Startseite · Bild der Woche

18. — 24. Januar 2020

Altmeisterlich befriedet

Was darf man sich wohl unter einer „Logistik-Oper“ vorstellen? Als solche bezeichnet das Kreativ-Team um Marc Sinan (Komposition), Tobias Rausch (Idee und Texte) und Konrad Kästner (Video und Regie) das Musiktheater mit dem vielversprechenden Titel „Chaosmos“, das den Start der neuen Initiative „NOperas!“ des Fonds Experimentelles Musiktheater markiert, der für drei Spielzeiten nun die drei Opernhäuser Wuppertal, Halle und Bremen angeschlossen sind. Das bedeutet in der Praxis, dass die Wuppertaler Uraufführung von „Chaosmos“ in jeweils modifizierter Form danach sowohl in Halle als auch in Bremen gezeigt wird. Auch, um damit das übliche Schicksal von Opern-Uraufführungen zumindest zu vertagen, die sonst nach wenigen Vorstellungen für immer von den Spielplänen verschwinden.
Einmal mehr verspricht die Logistik-Oper eine „interaktive“ Versuchsanordnung, bei der das Publikum aktiv an der Gestaltung, sogar an der musikalischen Form des Ereignisses beteiligt sein soll. „Interaktiv“ oder auch „immersiv“ sind derzeit beliebte Label im Feld experimenteller Theaterprojekte, sie garantieren offenbar entsprechend etikettierte Fördergelder, aber nicht selten ist wenig oder keine echte Interaktion drin, wo „interaktiv“ draufsteht. Wie nun auch hier in Wuppertal. Damit die angekündigte Interaktion zumindest simuliert wird, sitzt das Publikum zu „Chaosmos“ auf der Bühne und umrahmt in drei Blöcken hautnah das Geschehen, während an der Seite zum Zuschauerraum vor dem geschlossenen eisernen Vorhang das Instrumentalensemble sitzt. Betritt man die Bühne, bekommt man von einem Statisten im Blaumann eine Mappe in die Hand gedrückt, auf die eine Buchstaben-Zahlen-Kombination aufgeklebt ist. In der Mappe befinden sich die Noten für die Aufführung, die Mappe muss nun eigenhändig in einem Regal ins richtige Fach einsortiert werden. Die Reihenfolge der Mappen in den Fächern soll dann die Reihenfolge der musikalischen Material-Partikel ergeben, die laut Beipackzettel aus Originalkompositionen (von Marc Sinan), traditionellem Repertoire und freier Improvisation bestehen. Diese einmalige Sortiertätigkeit seitens des Publikums ist die gepriesene „Interaktion.“ Nun ja.

Vom Zufall geordnet

Diese wohl vom Zufall geordnete Partitur muss ohne Dirigenten funktionieren, im Programmheft ist von einer DJ-Software die Rede, die den Fortgang und Zusammenhang der Musikspur organisiert. Mag sein, dass wirklich an jedem Abend eine andere musikalische Reihenfolge, ja sogar jedes Mal ein neues Stück entsteht. Tatsächlich scheint das unerheblich, weil das musikalische Material so kleinteilig fragmentiert ausfällt, dass jede Neukombination allenfalls eine geringe Varianz ergeben dürfte, aber kaum neue Wendungen bereithalten kann. Und felsenfest dürfte ohne jede Interaktion stehen, dass am Ende des Abends gut erkennbares Material aus Johann Sebastian Bachs „Kunst der Fuge“ erklingt und den ja durch seinen Titel „Chaosmos“ der Planlosigkeit verpflichteten Abend in schon bald altväterlicher Weise befriedet.
Es gibt eine Rahmenhandlung, die in einem Logistikzentrum spielt: Dort hantieren zwei Schauspielerinnen (Rike Schuberty und Annemie Twardawa) als Joe und Jay mithilfe von Gabelstapler und Barcode-Scanner mit Kartons, die unablässig über Paketrutschen auf die Bühne purzeln, in einer Endlosschleife zwischen Aufsammeln, Sortieren, Scannen, ins Regal packen. Die eine ordnet, die andere bringt durcheinander. Auf der Videowand hinter dem Orchester sind sinnfällige Texte zum Wahnsinn des Online-Versandhandels zu lesen, wie etwa: „Dein Wille wird kommissioniert und hinterlässt eine Pheromon-Spur durch das Weltenlager.“ Bald schon kommt aber das System der geregelten Lager-Abläufe aus dem Takt, die Kartons türmen sich, das Woher und Wohin der Ware gerät ins Trudeln und Jay und Joe fragen aufgeregt nach dem Verbleib des „Zentralplans“.

Die Geburt der Globalisierung

In diese Rahmenhandlung sind drei Exkurse eingeflochten. Der erste erzählt von Carl von Linné, der als Erfinder der binären Systematik der Natur gilt und mit zwanghafter Besessenheit versuchte, im „binären Saustall“ der Welt Ordnung zu schaffen. Sexuell derbe Texte und Zeichnungen werden dazu auf die Leinwand projiziert. Es folgen Betrachtungen zur Vermessung der Welt nach westlicher Logik und Ordnungs-Sucht in der Kolonialzeit, als Portugal und Deutschland eine gemeinsame Grenze hatten. Der letzte Exkurs schließlich thematisiert den tatsächlich hochinteressanten Zusammenhang, der zwischen dem Vietnamkrieg und der Erfindung der Container-Logistik besteht: Im Jahr 1967 bot der amerikanische Transport-Unternehmer Malcolm McLean dem US-Militär an, das Nachschub-Chaos im Hafen von Da Nang zu beseitigen, schickte erstmals ein Schiff mit Seecontainern über den Pazifik und nahm auf der Rückfahrt Waren aus Japan an Bord für den Weg in die USA. Das war die Geburtsstunde der Epoche der Globalisierung und der Containerlogistik. Was einmal mehr die alte Wahrheit unterstreicht, dass der Krieg der Vater aller Dinge ist. All das spielt sich mehr oder weniger ausschließlich auf der Videowand ab, die Szene auf der Bühne steht dazu überwiegend still, abgesehen davon, dass die vier Sängerinnen und Sänger (Wendy Krikken, Iris Marie Sojer, Adam Temple-Smith und Imothy Edlin) – im Programmheft wird das Quartett als „Das System“ bezeichnet – auf der Bühne jeweils in einer Ecke positioniert in starrer Pose am Notenpult verharrend ihre repetierenden Phrasen singen.
Das alles ist präzis einstudiert und musikalisch famos ausgeführt. Es gibt durchaus erhellende und originelle Momente an diesem Abend, der aber streckenweise durchhängt in der Binnenspannung und dessen dokumentarischer Eifer szenischen Schwung kaum aufkommen lässt. Straffungen könnten in den kommenden Versionen angebracht sein.

Regine Müller

(Fotos: Jens Grossmann)


11. — 17. Januar 2020

Durch die Lüfte

Ultraschall, Schall mit Frequenzen außerhalb des für den Menschen hörbaren Spektrums, ist das nicht eigentlich ein paradoxer Name für ein Musikfestival? Nun, allzu wörtlich muss man das ja auch nicht nehmen, und außerdem widmet sich „Ultraschall Berlin“ eben der Neuen Musik, die man sonst nicht zu hören bekommt. Passt also doch ganz gut. Vom 15. bis 19. Januar kommt das Whoʼs who der Neuen-Musik-Szene in die Hauptstadt – zum mittlerweile 22. Mal. Das Festival versteht sich als ein Forum, um Strömungen und Entwicklungen abzubilden und sie in neue Kontexte zu stellen. Es ist eine sehr heterogene Szene, von ganz unterschiedlichen künstlerischen Individuen und Stilen geprägt.
Und so kommen verschiedenste Künstler nach Berlin: Die Geigerin Carolin Widmann zum Beispiel oder die Stimmkünstlerin Maja Ratkje. Johannes Kalitzke und das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin sind zu Gast, genauso wie „œnm“, das österreichische Ensemble für Neue Musik, das sich selbst bildlich im wahrsten Sinne als abgehoben präsentiert. Auch auf Komponistenseite ist Vielfalt gewährleistet: Es erklingt etwa Musik von zeitgenössischen Komponistinnen wie Sofia Gubaidulina, Rebecca Saunders und Elena Mendoza, aber Kurt Weill oder John Lennon tauchen ebenso im Programm auf. Jüngst entstandene Werke in einen musikhistorischen Kontext einzubetten, gehört zum Konzept des Festivals. In diesem Jahr feiern Werke von Clara Iannotta, Sarah Nemtsov, Dai Fujikura und Gordon Kampe Premiere. Zudem gibt es einen ganz aktuellen Aufhänger: Kaj Duncan David und Thomas Fiedler setzen sich in ihrem Musiktheater „Also sprach Golem“ mit den Herausforderungen auseinander, vor die uns künstliche Intelligenzen stellen. Diese dichten fünf Tage versprechen Herausforderungen und viel neuen Hörstoff
.
Weitere Informationen: ultraschallberlin.de

(Foto: Andreas Hechenberger und Markus Sepperer)


04. — 10. Januar 2020

Grüner wird’s nicht

Historische Stoffe auf aktuelle politische Geschehnisse zu beziehen, das kann funktionieren oder auch nicht. Ludwig van Beethovens „Fidelio“, im Jubiläumsjahr noch mehr als sonst ein Repertoireschlager, bietet als prototypische Befreiungsoper die Aktualität auf dem Silbertablett. In der Oper befreit Leonore, verkleidet als Fidelio, ihren Geliebten Florestan. Befreit, das wird heutzutage natürlich immer noch. Am Bonner Opernhaus bezieht sich Volker Lösch in seiner Inszenierung ganz konkret auf die politische Situation in der Türkei und die dort Inhaftierten. „In der Realität ist die Türkei das aktuelle, europäische Beispiel für einen autokratisch geführten Staat, in dem Regimegegner verhaftet werden und durch eine Willkürjustiz im Gefängnis verschwinden“, sagt Lösch. Allgemein gesprochen geht es um die Frage, was man bereit ist zu tun, um einen geliebten Menschen zu befreien. Konkret setzt sich das Opernhaus Bonn für die Freilassung von Ahmet Altan, Hozan Canê, Gönül Örs, Soydan Akay und Selahattin Demirtaş ein. In dem Stück kommen die Angehörigen zu Wort, auch Dokumentaraufnahmen werden eingespielt. Am Pult steht der Bonner Generalmusikdirektor Dirk Kaftan. Brennend aktuell oder zu konkret politisch? Das können Zuschauer und Zuschauerinnen noch bis zum 27. März 2020 für sich überprüfen. (Fotos: Thilo Beu)


28. Dezember 2019 — 03. Januar 2020

Neu und getreu

Nicht nur optisch, im gelben Kleid, auch stimmlich sticht die Sopranistin Sophie Junker als Alceste aus dieser ungewöhnlichen Opernproduktion hervor. Über Jahre hinweg hatte man es beim Barockfest „Winter in Schwetzingen“ zur Tradition gemacht, mit nahezu wissenschaftlicher Akribie italienische Barockopernraritäten zur Aufführung zu bringen. Nun der Kurswechsel: Mit Georg Caspar Schürmanns „Getreuer Alceste“ wird im Rokokotheater des Schwetzinger Schlosses zum ersten Mal die deutsche Barockoper in den Bühnenmittelpunkt gestellt. Schürmann, heute nahezu vergessen, prägte die Braunschweiger Oper mehr als 50 Jahre lang, auch an der Hamburger Oper am Gänsemarkt wurde seine Fassung des beliebten Alceste-Stoffes gern ins Programm genommen. Selbst wenn Jan Eßingers Regie ein klein wenig beliebig ein Bild an das nächste reiht und die dramatischen Fragezeichen, die schon bei Schürmann über dem Werk schweben, nicht gänzlich aufzulösen vermag, ist der Ansatz dieses Projekts in jedem Fall zu befürworten. Dass mit Christina Pluhar zudem eine kundige Alte-Musik-Kennerin am Pult des Philharmonischen Orchesters Heidelberg steht (und damit zum ersten Mal für eine Opernproduktion vor ein modernes Orchester tritt), bringt Schürmanns Stück, durch Raffungen und Zusammenziehungen gefälliger gemacht, musikalisch auf ein gutes Niveau. In jedem Fall darf man gespannt sein, welche Opernkostbarkeit im kommenden Jahr zur Winterzeit in Schwetzingen ausgegraben wird.

„Die getreue Alceste“ ist bis zum 31. Januar 2020 beim Barockfest „Winter in Schwetzingen“ zu sehen.

(Fotos: Susanne Reichardt)


21. — 27. Dezember 2019

Neu und getreu

Nicht nur optisch, im gelben Kleid, auch stimmlich sticht die Sopranistin Sophie Junker als Alceste aus dieser ungewöhnlichen Opernproduktion hervor. Über Jahre hinweg hatte man es beim Barockfest „Winter in Schwetzingen“ zur Tradition gemacht, mit nahezu wissenschaftlicher Akribie italienische Barockopernraritäten zur Aufführung zu bringen. Nun der Kurswechsel: Mit Georg Caspar Schürmanns „Getreuer Alceste“ wird im Rokokotheater des Schwetzinger Schlosses zum ersten Mal die deutsche Barockoper in den Bühnenmittelpunkt gestellt. Schürmann, heute nahezu vergessen, prägte die Braunschweiger Oper mehr als 50 Jahre lang, auch an der Hamburger Oper am Gänsemarkt wurde seine Fassung des beliebten Alceste-Stoffes gern ins Programm genommen. Selbst wenn Jan Eßingers Regie ein klein wenig beliebig ein Bild an das nächste reiht und die dramatischen Fragezeichen, die schon bei Schürmann über dem Werk schweben, nicht gänzlich aufzulösen vermag, ist der Ansatz dieses Projekts in jedem Fall zu befürworten. Dass mit Christina Pluhar zudem eine kundige Alte-Musik-Kennerin am Pult des Philharmonischen Orchesters Heidelberg steht (und damit zum ersten Mal für eine Opernproduktion vor ein modernes Orchester tritt), bringt Schürmanns Stück, durch Raffungen und Zusammenziehungen gefälliger gemacht, musikalisch auf ein gutes Niveau. In jedem Fall darf man gespannt sein, welche Opernkostbarkeit im kommenden Jahr zur Winterzeit in Schwetzingen ausgegraben wird.

„Die getreue Alceste“ ist bis zum 31. Januar 2020 beim Barockfest „Winter in Schwetzingen“ zu sehen.

(Fotos: Susanne Reichardt)


« zurück 127/128 weiter »





Top