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(c) Ufuk Arslan

Würth Philharmoniker

Neuer Musenhof

Das Orchester ist jung, der Ehrgeiz groß: Zum ersten Album des privat unterhaltenen Klangkörpers unter seinem Chef Claudio Vandelli.

Nein, vom Hohenlohekreis hatte der Dirigent Claudio Vandelli noch nie gehört, als er auf Vermittlung von Anna Netrebko hierher für ein Arienkonzert eingeladen wurde. Das war vor drei Jahren, doch seither macht der 1967 geborene Mailänder gerne den Umweg von Wien nach Genf, wo jeweils Teile seiner Familie wohnen, durch das Württembergische. Auch weil er hier einen attraktiven Job gefunden hat, mitten in der Provinz, aber auch in einer Art kleinem Paradies der Künste. Ähnlich wie früher die Barockfürsten, freilich mit eigenem Geld, so hat sich auch der inzwischen 85-jährige Selfmade-Milliardär Reinhold Würth in Künzelsau, am Hauptwerksitz seines internationalen Schraubenimperiums mit mehr als 80.000 Mitarbeitern, eine eigene Hofhaltung aufgebaut. Die sich in den letzten Jahrzehnten immer mehr zu einem Musenhof gemausert hat. Denn der kunstsinnige Unternehmer hatte zunächst begonnen, für seine Sammlungen der bildenden Künste mehrere Museen zu bauen. In jüngster Zeit hat er freilich 2017 in sein Kongresszentrum auch einen von David Chipperfield entworfenen Konzertsaal für 580 Zuhörer integriert. Und für diesen ein Orchester gegründet: Die Würth Philharmoniker mit etwa 35 festangestellten und ebenso vielen frei assoziierten Musikern spielten im Juli vor vier Jahren erstmals unter Kent Nagano zur Einweihung des nach Würths Gattin benannten Carmen Würth Forums. Inzwischen fungiert Claudio Vandelli seit Anfang 2020 als Chefdirigent und künstlerischer Berater, auch wenn er wegen des Lockdowns bisher nur wenige Konzerte in dieser neuen Funktion dirigieren konnte. Für ihn sprach gleichermaßen, dass er mit vielen großen Künstlernamen des Klassikbusiness auf Du und Du ist, und dass ihn eine große Erfahrung im Aufbau von neuen Klangkörpern auszeichnet. So hat er insbesondere für den Impresario Martin Engström und seine Musikfestivals im Schweizer Verbier und im georgischen Tisandali viel Pionierarbeit geleistet, die jetzt auch erzieherisch Württembergs jüngstem und durchaus ehrgeizigem Klangkörper zugutekommt.

Grundversorgung und Glamour

Denn das neue, private Orchester soll einerseits die Grundversorgung in einer Region sicherstellen, wo die nächsten Livekonzerte erst in Heilbronn, Stuttgart, Würzburg oder Nürnberg zu erreichen sind, es möchte aber auch prestigeträchtige Solisten einladen, die sich hier musikalisch wohlfühlen, die mit dem Klangkörper gastieren und ihn so international bekannter machen. Bisher standen Gastspiele in führende Konzerthäuser, wie dem Concertgebouw Amsterdam, der Londoner Cadogan Hall oder beim George Enescu Festival in Bukarest, auf dem Programm. Wobei Vandelli klar ist, dass sich eine mutige Programmierung langsam entwickeln muss. Das lokale Publikum, quer durch alle Altersklassen, geht zwar enthusiastisch mit, aber schon bei Béla Bartók ist für viele noch die bequeme Hörgrenze erreicht. Da ist noch einiges an Aufbauarbeit zu leisten, wozu es aber auch von der Musikstiftung ausgerichtete Education-Programme gibt. Die Stiftung hat es sich darüber hinaus zur Aufgabe gemacht, einige wenige, historisch bedeutende Musikinstrumente zu erwerben, zu erhalten und hochbegabten Musikern unentgeltlich zu überlassen. So ist die 2008 gekaufte „Stradivari Ex Ries 1693“ des italienischen Geigenbaumeisters Antonio Stradivari im Oktober 2020 leihweise an Veronika Eberle übergeben worden. „Der besonders tiefe und warme Klang dieser Violine ist einzigartig und es ist ein Geschenk und eine große Ehre, darauf spielen zu dürfen“, so beschreibt Eberle ihre ersten Erfahrungen mit dem neuen Instrument. Ebenfalls in Stiftungsbesitz ist eine Geige von Giovanni Battista Gabrielli aus dem Jahre 1770. Diese ist derzeit an die Russin Ksenia Dubrovskaya verliehen. Zum Prestige wie zur detaillierten Erarbeitung eines spezifischen Klangs der Würth Philharmoniker sollen auch CDs beitragen, die Claudio Vandelli langfristig einspielen will. Eine erste Aufnahme für Challenge Classics an seiner Heimatstadt ist Johannes Brahms’ Akademischer Festouvertüre und seinem Ersten Klavierquartett, bearbeitet für Orchester von Arnold Schönberg gewidmet. „Das ist ein ganz besonderes Stück, in dem alle Gruppen exemplarisch gefordert sind, indem sie sich aber auch in bestem Licht präsentieren können. Anderseits wird es nicht so oft gespielt wie etwa eine der Brahms-Sinfonien. Also ist es auch vom Repertoire her eine interessante CD“, begründet Vandelli seine Wahl. Und auch wenn jetzt im Hohenlohekreis noch pandemiebedingt alles etwas ausgebremst ist, der Italiener wird regelmäßig wiederkommen – und sein Orchester konsequent auf das internationale Parkett führen.

www.wuerth-philharmoniker.de

Zuletzt erschienen:

Brahms

Akademische Festouvertüre, Klavierquartett Nr. 1 (arr. Schönberg) (SACD)

mit Würth Philharmoniker

Challenge/Bertus

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Sagenhafter Aufstieg

1Die Firma Würth wurde von Adolf Würth (1909– 1954) 1945 in Künzelsau gegründet. Nach dessen frühem Tod übernahm der Sohn Reinhold Würth 1954 im Alter von 19 Jahren gemeinsam mit seiner Mutter die Schraubenhandlung, die zum damaligen Zeitpunkt noch eine Zwei-Personen-Unternehmung war und entwickelte sie zum weltweit führenden Handelskonzern für Befestigungs- und Montagematerial sowie Werkzeuge. Zu seinen über 3 Millionen Kunden zählen vornehmlich Betriebe aus der Bauwirtschaft sowie zunehmend auch Industriekunden. Die heutige Würth-Gruppe operiert weltweit. Sie beschäftigte 2020 über 79.000 Menschen. Sie ist eines der größten nicht-börsennotierten Unternehmen Deutschlands.


Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 2 / 2021



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