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N° 1266
13. - 19.08.2022

nächste Aktualisierung
am 20.08.2022



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(c) Braunschweig Stadtmarketing GmbH / Markus Hörster

Musikstadt 

Braunschweig

Im ältesten deutschen Fünfspartentheater, in der Stadthalle und auf dem Burgplatz präsentiert Niedersachsens zweitgrößte Stadt die Musik.

Drei Städte preschten in Deutschland in Sachen Oper voran, haben diese um die Wende zum 16. Jahrhundert in Italien „erfundene“ Kunstform der Allgemeinheit zugänglich gemacht: Neben – nicht überraschend in dieser Liste – dem herzoglichen Opernhaus am Salvatorplatz in München und der Hamburger Oper am Gänsemarkt folgte bereits an dritter Stelle – Braunschweig.
Hier stand von 1690 bis zu seiner Schließung 1861 das Opernhaus am Hagenmarkt, denn der Herzog von Braunschweig-Wolfenbüttel sah im Bau eines 1000-Plätze-Hauses eine potenzielle Einnahmequelle. Heute erinnert nur noch ein kümmerlicher Gedenkstein an diese Bühne an welcher freilich nicht nur Opern gespielt und Bälle gefeiert wurden. 1772 kam dort die „Emilia Galotti“ des im nahen Wolfenbüttel als Bibliothekar wirkenden und in Braunschweig begrabenen Gotthold Ephraim Lessing als Schule machendes Trauerspiel heraus. Und 1829 war man so mutig, Johann Wolfgang von Goethes Ideendrama „Faust I“ uraufzuführen.
Wie für so manches in Brauschweig, das im Zweiten Weltkrieg zu 90 Prozent zerstört wurde, aber inzwischen viele Wunden, auch Bausünden wieder geschlossen hat (sogar das ähnlich wie in Berlin Anfang der Sechzigerjahre abgerissene Stadtschloss wurde 2012 mit Einkaufszentrum-Innenleben wiedererrichtet) galt auch für das alte Opernhaus: Es ging auf eine Initiative des kunstsinnigen Herzogs Anton Ulrich (1633-1714) zurück, der, wie es sich für einen aufgeklärt kulturaffinen Barockherrscher auf der Spur des französischen Sonnenkönigs gehörte, selbst dichtete und komponierte.
Noch heute können übrigens dessen teuer angeschaffte, aber auch von erlesen zeitgültigem Geschmack zeugende Sammlungen im herrlich sanierten, nach dem Herzog benannten Museum bestaunt werden. Mit seiner variantenreichen Kunstgewerbeabteilung, aber besonders mit seiner Gemäldesammlung, die sogar einen von sechs deutschen Vermeers, Werke von Giorgione, Rembrandt und Rubens umfasst, gehört es – einzig Kassel und Karlsruhe vergleichbar – zu den kostbarsten deutschen Sammlungen jenseits der Metropolen. Und, das Zentrum in Brauschweig ist klein, es sind nur ein paar Schritte von dort durch den Park zum heutigen Staatstheater.

Alles unter einem Dach

Die beiden ersten Hofkapellmeister dort, Johann Sigismund Kusser und Reinhard Keiser, wechselten bald an die Hamburger Gänsemarkt-Oper. Nachfolger wurde der Sänger und Komponist Georg Caspar Schürmann, der für die 51 Mitglieder zählende Hofkapelle herausragende Musiker wie Johann Adolph Hasse oder Carl Heinrich Graun engagierte. Einen bedeutenden Komponisten, wie etwa in Hannover Agostino Steffani, konnte man freilich nie langfristig an den Hof binden. Dafür führte die durch den regierenden Herzog Ludwig Rudolf geförderte Schauspielerin Friederike Caroline Neuber 1735 mit ihrer Schauspielgruppe Gottscheds Tragödie „Der sterbende Cato“ auf.
Am 1. Oktober 1661 wurde die neue, von Carl Heinrich Wilhelm Wolf und Carl Friedrich Heinrich Ahlburg entworfene klassizistische Spielstätte am Steinweg eingeweiht, wo das Große Haus des Staatstheaters Braunschweig bis heute besteht. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Theatergebäude zum Teil schwer zerstört. Es konnte jedoch nach nur dreijähriger Wiederaufbauphase bereits im Dezember 1948 wiedereröffnet werden und war damit eines der ersten Theater der Nachkriegszeit in Norddeutschland. Eine Hochphase hatte es in den Neunzigern unter Brigitte Fassbaender und Stefan Soltesz. Aber heute noch zeichnet es sich immer wieder durch ausgefallene Werkwahl aus.
Das älteste Fünfspartenhaus Deutschlands vereint derzeit unter der Intendantin Dagmar Schlingmann Musiktheater, Schauspiel, Tanztheater, JUNGES! Staatstheater und das Staatsorchester. Durchschnittlich 35 Premieren und 10 Sinfoniekonzerte je Spielzeit gehen zudem im Kleinen Haus und im dortigen Aquarium über die Bühnen. Darüber hinaus wird seit 2003 im Sommer auf dem Braunschweiger Burgplatz, wo sich die neogotisch rekonstruierte Burg Dankwarderode Heinrichs des Löwen neben Dom und Rathaus erhebt, eine Freilichtbühne mit rund 1.200 Sitzplätzen bespielt. Im Wechsel mit dem Staatstheater Hannover ist das Staatstheater Braunschweig außerdem alle zwei Jahre Gastgeber des internationalen Festivals „Theaterformen“.
Das Staatsorchester Braunschweig, dem seit 2017 Srba Dinić vorsteht, spielt seine Konzerte vor insgesamt 40.000 Zuschauern im Jahr in der modernen, 1965 eröffneten Stadthalle Braunschweig auf dem Leonhardplatz. Hier gastieren auch Klassikkünstler auf Tournee. Ganz besonders prominent ging es beim inzwischen insolventen Braunschweig Classix Festival von 2001 bis 2011 zu, da kamen sogar Cecilia Bartoli, Mstislaw Rostropowitsch, Arcadi Volodos, Lang Lang, Evgeny Kissin, die Münchner Philharmoniker, das Gewandhausorchester Leipzig, die Wiener Philharmoniker oder das Philadelphia Orchestra in die Gegend. Leider ließ gerade, nach 15 Jahren, auch Alexander Graf von Schulenburg sein gerne um Sir John Eliot Gardiner herumgebautes Festival „Soli Deo Gloria“ auf dem Rittergut Bisdorf und im Braunschweiger Land ausklingen – auch weil es immer schwieriger wurde, Sponsoren für Klassikkonzerte zu finden. Umso mehr stehen die Aktivitäten des Staatstheaters im Blick für die Kulturbegeisterten der Region.

www.staatstheater-braunschweig.de

Das Staatsorchester Braunschweig

Es wurde 1587 von Herzog Julius gegründet und gehört ­damit zu den ältesten und traditionsreichsten Kulturorchestern der Welt. 1799 tritt Ludwig (Louis) Spohr, der spätere Geigenvirtuose und Komponist, 15-jährig als Geiger in die Braunschweiger Kapelle ein. Zur Reihe bekannter Dirigenten und Kapellmeister gehörten in Brauschweig neben ­Michael Praetorius, Heinrich Schütz, Felix Mendelssohn, Hector Berlioz, Franz Liszt, Richard Strauss, Rudolf Moralt, und jüngst Philippe Auguin und Alexander Joel. Seit 1983 produziert und vertreibt das Staatsorchester Braunschweig Tonträger mit Sinfonien klassischer und romantischer Komponisten wie Beethoven, Schumann und Brahms.

Matthias Siehler, 26.02.2022, RONDO Ausgabe 1 / 2022



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