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N° 1281
26.11. - 02.12.2022

nächste Aktualisierung
am 03.12.2022



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Chefdirigent Pietari Inkinen (c) Andreas Zihler

Deutsche Radio Philharmonie

Regional und weltoffen

Unter ihrem Chefdirigenten Pietari Inkinen feiert das Orchester die Musik Osteuropas und Skandinaviens – auch mit Weltstars wie Rudolf Buchbinder und Pinchas Zukerman.

Aktuell hat Finnland gerade mal rund 5,5 Millionen Einwohner. Doch geradezu überproportional ist dabei eine Bevölkerungsgruppe vertreten: der musikalische Nachwuchs! Und speziell für Dirigenten scheint Finnland ein Paradies zu sein. Denn keine andere Musiknation bringt in schöner Regelmäßigkeit derart viele Stardirigenten hervor. Zu ihnen gehört auch Pietari Inkinen. Der 42-jährige ist weltweit bei den besten Orchestern gefragt. Und als Wagner-Dirigent sorgte er zuletzt 2021 in Bayreuth für Furore (sein geplantes Dirigat in diesem Jahr musste er jedoch wegen Corona canceln). Darüber hinaus hat Inkinen diverse Chefposten inne. So leitet er hauptamtlich das Philharmonieorchester Japan in Tokio sowie das KBS Sinfonieorchester in Seoul. Seit 2017 ist Inkinen auch Chefdirigent der Deutschen Radio Philharmonie. Was sich längst als Glücksfall für dieses Orchester des SR und SWR entpuppt hat. Denn wenngleich die Deutsche Radio Philharmonie erst seit 2007 existiert (sie entstand aus der Fusion des Rundfunk-Sinfonieorchesters Saarbrücken mit dem Rundfunkorchester Kaiserslautern), hat sie sich in kürzester Zeit auf einem Top-Platz im Ranking der ARD-Klangkörper etabliert. Großen Anteil daran hatte natürlich auch Christoph Poppen, der die Geschicke des in Saarbrücken und Kaiserslautern ansässigen Orchesters bis 2011 leitete. Nach einer nicht weniger erfolgreichen Ära mit Karl Mark Chichon übernahm 2017 schließlich Pietari Inkinen das Ruder.

Nordisches Licht

Bevor er aber das Dirigierhandwerk unter anderem vom finnischen Pult-Urgestein Leif Segerstam an der Sibelius-Akademie in Helsinki erlernte, ging der hochbegabte Violinist bei zwei Geigenlegenden in die Lehre. Die eine war Zakhar Bron in Köln. Der zweite prominente Förderer war der Weltklasse-Virtuose Pinchas Zukerman. „Pinchas ist eine Legende“, so Pietari Inkinen. „Als ich vierzehn war, hat er mich per Videokonferenz von New York aus drei Jahre lang unterrichtet. Persönlich begegnet bin ich ihm aber erst, als ich in Köln studiert habe. Und später habe ich sein Orchester in Ottawa dirigiert und er war Solist. Seitdem arbeiten wir regelmäßig zusammen.“
Schon bei seiner zweiten Saison als Chef der Deutschen Radio Philharmonie kam es zwischen ihnen zu einem Wiedersehen – als Zukerman unter der Leitung seines Freundes Edward Elgars Violinkonzert spielte. Doch auch für die neue Konzertsaison 2022/2023 tun sich die beiden wieder für zwei Werke aus dem geigerischen Kern-Repertoire zusammen. Es sind die Violinkonzerte von Ludwig van Beethoven und Nr. 1 von Max Bruch. Zu Beginn des Programms, mit dem man auch in der Kölner Philharmonie gastieren wird, erklingt Jean Sibelius’ „Finlandia“ und damit eine der Ikonen der finnischen Musik.
Überhaupt bildet die nordische Musik einmal mehr einen Schwerpunkt. Zusammen mit Geiger Sergey Khachatryan spielt Inkinen das Violinkonzert von Sibelius. Unter der Leitung von Gastdirigent Michael Schønwandt erklinge die „Gurre-Suite“ des heute vergessenen Dänen Christian Horneman sowie das herrliche Klarinettenkonzert seines bekannteren Landsmannes Carl Nielsen (Solistin: Annelien Van Wauwe). Und bei Edvard Griegs Klavierkonzert übernimmt kein Geringerer als Rudolf Buchbinder den Solo-Part.
Wie aber schon das Titelblatt zur diesjährigen Konzertsaison-Broschüre andeutet (zu sehen ist da ein Himmel voller historischer Luftballons), lädt das Gesamtprogramm zu einer Reise ein, die quer durch Europa und von der Neuen Welt bis nach Russland führt. Zwar ging es zwischen Finnland und seinem russischen Nachbarn nicht immer friedlich zu. Aber für Inkinen steht fest: „Wir Finnen haben die russische Musik im Blut; wir sind uns eben doch auch sehr nahe. Ich habe viele russische Freunde und ich glaube, dass ich diese Kultur und ihre Menschen sehr gut verstehe.“ Zum Beweis setzt er mit der DRP die Beschäftigung mit den Sinfonien von Sergei Prokofjew fort. Das zweite Klavierkonzert von Sergei Rachmaninow mit der blendend auftrumpfenden Anna Vinnitskaya kombiniert Inkinen mit Peter Iljitsch Tschaikowskis 5. Sinfonie. Und mit Rodion Schtschedrins, 1967 in Moskau uraufgeführtem Arrangement von Georges Bizets „Carmen“ rundet der spanische Dirigent Josep Pons ein iberisch eingefärbtes Programm ab.
Zu den weiteren Highlights gehören zudem die osteuropäische Musiktradition, mit Werken von Smetana, Dvořák, Liszt und Bartók sowie Solisten wie Cellist Johannes Moser oder die Pianisten Rafał Blechacz und Juho Pohjonen. Und anlässlich des 100. Geburtstags des ungarischen Neue Musik-Rebells György Ligeti spielt im Rahmen des Konzertformats „Musik für junge Ohren“ Julian Steckel das tolle bis tollkühne Cellokonzert des Jubilars.
Mit der Reihe „Hin und Hör“ will Inkinen Zuhörer neugierig machen, die eher selten ins Konzert gehen. „Solche Angebote brauchen wir für Leute, die nicht oder noch nicht zu unseren Stammkunden gehören“, so der Chefdirigent. „Es ist egal wie ich angezogen bin, ob ich mich schon Wochen vorher um ein Ticket gekümmert habe, ob ich das Stück kenne oder nicht: Wer zu ‚Hin und Hör‘ kommt, dem verspreche ich das Rundum-Paket, eine schöne, spannende Stunde Musik mit unseren Musikerinnen und Musikern, mit dem Moderator Roland Kunz und mit mir.“
Zu den Reihen, die hingegen 2022/2023 erstmals über die Bühne gehen, zählt „Les Jeunes“. Damit stellt das Orchester 1. Preisträger großer Wettbewerbe wie des ARD-Musikwettbewerbs oder des Concours Reine Elisabeth vor. „Es sind die Vertreter der neuen Künstlergeneration, oftmals mit außergewöhnlichen Solowerken im Gepäck“, so Inkinen. Dazu gehört etwa der chinesische Bratscher Diyang Mei, der gerade erst zum Solo-Bratscher der Berliner Philharmoniker ernannt wurde und der sich bei der DRP mit dem Violakonzert von William Walton vorstellt. Oder Trompeterin Selina Ott, die atemberaubend mit dem Konzert von Vladimir Peskin auftrumpft.
All das und noch viel mehr (darunter das Projekt „Your Music. Your Voice.“ sowie die erstmals auch in der Saarbrücker Synagoge stattfindenden Ensemblekonzerte) garantieren somit ein musikalisch facettenreiches Spektrum, mit dem das Orchester in der nunmehr 16. Spielzeit an seine Erfolgsgeschichte anknüpft. Aber schließlich ist ja auch ein Finne der Chef.

Deutsche Radio Philharmonie
www.drp-orchester.de
Tickets: +49 (0) 681 9 880 880 (Saarbrücken)
& (0) 631 365 23 16 (Kaiserslautern)

Beethoven in Baden-Baden

Zu den besonderen Auswärtsspielen der Deutschen Radio Philharmonie gehört der zweite Teil eines „Beethoven-Projekts“, mit dem man Anfang Oktober im Festspielhaus Baden-Baden gastiert. Man ist da Teil eines von John Neumeier choreografierten Ballettabends, bei dem Beethoven-Klassiker wie die 7. Sinfonie sowie Ausschnitte aus dem Oratorium „Christus am Ölberge“ erklingen – im Bühnenbild von Heinrich Tröger und mit der Wundertenorstimme von Klaus Florian Vogt.
Tickets (Baden-Baden): +49 (0) 72 21 301 31 01

Guido Fischer, 03.09.2022, RONDO Ausgabe 4 / 2022



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