Startseite · Bild der Woche

04. — 10. April 2020

Elphi für zu Hause


Noch immer keine Besserung in Sicht: Das Konzertleben steht still, auch im hohen Norden sind kreative Wege nötig, um das Publikum zu erreichen. Mit einem breit aufgestellten Streaming-Programm liefert die Hamburger Elbphilharmonie alternative Live-Erlebnisse für das eigene Wohnzimmer. Hinter dem Hashtag #elphiathome verbergen sich Streams von Konzerten in kleinen Besetzungen sowie Kinderkonzerte und digitale Hausführungen, die über den Facebook-Kanal verbreitet werden. Für die Künstler, etwa die Pianistin Anna Vinnitskaya, führt das zu ungewöhnlichen Situationen. Im eigentlich 2100 Plätze fassenden Großen Saal war sie ganz allein – und spielte für die fernsteuerbaren Kameras Brahms und Schumann. Für sie sei es eine Möglichkeit zu sich zu kommen und Ruhe zu spüren, erzählt Vinnitskaya im Interview, das man begleitend zum Stream auf der Website der Elbphilharmonie lesen kann. Auch an diesem Wochenende bietet #elphiathome wieder Gelegenheiten, das Kulturwahrzeichen besser kennenzulernen, mit Hausführungen am Samstag und Sonntag um 14 Uhr. Am Samstag um 19 Uhr gibt zudem die Sopranistin Katharina Konradi ein Konzert mit ihrem Duopartner Roland Vieweg. Und um 20 Uhr warten Streams aus Partnerhäusern der European Concert Hall Organisation (ECHO) mit einstündigen, aus bestehendem Material zusammengestellten Konzertformaten auf den zu Hause weilenden Klassikliebhaber. Am Samstag zunächst die Wiener Philharmoniker und Christian Thielemann aus dem Wiener Musikverein, am Sonntag dann das London Symphony Orchestra mit Sir Simon Rattle aus der Luxemburger Philharmonie. Auf Klassik muss man trotz Kontaktverbot also glücklicherweise nicht verzichten.

(Foto Elbphilharmonie: Maxim Schulz, Foto Anna Vinnitskaya: Philipp Seliger)




28. März — 03. April 2020

Ein letztes Quak


Dieses Bild führt in die Irre. Denn eigentlich ist der titelgebende Vogel aus Hans Gáls Oper „Die heilige Ente“ gar nicht Star der Vorstellung. Also in gewisser Weise schon, die meiste Zeit jedenfalls wird er von den Protagonisten – dem Kuli Yang, dem Mandarin, dem Koch und anderen – gesucht. Doch dabei bleibt es, dem Publikum zeigt er sich nicht, weder singend noch sprechend. Neben einigen musikalischen und szenischen Spuren ist diese Entenversammlung auf der Bühne also eine Ausnahme. Die Regisseurin Sonja Trebes setzte sie am Theater Heidelberg ins Bild, nachdem die Dramaturgin Ulrike Schumann ihre Leidenschaft für den weitgehend vergessenen Komponisten entdeckt hatte, dessen Werke mit dem Nationalsozialismus verboten wurden. Dabei war Gáls „Spiel mit Göttern und Menschen“ seinerzeit ein großer Erfolg, was man heute durchaus noch nachvollziehen kann. Die Musik, die Dietger Holm vom Pult des Philharmonischen Orchesters aus leitet, kann sich in jedem Fall hören lassen. Auch das Libretto zaubert mit seinen wortverspielten Wendungen dem Publikum schnell ein Lächeln auf die Lippen. In Heidelberg reichte das immerhin für eine witzige und kurzweilige Anfangsviertelstunde in der zwar bisweilen bunten, aber auch etwas braven Inszenierung. Im Ensemble bereitete Carly Owen als Li viel Freude, das Publikum dankte mit reichlich Beifall.

Das Theater Heidelberg bleibt bis zum 30. April geschlossen. Informationen zu den weiteren Entwicklungen unter www.theaterheidelberg.de. Hier ein Gruß des Hauses in Form einer YouTube-Playlist.

(Fotos: Susanne Reichardt)




21. — 27. März 2020

Geisterspiele


Das Corona-Virus beschert der Welt nicht nur einen alle Lebensbereiche umfassenden Ausnahmezustand, sondern auch neue Begriffe: Geisterpremiere ist so einer, der nun die Runde macht. Oder Geisterkonzert. Beides meint Veranstaltungen, die den Ernstfall Premiere oder Konzert simulieren. Denn sie finden zwar statt, verfehlen aber – allerdings mit Absicht – ihren eigentlichen Sinn. Nämlich am Ort des Geschehens ihr leibhaftig anwesendes Publikum zu erreichen. Zwei dieser Geisterpremieren gingen nun am vergangenen Wochenende in Dortmund und Krefeld über die Bühne. Die erste in Dortmund nur vor einer kleinen Presse-Abordnung, die zweite in Krefeld ebenfalls vor der Presse, aber immerhin noch für ein Publikum, das der Aufführung im Live-Stream über den YouTube-Kanal des Theaters folgen konnte. Aber warum veranstalten Opernhäuser Premieren vor leeren Reihen?

Musiktheater ist eine Kunstform, in der sehr vieles zusammenfinden muss: Regie, Bühnenbild, Licht, Kostüme, Chor, Orchester, Solisten und Dirigent – sie alle müssen am Ende an einem Strang ziehen. Nach der Bauprobe, die meist bereits ein Jahr vor der Premiere stattfindet, gehen die Werkstätten an die Arbeit, der szenische Probenprozess setzt etwa sechs Wochen vor der ersten Aufführung ein. Während der Endproben läuft das Theater dann in allen Abteilungen auf Höchstleistung und für die letzten Proben gilt: Ende offen!

In vielen Theatern in NRW standen nun Premieren gerade unmittelbar bevor, als wegen der Corona-Gefahr die Schließung aller Veranstaltungsstätten verordnet wurde. Was nun? Kurz vor der Ziellinie den gewaltigen Produktionsprozess einfach abwürgen? In Dortmund und Krefeld haben die Theaterleitungen entschieden, am vergangenen Wochenende ihre Premieren dennoch durchzuziehen. Ohne Publikum, nur die Kritiker durften hinein.





Spott, Ironie und Retro-Charme





In Dortmund ist die Produktion der selten gespielten Oper „Die Stumme von Portici“ von Daniel-François-Esprit Auber ein besonders ambitioniertes Projekt, denn das Werk soll ein Teil jenes musikalischen Kontextes sein, in den das Haus die kommende prestigeträchtige Inszenierung von Richard Wagners „Ring“ einbetten will. Außerdem inszeniert der Regie-Altmeister Peter Konwitschny, was dafür gesorgt hat, dass sich zur Premiere Pressevertreter aus der ganzen Republik angesagt hatten. Auch das ist ein Grund, warum sich nun am Tag der wegen Corona abgesagten Premiere doch die Türen des Bühneneingangs für die teils von weit angereisten etwa 26 Kolleginnen und Kollegen öffnen. In einer seltsamen Atmosphäre zwischen legerer Probenstimmung und dem Flüsterton vor einer „echten“ Aufführung sucht die Presse sich locker verteilt Plätze im Parkett. Wie vergessen thront das verwaiste Regiepult noch in der Mitte des Raumes. Peter Konwitschny sitzt zwei Reihen davor, halb noch in der Eingriffshaltung der Endproben, halb ohnmächtiger Premierengast.

Konwitschny stattet die Revolutionsoper mit einer psychoanalytisch inspirierten Rahmenhandlung aus, die das Kuriosum, dass die Titelheldin dieser Oper stumm ist, mit einer kindlichen Missbrauchs-Traumatisierung erklärt. Bettina Bartz hat Teile des französischen Librettos in ein teils schnoddrig aktuelles Deutsch übersetzt, Konwitschny versieht Aubers Revolutionspathos mit sarkastischem Spott und ironisch präsentiertem Retro-Charme und lässt wie in einer Kirmesbude die Pappköpfe von Revolutionsikonen wie Rosa Luxemburg, Che Guevara und Martin Luther King erschießen.

In der Pause erläutert der Dortmunder Intendant Heribert Germeshausen, warum er auf dieser Geisterpremiere besteht: „Eine Premiere ist der Abschuss eines künstlerischen Prozesses, und der wäre einfach unterbrochen, wenn es diesen Abend nicht geben würde.“

Tatsächlich wird an diesem Abend nichts markiert, sondern der Ernstfall Premiere durchgespielt, ohne Unterbrechung, mit vollem Stimmeinsatz und sogar mit komplett durchinszeniertem Schlussapplaus.





Not macht erfinderisch





Zwei Tage später am Theater Krefeld zur Geisterpremiere von Antonín Dvořáks Märchenoper „Rusalka“ in der Regie von Ansgar Weigner dürfen die Journalisten nur oben im Rang Platz nehmen und werden nun auch schon angewiesen, auf gebührenden Abstand zu achten. Im Parkett arbeitet ein vierköpfiges Kamerateam, das die Aufführung live im theatereigenen YouTube-Kanal streamt. Auch Andreas Wendholz, dem Operndirektor des Theaters Krefeld-Mönchengladbach geht es um den Abschluss des Probenprozesses: „Und darum, dass wir dann sofort starten können mit einem fertigen Produkt, wenn wir – wann auch immer – endlich wieder spielen können. Sonst würde es eine verzögerte Geburt.“ Die Möglichkeit des Live-Streamings habe sich kurzfristig ergeben, „wir haben glücklicherweise ein Team gefunden, das sehr schnell reagiert hat.“ Das Theater hat mit dem Streamen ganzer Vorstellungen noch keinerlei Erfahrung. Aber Not macht eben erfinderisch. Auch in Krefeld läuft alles perfekt ab, keine Pannen, keine Unterbrechungen. Auch hier deutet Regisseur Ansgar Weigner Dvořáks Märchenoper psychoanalytisch und macht aus der Geschichte der Nixe Rusalka, die von Wassermännern und Hexen handelt, die Geschichte einer dysfunktionalen Familie. Die Titelheldin ist eine kränkliche, zugleich überbehütete und missbrauchte Tochter, die Handlung wird zum Drama einer verhinderten Emanzipation. Eine gewagte, aber schlüssige Deutung und auch musikalisch eine erstklassige Vorstellung. Aber die gähnende Leere ist bedrückend. Immerhin: Der Live-Stream wurde 800 Mal aktiviert. Exakt so viele Plätze zählt das Krefelder Theater. Allerdings darf man annehmen, dass viele nicht alleine an ihren Endgeräten saßen.

Regine Müller

(Fotos Dortmund, BdW+Galerie 1-2: Thomas Jauk, Stage Picture)

(Fotos Krefeld, Galerie 3-4: Matthias Stutte)




14. — 20. März 2020

Vor leeren Rängen


Jeden Tag gleich mehrere neue Meldungen: die Staatsoper Unter den Linden, die Salzburger Festspiele, die Berliner Philharmoniker. Der Klassikbetrieb leidet enorm unter der Verbreitung des Coronavirus, immer mehr Veranstaltungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz müssen abgesagt werden. Auch wenn für die kommenden Wochen und Monate zunächst keine Besserung in Sicht ist, arbeiten Veranstalter und Künstler an Möglichkeiten. Igor Levit etwa übertrug sein Hauskonzert via Twitter in die Welt. Ist Streaming also die beste Alternative? Die Berliner Staatsoper Unter den Linden wird Georges Bizets „Carmen“ am Donnerstag ohne Saalpublikum spielen. Über den kostenfreien Livestream können Interessierte mit dem nötigen Sicherheitsabstand trotzdem dabei sein. Die Berliner Philharmoniker, mit ihrer Digital Concert Hall führend im Streamingsegment, stellen ihr Angebot in Zeiten der Corona-Krise ebenfalls kostenfrei zur Verfügung. Mit dem Code BERLINPHIL können 30 Tage lang Konzerte und Filme abgerufen werden. Auch die Bayerische Staatsoper setzt auf ihren Streamingdienst Staatsoper.TV. Es sind nur einige Beispiele dafür, wie Veranstalter in dieser schwierigen Zeit reagieren können. Die digitale Übertragung von Konzerten nahm in den vergangenen Jahren stetig zu. Hierin scheint nun eine Chance zu liegen, den Klassikbetrieb zumindest in einer Minimalform am Laufen zu halten. Klar ist jedoch auch: Abgesagte Festivals bringt das erst einmal nicht zurück, der finanzielle Schaden wird enorm sein. Und wie sich die Lage weiterentwickelt, kann bei den täglichen Veränderungen kaum vorhergesehen werden.

(Foto: Staatsoper Unter den Linden/Marcus Ebener)




07. — 13. März 2020

Behauptete Gegenwart


Im Beethoven-Jahr steht auch seine einzige Oper „Fidelio“ zur Debatte und gehäuft auf den Spielplänen der wichtigen Opernhäuser. Sonst ist Ludwig van Beethovens Schmerzenskind mit den vier Ouvertüren, drei Fassungen, den gescholtenen Dialogen und der holperigen Dramaturgie allerdings nicht gerade ein Liebling des Repertoires. Zu groß sind die Schwächen in der Konzeption, nahezu unheilbar auch die Brüche zwischen den betulichen Spieloper-Genreszenen des ersten Teils und dem heroischen Pathos des zweiten Teils. Mit anderen Worten: „Fidelio“ stellt Regisseure vor größte Probleme.

Mit Tobias Kratzer hat man am Royal Opera House Covent Garden in London nun einen eigentlich furchtlosen Regisseur engagiert, der im vergangenen Jahr in Bayreuth auf dem Grünen Hügel mit sprühenden Ideen Richard Wagners „Tannhäuser“ mit Drag Queen und Oskar-Matzerath-Lookalike herrlich selbstironisch dekonstruierte. Wer sich so produktiv mit Wagner anlegt, dem müsste auch zu Beethovens schwieriger Oper etwas einfallen, sollte man meinen. Um es vorwegzunehmen: Es fällt ihm etwas ein, aber viel zu wenig. Kratzer kapituliert vor der Spieloper und weiß sich nicht anders zu helfen, als sie mehr oder weniger präzis nachzuerzählen, und das auch noch in der abgestandenen Bühnenästhetik des mittleren 20. Jahrhunderts.

Bevor es losgeht, ist auf dem großen Vorhang von Covent Garden ein Live-Video projiziert, das den Zuschauerraum spiegelt. Die Zuschauer sehen also sich selbst, manche glauben das nicht und fangen an zu winken, um sich im Video zu entdecken. Über dem Video prangen auf dem Vorhang die Worte: „Liberté, Égalité, Fraternité“, die Parole der französischen Revolution. Dann geht der Vorhang hoch und gibt den Blick frei auf einen mit naturalistischen Details gespickten grauen Gefängnishof (Bühne: Rainer Sellmaier). Kratzer verlegt die Handlung in die Zeit des Terrors nach dem Ausbruch der französischen Revolution, auf dem Hof laufen aufgescheucht Leute durcheinander, hinter einer Mauer sind offenbar Köpfe gerollt, die von zotteligem Personal feixend in Körben hereingetragen werden, derweil die zu den Geköpften dazugehörigen Frauen dezentes Entsetzen äußern. Dann folgen die ersten Opernszenen, das umständliche Duett zwischen Marzelline und Jaquino läuft vorschriftsgemäß und überraschungsfrei ab, überwiegend gestaltet mit der Körpersprache und den Verhaltensklischees einer vergangenen Opernzeit. Das ändert sich auch wenig, wenn Leonore alias Fidelio auftritt, dann auch Rocco, der Gefängniswärter, der sich um die ökonomisch sinnvolle Verehelichung seiner Tochter Marzelline sorgt. Ein bisschen mehr Schwung kommt in die immer noch ungebrochen nostalgisch bebilderte Sache erst, als der Bösewicht Pizarro die Szene entert. Da kommt auch Antonio Pappano am Pult des Royal Opera House Orchestras endlich in Schwung, der bisher wenig Biss zeigte und ziemlich pauschal blieb. In der großen Chorszene am Ende des ersten Teils kommt dann noch ein veritables Pferd auf die Bühne, bevor man etwas ratlos in die Pause geht.





Das Drama naht





Nun gut, es ist ja fast in allen „Fidelio“-Aufführungen so, dass man erleichtert ist, wenn der Biedermeier-Teil abgehakt ist und das Drama naht. Zumal der zweite Teil nicht nur bereits mit dem Vorspiel eine ganz andere Dimension öffnet, er bietet auch endlich den von allen Beteiligten gespannt erwarteten Auftritt jenes Florestan, um den es die ganze Zeit geht und der nicht selten in Gestalt des ihn darstellenden Tenors ein Star ist. Und der sich mit dem gefürchteten „Gott! Welch Dunkel hier“ ziemlich unbarmherzig exponieren muss. Jonas Kaufmann ist in London Florestan, in der Premiere ließ er sich erkältet ansagen, in der zweiten Vorstellung scheint er genesen.

Die Bühne ist nun leer, vor einer kalten weißen Wand mit klassizistischer Tür sitzt eine heutig und vorwiegend schwarz gekleidete Menschenmenge im Halbkreis, in ihrer Mitte eine Art felsige Insel, auf der der langhaarige Florestan angekettet liegt. Auf der weißen Wand flimmern Close-ups Einzelner aus der Menge, die das Geschehen mehr oder weniger bewegt verfolgen, aber wie Kinogänger Voyeure bleiben, auch mal einen Keks verzehren und einen Schluck aus der Wasserflasche nehmen. Rocco und Leonore tragen weiterhin ihre Kostüme des 18. Jahrhunderts und als die Situation zwischen der bald enttarnten Leonore, Florestan, Rocco und dem Bösewicht Pizarro im Kerker schließlich eskaliert, fällt plötzlich ein erlösender Schuss, der Pizarro trifft. Diesen Schuss feuert sozusagen die Trompete ab, die die Ankunft des Deus ex machina Don Fernando ankündigt. Und zwar in Gestalt der Marzelline, die im zweiten Teil eigentlich gar nichts mehr zu tun hat und bei Kratzer mit Pistole und Trompete deutlich aufgewertet wird. In der finalen Szene wendet sich dann scheinbar noch alles zum Guten, wenn die Kinobesucher – der Chor – endlich aus ihrer Passivität aufschrecken und das Militär entwaffnen. Und wenn Don Fernando sich als heutiger Mensch aus der Menge schält.

Kratzers Konzept bleibt insgesamt jedoch seltsam defensiv und harmlos, den Biedermeier-Teil des Werks geht er gar nicht an, es sei denn, man wolle diese Passivität als Parodie werten. Passend zum mangelnden Schwung des Konzepts will auch die musikalische Seite des Projekts nicht richtig Funken schlagen. Pappano schlägt insgesamt zu maßvolle Töne an, auch klappert es in der Balance zwischen Graben und Bühne. Jonas Kaufmann singt souverän und scheint wieder im Vollbesitz seiner stimmlichen Kräfte, er spielt auch überzeugend und das bronzene Timbre seiner Stimme fasziniert nach wie vor. Publikumsliebling aber ist die ihn an Statur überragende Lise Davidsen, die ihre Leonoren-Partie mit durchdringendem Sopran-Strahl hochdramatisch anlegt. Davidsens Stimme besitzt viel gesundes Metall und kernige Substanz, aber es fehlen weiche Töne, Nuancen und Schmelz. Amanda Forsythe ist eine ziemlich soubrettige Marzelline, von der man sich mehr lyrisches Legato wünschen würde, Georg Zeppenfeld ist ein sonorer, von der Regie recht eindimensional gezeichneter Rocco, Simon Neal ein stimmlich furioser Don Pizarro, von Kratzer als Robespierre-Wiedergänger gezeigt. Großer Applaus im ausverkauften Haus. Bei den Live-Kinoübertragungen ab 17.3. sieht man ja noch unter Umständen Feinheiten der Regie, die für das Opernhaus-Publikum unsichtbar bleiben.

Von Regine Müller

(Fotos: ROH 2020 Photographed by Bill Cooper)




« zurück 129/129 weiter »





Top