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N° 1281
26.11. - 02.12.2022

nächste Aktualisierung
am 03.12.2022



Startseite · Klang · Tempo, Tempo?

© Andi Dietrich

Tempo, Tempo?

Hörgewohnheiten mit Takt begegnen.

Wer an Tempomessung in klassischer Musik denkt, denkt fast automatisch ans Metronom. Dank dieser unbarmherzigen Maschine ist es möglich, ein Tempo exakt festzuhalten. Doch wie steht es um die Tempobestimmung vor dem Metronom, also vor 1816? Wie sieht es mit dem Tempo in der Alten Musik aus?

Barocke Tempomessung

Exakte, d.h. absolute Tempobestimmungen findet man in der Musik des 18. Jahrhunderts nicht. Aber es gab ein ausgeklügeltes System von Taktarten und Notenwerten, das doch sehr genaue Auskunft über ein Tempo geben konnte. Ein 4/4-Takt ohne Satzbezeichnung bewegt sich etwa im sogenannten Tempo Ordinario, das sich seinerseits am menschlichen Puls orientiert. Dieses passt sich der musikalischen Struktur an. Je kleiner die Notenwerte in einem Stück, desto langsamer wird es; je größer die Notenwerte, desto schneller.
Keiner hat im 18. Jahrhundert dieses Taktsystem präziser angewandt als Johann Sebastian Bach. Seine Notation ist so vielgestaltig, dass Rückschlüsse auf das Tempo oftmals klar gezogen werden können.
Nicht immer repräsentieren dabei unsere Hörgewohnheiten Bachs Notation. Es gibt sogar Beispiele, die zeigen, dass sich die Interpretationstradition von Bachs Intentionen wegbewegt haben muss.
Die Präludien in C-Dur (BWV 846) und D-Dur (BWV 850) aus dem ersten Band des Wohltemperierten Claviers stimmen in ihrer Notation überein: Beide stehen im C-Takt (4/4). Beide haben keine Satzbezeichnung. Beide bestehen rhythmisch aus durchgehenden Sechzehnteln. Verschieden ist einzig die Musik selbst: während das C-Dur-Präludium aus Akkordbrechungen besteht, zeigt das D-Dur-Präludium Akkordumspielungen über einem leichten Bass.
Gemäß der barocken Tempo-Tradition müssten beide Stücke in einem vergleichbaren Tempo gespielt werden. Was zeigt jedoch ein Blick auf einige Aufnahmen?

Die Interpretationstradition ist beim D-Dur-Präludium signifikant schneller als beim C-Dur-Präludium! So wunderbar beide Stücke von den Interpret:innen auch gespielt werden: etwas kann hier nicht stimmen! Ein solch großer Unterschied im Tempo ist in Bachs Notation nämlich nicht zu finden. Entweder ist unsere Hörgewohnheit des C-Dur-Präludiums zu langsam, oder diejenige des D-Dur-Präludiums zu schnell.


Intention und Interpretation

Ist das ein Einzelfall? Ein Blick auf Bachs Werk zeigt: nein. Die Frage nach dem „richtigen“ Tempo bzw. der Verdacht auf eine Diskrepanz zwischen Notation und Interpretation liegen auch bei anderen Werken Bachs in der Luft. Ein bekanntes Bei-spiel eines solchen „Verdachtsfalles“ ist der Eingangschor der Matthäus-Passion BWV 244. In diesem Stück wird die ganze Bühne des darauf folgenden Passionsgeschehens aufgeschlagen. „Kommt, ihr Töchter, helft mir klagen“, singt der Chor. Und darüber erklingt als Soprano in ripieno der alte Choral: „O Lamm Gottes, unschuldig am Stamm des Kreuzes geschlachtet“. Es ist ein Klagegesang, eine Trauerprozession in einem langen, durch die ternären Rhythmen sich kontinuierlich fortbewegenden 12/8-Takt.
Nicht immer erwecken Interpretationen dieses Eingangschors jedoch den Eindruck einer solchen Trauerprozession. Oft genug erklingt er als munteres Tänzchen, das sich wie ein Brandenburgisches Konzert elegant um die Säulen der Großform herum schwingt. Es erscheint fast, als hätten Interpretierende Bedenken, der Schwere des Inhalts Ausdruck zu verleihen. Doch passt die unbeschwerte Leichtigkeit eines Branden-burgischen Konzerts zum Inhalt, zum Affekt einer Passion? Oder klaffen hier Intention und Interpretation auseinander?
Zurück zu den Präludien in C-Dur und D-Dur. Die Entscheidung, ob das C-Dur-Präludium zu langsam oder das D-Dur-Präludium zu schnell sei, erfährt durch die Ana-lyse der Taktart einen naheliegenden Hinweis. Diese Taktart ist 4/4, das heißt die Zählzeit ist der Viertel und nicht die halbe Note. Somit ist es wahrscheinlich, dass in der Tat das D-Dur-Präludium langsamer sein sollte. Denn in der schnellen Interpretation des D-Dur-Präludiums wird aus dem 4/4-Takt sehr schnell ein 2/2-Taktgefühl.
Was bewirkt eine tempomäßige Annäherung des D-Dur-Präludiums ans C-Dur-Präludium? Musikalisch vor allem eines: die Erschließung des barocken Reichtums an Differenzierung, Artikulation und Phrasierung. Aus dem tendenziell mechanischen D-Dur-Stück wird ein lebendiger Tanz unterschiedlich phrasierter Sechzehntel über den gezupften Bässen.
Wie würden Sie das Tempo der beiden Stücke einander annähern? Würden Sie das C-Dur-Präludium stark beschleunigen, oder würden Sie dem D-Dur-Präludium mehr Ruhe und melodische Qualitäten geben?

Bernhard Ruchti ist Pianist, Organist, Komponist und Autor. Seit 2018 führt er das „A Tempo Projekt“ durch, ein vielbeachtetes Interpretations- und Forschungsprojekt rund um Tempo in klassischer Musik. 2021 erschien sein Buch: „'... das Gewaltigste, was ich je auf der Orgel gehört habe' - Franz Liszts Ad Nos als Tor zur Wiederentdeckung einer verborgenen Aufführungspraxis des 19. Jahrhunderts“.
www.bernhardruchti.com/a-tempo

Bernhard Ruchti, 12.02.2022, Online-Artikel



Kommentare

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Daniel Ungermann
Zwischen dem C-Dur-Präludium und dem in D-Dur gibt es einen signifikanten Unterschied: Das C-Dur-Präludium ist im "Style brisé" - oder auch "Style luthé" genannt - geschrieben: Es verlangt das Liegenlassen aller Töne (also auch derjenigen der rechten Hand, ohne eine explizite Notation. Insofern ist Glenn Gould hier ein Paradebeispiel für Unverständnis, da er die rechte Hand im durchgehenden Staccato spielt). Eine Frühfassung ist in durchgehenden Sechzehnteln notiert. Was die Taktbezeichnung betrifft, so sagt diese bei Bach wenig über das Tempo aus, da er das gleiche Stück in verschiedenen Fassungen mal im Allabreve, mal im C-Takt notiert. Komponisten noch früherer Generationen benutzten ausschliesslich das C-Zeichen, auch für stücke mit klarem Allabrevecharakter, in welchen Themen aus Ganzen und Halben besteht und Diminutionen maximal aus Achteln bestehend vorkommen (etwa Sweelinck). Was das D-Dur-Präludium betrifft, so ist dieses durch den Bass und die harmonische Struktur wohl am ehesten ganztaktig zu denken. Dies würde auch für das C-Dur-Präludium zutreffen, wäre dieses nicht im Style brisé gehalten. Noch ein Wort zum Eingangschor der Matthäus-Passion: Der zusätzliche Sopran mit dem Choral muss noch als zusammenhängender Choral hörbar sein, also darf das Tempo des Eingangschores nicht allzu langsam sein. Dass Trauer mit grosser Langsamkeit verbunden sein soll, ist eher eine Sache der Romantik.


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