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15. — 21. August 2020

Sinnsuche im Grünen


Etwa zwanzig Minuten mit der Bimmelbahn geht es vom Festivalzentrum in Davos Platz zum Bahnhof Davos Wiesen. Dort ist der Treffpunkt für die traditionelle Festivalwanderung. Die Sonne steht bereits hoch am Himmel, als sich die Teilnehmer der Wanderung unter dem vielsagenden Motto „Orientierungssinn“ zu Kaffee und stärkenden Gipfeli einfinden. Dabei lauschen alle dem ersten, wie improvisiert wirkenden Konzert: Der Perkussionist Fabian Ziegler produziert mit seinem Colores Trio experimentelle Klänge vor pittoresker Bergkulisse, zufällig Vorbeikommende schauen neugierig, die wanderlustigen Festival-Gäste rühren andächtig in ihren Kaffeetassen. Dann geht es los, aufwärts zum Bärentritt durch wilde Schluchten, entlang an Bächen, durch Wälder und Lichtungen, bis zum nächsten musikalischen Halt auf einer malerischen Bergwiese: Dort dirigiert Andreas Felber eine kleine Abordnung des Davos Festival Chors, es ertönt Volkstümliches a cappella, ein Singbuch wird an alle verteilt, zusammen werden schlichte Kanons und Mehrstimmiges angestimmt, ein mitwandernder Hund fällt manchmal leise jaulend mit ein. Dann geht es steil hinauf durch die Wolfsschlucht, bis sich endlich das saftig grüne Hochplateau des Walserdorfs Wiesen öffnet. Dort wartet ein Mittagessen, gefolgt von einem Rundgang durch den Ort und um 15 Uhr die Uraufführung von „from the noise“ in der Dorfkirche, gespielt von dem fabelhaften Sibja Saxophone Quartet, komponiert von Ensemblemitglied Joan Jordi Oliver.

Das Davos Festival steht in diesem Jahr erstmals unter der Leitung des Intendanten Marco Amherd. Als inhaltliche Klammer hatte er sich bereits vor einem Jahr das Motto „Von Sinnen“ ausgedacht, „dabei habe ich gar keine hellseherischen Fähigkeiten“, wie er bekennt und heute froh ist, dass das Motto so gut zu diesen außergewöhnlichen Corona-Zeiten passt und so viel Spielraum lässt. Amherd ist Organist, Dirigent und Wirtschaftswissenschaftler, er hat ein Faible für ausgeklügelte und gewitzte Programme: „Ich bin jemand, der gerne einen roten Faden spinnt und auch Ungewöhnliches präsentieren möchte, von daher bin ich hier bei diesem jungen Festival genau richtig.“





Labor statt Mainstream





Das Davos Festival ist kein Star-Festival, bei dem sich etablierte Größen des Klassik-Betriebs mit mainstreamigen Programmen die Klinke in die Hand geben. Das 1986 gegründete Festival in der am höchsten gelegenen Stadt Europas, die vor allem für Wintersport und das Weltwirtschaftsforum steht, will dagegen Bühne und Labor sein für aufstrebende Talente, die sich dort in immer neuen kammermusikalischen Formationen mit vor Ort einstudierten Programmen präsentieren.

Die Berliner Pianistin Marlene Heiß tritt am Abend des Wandertags im Konzert „Liebessinn“ im Hotel Schweizerhof als Liedbegleiterin auf und spielt solistisch Alban Bergs Klaviersonate opus 1. Sie ist das erste Mal in Davos: „Zum einen ist es ganz besonders in Davos, weil das für uns alle hier die ersten Auftritte seit Corona sind. Es ist wahnsinnig schön, endlich so intensiv zu proben und zu spielen, es ist wie eine Entschädigung. Und es ist ein sehr junges Festival, sowohl von den Beteiligten her als auch von der Konzeption der Programme, das ist alles sehr pfiffig und abwechslungsreich.“

Die Programme sind in der Tat ungewöhnlich, am Abend vor der Wanderung findet in und um das ikonische Hotel Schatzalp hoch über Davos – Thomas Mann ließ sich von diesem magischen Ort für seinen Roman „Der Zauberberg“ inspirieren – unter dem Titel „Übersinnlich“ ein dreiteiliges Konzert mit kulinarischen Intermezzi statt. Es beginnt im Hotelpark mit Bläser-Ensembles von Samuel Barber und Ludwig van Beethoven, es folgt im Salon ein barocker Programmblock mit Matías Lanz am Cembalo und Alex Jellici an Gambe und Cello, unter anderem mit der musikalischen Schilderung einer Gallenblasenoperation von Marin Marais, bei der Intendant Amherd mit genüsslichem Sadismus auf Französisch die medizinischen Satztitel ansagt. Den Schluss nach spektakulärem Sonnenuntergang über den Berggipfeln macht ein Programm mit Nachtmusiken von Claude Debussy, Gerald Resch, Francis Poulenc und Franz Strauss, Raritäten in auratischer Atmosphäre und in unterschiedlichsten Besetzungen.





Corona als Chance





Das Publikum stammt überwiegend aus der Schweiz, aus dem deutschsprachigen Raum und ist gewöhnt, auch mit Neuer Musik konfrontiert zu werden. „Wir haben ein Publikum mit offenen Ohren“, sagt Amherd.

Lange Zeit war nicht klar, ob das Festival wegen Corona würde stattfinden können. Da aber nur Kammermusik gespielt wird, konnten die Umstände angepasst werden. Anders als bei den Salzburger Festspielen werden in Davos die MusikerInnen nicht regelmäßig getestet, dafür wird zwei Mal am Tag ihre Temperatur gemessen. Amherd hat sich mit Ärzten beraten: „Man hat mir von Tests abgeraten, weil die unter Umständen eine falsche Sicherheit suggerieren.“ Für das Publikum gilt die Maskenempfehlung, die auch durchweg beherzigt wird. Bislang ist alles gutgegangen, alle sind gesund. Der Intendant ist vorsichtig optimistisch: „Ich sehe sogar für uns eine Chance durch Corona. So vieles ist abgesagt worden, Davos ist deshalb ein bisschen mehr ins Zentrum des Interesses gerückt.“

Regine Müller

(Fotos: Davos Festival/Johannes Frigg)




08. — 14. August 2020

Ein Fanal der Hoffnung


Bei der Eröffnungspremiere ist in der Hofstallgasse alles fast wie immer: Neugierige hoffen auf Promis unter den Premierengästen, Kamerateams und Paparazzi suchen bekannte Gesichter, Paare in Abendgarderobe posieren. Aber die Masken erschweren das Erkennen, die obligatorischen Bussis muss man sich ohnehin verkneifen. Der Einlass ist mühsam, denn die Eintrittskarten sind personalisiert, man muss ein Ausweisdokument vorzeigen, sonst kommt man nicht herein in die Felsenreitschule zur Premiere von Richard Straussʼ „Elektra“. Zu Abendroben sehen die Masken seltsam aus, man darf sie erst absetzen, wenn die Türen geschlossen werden und die Vorstellung beginnt.

Die Salzburger Festspiele haben lange hinter den Kulissen um ihren Jubiläumsjahrgang anlässlich des 100. Geburtstags gerungen. Mit eisernem Willen und nach endlosen Verhandlungen mit der Politik, unterstützt vom eigens installierten Expertenbeirat stand im Juni dann tatsächlich ein modifiziertes Gesamt-Programm. Eine organisatorische Herausforderung, denn allein das Kartenbüro musste 180.000 bereits verkaufte Tickets im Wert von 24,5 Millionen Euro rückabwickeln und einen neuen Vorverkauf starten. Statt 200 Vorstellungen an 44 Tagen gibt es im Pandemie-Jahr jetzt immerhin 110 Vorstellungen an 30 Tagen, die Spielstätten wurden reduziert, zwei Opern-Neuproduktionen zwei Uraufführungen im Schauspiel und der unvermeidliche „Jedermann“ stehen auf dem Programm, außerdem 53 Konzerte.

Salzburg platzt in diesem Jahr nicht aus allen Nähten wie sonst zur Festspielzeit. Auf den Bühnen aber ist es so, als gäbe es kein Corona. Keine Abstandsregeln im mit mehr als 110 Musikern besetzten Orchestergraben bei Straussʼ „Elektra“, kein Abstand auf der Bühne bei Mozarts Liebesränke-Oper „Così fan tutte“. Denn alle Mitarbeiter der Festspiele wurden in farblich markierte Gruppen von gelb bis rot eingeteilt, die gelben und orangen müssen Abstand halten und Masken tragen. Die roten aber sind Akteure, die keinen Abstand halten können, sie werden dafür regelmäßig auf das Virus getestet und sind gehalten, unter sich zu bleiben. Sozusagen in Produktionsquarantäne. Ob das funktionieren wird, ist natürlich noch völlig unklar. Begegnet man dem Festival-Intendanten Markus Hinterhäuser, ist ihm die Anspannung der auf ihm lastenden Verantwortung deutlich anzumerken. Wenn aber alles gutgeht, könnte das Festival eine hoffnungsvolle Signalwirkung für den gesamten Kulturbetrieb entwickeln.





Schauer der Überwältigung





Dennoch glückt der Auftakt in der Summe geradezu triumphal. Der unbändige Drang aller, endlich wieder spielen und singen zu können, wird geradezu körperlich spürbar. Wenn Franz Welser-Möst den Taktstock zu den ersten wuchtigen Akkorden von „Elektra“ hebt, geht ein Schauer der Überwältigung durch die Felsenreitschule. Der polnische Regisseur Krysztof Warlikowski bespielt im zeitlos gegenwärtigen Bühnenbild von Malgorzata Szczesniak die gesamte Breite der riesigen Bühne, ein schmales Wasserbecken und ein transparenter Kasten, in dem mysteriöse Nebenhandlungen stattfinden strukturieren den Raum. Warlikowski erzählt die archaische Atriden-Geschichte mit psychoanalytischen Mitteln, lässt den gemordeten Agamemnon als Untoten über die Bühne schlurfen, hantiert mit Filmeinblendungen und allerhand Personal, das in der Partitur nicht vorkommt. Die drei Hauptakteurinnen Elektra (Ausrine Stundyte mit durchschlagskräftigem, dunkel grundiertem Sopran), ihre Schwester Chrysothemis (Asmik Grigorian mit magnetischer Präsenz und lyrischer Emphase) und deren Mutter Klytämnestra (Tanja Ariane Baumgartner mit dramatischer Intensität) führt Warlikowski psychologisch dicht und plausibel. Die Aufführung fesselt insgesamt mit ungeheurer Binnenspannung, die maßgeblich von dem grandiosen Franz Welser-Möst im Graben, seiner hoch differenzierten Strauss-Exegese und den fulminant und gleichsam um ihre Leben spielenden Philharmonikern garantiert wird.





Schönheit, die schmerzt





Als großer Glücksfall erweist sich dann die ungeheuer klug verdichtete Inszenierung von Mozarts auf knapp zweieinhalb Stunden eingekürzter Oper „Cosi fan tutte“ von Christof Loy, der ohne Corona eigentlich „Boris Godunov“ hatte inszenieren sollen. Johannes Leiacker hat eine große, schneeweiße Wand mit zwei Flügeltüren auf die Bühne gewuchtet, die Kostüme des Ensembles sind überwiegend schwarz. Ohne Requisiten arbeitet Loy ausschließlich mit bis in letzte Nuancen präziser Personenregie, nahtlos verzahnt mit Joana Mallwitzʼ – als erste Frau am Pult einer Salzburger Festspieloper! – energischem und zugleich sensibel nachgiebigem Dirigat. Loy kommt auch ganz ohne die üblichen rustikalen Albernheiten aus, die sonst als Begleiterscheinungen der Verkleidungs- und Verwechselungsszenen zu ertragen sind.

Das junge, höchst bewegliche und spielwütige Sängerensemble klingt beglückend homogen und auf agiert auf allerhöchstem Niveau. Ein ideales Mozart-Ensemble, wie es nur sehr selten zu hören ist. Das intellektuelle Zentrum dieser epochalen Aufführung ist Johannes Martin Kränzles Don Alfonso, der hier endlich einmal kein kalter Zyniker ist, sondern ein lebenskluger, mitfühlender Mentor, der den jungen Liebenden ihre schmerzreichen Lektionen nicht ersparen kann. Alles überstrahlt Elsa Dreisigs weicher Jubel-Sopran als Fiordiligi, Marianne Crebassas Dorabella-Mezzo steht ihr wenig nach, Bogdan Volkows Ferrando-Tenor besitzt geschmeidigen Schmelz, Andrè Schuen ist ein feuriger Guglielmo mit kernigem Bariton und Lea Desandre eine abgebrühte Despina. Unendliche Melancholie grundiert diesen Abend, seine Schönheit schmerzt fast. Großes Mozart-Glück entlädt sich schließlich in unbändigem Jubel.

Regine Müller

(Fotos „Cosi fan tutte“: SF/Monika Rittershaus, Fotos „Elektra“: SF/Bernd Uhlig)




01. — 07. August 2020

Ring-Veranstaltung


Eine musikalische Kettenreaktion schlängelt sich durch das leerstehende Bayreuther Festspielhaus. Angelegt hat sie der dänische Komponist und Installationskünstler Simon Steen-Andersen, der sich in der Welt der Videokunst bestens auskennt. „The Loop of the Nibelung“ ist eine faszinierende Reise in die Wagner-Vergangenheit und hinter die Kulissen des Bayreuther Kulturtempels. Mit Musikern, Sängern, Dominosteinen, rollenden Kugeln, aus den Tiefen des Hauses bis hinaus aufs Dach. Mit Projektionen, Archivaufnahmen, Gesprächen, Geräuschen und vielen, vielen überraschenden Elementen. Steen-Andersen spielt mit den Ebenen Realität und Video – Bild und Musik werden, wie in seinen audiovisuellen Arbeiten üblich, eng miteinander verzahnt. In Zeiten, in denen die Bayreuther Festspiele abgesagt werden mussten und das Festspielhaus auf konventionelle Weise folglich nicht bespielt werden kann, ist dieser überaus kreative und Einblicke gewährende Zugriff die wohl bestmögliche Alternative, das Gebäude mit Leben und vor allem mit Musik zu füllen. Zu sehen ist das Video von „The Loop of the Nibelung“ bei BR-Klassik.

(Fotos: David Sünderhauf)




25. — 31. Juli 2020

Wo die Masken fallen


Es ist ein erlösender Moment, als sich in der Konzerthalle die Streicherklänge des Tallinn Chamber Orchestra bei Arvo Pärts „Cantus in Memory of Benjamin Britten“ soghaft verdichten, und nach Monaten der schmerzhaften Entwöhnung endlich wieder ein satter Orchestersound zu hören ist. Vorher schon will man seinen Augen kaum trauen: Die Musiker des Orchesters sitzen ohne gewohnte Corona-Distanz auf der Bühne, im gut besetzten Saal – angeblich nur zu 50 Prozent belegt, aber dem auf Corona geeichten Distanz-Blick scheint es mehr zu sein – trägt niemand eine Maske. Die dauerhaft niedrigen Infektionszahlen in Estland ermöglichen dem baltischen Land bereits seit dem 1. Juni, dass nicht nur auf den Straßen, in den Restaurants und am Strand ein ziemlich normales Bild herrscht, sondern dass nun auch das prosperierende Musikfestival scheinbar so normal stattfindet, als sei Corona ein sehr ferner Albtraum.

Dirigent und Festivalchef Paavo Järvi entert dynamisch das Pult, Arvo Pärts „Cantus“ hat er bewusst an den Anfang gestellt, denn das Werk beginnt mystisch mit einem feinen Glockenschlag über wispernden Streichertremoli, die sich hymnenartig verdichten. In diesem denkwürdigen Moment scheint es, als würden die Glocken endlich eine neue, bessere Zeit einläuten.

Paavo Järvi ist gebürtiger Este und wird als Dirigent weltweit hoch gehandelt, er entstammt einer estnischen Musikerdynastie, sein Vater Neeme gründete vor 50 Jahren das Festival im Seebad Pärnu, damals hieß es noch Oistrach-Festival (weil Oistrach in Pärnu Stammgast war). Seit zehn Jahren steht Paavo Järvi nun dem Festival vor, er ist unter anderem Chef des Tonhalle Orchesters Zürich und der Bremer Kammerphilharmonie. Auch die Järvi-Familie verbrachte stets ihre Sommer in Pärnu, bevor sie 1980 in die USA emigrierte. Das Seebad blieb jedoch ein prägender Sehnsuchtsort der Järvis und so trifft sich der ganze Clan, zu dem noch eine unüberschaubar große Schar von MusikerInnen gehört, jeden Sommer wieder dort. Vater Neeme Järvi steckt ausgerechnet in diesem doppelten Jubiläums-Jahr in Florida fest, wird aber unter stürmischen Sympathie-Bekundungen im überwiegend estnischen Publikum beim Galakonzert am zweiten Festival-Tag per Video zugeschaltet und grüßt sichtlich bewegt und zugleich mit dem verschmitzten Schalk der Järvis nach Pärnu.

Paavo Järvi hatte lange geschwankt, ob er das Festival nicht absagen solle: „Es ging Schritt für Schritt. Wir hörten uns um in der Welt, alle sagten ab und die Dinge verschlimmerten sich. Aber wir hatten trotzdem tägliche Meetings: Was sagt der Gesundheitsminister, wie sind die Prognosen der Regierung?“

Die Dinge entwickelten sich dann überraschend günstig in Estland, zur Festivalzeit soll es nur sechs Infizierte in ganz Estland geben. Die Konzerte und der sonstige Festivalbetrieb mit dem Dirigierkurs und Klassen für Instrumentalisten und Kammermusik laufen scheinbar normal. Tatsächlich aber ist es ein tägliches Ringen mit ständig wechselnden Situationen, erzählt Järvi: „Wir sind ein internationales Festival, die Musiker kommen von überall. Plötzlich hatten wir keine Harfe! Eine unserer liebsten Freundinnen ist Jana Bushkova, die große Harfenistin vom Tschech Philharmonic Orchestra, sie ist immer hier. Aber nun konnte sie nicht kommen, denn ganz kurz vor dem Festival gingen die Zahlen in Tschechien hoch. Dann gingen sie auch Luxemburg, das nie ein Problem war, plötzlich nach oben. Deshalb musste eine Solistin aus Luxemburg nun erst zwei Wochen in Deutschland sein, um herkommen zu dürfen. Denn Deutschland ist erlaubt, Luxemburg nicht. Also, es ist noch immer ein tägliches Glücksspiel.“





Der besonderer Geist von Pärnu





Im Estonian Festival Orchestra sitzen Spitzenmusiker aus der ganzen Welt, die Paavo Järvi selbst rekrutiert. Diesmal eben nur aus „sicheren“ Ländern. Es sind aber auch viele junge Musiker vor Ort, die ein weiteres Orchester bilden, das ständig den Absolventen der Dirigier-Akademie zur Verfügung steht. Darüber hinaus belegen sie Instrumental- oder Kammermusikkurse, alle besuchen nach Möglichkeit auch alle Konzerte, sofern sie nicht selbst auf der Bühne stehen. So geht in Pärnu stets alles ineinander über: Unterrichten, Musizieren, Zuhören, Kurse besuchen, Konzerte und Coachings. Paavo Järvi und sein jüngerer Bruder Kristjan leiten den Dirigierkurs, bei den abendlichen Konzerten steht vor allem Paavo am Pult. Ein ziemlich strammes Pensum, wobei Paavo die permanente Arbeit an der Musik als „den einfachen Teil“ dieser Zeit bezeichnet. „Im Alltag mit einem normalen Orchester geht man nach der Probe nach Hause. Hier aber gehen alle ins Café ‚Passion‘ bis drei Uhr morgens, diskutieren und knüpfen Kontakte. Nur junge Leute machen sowas eigentlich. Das hier ist eine Chance, wieder jung zu werden. Für eine Woche …“ sagt er mit der Järvi’schen Selbstironie.

Das Festival atmet selbst im Pandemie-Jahr einen besonderen Geist der Kommunikation und einer gewissen Ausgelassenheit. Vielleicht liegt es neben den erlaubten Lockerungen auch an der besonderen Aura der Enklave, für die Pärnu schon immer stand? Pärnu war bereits in Zeiten der Sowjetunion ein Ort, an dem sich systemkritische Musiker und Intellektuelle trafen. In der Sowjetunion gab es zwei beliebte Möglichkeiten, Sommerferien zu machen. Die meisten zog es ans Schwarze Meer, so Järvi: „Die anderen Leute, die diese Art von Hitze nicht mochten und lieber in einer Umgebung sein wollten, die kulturell näher an Europa ist, kamen nach Estland. Estland hat nie den Kontakt zur Alten Welt verloren und zur Welt außerhalb der Sowjetunion. Es war der westlichste Ort, zu dem man gehen konnte innerhalb der Sowjetunion. Es war immer Musik hier. Und das Gefühl, dass man hier ein bisschen abgeschirmt war vor den Scheinwerfern des KGB.“

Es sind aber nicht nur die Freiheit von Masken, die gelockerten Abstandsregeln und das sensationelle Wetter, was Pärnu in diesem Jahr unvergesslich macht. Es sind vor allem die beglückenden Momente im Konzertsaal, in denen Paavo Järvi Beethoven dirigiert, wie etwa am Eröffnungsabend die 1. Sinfonie und das 1. Klavierkonzert mit dem fabelhaft plastisch spielenden Kalle Randalu. Järvi hat mit der Bremer Kammerphilharmonie jahrelang an einem Beethoven-Zyklus gefeilt. Das Ergebnis dieser Erkundung zeigt sich nun in einer atemberaubenden Souveränität, die in ganz großen Zusammenhängen denkt und sich nie verliert in kleinteiligen Maßnahmen, Effekten und aufgebauschten Manövern. Järvis minimalistischer und maximal effizienter Dirigerstil lässt den frühen Beethoven in transparentem, federnden Parlando erklingen, pointenreich, hellwach, inspiriert und geistvoll. Järvi versteht es, Beethoven gestisch zu schärfen und zu verdichten, ohne ihn immer nur auf Krawall zu bürsten, wie es derzeit schwer in Mode ist. „Alles ist Kammermusik“ untertreibt er lapidar seine Meisterschaft. Auch Mendelssohns Erste rehabilitiert Järvi als Meisterwerk, nimmt sie rauschhaft emphatisch und licht. Es fällt schwer, aus Pärnu wieder abzureisen. Bleibt zu hoffen, dass Pärnu der glückverheißende Vorbote ist und bald wieder überall Musik und Publikum in den so vermissten Kontakt kommen.

Regine Müller

(Fotos: Kaupo Kikkas)




18. — 24. Juli 2020

Raus aufs Land


Eigentlich zählt das Schleswig-Holstein Musikfestival zu den festen Institutionen, wenn es um klassische Musik im hohen Norden geht. Doch das Virus machte dem Festival in diesem Jahr einen Strich durch die Rechnung, alle Veranstaltungen mussten abgesagt werden. Nun wurde unter dem Titel „Sommer der Möglichkeiten“ kurzerhand ein buntes Alternativprogramm gestrickt, mit immerhin rund hundert Veranstaltungen. Eine davon war das Eröffnungsfest auf Gut Hasselburg in der Nähe von Neustadt in Holstein, mit Deutschlands größter erhaltener Reetscheune als ländlich-charmanter Spielstätte, bei dem mit Martin Grubinger, Avi Avital und Sol Gabetta Klassikprominenz zusammenkam. Die Konzerte des neuen Festival-Sommers sollen unter freiem Himmel stattfinden, Gespräche mit den Künstlern die Nähe schaffen, die momentan vor Ort nicht erlaubt ist. Live-Übertragungen sind ebenfalls vorgesehen. Intendant Christian Kuhnt blickte wie viele Festivalmacher zunächst in die Ungewissheit: „Als wir anfangs gezwungen waren, das reguläre Programm abzusagen, war dieses Motto erstmal nicht mehr als ein Titel“, sagte er. Jetzt sind die Möglichkeiten Wirklichkeit geworden.

(Fotos: Axel Nickolaus)




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