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N° 1281
26.11. - 02.12.2022

nächste Aktualisierung
am 03.12.2022



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Puccinis „Madama Butterfly“ auf der Bregenzer
Seebühne (c) Anja Koehler/andereart.de

Fanfare

Proben, Pleiten und Premieren: Höhepunkte in Oper und Konzert

Auch wenn Puccinis „Madama Butterfly“ ein intimes Stück ist, das schön über den Bodensee schwebende Melodien bietet, an der Kasse funktionierte es. Ebenso auf der Seebühne der Bregenzer Festspiele, obwohl – ein Novum – nach der Premierenhälfte abgebrochen und ins Festspielhaus umgezogen werden musste. Was – anders als an den Flughäfen Europas – perfekt funktionierte.
Regisseur Andreas Homoki hat das in den letzten Jahren übereffektsichere Open-Air-Spektakel auf seine Ursprünge reduziert. Das ikonische Bühnenbild war ein geknülltes Seiden­papierblatt, trotzdem 1340 Quadratmeter Fläche, 33 Meter breit, 23 Meter hoch, 300 Tonnen schwer.
Um das zu beleben, werden tanzende Geistervorfahren bemüht, die Farben wechseln nach dem Gemütszustand der Protagonistin. Captain Pinkerton (plärrig: Edgaras Montvidas) stößt das Sternenbanner durch das Blatt. Später wurde die massentaugliche Homoki-Interpretation dieser exotischen Tragödie aus der Sicht weißer Männer deutlicher. Barno Ismatullaeva als Cio-Cio San und ihre Suzuki Annalisa Stroppa gestalteten sie intensiv als Kammerspiel. Auch die Wiener Symphoniker unter Enrique Mazzola spielen zarttönend dicht. Der Regisseur sagte nichts zum schwärenden Konflikt um kulturelle Aneignung. Immerhin: Die Usbekin in der Titelrolle trug kein Asia-Make-Up.

„Gott! Welch Dunkel hier!“ Versiert lässt Jonas Kaufmann als Florestan seinen dunkelgaumigen Tenor aus einem Pianopianissimo zu stolzem Forte anschwellen. Das Dunkel im weißen Zelt beim Gstaad-Festival ist relativ. Und auch wenn von der Seite aus Peter Simonischek statt der Dialoge „Roccos Erzählung“ von Walter Jens rezitiert, es bleibt ein Konzert in Frack und Abendkleid. Nicht unpassend für ein Musiktheater-Schmerzenskind wie Beethovens „Fidelio“.
Kaufmann begeistert mit Textdurchdringung, Rollenverständnis, Charakterzeichnung. Hat aber mit Stimmproblemen zu kämpfen. Zu bewundern ist die souveräne Technik, mit der er den eigenen Aussetzern begegnet und trotzdem ein bannendes Rollenbild formt. Die Irin Sinéad Campbell-Wallace ist eine gute Leonoren-Wahl. Mit ihrem hellen, kraftvoll schlanken ­So­pran meistert sie die Klippen der Partie; ­Christina Landshamers Marzelline singt soubrettenpumperlgesund.
Patrick Grahl ist ein spieltenorfrischer Jaquino. Die vokaldunkle Männerriege wird angeführt von Falk Struckmanns bösbärbeißigem Don Pizarro und Andreas Bauer Kanabas’ gerundet profundem Rocco. Für wohlmeinende Baritonhelle steht Matthias Winckhler als Don Fernando. Feintönend auch der Tschechische Philharmonische Chor Brno. Und das Gstaad Festival Orchestra wird von Jaap van Zweden zu einer, seinem Dirigiertemperament gelegen kommenden, temposchnittigen, dabei vollsatten Beethoven-Interpretation angehalten.

Viel Spaß auch auf der Weiterreise zum Rossini Festival in Pesaro. Die 34. Ausgabe präsentierte sich neuerlich als Operntrias am Adria-Strand. Spumante-Laune machte die charmante Wiederaufnahme der selten gespielten Buffa „La gazetta“, wo ein Vater seine Tochter per Annonce als Braut bewirbt. Der neue künstlerische Leiter, der hier entdeckte Startenor Juan Diego Floréz, kurvte als Nonne namens „Le Comte Ory“ auf dem Roller durch ein Hieronymus-Bosch-farbiges Wimmelbild von Hugo de Ana – und becircte trotzdem nicht die koloraturglitzernd widerstehende Gräfin der Julie Fuchs. Leider fanden Dirigent Diego Matheuz und das Orchester der RAI Turin nicht zueinander.

Dafür umso mehr derselbe Klangkörper und der rhythmisch bewegliche Yves Abel, was Verdis Seria-Tragödie „Otello“ zum Höhepunkt werden ließ. Da passte Rosetta Cucchis feministisch-strenge Regie stimmig auf Eleonora Burattos gleißende Desdemona, die sich vehement gegen ihre Opferrolle wehrt. Die Tenorriege von Fünfen wiederum wurde angeführt von Enea Scalas dramatischem Otello, Dmitry Korchaks auftrumpfendem Rodrigo und dem schillernd-sinistren Jago von Antonino Siragusa.

Matthias Siehler, 10.09.2022, RONDO Ausgabe 4 / 2022



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