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RONDO: Herr Quasthoff, warum widmen Sie sich immer wieder nicht-klassischen Projekten?
Thomas Quasthoff: Weil es mir einfach Spaß bringt. Ich will mich nicht allein auf Klassik festlegen. Deswegen finden Sie auf meiner neuen CD die Songs, die ich selber gern höre. Es gibt Jazz, Funk, ein, zwei Popstücke. Ich würde dieses Album gar nicht kategorisieren wollen.
RONDO: Nicht jeder schätzt Ihre Offenheit für andere Musikgenres ...
Quasthoff: Wenn ich mich über alles aufregen würde, was über mich gesagt wird, dann hätte ich wirklich viel zu tun. Nur gegen eins verwahre ich mich ganz energisch: Ich tue nichts allein aus kommerziellen Gründen. Sofern man nicht gerade Anna Netrebko heißt, wird man durch CD-Verkäufe eh nicht reich. Letztlich bringen einem Auftritte wesentlich mehr ein.
RONDO: Wie stellen Sie sich ein gelungenes Konzert vor?
Quasthoff: Die Zeiten der hehren Kunst sind vorbei, glaube ich. Ein Liedsänger muss nicht mit Frack und stählernem Gesicht da oben auf der Bühne stehen. Wir sollten mal ein bisschen frische Luft in die Säle lassen. Wieso dürfen die Leute in einem klassischen Konzert nicht auch mal lachen, statt immer nur mit einem »Pssst« zur Ruhe gebracht zu werden? Und wenn zwischendurch geklatscht wird, ist das doch nicht so schlimm.
RONDO: Bei Ihren Volkslieder-Abenden singt das Publikum sogar mit.
Quasthoff: Das ist aber nicht so doof wie bei den Fischer-Chören. Die Menschen stimmen wirklich aus einem inneren Bedürfnis heraus ein. Man sagt ja nicht umsonst: Singen befreit.
RONDO: Trotzdem hat Volksmusik nicht das allerbeste Image.
Quasthoff: Da wird sehr viel von außen projiziert. Sobald nach dem Krieg ein deutsches Volkslied angestimmt wurde, hieß es: »Jetzt geht’s wieder los.« Dabei ist wohl ein Trauma entstanden. Das verstärkt sich dadurch, dass die Kinder in den Schulen nicht mehr singen lernen. Somit stirbt dieses Liedgut allmählich, was ich sehr schade finde.
RONDO: Andererseits haben Volksmusiksendungen im Fernsehen Rekordeinschaltquoten.
Quasthoff: Diese vermeintliche »Volksmusik«, die ist ja nur nachkomponiert. Sie können sie in keinster Weise mit den Liedern vergleichen, die im wahrsten Sinne das Kulturgut eines Volkes sind. Allerdings muss ich zugeben: Es gibt auch unter den Leuten im »Musikantenstadl« echte Könner. Zum Beispiel halte ich die Egerländer Musikanten für eines der besten Bläserensembles überhaupt. Sie haben eine saubere Intonation.
RONDO: Sie gelten als sehr ehrlich. Sagen Sie immer ganz offen Ihre Meinung?
Quasthoff: Ja. Nur bin ich im Laufe der Jahre ein wenig diplomatischer geworden. Durch meine Frau habe ich gelernt, dass es immer auf das Wie ankommt. Ich kann etwas höflich und nett formulieren, statt über alles wie ein Berserker hinwegzuwalzen.
Dagmar Leischow, 04.01.2014, RONDO Ausgabe 5 / 2010
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