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N° 1260
02. - 08.07.2022

nächste Aktualisierung
am 09.07.2022



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(c) Ole Schwarz

Fanfare

Proben, Pleiten und Premieren: Höhepunkte in Oper und Konzert

„Jolanthe“ ist ein symbolistisches Märchen aus der mittelalterlichen Provence, das erzählt, wie eine von der Welt und ihrer Behinderung abgeschirmte blinde Königstochter durch die Kraft der Liebe wissend wird und sehen lernt. Während das am gleichen Abend 1891 in St. Petersburg uraufgeführte Ballett „Der Nussknacker“ sofort zu den populärsten Tschaikowski-Partituren avancierte, tat sich diese in sanften Farben schillernde und feingeistige Strukturen auffächernde, dabei wenig dramatische Zustandsbeschreibung stets schwer. Nun hat Kirill Petrenko die Oper mit den Berliner Philharmonikern herausgebracht.
Die vom Hauptmotiv der 5. Sinfonie durchgeisterte Partitur brachte er sensibel, aber mit rhythmischer Pranke zum Glühen. Jolanthes Weg zum Licht durch Liebe entfaltete sich als Seelentrip und -strip. Wer könnte das glaubhafter singen als Asmik Grigorian? Den ersten, tastend feinen Monolog dieser verhuschten Mädchenseele gestaltete die litauische Sopranistin zurückhaltend, das hinreißend entflammte Liebesduett sang sie mit vor dunkelkräftiger, aber auch in der Höhe nicht nachlassender Stimme. Ihr zu Seite – mit apart gepresstem Tenorschmelz – Liparit Avetisyan und der glorios überbesetzte Igor Golovatenko mit prächtigem Bariton.

Wir fuhren Corona trotzend in die Schweiz und erlebten in Genf den Triumph einer Partitur, eines Konzepts und einer Sängerbesetzung: Ulrich Rasche inszenierte mit Richard Strauss’ „Elektra“ erstmals eine Oper. Dessen minimalistische Spezialität ist es, sein Personal im Dauergehen und -rennen in dunklen, vernebelten, von Lichtschneisen durchschnittenen Kunsträumen, umwabert von Bombastmusik über Rollen, Tonnen, Bänder sprinten und spazieren zu lassen. Das Strauss-Werk geriet ihm zur großen, düsteren Installation in einer monströs schweren, sich drehenden, gegensätzlich rotierenden und halb hebenden Stahltonne.
Rasche zeigte das Ganze bekannt „rasch-straight“ – und ohne jeden Ansatz von Interpretation. Er wollte eine bildhafte, symbolstarke Umsetzung der mythischen Atridengeschichte: Das funktioniert, weil an diesem faszinierend kurzen, doch dichten Opernabend alles glückhaft ist: ein soghaftes, eigentlich primitiv einfaches, dabei technisch hochkomplexes Bilder­theater; richtig besetzte, motivierte Sänger (Ingela Brimberg, Sara Jakubiak und Tanja Ariane Baumgartner vor allem), die sich erstaunlich gut in den sportiven Rasch-Duktus einfügen; und ein das Bühnengeschehen amalgamisch aufnehmendes und tonspiegelndes Orchestre de la Suisse Romande unter dem versatilen, immer dicht dran agierenden Jonathan Nott.

Alle gesund waren sie auch an der Wiener Staatsoper in der aufregendsten Opernkonstellation der dortigen Saison. Das war keine der eher faden fünf Premieren, sondern die Wiederaufnahme von Benjamin Brittens „Peter Grimes“ in der praktikablen Christine-Mielitz-Inszenierung von 1996 mit ihrem minimalistischen Neonbühnenbild von Gottfried Pilz. Besonders war da freilich die Besetzung unter der Britten-gischtsprühenden Simone Young: Tenorissimo Jonas Kaufmann, im letzten Sommer erstmals Tristan an der Bayerischen Staatoper, sang die Titelrolle in der erfolgreichsten britischen Oper überhaupt als gebrochen-vereinsamten, dunklen, doch spannenden Charakter. Es ist zudem die erste englische Partie des Münchners, der außer Wagners Tannhäuser kaum noch Rollenwünsche hat. Die Lehrerin Ellen Orford, die Peter nahesteht, den von der Dorfgemeinschaft ausgestoßenen Fischer aber auch nicht retten kann, verkörperte mit großem Vokalambitus die nicht zuletzt seit 2019 als Bayreuther „Tannhäuser“-Elisabeth gefeierte Norwegerin Lise Davidsen. Als berühmter Dritter war Prachtbassbariton Bryn Terfel als Captain Balstrode dabei. Und der tolle Chor!

Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 1 / 2022



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