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19. — 25. Mai 2018

Aschetraum

Götter und Menschen sollten sich nicht zu nahekommen – das hat sonst böse Folgen. So könnte das Fazit von Händels „Semele“ lauten. Doch natürlich geht es um mehr, um tiefere Wahrheiten, in diesem wunderbaren musiktheatralen Zwitterwesen aus Oratorium und Oper: um Größenwahn und Demut, um Einsamkeit, Liebe und Eifersucht. In der Regie von Barrie Kosky, Intendant und Chefregisseur der Komischen Oper Berlin, wird die tragische Geschichte um das ungleiche Liebespaar Jupiter und Semele zur zeitlosen Menschenfabel, die einen nach gut drei Stunden verstört wieder in den Berliner Sommerabend entlässt.
Den Plot von „Semele“ kann man zu Beginn auf dem schweren Bühnenvorhang lesen, bevor dieser sich zum ersten Akt hebt: „Göttervater Jupiter entführt an ihrem Hochzeitstag die Königstocher Semele. Jupiters eifersüchtige Gattin Juno setzt alles daran, der hemmungslosen Affäre ein Ende zu setzen. Der Nebenbuhlerin erscheint sie als deren Schwester Ino und überredet sie in dieser Verkleidung, Jupiter dazu zu bringen, sich in seiner wahren göttlichen Erscheinung zu zeigen. So könne Semele die ersehnte Unsterblichkeit erlangen. Semeles Ehrgeiz ist stärker als Jupiters männlicher Widerstand. So ist ihr Schicksal besiegelt: In den sengenden Strahlen des Gottes geht sie grausam zugrunde."
Kosky sprang kurz nach Probenbeginn ein für die erkrankte Regisseurin Laura Scozzi – und tat das, was er am besten kann: mit dem Potenzial seines Ensembles arbeiten, mit kleinen Frechheiten und Überraschungen, mit Andeutungen und Stimmungen. Und das zusammengestellte Ensemble, hervorragend gecastet, belebt das für Kosky eigentlich recht zahme Regiekonzept mit einer Spielfreude und Glaubwürdigkeit, die die Produktionen der Komischen Oper oft auszeichnen: Allan Clayton gibt einen sanft-romantischen Jupiter, dessen ohrenbetäubendes Donnergrollen aus den Lautsprechern aber auch seine Gewalt und Kraft erahnen lässt, Ezgi Kutlu ist seine eifersuchtsgetriebene Frau, die rachelustige Juno, Nora Friedrichs amüsiert als deren slapstickhaft überzogene Unheils-Gehilfin Iris oder Evan Hughes überzeugt als eigentümlich erotischer Gott Somnus. Auch Katarina Bradić als Semeles Schwester Ino, für die sich das Liebes-Unglück vom Beginn am Ende in eine Traumhochzeit mit dem Ex-Verlobten ihrer Schwester (Eric Jurenas als Atamas) verwandelt, und deren Vater Cadmus (Philipp Meierhöfer) reihen sich ein in ein herausragendes Ensemble, das einem diese Geschichte nahe gehen lässt, musikalisch wie dramatisch.
Sopranistin Nicole Chevalier in der Titelpartie der Semele steigt zu Beginn aus ihrer eigenen Asche, in einem düsteren, ausgebrannten Gemach. Kosky übernahm das für die ursprüngliche Produktion geplante Bühnenbild von Natacha Le Guen den Kerneizon: die schwarz verkokelten Gemächer bleiben den ganzen Abend als Ort des Schreckens präsent und lassen von vornherein Böses erahnen. Wenn sich während Jupiters zärtlichem Liebesschwur kurzzeitig die frischen Äste der Bäume durch die zerborstenen Fenster schieben oder ein paar Blumen als Symbole für Liebe und Leben den Weg in diese Schattenwelt finden, ist die Vergänglichkeit des Irdischen nur umso bedrückender. So wird die Geschichte als Rückblende erzählt, als wunderschöner Alptraum, dessen tragisches Ende von Beginn an mitschwingt. Chevalier durchlebt Semeles Drama mit all den Facetten von Glück, Erotik, Wahnsinn und Trauer in einer Intensität, die umso mehr erstaunt, wenn man bedenkt, dass sie am Premierentag wegen eines Stimmvirus fast absagen musste. Im Orchestergraben saß zur Sicherheit eine Einspringerin bereit für den Fall, dass Chevalier die Stimme versagen sollte. Soweit aber kam es nicht, die Stimme hielt durch bis hin zum letzten großen Auftritt im Schlussakt, wo Semele nach ihrer (nicht auf der Bühne gezeigten) Begegnung mit Jupiter von dessen Blitzen verbrannt aus den verkohlten Ruinen ihres Lebens auf die Vorderbühne wankt. Als schattenhaftes Häufchen Elend, die eigene Urne in der Hand, wohnt sie der Hochzeit ihrer Schwester bei. Wenn dann von den Seitenlogen der allegorische Chor von Liebe und Glück singt, fühlt man sich endgültig wie im falschen Film angesichts des noch frischen Eindrucks von Semeles Leid. Eine berührende Dramaturgie, überzeugend umgesetzt.
Konrad Junghänel findet mit dem Orchester der Komischen Oper, das um einige Barockmusiker ergänzt wurde, zu einem transparenten und seelenvollen Klang, hält dabei alle Beteiligten mit wohlwollender Strenge zusammen. Schönheit und Tragik: Selten gehen die beiden Sphären eine so überzeugende, ja überwältigende Symbiose ein wie in dieser „Semele“. Großer Applaus und Bravi beim Schlussvorhang für alle Beteiligten.

Anna Vogt

(Fotos: Monika Rittershaus)


12. — 18. Mai 2018

unMittelBARock!

Seit mehr als 20 Jahren widmen sich die jährlich stattfindenden Tage Mitteldeutscher Barockmusik den Wurzeln der Alten Musik in verschiedenen mitteldeutschen Städten. Dieses Jahr ist Merseburg an der Reihe. Die Stadt ist Gastgeberin der 24. Tage Mitteldeutscher Barockmusik (vom 10. - 13. Mai) und lädt ein zu zahlreichen Konzerten, unter anderem im imposanten Dom. Dabei wird die historische Kunst- und Musikpflege in Merseburg in den Fokus gerückt, denn die Residenzstadt zog mit ihren kunstliebenden Herzogen in der Vergangenheit renommierte Komponisten wie Johann Joachim Quantz, Johann Gottlieb Graun und Wilhelm Friedemann Bach an. Für die diesjährige Festivalausgabe wurden u.a. die Merseburger Hofmusik, das Collegium Vocale Leipzig, das Dresdener Barockorchester und Solisten wie Olga Papykina und Eva Salonen eingeladen.
Das ganze Programm und weitere Informationen gibt es auf www.unmittelbarock.de.


05. — 11. Mai 2018

„Machtspiele“

Mozart war fünf Mal zu Besuch in Augsburg, der Geburtsstadt seines Vaters Leopold. Grund genug für ein Musikfestival in der drittgrößten bayerischen Stadt. Unter der Leitung von Simon Pickel will das Deutsche Mozartfest, das in diesem Jahr vom 4. bis zum 13. Mai geht, sich nicht nur intensiv mit der Kunst und Bedeutung Mozarts befassen, sondern auch Begeisterung für die klassische Musik generell wecken – und das auch über die Mozartstadt Augsburg hinaus. Daher wählt man als Motto immer große Themen mit vielen Facetten und Dimensionen: in diesem Jahr die Beziehung zwischen Macht und Musik unter dem Titel „Machtspiele“. Zum Eröffnungskonzert am 4. Mai hat man etwa die „Musik für die Mächtigen“ in den Fokus gestellt und einen Konzertabend mit Werken von Antonio Vivaldi, Angelo Ragazzi und Joseph Umstatt konzipiert, musiziert vom Barockensemble Cappella Gabetta unter der Leitung von Andrés Gabetta. Im Verlauf der neun Festivaltage sind auch weitere bekannte Musikbotschafter in Augsburg zu Gast: etwa Dorothee Oberlinger, Sarah Christian, die Musicbanda Franui, der Chor des Bayerischen Rundfunks, die Akademie für Alte Musik Berlin und das Belcea Quartet. Künstlergespräche und andere Vermittlungs-Angebote, ein Symposium und ein Meisterkurs mit Herber Schuch runden das Programm ab. Und auch für Kinder ist einiges geboten, denn mit dem Programm KLING KLANG GLORIA! wurde ein eigenes Mozartfest für Kinder geplant, dessen Angebote für Schulen bereits ausverkauft sind. Musik spricht eben alle an – nicht nur in der Mozartstadt Augsburg.
Das ganze Festivalprogramm und Tickets gibt es auf www.mozartstadt.de.

(Fotos: Holger Talinski, Astrid Ackermann, Julia Stix)


28. April — 04. Mai 2018

Drama im Drehstuhl

Bernd Alois Zimmermann muss wohl von der damals noch fernen Zukunft der Oper geträumt haben, als er über sein Opus Maximum „Die Soldaten“ das Rätselwort von der „Kugelgestalt der Zeit“ raunte. Das Geschehen solle zugleich „gestern, heute und morgen“ spielen, verfügte er nicht minder geheimnisvoll, was in den 1960er Jahren technisch noch nahezu utopisch war. Nach langen Verzögerungen, Krächen und Abbrüchen gelangte das epochale Werk schließlich 1965 in Köln – als Auftragswerk der Stadt – zur Uraufführung und geriet zum Triumph und zum Markstein zeitgenössischen Musiktheaters. Lange danach galt es aber nach wie vor als nahezu unspielbar. Vor zwölf Jahren fand Regisseur David Pountney dann bei der Ruhrtriennale in der Bochumer Jahrhunderthalle mit einem 120 Meter langen Bühnen-Steg und daran entlang gleitenden Zuschauertribünen eine verblüffend handfeste, gleichwohl irrwitzig kostspielige Lösung für die geforderte Simulataneität der Handlung. Danach schien der Bann endlich gebrochen, das Werk wird nun immer häufiger gespielt.
In der Uraufführungs-Stadt Köln ist nun anlässlich Zimmermanns 100. Geburtstag eine noch ungleich konsequentere Annäherung an Zimmermanns Vision geglückt. Und das ausgerechnet in dem für das Format Oper eigentlich so problematischen Staatenhaus, das noch lange als Interimsstätte herhalten muss und so manches Repertoirewerk für die Guckkastenbühne in seiner akustischen und szenischen Weite schon buchstäblich verschluckt hat.
Über steile Stiegen entert das Publikum nun einen ovalen Theaterraum, der Bühne, Tribüne und Orchesterpodium auf überraschende Weise in eins fallen lässt. Denn das Geschehen spielt auf einer den ganzen Riesen-Raum umlaufenden Galerie, die Spiel- und Projektionsfläche zugleich ist, während sich das Publikum auf winzigen Dreh-Höckerchen nach Belieben dem zuwenden kann, was von den parallel stattfindenden Bildern und Aktionen gerade am meisten bannt. Die Hocker sorgten schon vorab für einen mittleren Skandal (den zweiten vor der Premiere, den ersten witterte die Kölner Lokalpresse in einem angeblichen Zerwürfnis zwischen GMD François-Xavier Roth und Intendantin Birgit Meyer). In der Tat sind die Sitzgelegenheiten mit ihren etwa handtellergroßen Rückenlehnchen orthopädisch bedenklich, erfüllen aber perfekt den Zweck der Rundumsicht. Und wem das Geflirre der Projektionen – relativ dezent, aber treffsicher: Marc Molinos, Alberto de Gobbi – und die Aktionen der effektvollen, aber holzschnittartig gezeichneten Regie zu viel werden, kann einfach nach vorne schauen und sich auf die eigentlichen Turbo-Motoren des Abends konzentrieren: das bombastisch besetzte Gürzenich-Orchester und seinen GMD François-Xavier Roth, der hier ganz zu sich kommt. Roth ist bekanntlich Spezialist für Neutöner, und nun zieht er triumphal alle Register. Allein, wie er den riesigen Apparat mit den teilweise ausgelagerten Schlagwerkern, Bühnenmusik, Jazz-Combo, Zuspielbändern und nahezu 20 Solisten mit makelloser Präzision zusammenhält, grenzt an ein Mirakel. Noch mehr zu bewundern sind jedoch die unerhörte Transparenz und klangliche Differenziertheit, mit der Roth Zimmermanns Monster-Partitur durchleuchtet und begreifbar macht. Endlich sind die vielen Zitate trennscharf herauspräpariert und die disparaten Collage-Puzzleteile so klar umrissen, dass sich die ja auch musikalisch simultan denkende Struktur des Werks in ihrer ganzen, faszinierenden Komplexität zu erkennen gibt. Gewiss wird es auch bisweilen sehr laut, aber nie suppt der Klang zu einem Chaos-Brei zusammen. Und oft dimmt Roth die Dynamik in nie gehörte Zartheiten herunter und lässt lyrische Momente sinnlich aufblühen. Auch die Sänger, die sich über weite Distanzen mittels Monitoren und drei Assitenz-Dirigenten orientieren müssen, bleiben stets akkurat in der Spur und imponieren mit einer seltenen Niveau-Geschlossenheit. Allen voran und stellvertretend für alle anderen Höchstleistungen Emily Hindrichs gleißende Marie, gefolgt von Nikolay Borchevs anrührend balsamischem Stolzius und Martin Kochs heiß-kaltem Desportes. Millimeter-Arbeit leistet für die verstärkten Sänger und optimale Klang-Mischverhältnisse Paul Jeukendrups Klangregie. Regisseur Carlus Padrissa von der katalanischen Theatertruppe „La Fura dels Baus“ hält sich diesmal angenehm zurück mit Artisten- und überbordendem Technik-Klimbim und findet starke Bilder, die Andreas Grüters zwingende Licht-Regie bohrend zugspitzt. Das Ganze hat enormes Tempo und einen mitreißenden Drive, auch wenn Padrissas Regie zwar atmosphärisch dicht ist, aber analytisch an der Oberfläche bleibt und nichts wirklich Neues erzählt. Großer Jubel im Staatenhaus.

Von Regine Müller

(Fotos: Paul Leclair)


21. — 27. April 2018

Lebenselixier Musik

Vom 25. bis 29. April findet in der documenta-Halle das Musikfest Kassel statt. Und diesmal dreht sich dabei alles um Clara Schumann. Die gefeierte Pianistin und begabte Komponistin stand zu Lebzeiten und vor allem darüber hinaus oft im Schatten ihres ungleich berühmteren Ehemanns Robert. Das Musikfest Kassel geht bei seiner diesjährigen Festivalausgabe auf Spurensuche nach der Bedeutung Clara Schumanns – als wichtige Wegbegleiterin von Robert Schumann und Johannes Brahms, als Managerin einer krisengeschüttelten Familie, als Instrumentallehrerin und Dozentin, aber vor allem auch als Künstlerin und Komponistin. Denn Clara Schumann meinte selbst über sich: „Die Ausübung der Kunst ist ein großer Teil meines Ichs, es ist mir die Luft, in der ich atme“. Mit Ragna Schirmer, die seit 2016 das Musikfest Kassel künstlerisch leitet, hat Clara Schumann ihre wohl engagierteste Fürsprecherin in der Gegenwart gefunden. Ragna Schirmer hat bereits zahlreiche von Claras Werken auf CD eingespielt und sie in Konzerten dem Publikum nahe gebracht. Als musikalische Gäste für die diesjährige Festivalausgabe in Kassel – in der Clara Schumanns Werken mit anderen Kompositionen sinnfällig verkoppelt werden – sind u.a. das Henschel Quartett, der Bariton Benjamin Appl, der Schauspieler und Rezitator Christian Brückner und das Morgenstern-Trio eingeladen.
Das Festival-Programm und weitere Informationen gibt es auf www.konzertverein-kassel.de.

(Foto von Ragna Schirmer: Maike Helbig)


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