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(c) Werner Neumeister/Argerich Plays Chopin

Martha Argerich

Martha forever

Die argentinische Pianistin wird unglaubliche 80 Jahre. Sie faucht, trillert und trotzt immer noch besser als alle Jüngeren.

Ganz klar, dass sie die Größte ist. Selbst Daniel Barenboim gibt das zu. An Martha Argerich lässt sich studieren, dass die wahrlich Bedeutsamen sich selbst nie zu wichtig nehmen. Keiner ihrer sehr zahlreichen Auftritte, bei dem sie nicht vorher angibt, in grauenvoller Verfassung zu sein und eigentlich überhaupt nicht spielen zu können. Dann tritt sie trotzdem auf. Und räumt ab wie eh und je. Das ist nicht falsche Bescheidenheit, auch nicht bloß neurotisch. Sondern Beleg dafür, dass sich diese absolut superiore Künstlerin jedesmal aus dem Schamott ihrer eigenen Selbstzerknirschung in die Höhen hinauftreiben muss – die dann prompt umso müheloser und selbstverständlicher erscheinen. Warum ist Martha Argerich überhaupt so gut? Nun, reden wir nicht von der schlicht stupenden Technik dieser Pianistin; auch nicht von den immer noch besten Trillern von allen, die man bei ihr zu hören kriegt. (Es sind Prassel-Triller, unter denen die Welt erzittert.) Nein, von Beginn an besaß Argerich eine spezifische, musikalische Eigenschaft, die ihr niemand nachmacht und von der zu reden sich lohnt. Sie beschleunigt nämlich gerne eigene Phrasen rasant und gut hörbar, bevor sie zu Ende sind; aber so wohldosiert, dass sie niemals dabei aus dem Tempo fällt. Es ist eigentlich so, wie wenn ein Hund an der Kette reißt. Diese dehnt sich kaum. Doch die Energie der Bestie ist enorm, furchterregend.

Löwenmähne als Schutzschild

Trotz dieser gloriosen Eigenart hat man ihr immer ‚Katzenhaftigkeit‘ nachgesagt. Was sie kann, hört man nirgendwo besser als auf ihren – jetzt wieder neu bei der Deutschen Grammophon versammelten – Chopin-Aufnahmen (auf 5 CDs plus Blu-ray). Entstanden von 1960 bis 1980, also in bester Zeit: Vom 1. Klavierkonzert unter Claudio Abbado geht das über die Klaviersonaten Nr. 2 und 3 bis zur Cello-Sonate (mit Rostropowitsch sowie Maisky). Niemand sonst reizt stimmliche Freiheiten und Rubati exzentrischer aus, ohne ins Outrierte abzugleiten. Übrigens sind die Cover, auf denen die Argerich ihr Haar löst, immer noch das bestmögliche Argument dafür, Künstler auf einer Platte auch persönlich abzubilden. Sie sieht toll aus. Andere Argerich-Kultplatten waren: die Ravel-Aufnahmen (bei DG und Warner), sämtliche Interpretationen ihres Lieblingskomponisten Robert Schumann sowie die Rachmaninow und Tschaikowski-Konzerte unter Riccardo Chailly und Kirill Kondraschin. Die Beethoven-Sonaten mit Gidon Kremer natürlich auch; etliches von Mozart und alles, was sie von Sergei Prokofjew eingespielt hat. Schlechte Aufnahmen von ihr zu finden ist schwer. Längst ist aus „Bella Martha“ natürlich „La Mamma Martha“ geworden. Nicht so sehr aufgrund ihrer drei inzwischen erwachsenen Kinder. Sondern weil sie schon immer in ihrem Haus bei Brüssel zu selbstzerstörerisch ausgeprägter Gastfreundschaft neigte. Sie versammelte so viele Freunde und Anhänger um sich, dass sie schon deswegen Konzerte geben muss, um mal wieder für sich zu sein. Nachdem sie vor Jahrzehnten eine schwere Krebserkrankung überwand, tut sie dies mehr denn je. Die Annahme, sie spiele immer dieselben Werke (am liebsten Prokofjews 3. Klavierkonzert), basiert auf einem Irrtum. Seitdem sie nicht mehr solistisch auftritt, sondern vorzugsweise mit Partnern, hat sie zahllose Sachen oft für nur eine einzige Aufführung neu gelernt. Nur wollen die Leute sie eben am liebsten mit Orchester hören ... Sie gibt keine Interviews (oder höchstens aus privaten Gründen). Das hat ihr das weitere Missverständnis eingebracht, sie sei schwierig. Macht ja nix. In Wirklichkeit gibt es kaum eine familiärere, treuere und absagefeindlichere Künstlerin als sie. Wollte man die Musiker aufzählen, die sie persönlich gefördert und unterstützt hat, bräuchte in diesem Artikel sonst nichts mehr zu stehen. Er müsste nur viel, viel länger werden. Fassungslos ist man, dass sie am 5. Juni unglaubliche 80 Jahre alt wird. Die kolossale Mähne, die zu dick ist, um sie zu einem Zopf zusammenzubinden, dient ihr bis heute als Schutzschild, hinter dem sie sich praktisch vor der Öffentlichkeit verbirgt. Die Haarpracht gleicht mittlerweile einer Flut von Grau. Über die recht großen Füße hat sie sich selbst oft lustig gemacht. Die paradox kleinen Hände zeigen, dass selbst diese bei virtuoser Anlage für Pianistinnen kein Hinderungsgrund sind. Eigene Festivals betreut sie derzeit in Hamburg (19.–30.6.) und Buenos Aires; während ihr „Progetto“ in Lugano nicht mehr besteht. Konzerte sind außerdem geplant in Japan sowie im August in Salzburg (mit Renaud Capuçon). Noch eines: Wie bei so mancher Pianistin lag auch bei Martha Argerich der musikalische Erfolg darin begründet, dass sie den Werken härter auf die Finger klopft als männliche Kollegen. Sie haut heftiger zu. (So wie das schon an Clara Haskil, Myra Hess und Alicia de Larrocha bewundert wurde.) So hat sie dem Klischee weiblicher Weichheit oder gar Blumigkeit souverän eins ausgewischt. Dass sie das in ihrem Alter immer noch kann (und tut), macht das Wunder dieser Pianistin nur größer. Martha forever, sagen wir schlicht. Der Rest findet sich.

Neu erschienen:

Martha Argerich: Chopin (5 CDs + Blu-ray Audio)

DG/Universal

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Musikleben en famille

1Martha Argerich musiziert am liebsten en famille – mit Kindern, Ex-Ehemännern und Liebhabern. Im inner circle: die älteste Tochter Lyda Chen, Bratsche (aus erster Ehe). Mit Ehemann Nr. 2 Charles Dutoit konzertiert Argerich auch noch recht gern. Einzig die zweite Tochter, Schauspielerin Annie Dutoit, macht sich rar. Aus einer dritten, kurzen Ehe mit dem Pianisten Stephen Kovacevich (der sich aus gesundheitlichen Gründen zurückgezogen hat) ging die dritte Tochter Stéphanie hervor. Sie hat über die Mutter einen herrlichen, abendfüllenden Film gedreht: „Argerich – Bloody Daughter“. Martha A., fraglos, ist die einzig klavierspielende Familien-Saga der Klassik.


Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 3 / 2021



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