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Was wäre ein Orchester ohne sein Publikum: Die Dresdner Philharmonie feiert (vorerst einmal digital) ihr 150. Jubiläum © Bjoern Kadenbach/DDPhil

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Und trotzdem wird gefeiert!

Eigentlich wollte die Dresdner Philharmonie in diesen Tagen gleich doppelt die Korken knallen lassen. Chefdirigent Marek Janowski hat nämlich gerade seinen Vertrag vorzeitig um ein Jahr – bis Sommer 2023 – verlängert. Darüber hinaus wird dieses Traditionsorchester dieses Jahr stolze 150 Jahre alt. Während man aber vielleicht noch mit Janowski hinter den Kulissen und im gebührenden 1,50 Meter-Abstand oder mit Maske auf die weitere gemeinsame, erfolgreiche Zukunft anstoßen konnte, ist die geplante Festwochensause, mit der die Dresdner ihr Orchester zu feiern planten, jetzt endgültig ins Wasser gefallen. Immerhin gibt es einen kleinen Ersatz – in Form eines Festkonzerts, das per Live-Stream im Radio, auf Arte sowie natürlich auch auf der Website des Orchesters übertragen wird.
Diesen Sonntag ist es um 20 Uhr soweit: Dann nämlich tritt Janowski ans Pult und dirigiert erst die Orchestersuite aus Richard Strauss „Der Bürger als Edelmann“ und dann Schuberts große C-Dur-Sinfonie. Doch nicht nur diese beiden Komponisten wurden selbstverständlich nicht zufällig ausgewählt (Schubert und Strauss gehören quasi zur DNA des Orchesters). Auch der Festtagskonzerttermin 29. November hat nicht unwesentlich mit der Geschichte der Dresdner Philharmonie zu tun. Denn an jenem Tag, am 29. November 1870, gab man das erste Konzert im „Gewerbehaussaal“. Zwar dauerte es dann noch ein halbes Jahrhundert, bis das Orchester 1923 sich seinen heutigen Namen gab. Aber bereits kurz nach den ersten Konzerten machte der blendende Ruf auch international seine Runde. Immerhin dirigierten schon bald Komponisten wie Brahms, Tschaikowski und Dvořák das Orchester. Und wie sich ein Blick in das orchestereigene, unter „sachsen.digital“ einsehbare Archiv verrät, sollten im Laufe der nächsten Jahrzehnte auch solche Pultlegenden wie Erich Kleiber und Fritz Busch zu hören sein.
Aber auch die Liste der Chefdirigenten ist prominent besetzt – mit Kurt Masur, Michel Plasson, Michael Sanderling und eben Marek Janowski, dessen erste Ära lediglich zwei Spielzeiten dauerte. 2003 verabschiedete er sich enttäuscht darüber, dass die Stadt nicht die vertragliche Zusage eingehalten hatte, dem Orchester einen überfällig neuen Konzertsaal zu schenken. Doch 2017 hat das Orchester in dem umgebauten Kulturpalast endlich ein neues Zuhause. Und Janowski ist damit mehr als zufrieden, der 2019 als alter und neuer Chefdirigent zurückkehrte. Die Feier des 150. Geburtstages der Dresdner Philharmonie mag zwar nun etwas knapper ausfallen als gedacht. Dafür dürfte den nächsten Großprojekten – nicht zuletzt dank des erhofften Impfstoffs – nichts im Wege stehen. Dazu gehören eine Japan-Tournee sowie die konzertante Aufführung von Wagners „Ring des Nibelungen“.

Guido Fischer



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