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N° 1229
27.11. - 03.12.2021

nächste Aktualisierung
am 04.12.2021



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(c) Jean-Louis Fernandez

Opéra de Nancy

Aus der Nacht zum Tag

Die Operá national de Lorraine in Nancy ist beides: ein Traditionshaus in herrlichstem Ambiente, aber auch Musiktheater im Aufbruch.

„Âllo, âllo, lieben Sie mich?“ Wer fragt da so direkt? Zum Beispiel ein verliebtes Rokoko-Paar, das sich erst auf Tinder gefunden und nun in die neonkalten, leeren Gänge des Centre commercial Les Nations von Nancy verirrt hat. Irgendwelche unsichtbaren Stimmen horchen sie aus. Ein Stierkopf erscheint, am Ende sitzen sie als Toreros in einem quietschgelben Kleinwagen und stöhnen: Das ist die Liebe 2.0.“
12 Minuten kurz ist die Minioper „Digital Love“, die da munter als Videofilmchen im Internet tönt. Sie ist Teil eines über Nancy verstreuten, auf einem Stadtplan auf der Webseite der Opéra national de Lorraine jeweils als roter Leuchtpunkt abrufbaren Covid-Aktion, die sich „NOX“ nennt und die viel Laune macht. Bis hoffentlich bald mal wieder live gespielt werden kann.
Bisher besaß das lothringische Nancy eine Opéra, die das unbedingt schützenswerte Parfüm französischer Provinzbühnen atmete. Man spielte dort wenig, war sich selbst genug, warum auch nicht? Eine bessere Lage als in dem musiktheatralischen Feenschloss an der Place Stanislas, dem schönsten barocken Stadtplatz der Grande Nation, kann es ja kaum geben.
Schließlich war hier alles Operette, besonders der ehemalige polnische König Stanislaus I Leszczyński, der von 1737 bis 1766 als abgesetzter Souverän wie als Schwiegervater Ludwigs XV. auf Lebenszeit in Lothringen herrschen und bauen durfte. Das leider von einem Feuer verwüstete Schloss im nahen Lunéville kündet davon und natürlich die längst als Unesco-Weltkulturerbe geführte Place Stanislas. Dort umstehen, so wie es sich gehört, das Musée des Beaux-Arts und die Opéra National de Lorraine das Rathaus, rahmen es schöngeistig ein. Dem gegenüber ragt der Arc Heré, ein dann doch eher kleiner Triumphbogen. In den mit Balustraden und Amphoren gekrönten Pavillons zu seinen Seiten residieren ein herrliches Restaurant sowie der Flagshipstore des Luxusglaswarenherstellers Daum, der wie sein berühmterer Konkurrent Baccarat seine Fertigungsstätte in der Stadt hat.

Labor für Hochtöner

Freilich erst seit 1919 liegt die Opéra an der Place Stanislas. Ihr Innenraum nach italienischer Art ist deshalb auch ein wenig von Art-Noveau-, also Jugendstil-Elementen geprägt. Vorher residierte das Theater bis zu einem Brand hinter dem Museum. Am 1. Januar 2006 wurde, natürlich auch um die spätere neue Verwaltungsregion Grand Est zu stärken, die Opéra vom französischen Kulturministerium sogar als Nationaloper ausgezeichnet – der fünften nach Lyon, Bordeaux, Straßburg und Montpellier nebst der in Paris.
Immer wieder hat man sich in Nancy viel getraut, freilich schon unter dem vorletzten Intendanten Laurent Spielmann, wollte überregional mitmischen. So wurde etwa mit dem Theater an der Wien Claus Guths „Messias“-Visualisierung koproduziert, ein unbekanntes spanisches Stück nach Jules Verne und Kagels „Tribun“ gespielt. Auch der italienische Avantgarde-Komponist Giorgio Battistelli war hier mehrfach mit Uraufführungen vertreten, zum Beispiel 2008 mit „Scheidung auf Italienisch“. Counertenorstar Franco Fagioli wiederum hatte sich das Haus für seinen ersten Sesto in Mozarts „La Clemenza di Tito“ wie für den Arsace in Rossinis „Semiramide“ auserkoren. Und schon 2012 waren sämtliche Counter-Fans aus ganz Europa nach Nancy gereist, um in Vincis „Artasere“ neben Fagioli gleich vier weitere der hoch singenden Herren in einem durchgeknallt schrillen Spektakel zu erleben – Philippe Jaroussky, Valer Sabadus, Max Emanuel Cencic und Yuri Mytenko.
Aus der Tiefe Neues zu schürfen, das ist also in der ehemaligen Bergbau-Region des Lorraine Ehrensache. Und das, was gerade am Rokoko-Schmuckkästchenplatz in Nancy mit dem digitalen Projekt NOX der Opéra national de Lorraine zu Tage befördert wird, kann zum Glück weltweit miterlebt werden: Paul Brody hat mit der Sound Designerin Chloé Kobuta sowie den beiden Regisseuren Kevin Barz und David Marton mit „Êtes-vous amoureux?“ eine spannende Antwort auf die aktuellen Herausforderungen gestaltet, Alltägliches ins Opernhafte übersetzt und aus 12 Liebesgeschichten eine digitale Nummern-Oper an verschiedensten Orten entwickelt.
Die universelle und doch intime Frage „Sind Sie verliebt?“ wurde unterschiedlichen Einwohnern von Nancy gestellt: im Waschsalon, im Parkhaus, im Museum, auf der Bowling Bahn, im Bus, im Bistro. Die Antworten waren immer wieder überraschend; und ihre opernhafte Ausgestaltung wird ihrerseits geliebt: Bereits mehr als 100.000 Klicks zeigen, dass diese Darstellungsform aktuelle Musik die triste Gegenwart verzaubert.
Diese Nationaloper nahe der deutschen und luxemburgischen Grenze bewegt Großes mit kleinen, intimen Einblicken – und verdient internationale Aufmerksamkeit. In dem kleinen Haus weht ein großer, europäischer Geist: Unter dem Spielzeit-Motto der „Verklärten Nacht“ werden neue Zugänge geschaffen, die den Blick für die Realitäten öffnen und Reflektion stärken.
Der kluge Kopf hinter alldem heißt seit 2019 Matthieu Dussouillez. Der erst 36 Jahre junge Intendant der Opéra national de Lorraine, und die vielversprechende neue Generalmusikdirektorin Marta Gardolińska, eine Polin aus Wien, sie sind als eine neue Generation des Musiktheaters künftiger genauer zu beachten.

www.opera-national-lorraine.fr/en/

Die Nacht verwandeln

Den Titel der laufenden Saison in Nancy bezieht Intendant Matthieu Dussouillez auf Arnold Schönbergs berühmtes Streichsextett, das von Richard Dehmels Gedicht „Verklärte Nacht“ inspiriert wurde. Die Nacht bekommt im Lichte der aktuellen Ereignisse freilich eine ganz besondere Bedeutung. Wir erleben eine beispiellose politische, wirtschaftliche, ökologische und Migrationskrise. Die Gesundheitskatastrophe, die die Welt getroffen hat, erfordert eine tiefgreifende Transformation unserer Gesellschaften. „Auch wir müssen die Nacht umgestalten, uns andere Möglichkeiten vorstellen, andere Morgenröte“, findet Dussouillez, der an Opéra national de Lorraine ein Labor für Opernkreationen, die Nancy Opera Xperience, kurz: NOX, eingerichtet hat. Er selbst hat die ICN-ARTEM Business School in Nancy, aber auch Schlagzeug wie Tuba studiert und sogar in Orchestern gespielt. An der Opéra de Dijon war er zuvor Verwaltungs- und Finanzmanager.

Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 3 / 2021, Online



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