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08. — 14. September 2018

„Nordic Pulse“

Orchesterkonzerte im 21. Jahrhundert können viel mehr sein als die immer wieder gleiche Begegnung mit Alten Meistern in einem konventionellen Konzertsetting. Das Baltic Sea Philharmonic, ein Orchester vor allem mit talentierten Nachwuchsmusikern aus zehn nordischen Ländern, revolutioniert die festgefahrenen Konventionen der Programmgestaltung und des Ambientes. Kristjan Järvi, der künstlerische Leiter, beschreibt seinen Klangkörper daher mit: „Das Baltic Sea Philharmonic ist ein lebendes, atmendes Wesen mit grenzenloser Energie und Enthusiasmus für das Neue – ein beispielloses Abenteuer“. Gemeinsam mit seinem Orchester experimentiert er mit Sound- und Lichtdesign, Projektionskunst und Choreografien. Oft werden die Kompositionen – wie 2017 Strawinskis legendärer „Feuervogel“ – auswendig gespielt, um noch mehr Freiheit beim Musizieren zu gewinnen und das Publikum noch unmittelbarer mit Energie und Spielfreude anzustecken.
Sein 10-jähriges Jubiläum feiern das Baltic Sea Philharmonic und Kristjan Järvi demnächst mit einer Tournee durch Europa und bis in die Vereinigten Arabischen Emirate. Mit „Nordic Pulse“ präsentieren die jungen Musikerinnen und Musiker dabei ein vielfältiges Konzerterlebnis mit Werken von Järvi über Gelgotas und Pärt bis hin zur „Rock Symphony“ von Imants Kalniņš. Die Tour beginnt am 17. September beim Merano Musik Festival in Italien, führt über München (18. September, Herkulessaal), Halle/Saale (20. September, Händel Halle) zum Usedomer Musikfestival (Historisch-Technisches Museum Peenemünde, 22. September) und bis nach Polen (24. September, Polska Filharmonia Bałtycka Gdansk). Im November folgen weitere Konzerte in Abu Dhabi und Dubai. Happy Birthday, Baltic Sea Philharmonic!

(Foto: Peter Adamik)


01. — 07. September 2018

Musikmekka München

Anfang September verfällt München jedes Jahr in einen kleinen Musikrausch. Denn dann lockt der ARD Musikwettbewerb nicht nur die besten Nachwuchsmusiker in wechselnden Fächern in die bayerische Landeshauptstadt, sondern mobilisiert auch ein großes und sehr interessiertes Publikum. In den ersten beiden Runden ist der Eintritt frei, die Semifinal- und Finalrunden und die Preisträgerkonzerte finden dann – mit Ticket oder via Live-Stream verfolgbar – im Münchner Herkulessaal und im Prinzregententheater statt. Vor allem im Fach Gesang ist das Interesse des Publikums traditionell enorm, doch auch die Fächer Viola, Trompete und Klaviertrio lohnen für einen Besuch. Jurys mit renommierten Künstlern werden nach jeder Runde entscheiden, wer weiterkommt und für wen die aufreibende Wettbewerbszeit ein Ende hat.
Qualifiziert haben sich in diesem Jahr 257 Musiker aus der ganzen Welt aus 489 Bewerbungen. Am 3. September starten die Wertungsspiele, der Wettbewerb endet mit den drei Preisträgerkonzerten am 19., 20. und 21. September. Für die Gewinner geht es danach intensiv weiter: Mit Konzertengagements, CD-Aufnahmen und einer Einladung zum Festival der ARD-Preisträger bekommen sie wichtige Impulse und Chancen für ihre Karriere. Toi Toi Toi für alle Musikerinnen und Musiker in München!

(Foto: Daniel Delang)


25. — 31. August 2018

Ruhe vor dem Sturm

Noch sind die Türen geschlossen, die Foyers und Säle verwaist. Doch in den Opernhäusern landauf landab wird längst intensiv geprobt, denn die ersten Premieren stehen Anfang September vor der Tür; den Startschuss gibt das Staatstheater Kassel mit der Premiere von Wagners „Rheingold“ am 1. September (Regie: Markus Dietz), dem Auftakt zu einem neuen, über zwei Jahre verteilten „Ring“-Zyklus. Lübeck startet ebenfalls am 1. September mit einer beschwingten ersten Premiere, es gibt die Operette „Ball im Savoy“ von Abraham (Regie: Michael Wallner). Es folgen u.a. Bonn (Ullmann: Der Kaiser von Atlantis, Premiere: 7.9., Regie: Seollyeon Konwitschny), Darmstadt (Monteverdi: L`Orfeo, Premiere: 8.9., Regie: Andreas Bode) und Frankfurt/Main (Eötvös: Tri sestri; Premiere: 9.9.; Regie: Dorothea Kirschbaum). Neben vielen Repertoire-Stücken (Wagner, Verdi, Mozart) darf man sich 2018/19 besonders auf ein paar außergewöhnliche Produktionen freuen: Moritz Eggers „M – eine Stadt sucht ihren Mörder“ an der Komischen Oper Berlin zum Beispiel, Beat Furrers „Violetter Schnee“ an der Berliner Staatsoper und Manfred Trojahns Uraufführung „Was Ihr wollt“ an der Hannoveraner Staatsoper. Außerdem: György Kurtágs „Fin de partie“ in Dortmund, Bruno Madernas „Satyricon“ in Dresden oder auch Olga Neuwirths „Lost Highway“ in Frankfurt/Main.
Schön auch, dass die Opern von Erich Wolfgang Korngold und Franz Schreker derzeit eine kleine Renaissance zu erleben scheinen, u.a. an der Komischen Oper Berlin, an den Theatern Bremen und Wuppertal (jeweils mit Korngolds „Die tote Stadt“) bzw. Schrekers „Der ferne Klang“ an der Oper Frankfurt/Main und seine „Die Gezeichneten“ in Hannover und Zürich. Alle Termine finden sich auch in unserem RONDO-Premierenkalender.

(Foto der Semperoper Dresden: Pixabay)


18. — 24. August 2018

Spätsommermusik

Als eines der letzten großen sommerlichen Musikfestivals startet am 25. August das Musikfest Bremen. Im hohen Norden zelebriert man den Spätsommer und Frühherbst bis 15. September mit großen Künstlern wie Teodor Currentzis und seiner MusicAeterna, Anima Eterna Brugge, Marc-André Hamelin, Christian Gerhaher und vielen anderen. Den Startschuss gibt die „Große Nachtmusik“ rund um den Bremer Marktplatz am 25. August. In 27 Konzerten in drei Zeitschienen werden der illuminierte Marktplatz und die benachbarten Straßen und Plätze zum Klingen gebracht. Danach reiht sich Altes an Zeitgenössisches, Orchestermusik and Kammermusik, Jazz trifft auf Weltmusik. Und das an über 20 Spielstätten in der ganzen Stadt und auch den benachbarten Regionen: ein Festival, das Lust macht auf die neue, nahende Konzertsaison 2018/19.

(c) Nikolai Wolff/Fotoetage


11. — 17. August 2018

Glut und Klarheit

Hans Neuenfels bleibt unberechenbar. Das ist eine gute Nachricht, denn nicht nur als Regisseur ist er immer noch für Überraschungen gut. Auch in der Planung seiner Berufs-Biografie überrascht er, womöglich sogar sich selbst. Dabei klang seine 2011 erschienene, famos geschriebene Autobiografie „Das Bastardbuch“ schon reichlich abgeklärt und schien der Auftakt eines langen Abschieds zu sein. Anfang dieses Jahres gab es nun künstlerische Differenzen mit dem Dirigenten Christoph von Dohnanyi bei Strauss’ „Salome“ für die Berliner Lindenoper, woraufhin der Dirigent wenige Tage vor der Premiere hinwarf. Neuenfels ließ sich danach bei einem Interview zu der Ankündigung hinreißen, er mache ohnehin jetzt Schluss mit der Opernregie. So wurde seine Salzburger „Pique Dame“ vorab als seine letzte Regietat ziemlich hoch gehandelt.
Dann aber kam der Rücktritt vom Rücktritt, kurz vor der Premiere in einem Interview mit der Neuen Zürcher Zeitung. Neuenfels macht also weiter, und nach dem, was er nun im Großen Festspielhaus an gedanklicher Frische und souveränem Handwerk zeigt, darf die Opernwelt mehr als froh sein, dass die Galionsfigur des Regietheaters sich’s noch längst nicht auf dem Altenteil bequem macht.
Christian Schmidt hat Neuenfels für die als sperrige geltende „Pique Dame“ einen schwarzen Raum gebaut, der nicht viel mehr als ein düsterer Rahmen mit komfortablen Durchgängen an der Seite ist. Die Geschichte des mittellosen Hermann, der die mit dem reichen Fürsten Jelezki verlobte Lisa liebt und das mangelnde Geld am Spieltisch zu erjagen sucht, erzählt Neuenfels als Collage mit harten Brüchen. Das radikal und unbedingt liebende Paar, das obsessiv Leidenschaftliche Hermanns und die schwärmerische Emphase Lisas stehen einer uniformen Masse Angepasster der russischen Gesellschaft gegenüber, deren limitiertes Gesten-Vokabular Neuenfels militärisch mechanisiert.
Reinhard von der Thannens Kostüme spitzen diesen Gedanken grotesk zu, hängen etwa Kanonenfutter-Nachwuchs produzierenden Müttern riesige Brüste um, stecken die Chorherren in lachhafte Schwimmanzüge und stopfen Röcke mit bizarr verschachtelten Hinterteilen aus. Zwischen diesen Welten geistert die greise Gräfin – die große Hanna Schwarz (74!) mit einem starken Gala-Auftritt – mit mondäner roter Perücke auf der Glatze und aufreizenden rosa Strümpfen zum Minikleid umher.
Ein Lehrstück konziser Musiktheaterregie ist das auf das Ancien Régime des 18. Jahrhunderts anspielende Schäferspiel bei einem Maskenball, das Neuenfels mit virtuoser Leichtigkeit hinwirft. Grandios taktet er die Szenenwechsel der Nummernoper, an ein handwerkliches Mirakel grenzt, wie er riesige Chor-Tableaus nahtlos in psychologisch bis ins Letzte ausgefeilte intime Szenen übergehen lässt. Dabei hört er vor allem auf die Musik: Jeder Blick, jede Geste, jede Bewegung ist motiviert und zugleich beglaubigt durch Tschaikowskis sogartige Musik, was dem ganzen Abend mustergültige Klarheit und Triftigkeit verleiht.
Am Pult der Wiener Philharmoniker agiert Mariss Jansons als Neuenfels’ einmütiger Partner auf Augenhöhe und eigentlicher Motor des Dramas. Die Wiener Philharmoniker klingen transparent, trennscharf, mit ganz frei klingender Eigeninitiative und mit leidenschaftlicher Verve bis an die Grenze zum Exzess. So aufregend und radikal emotional hört man Tschaikowski selten. Gelegentlich wird es richtig laut im Großen Festspielhaus, aber das famose, fast durchweg russische Sänger-Ensemble behauptet sich souverän. Heraus ragen Brandon Jovanovich als selbstzerstörerischer Hermann, eine Entdeckung ist der markant formulierende, balsamisch strömende Bariton von Igor Golovatenko in der Rolle des Fürsten Jelitzki, Evgenia Murarveva singt die Partie der Lisa mit loderndem Sopran, und Hanna Schwarz ist eine sonore, erstaunlich stimmfrische Gräfin. Ein großer Wurf.

Regine Müller

(Fotos: Salzburger Festspiele / Ruth Walz)


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