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Musikalisches Chamäleon: Pianist Chick Corea † © Ice Boy Tell/Wikimedia CommonsIMGP8022.jpg) / CC BY-SA 4.0

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No Limits - Zum Tode von Chick Corea

Solche Konzerte bekommt man aus dem Langzeitgedächtnis nicht mehr heraus: Es war Anfang der 1980er Jahre, als sich an zwei Abenden im Amsterdamer Concertgebouw zwei Meister ihres Fachs an zwei Flügel setzten, um miteinander Ping-Pong zu spielen. Links: der Amerikaner Chick Corea im wallenden Batik-Leibchen. Ihm gegenüber: der Österreicher Friedrich Gulda mit seinem obligatorischen Strickkäppi auf dem halbkahlen Schädel. Wie die beiden Rechts- und Linkshänder sich dann die Blue Notes mit scheinbar unberechenbarem Spin zuspielten und immer wieder im Modern Jazz-Gefüge überraschende Stopps einstreuten, war allein schon eine Improvisationsshow erster Güte. Doch eigentlich war es nur eine Aufwärmphase für den nächsten Abend, für den man sich als Schiedsrichter Nikolaus Harnoncourt geholt hatte. Für Mozarts Konzert für zwei Klaviere, das dank des strammen Zugriffs, der entwaffnenden Spontaneität, der bewundernswerten Ausdruckstiefe und fesselnden Presto-Steigerungen zu einer dreißigminütigen Mozart-Glücksstunde ohne Halbswertszeit werden sollte. Dass das alles auf Anhieb funktionierte, verblüfft rückblickend immer noch. Schließlich hatte sich Chick Corea bis 1982 ausschließlich mit der Jazz-Idiomatik beschäftigt und selbst an wichtigen Jazz-Kapiteln mitgeschrieben. Aber es war eben der moderne Orpheus des Mozart-Spiels, Friedrich Gulda, der Corea auf einen Schlag in die Wunderwelt Mozarts hineinzog.
Mozart durch die Brille von Jazz-Musikern gesehen – Corea wurde damit durchaus zu einem Pionier. Lange, bevor Klavierkollege Keith Jarrett sich ebenfalls an den Klavierkonzerten versuchte und gleich mit Sand im Getriebe zu kämpfen hatte. Und auch die vokalen Mozart-Exerzitien des Stimmwunders Bobby McFerrin blieben als Vergleich nur im Kasperle-Entertainment stecken. Corea hat dagegen nicht nur reproduzierend für neuen Mozart-Elan gesorgt. Selbst als Komponist blieb er ganz nahe bei ihm und seiner Instrumentierung, als er 1985 und nach weiteren Gulda-Dialogen gar ein eigenes Klavierkonzert plante.
Als Pianist und Komponist gehörte Corea aber eben schon immer zu den wenigen Musikern, die mit einem Übermaß an Neugier und Fantasie gesegnet waren und dementsprechend mit unterschiedlichsten Projekten begeistern und verblüffen konnten. Coreas Lieblingsspielfeld blieb dabei natürlich der Jazz. Und die Weichen für seine Weltkarriere hatte Armando Anthony Corea – so sein bürgerlicher Name – endgültig 1968 gestellt. Mit seinen 27 Jahren hatte der Mann aus Chelsea/Massachusetts da bereits mit Mongo Santamaria und Stan Getz zusammen gespielt. Doch nun legte er mit „Now He Sings, Now He Sobs“ sein erstes Album auf dem Renommier-Jazz-Label „Blue Note“ vor, auf dem er mit Bassist Miroslav Vitous und Schlagzeuger Roy Haynes sein fulminant heißlaufendes Abstraktionsvermögen unter Beweis stellte. Gleichzeitig holte Miles Davis ihn in seine Band, wo er bis 1970 unmittelbar an den Fusion-Revolutionen „Bitches Brew“ und „Live-Evil“ beteiligt war. Schon da entpuppte sich Corea als musikalisches Chamäleon, das fortan auch mit eigenen Bands wie „Circle“ und „Return to Forever“ den Jazz aufmischen und etwa ins weltmusikalische Idiom umleiten sollte. Überhaupt entwickelte sich Corea regelrecht zum Nimmersatten unter den Jazz-Pianisten. Dafür tat er sich mit Gleichgesinnten wie John McLaughlin und Herbie Hancock genauso zusammen wie mit dem Free-Jazz-Rebell Anthony Braxton oder dem Banjo-Wieselflink Béla Fleck. Und viele seiner Stücke wie „Spain“ und „La Fiesta“ gehören längst zu den Klassikern des Fusion-Segments. So groß die Anerkennung aber auch war (allein 23 Grammys stehen da zu Buche) – zumindest in Deutschland blies Corea für seine Mitgliedschaft in der Scientology-Sekte lange Zeit ein strenger Wind ins Gesicht.
Jetzt ist Chick Corea im Alter von 79 Jahren verstorben. Und vielleicht spielt er ja irgendwo und diesmal gleich mit Mozart vierhändig Klavier. „Mozarts Verspieltheit bildet eine offensichtliche Verbindung zu meiner Musik“, hat Corea einmal gestanden. Weshalb er ihn auch „meinen Kumpel Mo nenne.“

Reinhard Lemelle



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