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N° 1272
24. - 30.09.2022

nächste Aktualisierung
am 01.10.2022



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Wes Geistes Kind? Valery Gergiev © balletandopera.com

Pasticcio

Frieden nicht in Sicht

Wann wird er sich endlich erklären: Valery Gergiev. Alle noblen Geister wollen von ihm wissen, wie er es denn mit dem Kriegstreiber Putin hält. Gergiev aber bleibt stumm. Immerhin in dem erst gerade beim Schott-Verlag veröffentlichten Interviewband „Maestro Valery Gergiev“, der 2018 zuerst in Frankreich erschienen war, äußert er sich zu Putin. Auf zwei Seiten. An Putin schätze er – so die Zusammenfassung –, dass er gerade in jenen Zeiten, in denen Russland wirtschaftlich und gesellschaftlich zerrüttet war, sich stets für die Kunst, die Kultur eingesetzt hat. Und auf die Kardinalfrage, ob er sich denn nun als Musiker und Politiker sehe, antwortete Gergiev 2018: „Ich bin Musiker und sonst gar nichts.“
Angesichts des Furors, mit dem aktuell russische Künstler tabuisiert werden, ist es schon ein kleines Wunder, dass das Erscheinen dieses (lesenswerten!) Interviewbands nicht kurzerhand verschoben wurde. Immerhin hatte unlängst selbst ein internationaler Musikvertrieb darüber nachgedacht, sämtliche Gergiev-Aufnahmen vorerst aus dem Katalog zu nehmen. Eine Überlegung, die glücklicherweise dann doch wieder der Vernunft und wohl auch der Gewissheit gewichen ist, dass der Dirigent Gergiev nun wahrlich kein Systemling ist, sondern ein großer Musiker.
Mit der Frage, ob eventuell auch er ein getreuer Gefolgsmann Putins ist, muss sich aktuell Teodor Currentzis beschäftigen. Hintergrund dafür ist, dass Currentzis und sein in Russland ansässiges Orchester musicAeterna von der russischen VTB Bank finanziert wird. Bekannt war diese Tatsache natürlich schon lange, auch beim SWR Symphonieorchester, wo Currentzis mittlerweile Chefdirigent ist. Aber angesichts der aktuellen politischen Lage wird jeder Stein umgedreht und jeder Musiker mit Verbindungen zur Russland einer Art Gesinnungstest unterzogen. Kurz vor Beginn einer noch laufenden Europatournee, für die man kurzfristig das Programm geändert und Werke u.a. des Ukrainers Oleksandr Schchetinski und des Russen Schostakowitsch ausgewählt hat, wurde Currentzis vom SWR zum Gespräch gebeten. Danach wurde vermeldet, dass Currentzis und die Mitglieder des SWR Symphonieorchesters „mit aller Deutlichkeit hinter dem gemeinsamen Appell für Frieden und Versöhnung“ stehen. „Ein darüber hinausgehendes Statement oder gar die Aufgabe seiner künstlerischen Tätigkeit in Russland erwartet der SWR von seinem Chefdirigenten nicht.“ Trotzdem geben so manche Beobachter einfach nicht auf und vermuten bei Currentzis ein falsches Spiel. So zitiert etwa der „Spiegel“ in seiner unnachahmlich wasserdicht recherchierten Art und Weise irgendeine nicht näher benannte Person, die den Griechen – klar – seit vielen Jahren kennt, mit den Worten: „Teodor ist kein Putin-Freund. Aber er lässt uns rätseln, was er denkt.“
Bei Anna Netrebko hingegen, von der man schon vor Wochen verlangte, sich zu positionieren, hat nun ein Umdenken stattgefunden. So ließ sie sich über ihren deutschen Anwalt mit den Worten zitieren: „Ich verurteile den Krieg gegen die Ukraine ausdrücklich und meine Gedanken sind bei den Opfern dieses Krieges und ihren Familien.“ Eindeutiger geht es nicht. Dennoch glaubt gerade die New Yorker Met, die sich von Anna Netrebko getrennt hat, nicht diesen Worten. „Nach dem Lesen von Annas Mitteilung sind wir nicht darauf vorbereitet, unsere Position zu ändern“, so der Chef der Met, Peter Gelb. „Wenn Anna zeigt, dass sie sich ernsthaft, komplett und langfristig von Putin distanziert hat, dann wäre ich für eine Unterhaltung bereit.“ Bis dahin sollten dann aber bitte auch alle Ticketkäufer mit russisch klingendem Namen einer Gewissensprüfung unterzogen werden.

Guido Fischer



Kommentare

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Schurbaert59
Sehr geehrter Herr Fischer, es gibt das schöne Wort "insinuieren". Was wollen Sie mit diesem komisch herumeiernden Kommentar eigentlich insinuieren? Haben Sie Herrn Putin mal die Hand geschüttelt und sie seither vor Ehrfurcht nicht mehr gewaschen?


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