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N° 1282
03. - 09.12.2022

nächste Aktualisierung
am 10.12.2022



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Reizt das Absurde mit allen zu Gebote stehenden kompositorischen Mitteln aus: Ernst-von-Siemens-Musikpreisträger Georges Aperghis // Foto: Rui Camilo | © EvS Musikstiftung

Pasticcio

Tief in den Schlund gelauscht

„Mensch, das darf doch nicht wahr sein! Wie lange haben wir uns nicht mehr gesehen!“ So oder so ähnlich fallen die altbekannten Wiedersehensfloskeln aus. „Kannst Du dich noch erinnern, wie…?“ dürfte zudem die zweithäufigste Frage sein, wenn sich eben zwei Freunde nach einer halben Ewigkeit wiedersehen. Genau so einen Moment hat der griechische Wahl-Franzose Georges Aperghis mit seiner Minitheaterszene „Retrouvailles“ für (schauspielernde) Schlagzeuger eingefangen und samt rhythmischer Trommelfeuer und Morsezeichen auch zu einer dieser burlesken Alltagsgeschichten auskomponiert, wie man sie von ihm seit über vierzig Jahren kennt. 1976 gründete Aperghis in Paris nämlich sein „Atelier Théâtre et Musique“ (ATEM), mit dem er humorvolle, aber ebenso hintergründige sowie nicht selten höchst virtuose, musiktheatralische Schlaglichter auf das Leben werfen sollte. Und weil es Aperghis dabei bis heute vorrangig um die Wechselbeziehungen zwischen Musik und Sprache geht, lässt dieses unerschöpfliche musikalische Kreativzentrum keine Gelegenheit aus, die Spirale des Absurden und der Situationskomik mit allen stimmlichen, instrumentalen, gestischen und szenischen Mitteln auszureizen, ohne sie aber jemals zu überdrehen.
Dementsprechend ist das herrliche Duo-Stück „Retrouvailles“ nur eines von zahllosen, die Genre-Grenzen überschreitenden und damit unbedingt hörens- und sehenswerten Stücken des heute 75-jährigen Aperghis. Von der großformatigen Oratorien-Fassung von Heiner Müllers Theaterklassiker „Die Hamletmaschine“ bis hin zu den vokalen Solo-„Récitations“, bei dem man tief in den menschlichen Schlund gezogen wird, reicht der so beeindruckend große wie sich ständig häutende Werkkörper. Für dieses auch mal kindliche Spiel mit den Ur-Gefühlen des Menschen wurde Aperghis bislang bereits mehrfach ausgezeichnet. So bekam er etwa 2011 den „Mauricio-Kagel“-Preis der Kunststiftung NRW verliehen. Nun aber ist Aperghis nicht nur um eine Trophäe, sondern gleich noch um 250.000 Euro reicher. So stolz dotiert ist der Ernst-von-Siemens Musikpreis, mit dem er 2021 ausgezeichnet wird. „Georges Aperghis‘ frischer Geist, sein Erfindungsreichtum, sein ungezügelter Forscherdrang und seine Errungenschaften im Bereich des Musiktheaters machen ihn zu einer der richtungsweisendsten Persönlichkeiten der zeitgenössischen Musik“, so die Begründung der Jury, die zudem drei Komponisten-Förderpreise vergeben hat. Sie gehen an den Deutschen Malte Giesen, die in Wien lebende Kroatin Mirela Ivičević sowie an Yair Klartag aus Israel. Die Auszeichnung ist mit jeweils 35.000 Euro dotiert.

Guido Fischer



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