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(c) Matthias Heyde

RIAS Kammerchor

Hat den Durchblick

Der RIAS Kammerchor Berlin wirkt ohrenöffnend mit Ludwig van Beethovens „Missa solemnis“ unter René Jacobs und einer Hommage an Michael Praetorius.

Berliner Binsenweisheit: In Spree-Athen (wie man die Stadt in bildungsseligeren Zeiten nannte) gibt es nicht nur ein Weltspitze-Ensemble, das jeder kennt: die Berliner Philharmoniker. Sondern noch zwei andere, die in ihrem Bereich eine ähnliche Pole-Position für sich beanspruchen dürfen: der Berliner Rundfunkchor und der RIAS Kammerchor Berlin. Der Unterschied: Letztere sind nicht so berühmt. Hätten es aber doch verdient. Wer den RIAS Kammerchor jemals live gehört hat, dem (oder der) wird die lupenreine Klanglichkeit, eine Tiefenschärfe der Diktion und Farbreichtum nicht verborgen geblieben sein, die sich ohrenöffnend mitteilen. Es ist, wenn man diesen Kammerchor hört, als ob Nebel verfliege und klare Sicht aufkomme. Mulmigkeit, Klumpigkeit oder Steifheit sind dahin. Dieser Chor gibt musikalischen Durchblick. Dreckiger ausgedrückt: Er hat den Rohrfrei-Effekt in die Klassik eingebracht. Davon kann man sich auf gleich zwei frappierenden, neuen Alben überzeugen. Beethovens „Missa solemnis“ (harmonia mundi France), ein Nachtrag zum Jubeljahr, ist normalerweise eine herb kompakte, hüftlahme und zur Dicklichkeit neigende Angelegenheit. Chor und Orchester bilden eine so undurchdringlich unterholzige Masse, dass mattes Achselzucken – und müdes Erstarren der Hörer – die regelmäßige Folge ist. Nicht so bei René Jacobs. Das Werk sei zwar „für uns fast genau so mühsam zu erfassen, als Gott für Beethoven selbst“, gibt der Dirigent im herrlich fachsimpelnden Booklet-Gespräch zu. So vertrackt indes klingt es bei ihm nicht.

Licht ins Unterholz

In der grandiosen Neuaufnahme bewährt sich der Theater-Praktiker Jacobs als Lockerer aller religiösen Verspannung – und dramatischer Impulsgeber für neue Glaubens-Frische. Noch nie klang die „Missa solemnis“ so kurvenreich, opernhaft aufgeladen und rauschhaft-kontrastiv. Der späte Beethoven rückt in verblüffende, nie vermutete Nähe zu Verdis „Requiem“ – einem Werk, dem immer vorgehalten wurde, eine Oper im Oratoriumsgewand zu sein. Man könnte sagen: Jacobs findet in Beethoven die genaue Mitte zwischen Verdi und dem Oratorien-Komponisten Händel (der von der Oper herkam). Oder anders: Als hätte Beethoven aus den Narben, die er von seinem „Fidelio“ hatte, fürs Oratorium gelernt. So etwas geht nur mit einem quirligen Alte-Musik-Ensemble wie dem Freiburger Barockorchester. Und den Hyperpräzisions-Kehlen des RIAS Kammerchors. Dessen Opernerfahrungen beschränken sich wesentlich auf das Barockzeitalter. Gerade so aber kann er Bewegung stiften und zugleich Übersicht in die vertrackte, überlange Missa bringen. In seiner Geschichte war der Chor ursprünglich – als Nachkriegsgründung des namensgebenden „Rundfunk im amerikanischen Sektor (RIAS)“– für die Pflege neuer Werke ausgelegt, die vor allem sollte man singen. Und kann es auch: Wer jemals eines der Lieblingsstücke des Chors, Ernst Kreneks „Lamentatio Jeremiae Prophetae“ mit dem RIAS Kammerchor erlebt hat (live oder auf CD), wird die Angst des Publikums vor Neuer Musik nicht länger verstehen. So pur und wundervoll durchlichtet tönt das. Nach kritischen Jahren in den späten 60ern – der Chor wurde zeitweilig als „RIAS Jammerchor“ verspottet – brachte zunächst Uwe Gronostay das Vokalensemble wieder nach vorn. Unter Marcus Creed und Hans-Christoph Rademann bekam man erfolgreich die Kurve zur Alten Musik. Womit ein Kontakt zu den Granden dieser Richtung, so Roger Norrington und Jacobs, oder zu jungen Versatilen wie Yannick Nézet-Séguin möglich wurde. Genau diese Richtung wird unter dem seit 2017 amtierenden Justin Doyle konsequent weiterverfolgt – mit neuen Höhepunkten wie dem kürzlich erschienenen „Messiah“. Doch Doyle überlässt den Chor immer wieder auch anderen Dirigenten. Absolute Highlights des Katalogs sind bis heute – neben den Bach-Oratorien unter René Jacobs – auch Mozarts „La clemenza di Tito“ und Haydns „Jahreszeiten“ (mit Marlis Petersen). Der Charme der Opernaufnahmen unter Jacobs besteht darin, dass hier – bei voller Dramatik – nichts vergröbert, sondern verfeinert wird. Kristallklarer als mit dem RIAS Kammerchor können Opern kaum klingen.

Sehnsucht nach Süden

„Man kann aus dem Vollen schöpfen“, bestätigt Florian Helgath, Dirigent des ebenfalls neu erschienenen Albums „Praetorius & Italy“ (deutsche harmonia mundi/Sony). Es geht um den Traum von Italien bei einem Komponisten, der nach Süden blickte, ohne je dort gewesen zu sein. Michael Praetorius, dessen 400. Todestag man in diesem Jahr feiert, ist einer der großen Zu-kurz-Gekommenen der Musikgeschichte. „Man braucht echte Frühbarock-Spezialisten für ihn“, so Helgath zur Erklärung dieses Missstandes. Auch er nahm Praetorius früher eher auf die leichte Schulter. Zumal der gern auf den Weihnachtsklassiker „Es ist ein Rosʼ entsprungen“ reduziert wird. „Ich habe ihm Unrecht getan“, so Helgath heute. „Verhindert hat seine Anerkennung, dass man sehr alte Instrumente wie etwa Schalmeien, Dulzian, Pommer und Zinken für ihn benötigt – und nicht etwa nur eine schlichte Barock-Oboe.“ Man braucht ein Ensemble wie die Capella de la Torre der Dirigentin und Schalmei-Spielerin Katharina Bäuml. Dann aber entfaltet diese Musik eine ungeahnte und unvergleichliche Suggestiv- und Sogkraft. Man tritt über in eine andere Welt. Ein Erlebnis, das sich (außer bei Wagner) wahrscheinlich nur im Frühbarock und in der Renaissance machen lässt. „Der Unterschied zwischen Praetorius und den Italienern, die er bewunderte und die wir auf diesem Album versammelt haben, besteht in seiner viel größeren Wort-Bezogenheit.“ Jeder sollte, wenn es nach Praetorius geht, den Text verstehen. Deswegen wird die Musik weitgehend homophon geführt. Dagegen hat der vier Jahre ältere Claudio Monteverdi, ebenso wie die auf dem Album vertretenen Kollegen Adriano Banchieri, Antonio Cifra, Lodovico Grossi da Viadana und Agostino Agazzari, kontrapunktischer und ‚generalbassiger‘ komponiert. Die Pointe von Praetorius besteht allerdings gerade darin, „diesen Grat des Wortvorrangs zu verlassen“ (gemessen an Zeitgenossen wie Schein, Schütz und Scheidt). Praetorius, das ist der Witz an ihm, wird italienischer. Allerhöchste Eisenbahn wäre es für eine Gesamtaufnahme seines Hauptwerks „Polyhymnia Caduceatrix et Panegyrica“. Es gibt keine. Für eine grundsätzliche Wiederentdeckung immerhin bietet die köstliche, neue CD willkommenen Anlass. Mit ihr – und mit der neuen „Missa solemnis“ unter René Jacobs – setzt sich der RIAS Kammerchor ein Denkmal absoluter Superiorität. Er gehört zum Tafelsilber des Musiklebens in Deutschland. Und fast möchte man sagen: Er klingt auch so.

Neu erschienen:

Beethoven

Missa solemnis, op. 123

mit Pastirchak, Harmsen, Davislim, Weisser, RIAS Kammerchor, Freiburger Barockorchester, Jacobs

harmonia mundi

Praetorius, Monteverdi, Gabrieli u. a.

„Praetorius and Italy“

mit RIAS Kammerchor, Capella de la Torre, Bäuml, Helgath

dhm/Sony


Terra incognita

1Von Michael Praetorius (1571?–1621) – dem Komponisten, Systematiker und Orgelsachverständigen zwischen Torgau und Wolfenbüttel, der mit seinem „Syntagma musicum“ auch eine wertvolle Enzyklopädie zur Musikwelt und Instrumentenvielfalt seiner Zeit verfasste – ist an wichtigen Werken herzlich wenig lieferbar – auch nicht zum 400. Todestag. Sein Hauptwerk, „Polyhymnia Caduceatrix et Panegyrica“, wurde nie vollständig aufgenommen (was es gibt, ist veraltet). Die letzte große CD-Würdigung – von Pablo Heras-Casado bei Archiv – warf ihn mit Jacob und Hieronymus Praetorius in einen Topf; mit denen er nicht mal verwandt ist. Erstaunlich, wie viel blinde Flecken es immer noch gibt – trotz aller grassierenden Entdeckerlust. War Praetorius nicht fast der Erfinder musikalischer Italien-Sehnsucht? Aktueller geht’s nicht.


Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 1 / 2021



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