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(c) Bruno Schlumberger

Kerson Leong

Grundnahrungsmittel für Violinen

Der kanadische Geiger spielt die Solosonaten von Eugène Ysaÿe mit brennender Intensität und charakteristisch sonorem Ton.

Der junge Geiger sitzt beim Zoom-Interview in einem sehr hellen, offenbar karg möblierten Raum vor dem Bildschirm, links von ihm lehnt in einer Nische ein großes Saiteninstrument in schwarzer Hülle. Ein E-Bass, wie er später erklärt, nur eines von vielen Instrumenten, die Kerson Leong neben der Violine beherrscht.

RONDO: Wo sind Sie jetzt gerade?

Kerson Leong: Ich bin seit Beginn der Pandemie durchgehend in Ottawa.

RONDO: Haben Sie in den letzten Monaten Konzerte gespielt?

Leong: Ja, aber nur virtuell, Streamings ohne Publikum. Aber ich bin sehr froh, überhaupt Konzerte geben zu können, arbeiten zu können.

RONDO: Die Solosonaten von Eugène Ysaÿe sind ein ideales Corona-Format, denn es steht ja nur ein einsamer Solist auf der Bühne, Abstandhalten ist kein Problem. War das der Plan?

Leong: Nein, die Aufnahme haben wir im Oktober und November 2019 eingespielt, da war von Corona noch keine Rede.

RONDO: Diese Solosonaten hört man selten im Konzertsaal, sie sind nicht sehr populär. Warum haben Sie sich ausgerechnet für diesen Zyklus entschieden?

Leong: Ich muss widersprechen, die Solosonaten von Ysaÿe sind unter Geigern und unter Violin-Enthusiasten sogar sehr populär. Sie gelten als Grundnahrungsmittel des Solorepertoires! Und die dritte Sonate ist schon recht bekannt, ganz zu schweigen von einzelnen Sätzen wie dem aus der zweiten Sonate mit den berühmten Zitaten von Bach. Für mich war aber meine tiefe persönliche Affinität zu diesen Stücken entscheidend. Ysaÿe nutzt die Möglichkeiten des Instruments auf derart geniale Weise, dass ich behaupten würde, dass diese Sonaten der wichtigste Beitrag für das Solorepertoire seit Bach und Paganini sind. Und es ist eine ungeheuer leidenschaftliche und kraftvolle Musik.

RONDO: Auch Kraft zehrend?

Leong: Allerdings! Diese Sonaten sind technisch wirklich äußerst anspruchsvoll. Vor der Aufnahme habe ich den ganzen Zyklus mehrfach im Konzert gespielt, das geht an die Grenzen. Aber ich bin sehr glücklich über das Album, es ist enorm wichtig für mich.

RONDO: Können Sie mir mehr über Ihr Lieblingsrepertoire erzählen? Wo setzen Sie die Schwerpunkte?

Leong: Das ist schwer zu sagen und es klingt banal, wenn ich sage: Ich spiele eigentlich alles gerne! Von Bach über Mozart bis Bartók, Britten und Prokofjew bis hin zu den Zeitgenossen. Besonders ders liebe ich allerdings Brahms, vor allem die Sonaten mit ihren ganz eigenen Lyrismen. An der Geige liebe ich auch, dass sie ein so weites Feld umspannt, denn sie ist einerseits ein ganz volkstümliches Instrument, die Stimme der einfachen Leute und andererseits das Instrument der Hochkultur. Diesen Kontrast finde ich spannend und mag es auch, ihn in Programmen zu betonen.

RONDO: Ihre Affinität zur Musik der Gegenwart unterstreicht der Besuch im Arvo-Pärt-Zentrum in Estland vor zwei Jahren. Was haben Sie dort erlebt?

Leong: Das war sehr faszinierend. Ich war Teil einer kanadischen Delegation und konnte dort Pärts „Spiegel im Spiegel“ spielen. Leider habe ich Arvo Pärt nicht persönlich getroffen, aber immerhin seinen Sohn. Und ich konnte erfahren, welche Atmosphäre den Komponisten inspiriert hat. Was aber das Zeitgenössische angeht: Ich mag auch Jazz, Fusion und Folk!

RONDO: Erinnern Sie sich an Ihre erste Begegnung mit klassischer Musik?

Leong: Ich bin Kind einer Musikerfamilie, meine Mutter ist Pianistin, ich habe früh mit dem Klavier experimentiert. Genauso wichtig aber war mein Vater, der kein Profi ist, aber klassische Gitarre spielt und eine große Plattensammlung hat. Ich erinnere mich, dass ich oft eingeschlafen bin mit Musik. Ich war eingebettet in Musik von Anfang an.

RONDO: Und wann haben Sie die Violine entdeckt?

Leong: Mit viereinhalb Jahren habe ich angefangen, mein Bruder spielte bereits Cello. Für mich ist aber bis heute nicht das Instrument, sondern Musikmachen das Entscheidende. Ich bin dann bei der Geige hängen geblieben.

RONDO: Haben Sie unter den großen Geigern der Vergangenheit ein Vorbild?

Leong: Ich bin mit den Großen des 20. Jahrhunderts aufgewachsen, ich habe sie alle gehört und geliebt. Und sicher auch versucht, sie zu imitieren. Aber je mehr ich realisierte, wie verschieden sie waren, desto mehr war das Hören der Meister für mich eine Ermunterung, meine eigene Stimme, meinen eigenen Sound zu finden und meine künstlerische Überzeugung zu entwickeln.

RONDO: Sie engagieren sich sehr für pädagogische Projekte, sprechen gerne über Musik und schreiben sogar selbst den Booklet-Text. Was steckt dahinter?

Leong: Es ist mir ein großes Anliegen, der Gesellschaft etwas zurückzugeben. Und gerade auch der jungen Generation etwas von der Freude der Erfahrung von Musik und ihrer Komplexität zu vermitteln. Ich kommuniziere aber nicht nur über die Social-Media-Kanäle. Wo immer ich bin, suche ich nach Möglichkeiten, in die Schulen zu gehen und Masterklassen zu geben. Ich finde, das ist ein ganz wichtiger Teil von dem, was wir tun. Wir müssen die Blase unserer Klassik-Community erweitern.

RONDO: Würden Sie zustimmen, wenn ich sage: Musik ist nicht nur Gefühl, sondern auch Intellekt?

Leong: Ja, absolut! Ich denke, die Herausforderung, Musik zu machen, ihr eigentliches Ziel besteht natürlich darin, emotionale Tiefe und Dichte zu erreichen. Aber dahin kommt man nur mit einem tiefen Verständnis und Wissen um die Strukturen und darum, wie der Klang bewusst zu steuern und gestalten ist. Ich verbringe einige Zeit mit dem physischen Üben, aber viel mehr Zeit verbringe ich mit dem Üben im Kopf, wenn der Kasten zu ist. Außerdem: Während ich spiele, muss ich immer ein paar Schritte voraus denken, antizipieren, wie die nächste Linie zu gestalten und zu modulieren ist. Da ist natürlich der Kopf gefragt!

Neu erschienen:

Ysaÿe

Sonaten für Violine solo op. 27/I–VI

Leong

Alpha/Note 1


Erste Geige

1Kerson Leong gewann 2010 mit 13 Jahren den ersten Preis in der Juniorkategorie des Menuhin-Wettbewerbs in Oslo. Seither gastiert er weltweit bei bedeutenden internationalen Festivals und Orchestern. Yannick Nézet-Séguin verpflichtete ihn als Artist in Residence 2018/19 beim Orchestre Métropolitain de Montréal, der britische Komponist John Rutter widmete ihm mit „Visions“ ein Werk, das er auch unter dessen Leitung in London zur Uraufführung brachte. Kerson Leong widmet sich neben seiner Konzerttätigkeit auch zunehmend der Musikvermittlung und pädagogischen Projekten. Er ist Artiste Associé der Chapelle Musicale Reine Élisabeth in Belgien und spielt eine Guarneri del Gesù von 1741.


Regine Müller, RONDO Ausgabe 1 / 2021



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