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(c) Sebastian Hänel/Jeppe Hein/Reflecting Gardens 2017

Notos Quartett

Brahms schlägt Brahms

Arnold Schönberg wollte in seiner Orchesterfassung neue Seiten an Brahms’ Klavierquartett eröffnen. Das Notos Quartett geht nun den umgekehrten Weg.

Ich mag das Stück.“ Aus seiner Liebe zu Johannes Brahms’ erstem Klavierquartett hat Arnold Schönberg keinen Hehl gemacht – wenn da nur nicht dieser Mensch an den Tasten wäre: „Es wird immer sehr schlecht gespielt, weil der Pianist, je besser er ist, desto lauter spielt, und man nichts von den Streichern hört …“ Und so schuf der Komponist kurzerhand eine Orchesterfassung des Opus 25, fächerte die Stimmen auf Streicher und Bläser auf – ganz ohne schwarze und weiße Tasten … Antonia Köster lacht: Nein, die großgewachsene Frau mit den dunklen Locken ist dem eigenwilligen Neutöner keineswegs gram ob seines vernichtenden Urteils über ihr Instrument – „vermutlich hatten die Musiker damals nicht viel Zeit für die Probenarbeit dieses Werkes zur Verfügung“. Ganz im Gegensatz zu der Wahl-Berliner Pianistin, die mit ihren drei Streicherkollegen des Notos Quartetts das Brahms’sche Opus 25 schon seit Gründung des Ensembles 2007 immer wieder aufgegriffen und sich des Stücks nun auch für ihre jüngste Aufnahme angenommen hat. „Als festes Ensemble können wir uns sehr intensiv mit den Werken beschäftigen und arbeiten stets an einem ausgewogenen Klangbild.“ Schönbergs orchestraler „Verbesserungsvorschlag“ hat die vier indes nicht losgelassen: Warum nicht auch einmal den umgekehrten Weg gehen und eine Sinfonie des norddeutschen Romantikers bearbeiten – quasi als Spiegelung zur Geschichte des Klavierquartetts? Gerade seine Dritte mit ihrer Mischung aus sinfonischer Opulenz und kammermusikalischer Finesse bot sich dafür an, denn: „Brahms stellt hier oft die Instrumentengruppen, also Bläser und Streicher, gegenüber, was sich in der kammermusikalischen Fassung gut auf das Klavier und die drei Streicher übertragen lässt.“ Ein musikhistorisches Band, das der Arrangeur und Komponist Andreas N. Tarkmann nur zu gern aufgenommen hat, zumal Brahms selbst seinerzeit schon eine Bearbeitung für zwei Klaviere schuf: „Diese andere Kompositionsweise bedeutet aber auch“, so der gebürtige Hannoveraner, „dass eine akustische Realisierung der dritten Sinfonie nicht unbedingt an ein großes Orchester gebunden ist, um die Musik in ihrem Aufbau und ihrer Schönheit zur Geltung zu bringen.“ Was in der nun vorliegenden Weltersteinspielung zu hören ist – und einmal mehr den Ruf des Notos Quartetts als besonders neugieriges und entdeckungsfreudiges Ensemble unterstreicht. Schon bei ihrer letzten Aufnahme hatten Köster, Geiger Sindri Lederer, Bratschistin Andrea Burger und Cellist Philip Graham mit Béla Bartóks c-Moll-Quartett ein über 50 Jahre verschollenes Werk ausgegraben, und auch in ihrem Konzertalltag sind neben den Klassikern des Genres eher unbekannte Quartett-Perlen eines Beat Furrer und William Walton, Bryce Dessner oder Ernst von Dohnányi zu erleben. „Wir finden es einfach total spannend, das Repertoire zu erweitern und auch Komponisten zu beauftragen“, freut sich Köster – beim Berliner Ultraschall Festival haben die vier erst vor wenigen Wochen ein neues Werk von Bernhard Gander aus der Taufe gehoben: „Schwarze Perlen“. Manchmal kann eben auch die Pianistin eines Quartetts zur erfolgreichen Schatzhebung beitragen …

Neu erschienen:

Brahms

Klavierquartett, Sinfonie Nr. 3 (arr. für Klavierquartett)

mit Notos Quartett

Sony

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Christoph Forsthoff, RONDO Ausgabe 2 / 2021



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