Orgel für Orgelmuffel

Frischer Wind in alten Pfeifen

Vorbei die Zeit, als man auf harten Kirchenbänken dem freudlosen Orgelspiel eines bebrillten Herrn im Rollkragenpullover lauschte. Man besinnt sich wieder auf eine Zeit, als die Orgel noch nicht die heutige sakrale Aura hatte. Mit neuen Konzertformen, Stummfilmbegleitung oder gar mit Live- Improvisationen zu Fußballspielen versucht man heute, überkommene Konzertrituale aufzubrechen. Carsten Niemann zeigt, dass die Königin der Instrumente alles Andere als eine verschnarchte Schönheit ist.

Die Orgel mag die Königin der Instrumente sein – aber ist sie auch eine Königin der Herzen? Zugegeben: Es gibt eine große Zahl von Liebhabern des Instruments, die sich auf Orgelfahrten über Register, Schwellwerke und Kopplungen ebenso angeregt unterhalten, wie es Automobilfans über PS-Stärken und Hubräume tun, und denen die Meister des Orgelschlagens ebenso selbstverständlich bekannt sind wie dem gemeinen Klassikpublikum seine Lang Langs, Stadtfelds oder Grimauds. Doch mit der Masse der Klassikhörer mischt sich diese Gruppe kaum. Wie regelmäßige Kirchgänger und Weihnachtschristen begegnet man sich mitunter am gleichen Ort, ohne die gleiche Leidenschaft für die Sache an den Tag zu legen. Denn Orgelkonzerte zu besuchen, damit verbinden viele Musikliebhaber noch immer die Vorstellung, in kalten Gemäuern auf harten Kirchenbänken sitzen zu müssen, während irgendwo oben ein verschlossener, bebrillter Herr in Rollkragenpullover muffige Choralbearbeitungen und breiigen Bach über das applauslos lauschende Publikum ausgießt.
Es ist die sakrale Aura, die dem Instrument in Zeiten der Erlebnisgesellschaft am meisten geschadet hat. Dabei ist der Orgel das Weltliche nicht fremd. So war in der römischen Antike das Orgelspiel in den Arenen üblich. Und bis in die Zeit des Barock wurden Kammerorgeln ganz selbstverständlich für Tanzmusik wie zur Begleitung von geselligen Liedern benutzt. Besonders in England hielt sich der Brauch: Selbst die berühmten Vergnügungsparks Vauxhall und Ranelagh, in denen Händel, Johann Christian Bach und Mozart auftraten, prunkten mit ansehnlichen Orgeln. Im 19. Jahrhundert eroberte das Instrument sogar die Opernbühne, um im 20. Jahrhundert mithilfe der elektro-pneumatischen Steuerung auch als Kino-Orgel in den Lichtspielhäusern Karriere zu machen. Sogar Warenhäuser entdeckten den Reiz des Instruments. Die 1909 erbaute Orgel im Wanamaker Department Store von Philadelphia lockte dabei selbst Künstler wie Leopold Stokowski und Marcel Dupré in den Warentempel. Letzterer schuf sogar seine »Symphonie-Passion« über das Leiden Christi aus einer Improvisation über Themen, die ihm die Besucher des Warenhauses zugerufen hatten.
Bereits in der Tradition liegen also viele Möglichkeiten, um buchstäblich frischen Wind in die alten Pfeifen zu blasen und gegen das verschnarchte Image des Instruments anzugehen. Einen aktuellen Anlass dazu bietet in diesem Jahr ein Jubiläum besonderer Art: Es ist der Geburstag der Compenius- Orgel von Schloss Frederiksborg in Dänemark. Herzog Heinrich Julius von Wolfenbüttel hatte das Instrument von Michael Praetorius entwerfen und durch seinen Hoforgelbauer Esaias Compenius ausführen lassen, um es 1610 im Lustschloss seiner Gemahlin, Elisabeth von Dänemark, aufzustellen. Das vollständig aus Holz gefertigte Werk hat sich bis heute originalgetreu und spielfertig erhalten. Dass diese Kammerorgel, deren »fremder / sanffter / subtiler Klang und Liebligkeit« nach Praetorius Meinung »im Schreiben so eigentlich nicht vermeldet werden kann«, nun keinesfalls allein für geistliche Musik diente, sieht man bereits an den geschnitzten Verzierungen, die den auftraggebenen Herzog als Merkur (den Gott der Erfinder) und seine Herzogin als Schönheitsgöttin Venus verherrlichen.
Zum Jubiläum widmen sich auch zwei CDs ausführlich der weltlichen Seite der Orgel: Teilweise im Duo mit dem Zinkenisten William Dongois bietet Jean-Charles Ablitzer dabei vor allem zeitgenössische Transkriptionen von Praetorius-Tänzen dar, wobei die homogene Registrierung herausstreicht, wie sehr sich diese Orgel am Klang der zeitgenössischen Consortmusik orientierte (»Auch auff Orgeln« – Musique et Mémoire/Note 1 MMP 080901). Les Witches mit ihrem experimentierfreudigen Organisten Freddy Eichelberger lassen dagegen in einer stimmungsvollen, durchhörbaren Session mit Tanzmusik aus dem Umfeld des dänischen Hofes die verschiedenen Register mit einer Vielzahl unterschiedlicher Instrumente in Dialog treten. (»Konge af Danmark« – Alpha/Note 1 ALP163). Live zu hören ist das Instrument übrigens auf Schloss Frederiksborg bei Kopenhagen, wo vom 3. bis zum 10. Oktober eine Festwoche zu seinen Ehren stattfinden wird.

Musikalische Schlachtengemälde

Dass von den Alten lernen auch beim heutigen Publikum siegen lernen bedeuten kann, daran glaubt auch Ton Koopman. Er gehört zu einer Gruppe von Organisten, die die iberische Tradition der Batalha wiederbeleben. Es handelt es sich dabei um eine Form von musikalischen Schlachtengemälden aus dem 17. Jahrhundert, für die sich die Orgeln Spaniens und Portugals mit ihren kriegerisch aus dem Orgelprospekt herausragenden Trompetenregistern schon rein äußerlich besonders eignen (»Batalha« – Challenge Classics/SunnyMoon CC 72320). Selten hat man den extrovertierten Niederländer so im Einklang mit sich und seiner Musik erlebt wie gerade bei diesem Genre.
Noch lauter, wenngleich vielleicht auch etwas weniger subtil, ging und geht es in der Schweiz zu. Die Eidgenossenschaft ist nämlich ein Kernland der Tradition des Orgelgewitters: Dies sind mächtige Naturschilderungen, bei denen wie in Beethovens »Pastorale« eine ländliche Idylle von einem Donnerwetter unterbrochen wird – wobei der Organist auch nicht davor zurückschreckt, zum Heulen der Windladen mit beiden Armen auf die Tastatur einzuwalken. Schon im 19. Jahrhundert lockten diese Spektakel Touristen in die Kirchen, und selbst Berühmtheiten wie Liszt und Spohr haben süffisante, aber nicht völlig unbeeindruckte Berichte über diese zumeist improvisierten, aber bisweilen später auch notierten Orgelgewitter hinterlassen. Zumindest in Luzern ziehen die schwarzen Klangwolken nun auch wieder regelmäßig auf: nämlich an der Orgel der dortigen Hofkirche, zu deren Ausstattung seit dem 19. Jahrhundert auch eine Regenmaschine gehört.
Dramatik, Bildhaftigkeit und Improvisationskunst, die sich in den Genres der Batalha und des Orgelgewitters finden, bilden sicher eine wichtige Brücke vom traditionellen kirchlichen Orgelspiel zur Kunst der Kino-Organisten. Und da das Improvisieren – anders als bei den meisten anderen Instrumentalfächern – bei Organisten noch immer fester Ausbildungsinhalt ist, wundert es nicht, dass immer mehr Kirchenorganisten die Kunst der Stummfilmbegleitung auch in der Kirche wiederbeleben.

Drastische Experimente

Ein noch drastischeres Experiment haben jedoch der Berliner Kino-Organist Carsten- Stephan Graf von Bothmer und die Kreuzberger Emmaus-Gemeinde mit der Reihe »Orgel & Fußball« gewagt: In einem »Public Viewing« der besonderen Art begleitete von Bothmer herausragende Spiele der Fußball-Weltmeisterschaft an der Kirchenorgel. Mit beachtlicher Resonanz: Schon beim Spiel Deutschland/ Ghana herrschte ein Andrang wie zu Weihnachten. Mit Chips oder einer Flasche Bier in der Hand verfolgte man das neben dem Altar an die Wand geworfene Match, ließ sich zu Dribblingmotiven in Stimmung bringen, fieberte zu variierten Partikeln der Hymen mit den Mannschaften mit und erlebte bei manchem in schmerzhaft zuckenden Septnonakkorden ausgekosteten Foul auch, dass die Sprache der Orgel aufrichtiger und gnadenloser sein kann als die Kommentare herkömmlicher Sportreporter.
Dass man Optik, Popularität und eigenschöpferische Leistung auch auf höchstem spieltechnischen und musikalischen Niveau verbinden kann, dafür steht Cameron Carpenter. Der 1981 geborene Amerikaner, der Kirchen-, Pop- und Kino-Orgel mit gleicher Selbstverständlichkeit bedient, räumt mit dem traditionellen Bild eines Orgaisten auch dadurch auf, dass er sich am liebsten im körperbetonten, strassbesetzten Laibchen an den Spieltisch setzt. Während er im Gespräch durchaus mehr den reflektierenden, analytisch denkenden Künstler hervorkehrt, lässt er am Instrument auch seine Starqualitäten spielen – wozu nicht zuletzt seine virtuose und im wahrsten Sinne des Wortes leichtfüßige Pedalarbeit gehört. (»Revolutionary« Telarc/Inakustik 080711; »Cameron Live« Telarc/ Inakustik 08031980). Doch egal, ob es sich um die Interpretation einer Schostakowitsch- Ouvertüre, um die dämonischdüstere Wiedergabe einer selbstersonnenen Hommage an Klaus Kinski oder die Darbietung einer Transkription von Schuberts »Erlkönig« mit geisterhaften Vox-humana- Stimmen handelt, so sind doch alle Effekte sorgsam und ausbalanciert genug angebracht, dass an der musikalischen Seriosität seines Tuns keine Zweifel aufkommen. Und einen schönen Prinzen hat die Königin der Instrumente nach all den Jahren treuen Dienstes an der Musik wohl auch verdient.

Carsten Niemann, RONDO Ausgabe 4 / 2010



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