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Einsame Entscheidung: Mit Korngolds „Die tote Stadt“ hat die Oper Köln gerade eine weitere gelungene Produktion abgeliefert, gegen Intendantin Meyers Abwahl regt sich bereits Widerstand © Paul Leclair/Oper Köln

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Opern-Intendantinnen-Theater

Der einmal mehr verlängerte Lockdown hat auch in der Kölner Oper alle Pläne über den Haufen geworfen, die man für die Zeit nach dem 20. Dezember und den damit ersehnten Re-Start des Spielbetriebs in der Schublade hatte. Aber zum Glück gibt es ja den Live- bzw. Video-Stream. Und so werden zwei brandneue Produktionen auch noch dann im Internet bzw. über die Seite der Kölner Oper zu sehen sein, wenn die Pforten im Ausweichquartier Staatenhaus irgendwann endlich wieder für das Publikum geöffnet sind. Am vergangenen Donnerstag dirigierte Kölns GMD Franҫois-Xavier Roth die Premiere von „Written on Skin“ des englischen Erfolgskomponisten George Benjamin. Am Freitag dann stand die Neuinszenierung von Erich Wolfgang Korngolds „Die tote Stadt“ auf dem Programm, die auf den Tag genau vor 100 Jahren uraufgeführt worden war. Zwei Opern also, die man nicht jeden Tag und an jedem Opernhaus präsentiert bekommt.
Zusammen mit Franҫois-Xavier Roth hat die Kölner Opernintendantin Birgit Meyer also bei der Planung der Saison 20/21 wieder einmal Mut zur Rarität bewiesen. Sieht man einmal von den nicht abreißenden Diskussionen über die kostenintensive Sanierung des Opernhauses ab, befindet sich die Kölner Oper somit im weiterhin künstlerisch anregenden Fahrwasser. Doch Köln besitzt eben dieses Talent, immer wieder mit eigenwilligen kulturpolitischen Entscheidungen für Aufregung zu sorgen. Und genau mit so einer Entscheidung hat nun die Oberbürgermeisterin ein überregionales Medienecho ausgelöst. Denn wenn es nach OB Henriette Reker geht, soll der mit dem Ende der Spielzeit 2021/22 auslaufende Vertrag von Intendantin Meyer nicht mehr verlängert werden. Nach zehn Jahren wäre es Zeit für einen Neubeginn und eine neue Handschrift, so die Begründung aus dem Rathaus. Während Meyer sich aktuell mit Statements noch zurückhält, wird in der Kölner Presse darüber spekuliert, ob Franҫois-Xavier Roth seine Finger bei dieser Personalie im Spiel gehabt hat. Immerhin ist es schon seit einigen Jahren kein Geheimnis mehr, dass Roth nicht gerade ein Fan von Meyer ist. Das hingegen sehen rund 70 Kölner Persönlichkeiten ganz anders. In einer Online-Bürgerpetition haben sie sich für eine Vertragsverlängerung ausgesprochen. Und auch einer von Meyers Vorgängern, Michael Hampe, meldetet sich empört zu Wort: „Die Entscheidung, den Vertrag nicht zu verlängern, ist sachlich für die Oper falsch und lässt jeden Anstand vermissen.“ Reker aber will anscheinend schon bald eine Findungskommission mit der Suche eines Nachfolgers oder einer Nachfolgerin beauftragen.

Marc Strohm



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