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15. — 21. Mai 2021

Auf Forschungsreise


Die Pandemie hat uns gelehrt, dass Wissenschaft für das gesellschaftliche Miteinander eine – Achtung, Wortspiel! – elementare Rolle spielen kann. Das Württembergische Kammerorchester Heilbronn hat nun mit seinem Chefdirigenten Case Scaglione und Ludwig van Beethovens Streichquartett op. 131 eine Forschungsreise unternommen. Und in diesem Fall ist nicht das historisch-informierte Wühlen und Graben in Quellen und Archiven gemeint. Unter dem Titel „Science meets Classic“ spielte das Orchester jüngst in Deutschlands größtem Science-Center, in Heilbronn. Was erhofft man sich von einem solchen Brückenschlag der Musik zu den Naturwissenschaften? Nun, zunächst einmal unterstreicht man die Gemeinsamkeiten. Anknüpfungspunkte gibt es freilich einige, denken wir etwa an Pythagoras und die mathematische Berechnung von Intervallen und Stimmungen. Oder an die septem artes liberabes, die sieben freien Künsten der Antike, in denen die Musik im Trivium neben Arithmetik, Geometrie und Astronomie einen prominenten Rang einnahm. Dass Musik bei aller Emotionalität und Unbeschreiblichkeit sehr wohl berechnet sein kann, steht außer Frage. Selbst der Freigeist Beethoven gab bekanntlich viel auf das verlässliche Ticken des Metronoms. Als letzten, ultimativen Pfeil hat dieses Konzertprojekt noch die Begeisterung für das Besondere im Köcher. Und was ist dagegen schon einzuwenden? Die Videoproduktion des Württembergischen Kammerorchesters ist bei YouTube kostenfrei abrufbar.

(Fotos: experimenta gGmbH)




08. — 14. Mai 2021

Der König tanzt


Als gesellschaftliche Events rauschten Opern am Hofe Ludwig XIV. in Versailles über die Bühne. Schließlich war der „Sonnenkönig“ selbst ein begnadeter Tänzer, und so spielen in der französischen Barockoper gerade die Tanzeinlagen, die sogenannten Divertissements, eine wesentliche Rolle. Wer heute ein Stück dieses Repertoires inszeniert, fragt sich sogleich, ob unsere Zeit ein Äquivalent zu solchen Feierlichkeiten bereithält. Eine Streaming-Premiere im Lockdown ist es jedenfalls nicht. Lorenzo Fioroni hat sich am Mannheimer Nationaltheater nun dafür entschieden, das barocke Fest nicht einfach nachzubilden (mit barocker Kulissenbühne und passenden Kostümen), sondern es in seiner Inszenierung selbst zum Thema zu machen. So beginnt Jean-Philippe Rameaus „Hippolyte et Aricie“ denn auch nicht mit Musik, sondern mit einem ausladenden, die Meta-Ebene bespielenden Prolog. Darüber hinaus stürmen bald aus der Jetztzeit gefallene Revolutionäre die Bühne. Es ist also viel passiert, bevor sich überhaupt die Ouvertüre erhebt. Gerade dieses Spiel mit Brüchen und Zeiten macht den vorab aufgezeichneten Abend zu einem überaus unterhaltsamen und kurzweiligen, zumal der Regisseur schöne und starke Bilder voller Anachronismen für die Geschichte findet, selbst wenn diese eher in den Hintergrund rückt. Dafür trumpft das Nationaltheater-Orchester unter der Leitung des Alte-Musik-Experten Bernhard Forck von der Akademie für Alte Musik Berlin etwa mit historischem Instrumentarium (der einem Dudelsack ähnelnden Musette) und schwebenden Barockklängen auf. Getanzt wird natürlich auch. So bereitet moderne Barockoper viel Freude!

(Fotos: Christian Kleiner)




01. — 07. Mai 2021

Krone richten


Die Ampel ist umgesprungen, von Gelb auf Rot. Bis kürzlich spielte man am Saarländischen Staatstheater in Saarbrücken tatsächlich Oper vor Publikum. Nun wurde das Modellprojekt von Ministerpräsident Tobias Hans, auch wenn es für das Theater sein Gutes hatte, bekanntlich kritisch beäugt und am Ende wunderte es denn auch kaum mehr, dass die zwei Wochen andauernde Fast-Normalität mit dem Inkrafttreten des Bundes-Lockdown wieder passé ist. Bei einer Inzidenz von über 100 müssen auch im Saarland (aktuell 144,7) Kultureinrichtungen nach dem geänderten Infektionsschutzgesetz schließen. Für das Haus ist ein Albtraum. „Wir sind sehr enttäuscht, dass die Kultur im Rahmen der Änderung des Infektionsschutzgesetztes bei der Bundespolitik erneut einen solch katastrophalen Stellenwert einnimmt“, sagt der Generalintendant Bodo Busse. Tatsächlich fühlte man sich im Publikum – nachweislich mit Schnelltest, Mund-Nase-Schutz und auf Abstand platziert – durchaus sicherer als etwa beim alltäglichen Einkauf im Supermarkt. Was nicht bedeuten soll, dass dieser jüngste Schritt vermeidbar gewesen wäre. Immerhin: Seit dem 8. April spielte man in Saarbrücken Theater und Oper für insgesamt 2200 Besucher und bot ein reizvolles Programm. Besonders ins Auge stach die deutsche Erstaufführung von Pascal Dusapins Shakespeare-Oper „Macbeth Underworld“, die Regisseur Lorenzo Fioroni in eine düstere, vom Zerfall geprägt Atmosphäre tauchte. Bei seiner Uraufführung 2019 hatte das Werk des zeitgenössischen Komponisten in Brüssel mächtig Eindruck hinterlassen, und auch diese Inszenierung überzeugt. Wann das Haus wieder öffnen kann, ist nicht klar. Derweil schließen die Theater auch in Leipzig, Köln, Bonn und Wuppertal, in Hamburg soll Ende Mai wieder gespielt werden. An Meldungen dieser Art hat man sich mittlerweile leider gewöhnt.

(Fotos: Martin Kaufhold)




24. — 30. April 2021

Irdische Erlösung


Vor genau fünf Jahren verstörte der für seine radikalen Konzepte berüchtigte Theatermacher Romeo Castellucci mit seiner Inszenierung von Johann Sebastian Bachs Matthäus-Passion in den Hamburger Deichtorhallen, denn er versagte dem nach läuternder Passions-Erfahrung dürstenden Publikum konsequent jede Form von Transzendenz-Angebot. In aseptischem White-Cube-Ambiente zerlegte er Bachs Passion in 18 postdramatische Installationen und Performances, die bewusst prosaisch, unfeierlich und dennoch unangenehm authentisch wirkten. Castellucci suchte nicht die größtmögliche Nähe zum biblischen Passionsgeschehen, sondern zeigte aus der Vogelperspektive heutige kleine und große Passionen und ließ damit das Biblische und das Alltägliche auf irritierende Weise in eins fallen.

Einen ähnlichen, sich strikt jeder Art von Transzendenz scheinbar verweigernden Ansatz wählt nun Kirill Serebrennikow für seine Wiener Neuinszenierung von Richard Wagners „Parsifal“, der nicht zufällig gern auch als Matthäuspassion für Wagnerianer bezeichnet und vorzugsweise am Karfreitag gegeben wird. Bis heute ringt die „Parsifal“-Rezeption mit den pseudoreligiösen Aspekten dieses Werks, dabei hatte Wagner selbst doch in einem Brief an Mathilde Wesendonck bekannt, Parsifal werde „eine grundböse Arbeit“.

Kirill Serebrennikow, der nach wie vor Russland nicht verlassen darf und auch für sein Debüt an der Wiener Staatsoper nur per Video inszenieren konnte, verlegt die Handlung durchgehend in einen düsteren, russischen Knast der Gegenwart. Die Insassen sind allesamt schwere Jungs, kahlköpfig, bepackt mit dicken Muskeln und übersät von Tattoos lungern sie herum, löffeln aus Blechnäpfen, starren durch Gitterstäbe, drücken Gewichte, dumpfe Gewalt schwelt allgegenwärtig und bricht immer wieder hervor. Über der tristen Bühne flimmern über drei Leinwände – angeordnet wie ein Triptychon-Altar – endzeitliche Schwarz-Weiß-Filme à la Tarkowski mit winterlichen Landschaften, Kirchenruinen und einsamen Wanderern. Als einer der grau gewandeten Insassen gibt sich der offenbar privilegierte Gurnemanz zu erkennen, der als Tätowierer fungiert und den Männern mythische Motive auf Rücken und Bizeps verpasst, ihnen also Symbole gleichsam einschreibt.

Den Titelhelden spaltet Serebrennikow in zwei Akteure auf, was sich schon im Vorspiel andeutet, wenn sich das auf die Leinwand projizierte Gesicht des reifen Jonas Kaufmann via Morphing langsam zum jugendlich-ephebenhaften Antlitz des Schauspielers Nikolay Sidorenko verjüngt. Über weite Strecken betrachtet der gereifte Parsifal in Gestalt des singenden Jonas Kaufmann die Szene passiv von außen, denn er bleibt auf der durch eine Stufe vom Knast-Geschehen abgetrennten Vorbühne, während Nikolay Sidorenko den „reinen Tor“ mit maximaler Intensität vom gewaltbereit-törichten, eitlen und pubertierend instabilen Schönling zum Mitleidenden reifen lässt. Serebrennikow erzählt das Geschehen also in der Rückschau und hält sich mit den zahlreichen szenischen Problemen des Stoffs, vom Gral über die Verwandlungen, Klingsors Speer bis hin zu den sirenenhaften Blumenmädchen nicht weiter auf, oder lässt sie gar unbeachtet. Ein metallener Grals-Pokal etwa wird kurzerhand aus einem Jutesack hervorgekramt wie ein billiges Spielzeug, die Blumenmädchen sind Angestellte in der Redaktion eines Hochglanz-Magazins, für das auch die „Urteufelin“ Kundry als Journalistin arbeitet, im Knast die Häftlinge fotografiert und großzügig Drogen und Medikamente verteilt. Klingsor ist ein schmieriger Yellow-Press-Chefredakteur, den Kundry als kühle #MeToo-Rächerin kurzerhand abknallt. Und die Erlösung ist in diesem sehr irdischen „Parsifal“ eine sehr einfache: Wenn Parsifal „öffnet den Schrein!“ singt, öffnen sich schlicht und – zugegeben eher wenig ergreifend – die Gefängnistüren. Wie in Ludwig van Beethovens „Fidelio“ zögern die Insassen zunächst und blinzeln scheu. Erlösung, das ist für Kirill Serebrennikow – und natürlich denkt man unwillkürlich die persönliche Situation des Regisseurs mit und noch aktueller die des russischen Oppositionspolitikers Alexej Nawalny – nichts anderes als die Freiheit. Ganz irdisch.

Nicht nur aufgrund dieser Assoziationen gewinnt Serebrennikows eigenwillig vereinfachende Sicht auf Wagners letztes Werk eine Triftigkeit, die durchaus verschmerzen lässt, dass er sich sowohl einer tieferen Durchdringung als auch der Auseinandersetzung mit den diffizilen Passagen der Handlung und des raunenden Librettos nicht wirklich stellt. Was auch deshalb – zumindest in der gestreamten und mit detailreicher Kamera-Regie abgefilmten Aufführung – zu verschmerzen ist, weil die Wiener Staatsoper neben Jonas Kaufmann in der Titelrolle eine Luxus-Besetzung auffährt: Elina Garanca debütiert als kühl kalkulierende Kundry und zeigt eine selbstbewusste Frau mit eisgrauem Haar, gezügelter Erotik und lyrisch grundiertem Mezzo, der mit dunkel-sonorer Mittellage und hell auflodernden Höhen ganz ohne das übliche Gurren auskommt. Georg Zeppenfeld ist ein derzeit wohl uneinholbarer Gurnemanz mit balsamischem Legato, makellosem Registerausgleich und mustergültiger Diktion. Famos auch der zweite Rollendebütant dieser Produktion: Ludovic Téziers Amfortas imponiert mit superbem Timbre und dramatischer Intensität ohne Anfälle von herausgebellter Quasi-Expression. Wolfang Kochs Klingsor ist angemessen fies, fällt aber stimmlich unmerklich ab. Und Jonas Kaufmann meistert die gefürchtete Titelpartie souverän, teils mit nicht unbeträchtlichem Kraftaufwand, aber hoch differenziert und beglaubigt Serebrennikows Regiekonzept mit lückenloser darstellerischer Intensität.

Philippe Jordan führt das Wiener Staatsopernorchester, das dank der Wiener Test-Offensive vollzählig und eng beieinander im Graben sitzt mit zügigen Tempi, bleibt vorzugsweise sachlich ohne größere Ausschläge, wirkt im Bestreben, dem Narkotisierenden von Wagners Partitur auszuweichen, teils arg nüchtern und lässt es nur an einer Stelle bei Titurels Totenfeier im dritten Akt richtig krachen. Bleibt die Frage, wie wohl das Wiener Publikum auf diesen Knast-Parsifal reagieren wird?

Regine Müller

(Fotos: Wiener Staatsoper/Michael Pöhn)




17. — 23. April 2021

Reise ins Ungewisse


„Diese Zukunft scheint unwiderruflich verloren, aber ihr Geist verfolgt uns“. Schreibt der Komponist Mauro Lanza über sein Streichquartett, das er für die Wittener Tage für neue Kammermusik komponiert hat. Trotz Pandemie soll die 53. Ausgabe des Festivals stattfinden. Der Glaube an die Kraft des Geistes, der aus undurchführbaren Plänen letztlich doch durchführbare Zukunftsmodelle entwickelt, schreibt das Festival, sei wichtiger denn je. Vom 23. bis 25. April sollten in Witten eigentlich 30 Uraufführungen von Komponisten und Komponistinnen aus 15 Nationen über die Bühne gehen, multimedial und in benachbarte Sparten schielend. Nun sendet und streamt WDR 3 das komplette Festivalwochenende. Wohin die Reise führt, ist Stand heute nicht endgültig klar – das passt aber nur zu diesem Festival, das es sich zur Aufgabe macht, musikalisch unerschlossenes Terrain zu ergründen. Neben dem Streichquartettzyklus von Mauro Lanza steht der französische Komponist Brice Pauset in diesem Jahr im Mittelpunkt, der von Alfred Hitchcocks „Vertigo“ aus dem Thema Schwindel nachgeht und sich zudem mit Tastenmusik präsentiert, etwa einem paradoxen Klavierkonzert. Außerdem wird der Wittener Schwesternpark klangkünstlerisch bespielt (Georg Klein, Georgia Koumara und weitere). Als Interpreten sind unter anderem der Pianist Nicolas Hodges, das Klangforum Wien und das Quatuor Diotima zu hören. Wer sich auf diese Reise ins Ungewisse begeben möchte, kann sich auf der Seite des Festivals über die aktuellen Entwicklungen informieren.

(Fotos v.l.n.r.: Eirini Fountedaki, Verena Chen)




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