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N° 1260
02. - 08.07.2022

nächste Aktualisierung
am 09.07.2022



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(c) Uwe Arens

Steckenpferd – Daniel Müller-Schott

Sprühender Charme

Ein Star-Cellist, der die Ruhe liebt? Kaum vorstellbar – und doch geht Daniel Müller-Schott seiner zweiten großen Leidenschaft nur zu gern in völliger Stille nach: der Malerei. Mit dem Ergebnis großformatiger (Graffiti-)Bilder, die auch immer wieder ihren Weg in Ausstellungen finden.

RONDO: Wie kommt ein Sohn aus gutbürgerlichem Elternhaus zur Graffiti-Sprühkunst?

Daniel Müller-Schott: Ich habe früh mit Freunden Kammermusik gespielt – und einige von ihnen waren sehr kunstinteressiert, worüber ich dann zur Street-Art-Bewegung wie auch zur modernen Kunst gekommen bin.

Was aber hat Sie am Graffiti-Genre gereizt?

Vor allem natürlich die Größe eines solchen Bildes sowie die Farbpalette und die damit verbundenen Möglichkeiten – und zwar sowohl im Abbilden von Schriftzügen, Formen und komplexeren Gebilden wie auch der characters. Also Köpfe, Menschen und Stimmungen einzufangen und diese teilweise auch sehr drastisch darzustellen. Dazu kam die Freiheit, sich kreativ auszudrücken: Das war für mich ein völlig neues Feld, das mich unendlich fasziniert hat.

Inwiefern?

Musik ist ja ein rekreativer Prozess – man spielt Noten, die jemand erfunden hat, der vielleicht vor zweihundert Jahren lebte. Nun trifft man auf diese Welt der Noten und kreiert sie wieder neu – aber es bleibt eben ein vorgegebener Text. Bei der bildenden Kunst hingegen ist man völlig losgelöst von solchen Vorgaben: Man fängt bei Null an und kann aus dem Nichts heraus Kunst kreieren.

Viele verbinden mit Graffitis vor allem Schmierereien auf Häuserwänden – sind Sie damals dann auch nachts maskiert durch die Gegend gezogen, um Ihre Tags zu hinterlassen?

Nein, diese „Schmierereien“ waren nie meine Welt. Ich wollte immer künstlerisch Wertvolles hinterlassen und habe mich auf größere Werke konzentriert. Habe Leinwände selber zusammengebaut, und wir haben auch schon als Teenager Aufträge erhalten, um Firmenwände zu verschönern – und damit unser erstes Geld verdient.

Nun beschränkt sich Ihre Leidenschaft ja nicht allein auf die Graffiti-Sprühkunst, sondern gilt der bildenden Kunst im Allgemeinen; ist dies für Sie auch ein ausgleichender Ruhepol zur Musik, die ja immer mit Bewegung und Tönen verbunden ist?

Das trifft es sehr gut, denn dieses Kreieren aus der Stille heraus beim Malen und Sprühen hat etwas sehr Erfüllendes, wenn man es bewusst wahrnimmt. Und es ist eben auch eine andere Form der künstlerischen Aktion: In der Musik ist nun einmal ständige Bewegung gefragt, du musst unglaublich schnell deine Rezeptoren so einstellen, dass du innerhalb von Millisekunden reagieren und zuhören kannst – in der Bildenden Kunst dagegen ist all dies überhaupt nicht gefragt, stattdessen kreierst du aus der Stille heraus.

Erinnern Sie sich noch an das Erlebnis, das Ihre Leidenschaft für die bildende Kunst entflammt hat?

Als Teenager bin ich in Ausstellungen mit dem Impressionismus in Berührung gekommen – und das hat eine ungeheure Wirkung gezeigt! Natur abzubilden, aber eben nicht offensichtlich Landschaften oder Menschen zu porträtieren, sondern so zu skizzieren, dass quasi eine Verschlüsselung der Oberfläche stattfindet und dadurch die Wirkung intensiver wird: Das hat mich sehr fasziniert. Es bedarf eben keiner Eins-zu-Eins-Abbildung, sondern durch Umdeutung und Verfremdung lässt sich ein viel größerer Effekt erzielen. Insofern waren Impressionismus und Expressionismus schon früh die Zeitfenster in der bildenden Kunst, die mich am meisten angezogen haben…

…und mit denen Sie sich dann vermutlich auch näher beschäftigt haben.

Ja, denn was mich neben der Musik immer fasziniert, sind die geschichtlichen Hintergründe einer Komposition – nicht zuletzt, um so auch näher an den Menschen heranzukommen, der das Werk geschaffen hat. Deshalb habe ich immer viel über Komponisten gelesen und versucht, Bezüge herzustellen – und das wiederum ist ja auch bei der bildenden Kunst so spannend: Wenn man etwa in Murnau die Spuren der „Blauer Reiter“-Bewegung nachverfolgt und studiert, wie die Künstler sich auch untereinander inspiriert, was für ein Leben sie geführt und dass sie wirklich für die Kunst gelebt haben – das ist nicht nur faszinierend, sondern letztlich auch für einen selbst wieder inspirierend.

Haben Sie einen Lieblingsmaler?

Franz Marc oder August Macke gehören zweifellos dazu, aber auch die Franzosen mit Renoir, Cézanne und Monet – und natürlich sind auch Chagall oder Picasso wahre Giganten, die man ein ganzes Leben lang studieren kann. Und als ich seinerzeit in Oslo mit den dortigen Philharmonikern und André Previn die Konzerte von Elgar und Walton aufgenommen habe, bin ich jeden Tag ins Munch-Museum gegangen! Ja, meine Kunst-Leidenschaft ging dann so weit, dass ich bestimmte Werke als Kopie haben wollte und recherchiert habe, wer solche Repliken malt – und einige dieser Repliken hängen heute bei mir zu Hause.

Welche Werke finden sich bei Ihnen daheim?

Von August Macke hängt das „Türkische Café“ hinter meinem Übeplatz, von den Franzosen ein Renoir und von Munch eine Szene von „Frauen auf der Brücke“ – sehr ähnlich wie „Der Schrei“, aber nicht ganz so düster und melancholisch. Seine Bilder wecken in mir einen starken Bezug zur Musik von Schostakowitsch.

Was bedeutet solch ein Erlebnis der Kunst im Alltag für Sie?

Als Musiker sitze ich beim täglichen Üben zahllose Stunden meines Lebens immer am gleichen Platz – und da finde ich es ganz wichtig, einen Ort zu haben, der mich inspiriert. Dafür ist natürlich von entscheidender Bedeutung, mit was ich mich an diesem Ort umgebe – Kunstwerke sind da für mich von großer Bedeutung. Denn wenn ich dort musiziere, dann geben mir die Bilder sehr viel, gerade wenn ich Werke aus derselben Zeit spiele.

Die Auseinandersetzung mit der bildenden Kunst findet also täglich statt – und wie sieht es mir Ihren eigenen Aktivitäten als Graffiti-Sprayer aus?

Das Malen habe ich ohnehin nie aufgehört – und gerade während der Corona-Zeit, als meine gesamten Beethoven-Konzerte abgesagt wurden, habe ich mich hingesetzt, intensiv Beethoven gehört und dazu gemalt, nicht zuletzt um zu sehen, welche Bilder dabei entstehen – zum Teil ist es sehr abstrakt geworden.
Dann habe ich an einer Kunstaktion teilgenommen von meinem Freund Daniel Man, der in der Galerie Binder in München eine Ausstellung organisiert hat, um zu zeigen, welch extrem schwere Zeit Künstler gerade durch den Lockdown und die Restriktionen der Politik erleben. Für die Galerie habe ich das Bild „The Need of Music & Art“ gemalt.
Daneben gibt es Kunstprojekte wie mit dem Melbourne Symphony Orchestra, die mich gefragt haben, ob ich an dem Ort in München ein Bild sprühen könne, wo der neue Konzertsaal gebaut werden soll – als Verbindung zwischen den beiden Städten. Insofern gibt es immer wieder Querbezüge zwischen Kunst- und Musikprojekten, die mir wichtig sind, um den Dialog der Menschen durch Kunst weiter zu befördern.

Daniel Müller-Schott: „Graffiti for Melbourne“

Daniel Müller-Schott: „The Need of Music & Art"

Daniel Müller-Schott: „Musik für Rügen“

Christoph Forsthoff, RONDO Ausgabe 2 / 2022, Online



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