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N° 1290
28.01. - 03.02.2023

nächste Aktualisierung
am 04.02.2023



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Zarteste Schattierungen und Farbspiele: Die Komponistin Kaija Saariaho ist 70 geworden © Marit Kytöharju

Pasticcio

Ohren auf!

Von jeher wurden Überväter bekanntlich nicht nur angehimmelt, sondern irgendwann vom Sockel gestoßen. Auch in der Musik. Wenn der Rauch nach der jugendlichen Rebellion und Bilderstürmerei aber erst einmal verflogen ist, sieht man plötzlich wieder vieles klarer, anders, selbstkritischer. Und plötzlich entpuppt sich das so vehement verdammte Erbe durchaus wieder als wertvoller Richtwert. Diese (kreative) Wiederentdeckung der Tradition ist denn auch typisch für eine finnische, in den 1950er Jahren geborene Komponistengeneration, die dem überlangen Schatten von Jean Sibelius zunächst noch als zu beklemmend empfand. Dazu gehörten Magnus Lindberg, Esa-Pekka Salonen sowie Kaija Saariaho. Doch dieses prominente Dreigestirn hat eben nicht nur längst seinen Frieden mit dem finnischen Über-Komponisten gemacht. Jener „kontinuierliche Formprozess“, den Salonen beim Sinfoniker Sibelius bewunderte, hat seine Spuren im Klangdenken der prominenten Finnen-Connection hinterlassen. Tatsächlich befinden sich vor allem die Werke von Kaija Saariaho nicht in einem musikideologisch angesagten Korsett, sondern verändern ständig ihre Gestalt. Hauchzarten Klangschattierungen begegnet man da genauso wie ultrafein glimmenden Soundpartikeln und geheimnisvoll anmutenden Signalen. Und bisweilen findet sich in dem fluoreszierenden Orchestergewebe ein atmosphärisches Spiel mit Farben, die Claude Debussy oder dem Japaner Toru Takemitsu abgelauscht zu sein scheinen.
Um solche Klänge bis in seine geheimnisvollsten Verästelungen kennenzulernen, legt Kaija Saariaho diese, wie sie es einmal beschrieben hat, „unter ein Mikroskop“. Und je länger sie hineinschaut, desto mehr zarteste Schattierungen und Übergänge macht sie aus. Diese Akribie einer naturwissenschaftlichen Forscherin hat die aus Helsinki stammende Komponistin erst in Paris kultiviert, der Stadt, die bis heute ihre Wahlheimatstadt geblieben ist. Nachdem Saariaho in Finnland mit eben ihren Komponistenfreunden Magnus Lindberg und Esa-Pekka Salonen der Neuen Musik-Szene nachhaltige Impulse verliehen und dafür die Gruppe „Korvat auki“ (Ohren auf!) gegründet hatte, studierte sie zunächst in Freiburg bei Klaus Huber, aber auch beim Post-Avantgardisten Brian Ferneyhough. 1982 ging sie dann nach Paris, wo sie nicht nur am IRCAM in die Welt der Computermusik eintauchte. Zugleich kam sie in Berührung mit der Spektralmusik von Gérard Grisey und Tristan Murail. Und genau diesen Begegnungen und Forschungsaufenthalten verdankt sich längst eine ungemein sinnliche Musiksprache, die sich aus schier unendlich vielen Abstufungen in Farbe, Dynamik, Artikulation und Rhythmus zusammensetzt. Zu Recht gilt die Komponistenstimme von Kaija Saariaho als einzigartig. Und ihr internationales Ansehen ist nicht nur auf Neue Musik-Festivals beschränkt. Saariaho schreibt Orchestrales für die New Yorker Philharmoniker, Opern für die Salzburger Festspiele („L’Amour de loin“) und Solo-Konzerte etwa für Gidon Kremer.
Für ihr Schaffen hat sie mittlerweile zahllose Preise erhalten. Darunter den „Kranichsteiner-Musikpreis“ sowie zuletzt 2021 den „Goldenen Löwen“ der Musikbiennale in Venedig. Und mittlerweile gibt es auch einen nach ihr benannten Orgelwettbewerb – als Dankeschöne für ihre Spende von 1 Million Euro, mit der sie die neue Konzertorgel in der Philharmonie in Helsinki mitfinanzierte. Mit edelstem französischen Champagner dürfte Kaija Saariaho nun am gestrigen Freitag auf ihren 70. Geburtstag angestoßen haben.

Guido Fischer



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