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(c) Salzburger Festspiele/Maarten Vanden Abeele

Da Capo

Zum Artefakt geronnen

Salzburg (A), Salzburger Festspiele – Nonos „Intolleranza 1960“

Eine 80 Jahre alte italienische Dirigentengröße nähert sich erstmals Beethovens „Missa Solemnis“ an. Bedächtig, ruhevoll, grandios. Ein Experte der neuen Musik taucht für „Intolleranza 1960“, die genau sechzig Jahre alte „azione teatrale“, tief ein in die Welt des ihm bestens vertrauten Luigi Nono. Nachhaltig, insistent, strukturklar bohrend. Innerhalb von zwölf Stunden ist solches nur bei den Salzburger Festspielen möglich, noch dazu mit denselben zwei Kollektiven, die zu den Klangsäulen dieses Festivals gehören: den Wiener Philharmonikern wie der Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor. In Salzburg wird zudem immer Historie mitgedacht. Und so erfährt in einer Konzertserie, die gleichzeitig 50 Jahre Zusammenarbeit mit Riccardo Muti markiert, die Beschäftigung mit Beethovens von den Philharmonikern zuletzt vor zwanzig Jahren gespielter, in Salzburg 30 Jahre nicht mehr gehörter Messe für die Zukunft einer geistlichen Musik, die heute noch aufschrecken lässt und verstört, ihre sehr besonderen Momente. Neben den Salzburger Hausgöttern Mozart und Strauss scheint seit den Neunzigerjahren der Venezianer Luigi Nono in der südlichsten Stadt diesseits der Alpen fest verwurzelt – auch dank des Programmierungsgeschicks des künstlerischen Leiters Markus Hinterhäuser, der inzwischen hier wohl dessen Gesamtwerk vorgestellt hat. Und Ingo Metzmacher hat nun ebenda Nonos sämtliche großen Musiktheaterwerke dirigiert: gleich zweimal den zum Kultstück avancierten „Prometeo“, „Al gran Sole“ und nun die „Intolleranza 1960“. Wird die wohl „ein programmierter Skandal“? – so wollte eines der hier gerne nach solchem dürstenden Lokalmedien vorab vom Regisseur und Choreografen Jan Lauwers wissen. Und der Belgier erklärte weitschweifig, wie zornig er auf die Welt und die Gesellschaft sei. Doch der Eklat ist nicht geglückt. Am Tag als Kabul von den Taliban eingenommen wurde, scheint dieses trotz seiner schneidenden Dissonanzen betörend tönende, dabei hermetische Neunzig-Minuten-Stück längst zum meisterlichen Artefakt geronnen.

Matthias Siehler, 11.09.2021, RONDO Ausgabe 4 / 2021



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