home

N° 1290
28.01. - 03.02.2023

nächste Aktualisierung
am 04.02.2023



Startseite · Konzert · Da Capo

Ilse Ritter und Chor (c) Barbara Braun

Da Capo

Berlin, Komische Oper – Nono: „Intolleranza 1960“

Irrwitz der Transformation

Neue Intendanz, neues Glück? Nach zehn Jahren Halligalli unter dem fulminanten Barrie Kosky macht dieser, nicht mehr als Intendant, künftig nur noch eine Inszenierung pro Saison an der Komischen Oper. Nachfolger Susanne Moser und Philip Bröking läuten die Neuausrichtung mit Luigi Nonos politisch plakativer „Intolleranza 1960“ ein – mit einem aus Stuttgart geholten Regisseur namens Marco Štorman. Die große Bernhard-Schauspielerin Ilse Ritter liest einen neu geschriebenen Text von Carolin Emcke über Flüchtlingselend und fehlende Empathie. Der aus zersprengten Bohlen am Ende wieder zusammengeflickte Schiffsrumpf zitiert Delacroix’ „Die Freiheit führt das Volk“. Man sucht’s politisch.
Das ist gut und nur das halbe Wunder. Das Ganze nämlich besteht in der bruchlosen Überführung von Nonos brechtartig agitpropiger Szenenfolge in ein Environment-Event. Zur 75. Spielzeit hat man den Zuschauerraum um 180 Grad gedreht. Die große Tribüne steht auf der Hauptbühne. Das Parkett ist überbaut, in eine riesige, wattig-filzige Eiswüste verwandelt. Mit Gletscherspalte und mit Eisbad, welches man aufhacken kann und in dem sich Sänger Tom Erik Lie den Frostbrand holt. Dirigent Gabriel Feltz thront in luftiger Höhe, sein Orchester im Rücken vorm 2. Rang, auf einem freischwebenden Extra-Balkon. Stuckierte Balustraden sind verhüllt, als sei Christo am Werk gewesen. Das Haus, mit anderen Worten, befindet sich in einem Zustand innerer Verpuppung.
Štorman übersetzt das politische Fanal in ein Beckettsches Endspiel. Der (Bewegungs-)Chor der Komischen Oper macht sich das Stück souverän zu eigen. Sean Panikkar singt den heimatlos zwischen Tenor und Countertenor irrlichternden Emigranten sehr schön. Am besten ist die Aufführung nicht etwa in ihrer etwas diffusen, politischen Stoßkraft. Sondern im Irrwitz der Transformation und Theatralik. Das Haus erzittert. Ein Anfang, ein starker sogar, ist gemacht. Ob’s je wieder so unterhaltsam wird wie bei Kosky, wissen wir noch nicht.

Robert Fraunholzer, 22.10.2022, RONDO Ausgabe 5 / 2022



Kommentare

Kommentar posten

Für diesen Artikel gibt es noch keine Kommentare.


Das könnte Sie auch interessieren

Gefragt

Mari Kodama

Übertragungsleistung

Die Pianistin hat Transkriptionen der Beethoven-Streichquartette von Saint-Saëns, Mussorgski und […]
zum Artikel

Da Capo

Irrwitz der Transformation

Berlin, Komische Oper – Nono: „Intolleranza 1960“

Neue Intendanz, neues Glück? Nach zehn Jahren Halligalli unter dem fulminanten Barrie Kosky macht […]
zum Artikel

Pasticcio

Pleyel ist pleite

„Wenn ich schlecht disponiert bin, spiele auch auf einem Érard. Wenn ich mich begeistert fühle […]
zum Artikel


CD zum Sonntag

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Externer Inhalt - Spotify

An dieser Stelle finden Sie Inhalte eines Drittanbieters, die Sie mit einem Klick anzeigen lassen können.

Mit dem Laden des Audioplayers können personenbezogene Daten an den Dienst Spotify übermittelt werden. Mehr Informationen finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.

Auf Anregung seines Lehrers Carl Friedrich Zelter schrieb der blutjunge Felix Mendelssohn Bartholdy im Alter von 12 bis 14 Jahren zwölf Streichersinfonien im Zeitraum von 1821 bis 1823. Diese Werke bildeten sein Übungs- und Experimentierterrain für den musikalischen Satz, die Instrumentation und die sinfonische Form. Mendelssohn überschrieb die Stücke, die er mal mit drei und mal mit vier Sätzen gestaltete, wechselweise mit „Sinfonia“ oder „Sonata“. In ihnen fand die […] mehr


Abo

Top