Studium nach Wien übergesiedelt, hat sich hier längst einen Namen als Qualitätsgarant gemacht. Der Mann aus Medellín hat 2006 am Pult der Symphoniker debütiert und seine Führungskompetenz auch in der Umgebung bewiesen: Von 2009 bis 2015 stand er dem Tonkünstler-Orchester Niederösterreich vor, das nicht nur das Nachbar-Bundesland bespielt, sondern regelmäßig auch den Wiener Musikverein. In der Folge mauserte sich der Kolumbianer zum Vielflieger, leitete das hr-Sinfonieorchester Frankfurt und das Houston Symphony Orchestra parallel. Dann ereilte den Aufsteiger abermals ein Ruf aus Wien: Die Symphoniker designierten ihn 2018 zum nächsten Chefdirigenten, beginnend mit der Saison 2021. Dass es schließlich eine Spielzeit früher wurde, lag an einem anderen Postenwechsel im Herzen der Musikstadt: Philippe Jordan, bisher Symphoniker-Maestro, stieg in diesem Herbst zum Musikdirektor der Wiener Staatsoper auf, Orozco-Estrada schloss die Lücke beim Orchester. Wohin die Reise für die Symphoniker nun führen wird? Eine ästhetische Kehrtwende dürfte ihnen jedenfalls nicht bevorstehen. Sowohl der abgetretene wie der angelobte Pult-Prinzipal arbeiten gerne an einer beredten, geschmeidigen Phrasierung. Jordans Ansatz: Den drahtigen Tonfall des Originalklangs für ein romantisches Orchester fruchtbar zu machen. Orozco-Estrada besitzt zwar ebenfalls seine eigene Handschrift, will aber auch an der Feinmotorik des Orchesters feilen und nimmt dafür in seiner Auftaktsaison die Sinfonien Joseph Haydns zur Hand. Daneben setzt der Wahl-Wiener Wuchtwerke von Richard Strauss an, um die Erzählkunst in großen Klangbildern zu schulen. Der Kolumbianer hegt aber nicht nur künstlerische Pläne, sondern möchte auch Brücken zu den Menschen bauen. Es sei nun einmal „eine Tatsache, dass klassische Musik nur einen gewissen Teil der Bevölkerung erreicht“, sagt der 42-Jährige, der in seinem Vaterland durch die Geige zur Tonkunst kam und auch in Wien Türen öffnen will. Dazu setzt er einerseits auf die schon erprobten „Grätzl“-Konzerte, bei denen kleine Symphoniker-Stoßtrupps in Straßenbahnen, Schwimmbädern und Heurigen spielen. Andererseits erweitert er das Programmangebot um eine Reihe namens „Hauskonzerte“: Veranstaltungen im Konzerthaus mit dem Orchester-Chef als Moderator und allerlei Mitmach-Gelegenheiten für das Publikum. Und dann hat Orozco-Estrada noch eine weitere Idee: Er würde hier und da gern Nachwuchs-Virtuosen auf der Bühne Raum zum Glänzen bieten – Teenager-Talenten, die daheim eisern üben und von ihren Klassenkollegen eher scheel beäugt werden. Schöne Pläne, nur leider: Am 3. November ist in Österreich ein zweiter Corona-Lockdown in Kraft getreten, und damit lagen erneut alle Orchesteraktivitäten auf Eis. Wann der Wiener Kulturbetrieb wieder wachgeküsst wird, war bis Redaktionsschluss nicht abzusehen. Vorerst stand dem Klangkörper nur der Weg ins Internet offen: „Bleiben Sie zuhause, wir kommen zu Ihnen!“, lautete das Motto der Konzerte, die stets freitags live über den Computerbildschirm flimmerten.

Christoph Irrgeher, 1976 in Wien geboren, ist seit 2004 Kulturredakteur der „Wiener Zeitung“.

Christoph Irrgeher, RONDO Ausgabe 6 / 2020



Kommentare

Kommentar posten

Für diesen Artikel gibt es noch keine Kommentare.


Das könnte Sie auch interessieren

Pasticcio

Hochtouriges Vinyl

Meldungen und Meinungen der Musikwelt

Immer wieder wollte man sie zu Grabe tragen. Doch die gute alte Vinyl-Scheibe ist nicht nur […]
zum Artikel »

Musikstadt

Frankfurt

„Zur Oper bitte.“ – „Zu welcher?“: Alltag in einem Frankfurter Taxi. Aber jene Oper, die […]
zum Artikel »




Top