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09. — 15. Juni 2018

„In War and Peace“

Krieg und Frieden: Seit Menschengedenken bestimmen sie das Miteinander der Völker, befinden sich in fragilen Wechselwirkungen zueinander. Sie tauchen als zeitlose Themen in Barockkompositionen ebenso auf wie in zeitgenössischen Werken und bilden so auch eine Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Die amerikanische Sopranistin Joyce DiDonato hat sich 2016 gemeinsam mit dem Ensemble „Il Pomo d`Oro“ und Maxim Emelyanychev auf einem CD-Projekt daran gemacht, die musikalischen Dimensionen der Themen Krieg und Frieden auszukundschaften. „Wenn wir mitten im Chaos stehen – wie können wir Frieden finden?“ stellte sie als Kernfrage dieser musikalischen Reise voran und suchte nach Antworten in Kompositionen von Händel, Leo, Purcell, Jomelli und Monteverdi. Dahinter steht auch die Überzeugung DiDonatos, dass es „die Kunst ist, die vereint, die Grenzen überschreitet, Getrenntes verbindet. Musik ist der Weg des Tapferen zum Frieden“. In München präsentiert Joyce DiDonato „In Krieg und Frieden – Harmonie durch Musik“ am 17. Juni in der Philharmonie im Gasteig, in einem Konzertformat, das auch mit Tanz, Video und Lichtdesign arbeitet. Und die extravaganten Kostüme der Sängerin stammen übrigens von Designerin Vivienne Westwood!

Mehr Informationen zum Konzert und Tickets gibt es auf www.gasteig.de.

(Fotos: Brooke Shaden)


02. — 08. Juni 2018

Blick nach Amerika

Im Sommer zieht es viele nach Italien. Dass sich die Reise gen Süden nicht nur wegen der traumhaften Landschaft, der netten Leuten und des hervorragenden Essens lohnt, sondern auch wegen kultureller Erlebnisse: Dafür steht das Ravenna Festival. Von der Fläche her ist Ravenna die zweitgrößte Stadt Italiens, doch zugleich hat sie den typischen Charme einer Kleinstadt, in der sich alle kennen und die Wege kurz sind. Bereits seit 1990 gibt es das inzwischen gar nicht mehr so kleine Musikfestival, das in diesem Jahr vom 1. Juni bis zum 22. Juli stattfindet und Künstler und Publikum nicht nur aus der Region, sondern auch von weit her anlockt. Hier haben schon Abbado, Boulez, Kleiber und Solti dirigiert. Und natürlich ist auch Riccardo Muti hier regelmäßig zu erleben. Das diesjährige Motto des Festivals lautet: „We Have A Dream“. Damit geht der Blick in Richtung Amerika, denn zum einen wird Leonard Bernstein gewürdigt, der 2018 seinen 100. Geburtstag gefeiert hätte. Zugleich ist aber natürlich das Motto auch eine Hommage an Martin Luther King, der vor 50 Jahren starb. So wartet man in Ravenna diesen Sommer u.a. mit einer Produktion der Opera North von Cole Porters „Kiss Me, Kate“ auf, mit Werken von Bernstein über Terry Riley bis hin zu David Byrne. Als musikalische Gäste werden u.a. David Fray, Valery Gergiev und Björn Schmelzer mit dem Vokalensemble Graindelavoix erwartet. Eine Reise in die italienische Emilia-Romagna: nicht ohne Abstecher nach Ravenna!
Weitere Informationen und das ganze Programm gibt es auf www.ravennafestival.org.

(Fotos: Luca Concas, Silvia Lelli)


26. Mai — 01. Juni 2018

Tindern auf der Bühne

Mit demonstrativer Merkel-Raute und tiefem Dekolleté schaut Königin Berenice streng vom Programmfaltblatt, aber die rote Rose am Revers lässt ahnen, dass der lange Abend auch lustig werden kann. Und in der Tat gelingt es Regisseur Jochen Biganzoli, Händels aus gutem Grund selten gespielte „Berenice, Regina D’Egitto“ zu einer flotten Revue mit ernsten Untertönen umzubiegen. Denn die krude, verworrene Handlung um wahre Liebe, doppeltes Spiel, arrangierte Ehen und große Politik sperrt sich gegen jede Psycho-Logik und Tiefgründelei. Daher bricht Regisseur Biganzoli die ohnehin losen Bezüge auf und wechselt munter die Perspektiven und Zeitebenen. Wenn der Lametta-Vorhang sich öffnet – eine klare Reminiszenz an Bert Neumanns Volksbühnen-Dekors – rotiert bereits Rolf Gutjahrs Drehbühne und wird den ganzen Abend über kaum zur Ruhe kommen. Die Akteure stürmen in Barock-Kostümen und Allonge-Perücken herein und ziehen durch die mit Türen verbundenen Räume der kreisenden Drehbühne, die ganz heutig und immer wieder neu bestückt sind. In einem thront ein rotes Lotterbett, ein anderes bietet eine Sitzgruppe zum Chillen, später gähnt in einem dunklen Raum ein geöffneter Kühlschrank. Und über allem flimmern Projektionen der pausenlosen Smart-Phone-Kommunikation der Gegenwart: Bildergalerien von Dating-oder Reiseportalen, Koch-Pornos von Rezeptseiten, Twitter- und WhatsApp-Chats, die sich jeweils auf das beziehen, was auf der Bühne passiert. Denn die Protagonisten sind selbst stets mit ihren Smartphones beschäftigt, posieren für Selfies, schreiben Nachrichten, drehen für den eigenen YouTube-Kanal. Und das geht dann etwa so: Demetrio liegt mit Berenice im Bett, seine Geliebte Selene schreibt ihm eine WhatsApp: „Wo bist Du? Ich muss mit Dir reden!“ Er greift zum Smartphone, schreibt: „Schatz, ich kann jetzt echt nicht“, und so weiter. Mit anderen Worten: Im Opernhaus Halle wird italienisch gesungen, oben laufen deutsche Übertitel des übersetzten Librettos, und auf der Bühne flimmern neben dem Live-Geschehen parallel WhatsApps, Bildergalerien und YouTube-Filmchen. Ein echter Overkill, und im ersten Akt nervt das Überangebot auch bisweilen, obwohl Biganzoli die Typen scharf zeichnet und sie durchaus ernst nimmt. Aber das Virtuelle siegt in der Aufmerksamkeitsökonomie zu oft über das Live-Geschehen. Was natürlich volle Absicht ist. Dann aber zieht der entnervte Demetrio am Ende des ersten Aktes den Stecker, und eine Weile ist Ruhe vor der Bilderflut, bevor im dritten Akt – in dem sich überraschenderweise die arrangierten Paare finden und Glück markieren – das Geflimmer wieder losgeht. Inzwischen hat sich Biganzolis Konzept aber längst zu triftiger Stimmigkeit gerundet, die Witze haben gezündet und die Vermischung privater Launen und willkürlicher Impulse mit großer, folgenreicher Politik erscheint auf fatale Weise aktuell. Und gar nicht mehr so lustig, obwohl die Komödie hübsch weiter schnurrt.
Auch musikalisch bietet der Abend überraschende Pointen. Halle darf sich als Händels Geburtsstadt mit „Berenice“ nun rühmen, als einzige und erste Stadt überhaupt alle 42 überlieferten Händel-Opern gespielt zu haben. Und eben zuletzt die dramaturgisch heikle „Berenice“, die aber musikalisch mit scharfen Kontrasten, delikaten Duetten und Ensembles und farbiger Instrumentierung imponiert. Hinreißend etwa das Duett von Berenice mit der Solo-Oboe im dritten Akt, zu der die Hallenser Kammersängerinnen-Allzweckwaffe Romelia Lichtenstein (sie singt auch Puccini und Verdi!) aus der Handlung heraus in den Orchestergraben steigt und so historisch informiert mit dem Oboisten duettiert, als würde sie nichts anderes machen. Übertroffen wird Lichtenstein im Sopran-Fach aber von dem blutjungen Sopran-Counter Samuel Marino als Alessandro, der mit sengender Intensität und völlig mühelos in extreme Höhen klettert und ein charismatischer, schillernder Darsteller ist, der zur Allonge-Perücke glaubwürdig mit dem Colabecher hantiert. Svitlana Slyvia ist als Berenices Rivalin und Schwester Selena ein deftiges Beth-Ditto-Lookalike, Filippo Minecchia führt seinen weich timbrierten Countertenor als Demetrio souverän und stilsicher, Franziska Gottwald ist ein koloraturflinker, leider etwas unterbeschäftigter Arsace – der zunächst als Putzfrau auftritt –, Robert Seller ein aalglatter, seinen schlanken Tenor präzis fokussierender Fabio, Ki-Hyun Park macht im Glitzeranzug mit markigem Bass eine gute Figur. Jörg Halubek leitet das auf alten Instrumenten spielende Händelfestspiel-Orchester der Staatskapelle Halle umsichtig und ermuntert zu gestischem, lebendigem Spiel, insbesondere die Continuo-Gruppe glänzt mit sprühendem Einfallsreichtum, zu preisen ist auch der Solo-Oboist. Großer Beifall für einen gelungenen Auftakt.

Regine Müller

(Fotos: Anna Kolata)


19. — 25. Mai 2018

Aschetraum

Götter und Menschen sollten sich nicht zu nahekommen – das hat sonst böse Folgen. So könnte das Fazit von Händels „Semele“ lauten. Doch natürlich geht es um mehr, um tiefere Wahrheiten, in diesem wunderbaren musiktheatralen Zwitterwesen aus Oratorium und Oper: um Größenwahn und Demut, um Einsamkeit, Liebe und Eifersucht. In der Regie von Barrie Kosky, Intendant und Chefregisseur der Komischen Oper Berlin, wird die tragische Geschichte um das ungleiche Liebespaar Jupiter und Semele zur zeitlosen Menschenfabel, die einen nach gut drei Stunden verstört wieder in den Berliner Sommerabend entlässt.
Den Plot von „Semele“ kann man zu Beginn auf dem schweren Bühnenvorhang lesen, bevor dieser sich zum ersten Akt hebt: „Göttervater Jupiter entführt an ihrem Hochzeitstag die Königstocher Semele. Jupiters eifersüchtige Gattin Juno setzt alles daran, der hemmungslosen Affäre ein Ende zu setzen. Der Nebenbuhlerin erscheint sie als deren Schwester Ino und überredet sie in dieser Verkleidung, Jupiter dazu zu bringen, sich in seiner wahren göttlichen Erscheinung zu zeigen. So könne Semele die ersehnte Unsterblichkeit erlangen. Semeles Ehrgeiz ist stärker als Jupiters männlicher Widerstand. So ist ihr Schicksal besiegelt: In den sengenden Strahlen des Gottes geht sie grausam zugrunde."
Kosky sprang kurz nach Probenbeginn ein für die erkrankte Regisseurin Laura Scozzi – und tat das, was er am besten kann: mit dem Potenzial seines Ensembles arbeiten, mit kleinen Frechheiten und Überraschungen, mit Andeutungen und Stimmungen. Und das zusammengestellte Ensemble, hervorragend gecastet, belebt das für Kosky eigentlich recht zahme Regiekonzept mit einer Spielfreude und Glaubwürdigkeit, die die Produktionen der Komischen Oper oft auszeichnen: Allan Clayton gibt einen sanft-romantischen Jupiter, dessen ohrenbetäubendes Donnergrollen aus den Lautsprechern aber auch seine Gewalt und Kraft erahnen lässt, Ezgi Kutlu ist seine eifersuchtsgetriebene Frau, die rachelustige Juno, Nora Friedrichs amüsiert als deren slapstickhaft überzogene Unheils-Gehilfin Iris und Evan Hughes überzeugt als eigentümlich erotischer Gott Somnus. Auch Katarina Bradić als Semeles Schwester Ino, für die sich das Liebes-Unglück vom Beginn am Ende in eine Traumhochzeit mit dem Ex-Verlobten ihrer Schwester (Eric Jurenas als Atamas) verwandelt, und deren Vater Cadmus (Philipp Meierhöfer) reihen sich ein in ein herausragendes Ensemble, das einem diese Geschichte nahe gehen lässt, musikalisch wie dramatisch.
Sopranistin Nicole Chevalier in der Titelpartie der Semele steigt zu Beginn aus ihrer eigenen Asche, in einem düsteren, ausgebrannten Gemach. Kosky übernahm das für die ursprüngliche Produktion geplante Bühnenbild von Natacha Le Guen den Kerneizon: Die schwarz verkokelten Gemächer bleiben den ganzen Abend als Ort des Schreckens präsent und lassen von vornherein Böses erahnen. Wenn sich während Jupiters zärtlichem Liebesschwur kurzzeitig die frischen Äste der Bäume durch die zerborstenen Fenster schieben oder ein paar Blumen als Symbole für Liebe und Leben den Weg in diese Schattenwelt finden, ist die Vergänglichkeit des Irdischen nur umso bedrückender. So wird die Geschichte als Rückblende erzählt, als wunderschöner Albtraum, dessen tragisches Ende von Beginn an mitschwingt. Chevalier durchlebt Semeles Drama mit all den Facetten von Glück, Erotik, Wahnsinn und Trauer in einer Intensität, die umso mehr erstaunt, wenn man bedenkt, dass sie am Premierentag wegen eines Stimmvirus fast absagen musste. Im Orchestergraben saß zur Sicherheit eine Einspringerin bereit für den Fall, dass Chevalier die Stimme versagen sollte. Soweit aber kam es nicht, die Stimme hielt durch bis hin zum letzten großen Auftritt im Schlussakt, wo Semele nach ihrer (nicht auf der Bühne gezeigten) Begegnung mit Jupiter von dessen Blitzen verbrannt aus den verkohlten Ruinen ihres Lebens auf die Vorderbühne wankt. Als schattenhaftes Häufchen Elend, die eigene Urne in der Hand, wohnt sie der Hochzeit ihrer Schwester bei. Wenn dann von den Seitenlogen der allegorische Chor von Liebe und Glück singt, fühlt man sich endgültig wie im falschen Film angesichts des noch frischen Eindrucks von Semeles Leid. Eine berührende Dramaturgie, überzeugend umgesetzt.
Konrad Junghänel findet mit dem Orchester der Komischen Oper, das um einige Barockmusiker ergänzt wurde, zu einem transparenten und seelenvollen Klang, hält dabei alle Beteiligten mit wohlwollender Strenge zusammen. Schönheit und Tragik: Selten gehen die beiden Sphären eine so überzeugende, ja überwältigende Symbiose ein wie in dieser „Semele“. Großer Applaus und Bravi beim Schlussvorhang für alle Beteiligten.

Anna Vogt

(Fotos: Monika Rittershaus)


12. — 18. Mai 2018

unMittelBARock!

Seit mehr als 20 Jahren widmen sich die jährlich stattfindenden Tage Mitteldeutscher Barockmusik den Wurzeln der Alten Musik in verschiedenen mitteldeutschen Städten. Dieses Jahr ist Merseburg an der Reihe. Die Stadt ist Gastgeberin der 24. Tage Mitteldeutscher Barockmusik (vom 10. - 13. Mai) und lädt ein zu zahlreichen Konzerten, unter anderem im imposanten Dom. Dabei wird die historische Kunst- und Musikpflege in Merseburg in den Fokus gerückt, denn die Residenzstadt zog mit ihren kunstliebenden Herzogen in der Vergangenheit renommierte Komponisten wie Johann Joachim Quantz, Johann Gottlieb Graun und Wilhelm Friedemann Bach an. Für die diesjährige Festivalausgabe wurden u.a. die Merseburger Hofmusik, das Collegium Vocale Leipzig, das Dresdener Barockorchester und Solisten wie Olga Papykina und Eva Salonen eingeladen.
Das ganze Programm und weitere Informationen gibt es auf www.unmittelbarock.de.


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