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13. — 19. Juli 2019

Starker Start

Das Opernfestival in Aix-en-Provence hatte in den letzten 11 Jahren unter der künstlerischen Leitung von Bernard Foccroulle eine musikalische Qualität von allererstem Niveau, während die Regie-Handschriften eher zur Kulinarik neigten. Nun hat Pierre Audi die Intendanz übernommen, nachdem er sagenhafte 30 Jahre lang Intendant an der Amsterdamer Nationaloper war und legt einen prägnanten Start hin, der sich deutlich zum Experiment bekennt. Denn zur Eröffnung zeigt er Romeo Castelluccis unerhört subtile, souverän mit Assoziationen spielende Bühnenadaption von Mozarts „Requiem“, gefolgt von Puccinis kassenträchtigem Opernschocker „Tosca“ in der gewagten Dekonstruktion des französischen Filmregisseurs Christophe Honoré.
Beide Produktionen werden im Théâtre de l'Archevêché gezeigt, dem Freilufttheater im Innenhof des Erzbischöflichen Palais. Romeo Castellucci nähert sich erwartungsgemäß Mozarts Totenmesse nicht mit der Erfindung einer Handlung, sondern mit einer Abfolge von Tableaus, die archaische, überzeitliche Bilder beschwören und zugleich im Jetzt und Hier stehen. An die Rückwand werden unablässig Erinnerungen an die Vergänglichkeit wachgerufen mit der Einblendung von ausgestorbenen Tier- und Pflanzenarten, Sprachen, Kulturdenkmälern, Bauten, auch diversen - ismen und Gebräuchen. Eine unendlich lange Reihe des Verschwindens. Am Schluss steht da „5 Juillet 2019“, das Datum der zweiten Aufführung. Auch dieser Tag ist dann fast schon vorbei.
Es beginnt ganz still: Auf der Bühne (Castellucci und Silvia Costa) ein karges Bett, eine alte Frau raucht stehend vor dem Fernseher eine (letzte?) Zigarette, geht ins Bett und verschwindet darin. Raphaël Pichon (Dirigent und Arrangeur) lässt dazu Gregorianik a cappella erklingen und hat Mozarts Requiem ansonsten überwiegend mit Unbekanntem aus Mozarts Feder angereichert, etwa der Meistermusik KV 477b und dem Miserere mei KV 90, seine beiden Pygmalion-Ensembles (Chor und Orchester) musizieren auf allerhöchstem Niveau, historisch informiert mit kristallklarer Intonation, transparent-warmer Tongebung, sprechender Diktion und elaborierter Rhetorik. Und der Chor agiert zudem auf der Bühne überraschenderweise – zu einer Totenmesse! – zumeist tanzend! Erst erinnern die hüpfenden und stampfenden Schrittfolgen an irische Volkstänze, dann verweisen die Kostüme eher auf den Balkan, später wieder an heutige Straßenkleidung. Viele Tableaus und Bildfindungen beziehen sich anspielungsreich auf Ikonen der Kunstgeschichte, die Hauptrolle spielt das Kollektiv, also der Chor (und einige Profitänzer), der den Fragen nach den letzten Dingen mit der scheinbaren Leichtigkeit des Tanzes nachgeht. Über dem allerdings ein tieferer Ernst liegt, etwas Archaisches, das zugleich tröstet und befremdet. Ein typischer Castellucci-Abend, aber einer seiner bislang intensivsten und als Festival-Start mit einer Totenmesse eine starke Setzung.
Für „Tosca“ findet Christophe Honoré am nächsten Abend eine ästhetische Lösung, die kaum weiter entfernt sein könnte von Castelluccis Ritual. Denn Honoré spielt angstfrei mit den Konventionen der italienischen Oper und stellt sowohl deren Starkult als auch ihr Dauer-Espressivo in den Mittelpunkt seiner sezierenden Arbeit. Honoré geht es aber keineswegs um Kabarett oder Parodie, denn es gelingt ihm, das Genre Oper zu zerlegen, die Geschichte zu verfremden, mindestens zwei Bühnenrealitäten parallel laufen zu lassen, das Diventum zu ironisieren und all’ das gleichzeitig auch wieder zu feiern. So, als würde es nichts helfen, den Zauber zu entzaubern, denn er kommt zur nächsten Tür wieder herein. Der wesentliche Kniff seiner Regie, die sich vieler Kameras und Videoscreens bedient, ist die Mitwirkung einer großen Diva alter Schule, einer der berühmtesten Toscas überhaupt: Catherine Malfitano. Die 71-jährige Sopranistin spielt sich selbst, mit einer gehörigen Portion Selbstironie und erstaunlich intakter Stimme ist sie ständig präsent auf der Bühne, überwacht Proben, Vorsingen und berät die junge, dunkelhäutige Angel Blue, die ihr nun als Tosca nachfolgen soll (und für die es auch in ihrem realen Leben ihre erste Tosca ist). So oszilliert das detailreich inszenierte Geschehen auf der Bühne ständig zwischen der Erinnerung, einer nüchternen Produktions-Situation und jenen Momenten, wo der Puccini-Krimi alle Beteiligten mitreißt in eine andere Realität. Dabei gelingen Honoré erhellende, dichte Momente von beklemmender Aktualität. Wenn etwa Angel Blue die berühmte Tosca-Arie „Vissi d’arte“ singt, in der Tosca ihr Unglück beklagt, gleich vom skrupellosen Scarpia vergewaltigt zu werden, sitzt sie hier auf der Besetzungscouch, der römische Polizeipräsident ist Agent, seine Schergen seine Assistenten, und die Vorzeige-Arie wird zur doppelten Pein. Das alles ist raffiniert, gewitzt und pointenreich inszeniert, die vielen Brechungen schmecken dem Stammpublikum zwar nur begrenzt, aber auch bei „Tosca“ ist die musikalische Ausführung über jeden Zweifel erhaben. Daniele Rustioni inspiriert das Orchestre de l’Opéra de Lyon zu lyrischem, differenzierten Puccini-Spiel, Angel Blues leuchtender Sopran ist eine ideale Tosca, großartig auch Joseph Callejas flammender Cavaradossi, faszinierend Alexey Narkovs aalglatter Scarpia. Grandios auch in ihrem Mut zur Selbstdemontage, die aber im Triumph endet: Catherine Malfitano.

Regine Müller

(Fotos von Mozarts Requiem: Pascal Victor/Artcompress)


06. — 12. Juli 2019

„Authentikos“

Ist ein Werk „authentisch“ oder „original“, weil man es dafür hält? Oder wie kommt ein Werk, wie kommen aber auch ein Interpret oder ein einflussreicher Lehrer sonst zu dieser besonderen Zuschreibung? Das Kammermusikfest Lockenhaus macht seit 1981 jeden Sommer das kleine Örtchen Lockenhaus im österreichischen Burgenland zu einem Mekka für Kammermusikfreunde. Für die diesjährige Ausgabe (4. - 13. Juli) hat der Künstlerische Leiter des Festivals, Cellist Nicolas Altstaedt, das zehntägige Festival mit seinen 30 Veranstaltungen unter das Motto „Authentikos“ gestellt. So ziehen sich die Fragen nach Originalität und Fälschung, aber auch nach Authentizität und künstlerischer Freiheit wie ein roter Faden durch das Festivalprogramm. Neben den Konzerten mit u.a. Pianist Alexander Lonquich, Sängerin Anna Prohaska, Cellist Maximilian Hornung oder auch Perkussionist Johannes Fischer in der ehrwürdigen Kirche und in der trutzigen Burg gibt es auch ein Rahmenprogramm zu diesem Thema: eine Diskussion mit Meisterfälscher Wolfgang Beltracchi zum Beispiel oder auch ein Vortrag von Wolf-Dieter-Seiffert vom Henle Verlag über die Bedeutung von „Urtext“. Einige der Werke Beltracchis, der mit seinen kunstvollen Fälschungen von Gemälden zum Beispiel von Braque, Pechstein und Ernst 40 Jahre lang die Kunstwelt an der Nase herum führte, sind zudem für die Dauer des Festivals im Schloss zu sehen. Sie stammen allerdings aus neuerer Zeit, sind also nun ausgewiesene Beltracchi-„Originale“. Aber auch in der Musik sorgen immer wieder Fragen nach der echten oder vermeintlichen Authentizität etwa von der Interpretation historischer Kompositionen für explosive Diskussionen, und auch in musikalischen Adaptionen fremder Werke, die manche Komponisten angefertigt haben. Hören, Denken, Reflektieren, Diskutieren – und Genießen: Kaum ein Ort eignet sich derzeit besser für diese anregende Mischung als Lockenhaus.

(Fotos: Nancy Horowitz/Kammermusikfest Lockenhaus)


29. Juni — 05. Juli 2019

Kulturkurstadt

Warum ein Festival nicht das Gleiche ist wie lediglich eine Konzert-Reihe im Sommer, das kann man derzeit im fränkischen Bad Kissingen erleben. Seit mehr als 30 Jahren gibt es dieses Klassik-Gipfeltreffen in der kleinen Kurstadt bereits, inzwischen erstreckt es sich längst über vier musikalisch proppevolle Wochen. Seit 2017 prägt Tilman Schlömp als Intendant die Geschicke des traditionsreichen Festivals, führt es behutsam weg vom Festival der großen Namen hin zu einem Musiksommer, der dramaturgisch eine Geschichte erzählt. Nachdem in den letzten beiden Jahren das 19. und das 20. Jahrhundert im Fokus standen, lautet das diesjährige Motto „1762 – nach der Natur gemalt“, inspiriert vom Jahr der Uraufführung von Glucks „Orfeo ed Euridice“, mit der die Opernreform eingeläutet wurde, und dem Erscheinungsjahr von Rousseaus „Du contract social“. So erklingen zahlreiche Werke vor allem aus dem mittleren 18. Jahrhundert (wenn auch keineswegs ausschließlich), die sich mit dem Thema Natur bzw. der Rolle des Menschen darin auseinandersetzen. So wie das Sonderformat „Ein Tag mit Haydn“ am 22. Juni, bei dem das Publikum zu den jeweils passenden Uhrzeiten Haydns frühe „Tageszeiten-Sinfonien“ aus dem Jahr 1761 im Max-Littmann-Saal erleben konnte, aufgeführt von dem inspirierten, dirigentenlosen Ensemble Spira Mirabilis. Aber auch die drei Festivalopern – Glucks „Orfeo ed Euridice“, Wagners „Rheingold“ (in einer konzertanten Aufführung) und Rousseaus Einakter „Der Dorfwahrsager“ – lassen über das Thema Natur & Musik noch einmal neu und anders nachdenken. Noch bis Mitte Juli kann man in den Sälen des Regentenbaus, aber auch bei Open-Air-Veranstaltungen und in umliegenden Klöstern und Kirchen diesem Thema nachspüren, inmitten einer historischen Kurstadt, die Natur und Kultur zusammenführt wie wohl nur wenige andere Orte in Deutschland.

(Fotos: Sonja Werner; Kissinger Sommer)


22. — 28. Juni 2019

In der Leichenschauhalle

André Previn hat über Erich Wolfgang Korngold einmal gesagt, in seinem Werk sei „immer Wien um die Ecke“. Vor allem meinte er wohl das Wien von Sigmund Freuds „Traumdeutung“, denn die Oper zu Freuds Theorie ist Korngolds „Die tote Stadt“. Die Renaissance von Korngold, dem einstigen Wunderkind und später verfemten und vergessenen Komponisten setzte bereits in den 1970er Jahren ein, Günter Krämer etwa glich in seiner wegweisenden Inszenierung in Düsseldorf „Die tote Stadt“ mit Hitchcocks „Vertigo“ ab und verdüsterte Korngolds Psychotripp zum mörderischen Thriller.
In Wuppertal nun spürt Regisseur Immo Karaman, der auch für die Bühne verantwortlich zeichnet, bewusst nicht der Atmosphäre der „toten Stadt“ nach, mit der das mittelalterliche Brügge gemeint, ist und breitet auch nicht den Horror der „Kirche des Gewesenen“ aus, in der Witwer Paul in seinem mit Erinnerungen vollgestopften Haus einzig dem Andenken seiner verstorbenen Frau Marie lebt. Karaman verzichtet auf Atmosphäre und Modergeruch und zeigt stattdessen zu Korngolds wuchernd sinnlichen Klängen eine grün gekachelte Leichenschauhalle, in der es nur ein Kühlfach gibt. Die Schublade ist aufgezogen, von der Leiche von Pauls Frau Marie sieht man nur ihr blondes Haar. Er kauert daneben auf einem Stuhl und schneidet ihr schluchzend eine Strähne ab, die er fortan als Reliquie verehrt. Die kommenden, von Korngold als Visionen konzipierten Szenen, in denen Paul der Tänzerin Marietta begegnet, die Marie täuschend ähnlich sieht, strukturiert Karaman mit zwei Vorhängen, hinter denen der Raum sich wundersam verändert und auch mal zur surreal ausgeleuchteten Bar wird. Die Vorhänge ermöglichen auch Auftritte quasi aus dem Nichts heraus und geben der Szenerie zudem etwas theaterhaft Artifizielles. Im zweiten Bild fährt die grüngekachelte Rückwand hoch und gibt den Blick frei auf ein auf dem Dach liegendes, brennendes Autowrack, aus dem Todesopfer herausgeschleudert wurden, sich aber alsbald aufrappeln und sich als Personal der Theatertruppe jener Tänzerin Marietta entpuppen, von der Paul sich magisch angezogen fühlt, weil sie seiner toten Frau Marie frappierend gleicht. Bei Karaman allerdings ist Marietta die deutlich grobere, ordinärere Version von Marie und wirkt in ihrem handfesten Gebaren ziemlich geheimnislos. Virtuos und mit viel Rhythmus inszeniert ist die Szene, in der Mariettas Theatertruppe nach Meyerbeers „Robert le Diable“ improvisiert. Nach der Pause kehren Paul und Marietta, die mittlerweile mit ihm lebt, zurück in die Leichenhalle, doch Marietta versucht, sich von Paul zu befreien. Wenn nun die Rückwand des Leichenkubus erneut hochfährt, sieht man wieder das Auto, diesmal aber vor dem Unfall. Marietta steigt ein und fährt los, oder sehen wir hier die Rückblende von Maries Tod? Die letzte Szene schließlich spielt in einer wirklichen Leichenschauhalle mit vielen Kühlfächern, Paul scheint nun in einer realen Umwelt angekommen und beschließt, Brügge, die „tote Stadt“, zu verlassen.
Eigenartig nüchtern endet so der lange Abend, für den Karaman und sein Kostümbildner und Choreograf Fabian Posca starke Bilder und schlüssige Visualisierungen der zwischen Täuschung, Traum und Wahn oszillierenden Handlung finden. Dennoch lässt das Ganze seltsam unberührt, womöglich wird die morbid erotische Unterströmung und der fetischhafte Zug von Korngolds schwülem Opus hier doch zu kühl serviert, zu kalkuliert?
Musikalisch ist der Abend durchwachsen: Johannes Pell steuert das Wuppertaler Sinfonieorchester souverän durch Korngolds Klangfluten, anfangs wird es manchmal arg laut, so dass die Sänger kämpfen müssen, doch später gelingt Pell eine feine Balance und die Entfaltung üppigen Klangparfüms. Jason Wickson kämpft sich heroisch durch die mörderische Tenorpartie des Paul und steht sie erstaunlich wacker durch. Aber die Höhen klingen eng und forciert, bretthart und so häufig unter dem Ton. Dabei stehen ihm durchaus auch Piani zur Verfügung, man versteht nicht recht, warum er sich ihrer so selten bedient. Allerdings weiß man auch nicht, warum er stets mit aus der Hose hängendem Hemd herumstolpert. Susanne Serfing geht ihre gleichfalls hoch anspruchsvollen Sopran-Doppelrolle als Marie / Marietta ungleich differenzierter an und imponiert mit leuchtenden Lyrismen und leicht ansprechender Höhe. Simon Stricker gefällt als Frank / Fritz mit liedhaft legato-weich geführtem Bariton, der auch aufzutrumpfen versteht, Ariana Lucas’ Auftritt als Brigitta gerät arg druckvoll, alle anderen Partien (Anne Martha Schuitemaker als Juliette, Iris Marie Sojer als Lucienne, Sangmin Jean als Victorin / Gaston und Mark Bowman Hester als Graf Albert) sind famos besetzt. Großer Applaus für einen Abend, der nicht durchweg fesselt.

Regine Müller

(Fotos: Wil van Iersel)


15. — 21. Juni 2019

Der Sound des Sommers

Der Erholungs-Faktor: Auf ihn setzen auch die großen Musik-Festivals, die derzeit eins nach dem anderen Eröffnung feiern und dabei die besten Seiten ihrer jeweiligen Stadt oder Region präsentieren. Ob im hohen Norden die Gezeitenkonzerte (Start war am 14.6.), die Festspiele in Mecklenburg-Vorpommern (ab 15.6.) und Schleswig-Holstein (ab 6.7.) oder weiter im Süden das Rheingau Musik-Festival (ab 22.6.) und der Kissinger Sommer (ab 15.6.): Überall zelebriert man Musikgenuss naturnah. Denn bei den meisten Sommerfestivals finden die Konzerte über eine große Region verteilt in Parks und Gärten, in alten umgebauten Scheunen und kühlen Kirchen, aber auch in den etablierten Konzerthäusern der Gegend statt. Und wer schon auf dem Land unterwegs ist, will dort gern auch etwas verweilen, daher bieten viele Festival-Veranstalter auch Picknicks oder Dinners an … Genießen lässt sich eben am besten mit allen Sinnen und draußen. Es lebe der Sommer!

(c) pixabay


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