home

N° 1223
16. - 22.10.2021

nächste Aktualisierung
am 23.10.2021



Startseite · Klartext · Pasticcio

Pasticcio

Begehrtes Holzwrack

Der Mythos „Titanic“ lebt. Daher sind auch Devotionalienjäger sofort hellwach, wenn wieder ein Erinnerungsstück aus dem Luxusdampfer auftaucht, der vor 101 Jahren bei der Jungfernfahrt untergegangen ist. Bislang spülten Speisekarten, Schmuck von Passagieren und Schiffspläne enorme Summen in die Kassen von Auktionshäusern. Jetzt aber schlug bei einer englischen Versteigerung der Hammer bei der Rekordsumme von 1.050.030 Pfund (1,24 Millionen Euro). Innerhalb von zehn Minuten wechselte da eine Geige den Eigentümer, die man zehn Tage nach der Katastrophe aus den Meeresfluten fischen konnte. Ihr tot geborgener Besitzer, der Titanic-Kapellmeister Wallace Hartley, schnallte sich die Violine in einer Ledertasche um den Körper, bevor er von Bord ging. Demnach wäre es genau diese Violine gewesen, auf der er mit seinen Kollegen bis zum Untergang aufspielte, um eine Panik zu verhindern – zuletzt der Legende nach auch den Choral „Nearer My God to Thee“. Das angespülte Instrument wurde in Folge wieder seiner Verlobten übergeben, die es ihm einst schenkte. Nachdem sich viele Jahrzehnte jede Spur verloren hatte, fand sich vor sieben Jahren auf einem Dachboden diese deutsche Kopie einer Geige aus der Werkstatt des Italieners Giovanni Paolo Maggini. Doch nicht nur der Zahn der Zeit hatte inzwischen seine Spuren hinterlassen, sondern auch die Natur. So entdeckten Wissenschaftler im Holz Überreste von Salzpartikeln. Trotzdem gibt es immer noch Titanic-Experten, die die Echtheit des Instruments bezweifeln. Den anonymen Bieter hat es jedoch nicht daran gehindert, den ursprünglichen Schätzpreis von 300.000 Pfund ums das fast Vierfache in die Höhe zu treiben. Wer hingegen auch einmal eine Maggini-Kopie mit Salzspuren besitzen möchte, der muss sich nur auf den einschlägigen Internet-Auktionshäusern umschauen. Da bekommt man so ein Instrument schon für rund 2000 Euro. Und Salz gibt es ja in jedem Discounter für paar Cent.

Guido Fischer



Kommentare

Kommentar posten

Für diesen Artikel gibt es noch keine Kommentare.


Das könnte Sie auch interessieren

Pasticcio

Ketten-Komposition

2012 feierte man den 100. Geburtstag des wohl größten Anarchisten der Musikgeschichte. Denn kein […]
zum Artikel

Pasticcio

Der Kampf geht weiter

Es war eine beispiellose Solidaritätsbekundung, mit der sich Ende 2013 über 300 namhafte […]
zum Artikel


CD zum Sonntag

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Externer Inhalt - Spotify

An dieser Stelle finden Sie Inhalte eines Drittanbieters, die Sie mit einem Klick anzeigen lassen können.

Mit dem Laden des Audioplayers können personenbezogene Daten an den Dienst Spotify übermittelt werden. Mehr Informationen finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.

Der Beginn ist bekanntlich eine sehr delikate Phase. Womit also fängt man an, als junges Klaviertrio, die ersten Schritte machend auf dem diskografischen Karriereweg? Das Silver Trio hat für sein Album-Debüt Beethoven, Rachmaninow und Bernstein ausgewählt. Eine durchaus merkwürdige Kombination, nicht weil man Musik verschiedener Epochen nicht auf einer CD vereinen dürfe – ganz im Gegenteil, so machen es viele Ensembles teils mit großem Erfolg. Da einem aber irgendwie keine Verbindung […] mehr


Abo

Top