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12. — 18. Dezember 2020

Zurück zu den Sternen


Immerhin ein Anfang: Wie jedes Jahr startete die Mailänder Scala am 7. Dezember, dem Ehrentag des Heiligen Ambrosius, in eine neue Opernsaison. Doch Gaetanos Donizettis „Lucia di Lammermoor“ fiel dem erneuten Lockdown zum Opfer, an Musiktheater vor Publikum ist auch in Italien nicht zu denken. Stattdessen bot man einen Gala-Abend voller Opernhäppchen, das Motto lieh man sich von Dante: „A riveder le stelle“, zum Wiedersehen der Sterne. So lud Intendant Dominique Meyer mit Elīna Garanča, Camilla Nylund, Kristīne Opolais, Roberto Alagna und anderen allerhand Sängersternchen nach Mailand ein, die eine Arie nach der anderen schmetterten. Verdi, Wagner, Puccini, Donizetti – man setzte auf Opernglanz, drei Stunden lang. Im Hintergrund flimmerte Video, Riccardo Chailly und das Scala-Orchester spielten im Zuschauerraum und mit Maske, auch das Ballett hatte seinen Auftritt. Arte Concert übertrug, der Stream ist noch in der Mediathek abrufbar.

(Fotos: Teatro della Scala)




05. — 11. Dezember 2020

Bestes Bühnenbild


Schon wieder führt der Blick ins Nachbarland: Auch an der Flämischen Oper in Antwerpen legt man, wie in Brüssel, großen Wert auf eine ansprechende optische Ausstattung. Es überrascht jedenfalls nicht, dass die Auszeichnung für das beste Bühnenbild der diesjährigen, zum zweiten Mal verliehenen „Oper!“ Awards nach Antwerpen geht, genauer an Ersan Montag, der hier Franz Schrekers „Schmied von Gent“ mit grell-quietschiger bis erschlagender Drehbühnen-Bildgewalt auf die Bühne brachte (RONDO berichtete). Eine mutige Wahl für ein Musiktheater-Regiedebüt. Chapeau! Im Rahmen der digitalen Verleihung, die anstelle der festlichen Gala trat, wurden in insgesamt 20 Kategorien Preise vergeben. Zum besten Opernhaus wurde die Staatsoper Hannover gewählt, die Auszeichnung als beste Sängerin erhielt die Mezzosopranistin Anita Rachvelishvili, die männliche Entsprechung ging an den Tenor Benjamin Bernheim. Als beste Dirigentin wurde Oksana Lyniv ausgezeichnet, den Preis für die beste Regie nahm Tobias Kratzer entgegen. Als bestes Orchester spielten nach Meinung der Journalisten-Jury die Wiener Philharmoniker bei den Salzburger Festspielen auf. Der Regisseur Hans Neuenfels wurde für sein Lebenswerk geehrt. Die gesamte Liste der Preisträger kann auf der Seite der Oper! Awards eingesehen werden.

(Fotos: Annemie Augustijns)




28. November — 04. Dezember 2020

Streams und Spiritualität


Konzertsäle und Opernhäuser ächzen unter dem zweiten Lockdown. Bei den Opernhäusern kommt es – wie bei den Sprechtheatern jetzt schon – zu massivem Produktionsstau. Inszenierungen, die bereits fertig waren oder sich vor dem Lockdown auf der Zielgeraden befanden, werden nun teils als gestreamte Geisterpremieren angeboten, manche nur live und einmalig. Andere stellen die Produktionen dauerhaft auf ihren Plattformen zur Verfügung. Manche Häuser wiederum streamen ihre besten Produktionen aus der Zeit vor Corona. Ein Überblick:

Die Brüsseler Monnaie-Oper brachte noch Ende Oktober Erich Wolfgang Korngolds symbolistischen Schocker „Die tote Stadt“ in Gala-Besetzung zur Premiere: Unter der musikalischen Leitung von Lothar Koenigs erklingt eine Corona-reduzierte Orchestrierung für 57 Musiker und Musikerinnen, Mariuz Trelinski inszeniert, in den Hauptrollen glänzen Roberto Saccà, Marlis Petersen und Dietrich Henschel. Der Stream ist dauerhaft abrufbar unter www.lamonnaie.be.

Auch an der Kölner Oper befindet sich Korngolds Oper auf der Zielgeraden, hier inszeniert Tatjana Gürbaca, die musikalische Leitung übernimmt der Dortmunder GDM Gabriel Feltz, die diesjährige Salzburger Elektra Aušrinė Stundytė ist als Marietta zu erleben, Burkhard Fritz singt den vereinsamten Paul. Die Produktion wird einmalig live anlässlich des 100-jährigen Jubiläums der Uraufführung in Köln am Premierenabend, am 4.12. um 19.30 Uhr gestreamt. Drei Tage vorher, am Dienstag den 1.12 um 19.30 Uhr ist ebenfalls einmalig die (vorproduzierte) Premiere von George Benjamins „Written on skin“ per stream zu erleben. François-Xavier Roth leitet das Gürzenich Orchester, es inszeniert Benjamin Lazar. Zu sehen unter www.oper.koeln/de/streaming.

Das Opernhaus in Zürich musste den Vorstellungsbetrieb einstellen, obwohl hier 50 Leute im Saal noch erlaubt sind und das Haus mit einer aufwendig installierten Glasfaser-Direktübertragungs-Technik groß besetzte Oper weiterhin möglich machte. Bevor am 6.12. Andreas Homokis Neuinszenierung von Giuseppe Verdis „Simon Boccanegra“ live auf Arte übertragen und gestreamt wird, kann man unter opernhaus.ch/streaming jeweils für ein Wochenende Perlen des Repertoires streamen, aktuell Jan Philipp Glogers Inszenierung von Emmerich Kálmáns Csárdásfürstin mit Annette Dasch in der Titelrolle.

Auch im Bereich der konzertanten Musik wird online einiges geboten. Die Bachakademie Stuttgart etwa bietet in ihrer Mediathek unter dem Titel „Barock@home“ dauerhaft Podcasts an, die sich mit der „privaten“ Seite der sonst eher für ihre Prachtentfaltung berühmten Epoche beschäftigen. In einer Reihe von Episoden singt die Gaechinger Cantorey unter dem Akademie-Leiter Hans-Christoph Rademann, der in weiteren Episoden mit Chefdramaturg Henning Bey diskutiert. Unter mediathek.bachakademie.de.

Live gestreamt dagegen wird am Samstag den 28. November um 20:15 Uhr ein Konzert aus dem Konzerthaus Berlin mit dem Konzerthausorchester Berlin unter der Leitung des Shooting-Stars Joana Mallwitz. Auf dem Programm steht Schuberts Sinfonie C-Dur D 944 „Die Große“, www.konzerthaus.de/de/livestream.

Ebenfalls live wird am Sonntag, 29. November zur Matinée-Zeit um 11 Uhr aus Ravenna ein Konzert des Orchestra Giovanile Luigi Cherubini unter der Leitung von Riccardo Muti gestreamt. Auf dem Programm Italienisches von Martucci, Puccini und Verdi. Zu sehen unter www.ravennafestival.live/.

Wer es in der Weihnachtszeit etwas spiritueller mag, dem sei ein fürwahr gewaltiges Projekt des Labels Odradek empfohlen, das in jeder Hinsicht besonders ist: Neumz ist das Ergebnis einer langfristigen Zusammenarbeit zwischen den Benediktinerinnen der Abtei Notre-Dame de Fidélité von Jouques und Odradek Records. Drei Jahre lang (2019 bis 2021) werden die Gesänge im Gottesdienst, einschließlich des gesamten Offiziums und der täglichen Messe aufgenommen. Das entspricht einem Volumen von mehr als 7000 CDs. Am 29.11. startet die Neumz Mobile App für iOS und Android und bietet passend zur Weihnachtszeit einen eigenen digitalen Adventskalender. Die App ist kostenpflichtig (www.neumz.com), for free aber gibt es den Weihnachts-Hymnus Christe redemptor ominum hier: www.neumz.com/christe-redemptor.

Regine Müller

(Fotos: Simon Van Rompay/La Monnaie)




21. — 27. November 2020

Zukunftsmusik


Systemrelevanz. Viel wurde gesprochen über diesen eigentlich aus der Finanzwelt kommenden Begriff, mit dem in Zeiten von Corona auch Kulturschaffende operierten, um auf ihre tragende Rolle hinzuweisen. „Ohne Kunst wird’s still“ heißt es dazu passend bei Facebook, das UNS in Kunst rot hervorgehoben. Gerade in diesen schwierigen Zeiten den Blick nach vorn zu richten, das hat sich die Heidelberg Music Conference vorgenommen. „Was jetzt?! Auf der Suche nach der Relevanz von morgen“ fragt sie – und provoziert damit zunächst einmal mehr Fragen als Antworten. Was ist Relevanz? Wie misst man sie? Muss Kunst überhaupt relevant sein? Wie soll das Konzert der Zukunft aussehen? Wie müssen sich die Institutionen verändern? Eine Frage führt zur nächsten, die Antworten sind teils inspirierend, teils bereits bekannt. Es braucht neue Formate und mehr Nähe (Konzertdesigner Folkert Uhde), der digitale Raum muss in seinen Möglichkeiten erkundet werden (Musikjournalist Holger Noltze), Kultur und Politik müssen besser zusammenarbeiten (Hamburger Kultursenator Carsten Brosda), die Kultur benötigt eine gemeinsame Stimme (Festivalintendant Thorsten Schmidt), der Betrieb braucht mehr Diversität (Gründerin Hiromi Gut). Verhandelt wurde all das zum ersten Mal im digitalen Raum, mit Livestream, Workshop und Speeddating. So persönlich es eben möglich war. Die Ergebnisse der Konferenz hielt Gabriele Schlipf als Graphic Recording fest: unser Bild der Woche. Ein Teil der Beiträge kann abgerufen werden unter: www.heidelberger-fruehling.de/heidelberger-fruehling/music-conference.

(Graphic Recording: Gabriele Schlipf, www.momik.de, 2020; Fotos: studio visuell)




14. — 20. November 2020

Vor Papplikum


Aus dem Fußball war diese Spielerei bereits bekannt: Da man in der Elbphilharmonie kurz vor dem bevorstehenden November-Lockdown aus Sicherheitsgründen auf ein menschliches Konzertpublikum lieber verzichtete, bastelte man sich als Alternative seine Hörerschaft selbst – aus Pappe. Und so saßen zum Geburtstagskonzert des NDR Elbphilharmonie Orchesters, vor 75 Jahren als Orchester des Nordwestdeutschen Rundfunks gegründet, zwar keine realen, aber immerhin allerhand historische Papp-Persönlichkeiten und Orchester-Wegbegleiter im Großen Saal des Hauses. So erwiesen unter anderem ehemalige Orchesterleiter wie Hans Schmidt-Isserstedt und Günter Wand dem jetzigen Chefdirigenten Alan Gilbert und den Musikern und Musikerinnen die Reverenz. Auf dem Programm standen Teile des ersten Sinfoniekonzerts von 1945, etwa das Doppelkonzert für Violine, Violoncello und Orchester von Johannes Brahms, hier gespielt von Julia Fischer und Daniel Müller-Schott, sowie Pjotr Tschaikowskis 5. Sinfonie. Das Konzert kann noch auf der Webseite des NDR nachgeschaut und nachgehört werden.

(Fotos Jubiläumskonzert: Peter Hundert, Fotos Archiv: NDR)




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