Startseite · CD zum Sonntag

13. — 19. Juli 2019

Der Himmel hinter Mauern: Es mag ungewöhnlich aus heutiger Sicht erscheinen, dass eine Ordensschwester Arbeiten nachgeht, die sich nicht unmittelbar aus ihrem Dienst am Kloster ergeben zu scheinen, aber tatsächlich waren Klöster bis kurz vor der Reformation bereits blühende Orte der Konversation, der Kultur und der Künste. Chiara Margarita Cozzolani, eine im Mailänder Raum des 17. Jahrhunderts in eine wohlhabende Familie hineingeborene Frau, legte mit 18 Jahren ihr Gelübde bei den Benediktinerinnen ab. Dort brachte es die Nonne bis zur Äbtissin, in hohem Alter dann sogar zum Amt der Priorin des Klosters Santa Radegonda. Wahrscheinlich würde ihr Name dafür heute nur noch in Archivalien aufscheinen, wäre Cozzolani nicht parallel eine fantastische Komponistin gewesen, die es auf höchster Ebene mit der Musikproduktion ihrer Zeit aufnehmen konnte. Was ihre Kompositionen so reizvoll macht, ist der äußerst bewegte und schwungvolle Stil, den sie den geistlichen Texten ihrer Psalmen, Concerti und ihrer Marienvesper verliehen hat. Wunderbar zeigt sich das im neuen Album des Ensembles I Gemelli unter der Leitung des Tenors Emiliano Gonzalez Toro: Als hätte Cozzolani die Errungenschaften der Seconda Prattica Monteverdis organisch weiter vorangetrieben, lebt die hier zusammengestellte Vesper von enormer Binnenspannung, aufmerksamer Textausdeutung und einem großartigen Sängerensemble, dass die geistlichen Werke mit theatralischer Dramatik zum Gleißen bringt.

06. — 12. Juli 2019

Vertrauen in das eigene Empfinden und Toleranz statt Akademismus und Streit: Die Konflikte, die in den letzten Jahren bisweilen die Diskussionen um eine „historische“ oder „historisch informierte“ Aufführungspraxis geprägt haben, scheinen heute längst Platz gemacht zu haben für eine Spezialisierung, in der jeder mit Freude und meist großer Kompetenz seine Nische bespielt. Da werden auch Musizierende mit anderen Vorstellungen nicht mehr (zwangsläufig) mit Naserümpfen bedacht. Die neueste CD des Zimmermann Trios um Geiger Frank Peter Zimmermann hätte von den klassischen Anhängern der historischen Aufführungspraxis sicher keine Auszeichnung bekommen, im Gegenteil. Es ist eine eigenwillige, aber faszinierende Interpretation, die Zimmermann gemeinsam mit Bratscher Antoine Tamestit und Cellist Christian Poltéra von diesem Wunderwerk der Ideen vorlegt. Man hört, dass jede einzelne dieser Variationen in den letzten Jahren intensiv von den drei Musikern in Konzerten getestet, vielleicht überdacht und im gemeinsamen Spiel verfeinert wurde. Nun also liegt ihre Interpretation von Bachs monumentalem Variationen-Opus auf CD vor. Das Trio schrieb die bekannte Streichtrio-Fassung, die einst Sitkovetsky anfertigte, noch einmal stellenweise um und eignete sich das Stück dabei zugleich noch mehr an. Wahnwitzig schwierig und quirlig ist das zum Teil, dann wieder elegisch und fahl. Doch das Zimmermann Trio nimmt diese Musik nicht pathetisch, eher lebensfroh, auch die langsamen Variationen, in denen ein gesunder Puls allzu schwermütige Momente von sich fern hält. Stattdessen legt das Trio lieber eins drauf in Sachen Spielfreude und Geschwindigkeit, spart nicht an Vibrato und dynamischen Extremen. Das kann man stellenweise als etwas plakativ empfinden, doch meistens wird man gerne mitgerissen in diesem technisch brillant gemeisterten Stimmungsepos. Dass der Klang der drei Instrumentalisten sich auf dieser CD zudem auffallend gut ergänzt: Es mag auch daran liegen, dass alle drei Musiker auf Stradivari-Instrumenten spielen.

29. Juni — 05. Juli 2019

Olé! Nachdem sich nun in Mitteleuropa schon Temperaturen eingebürgert haben, wie sie sonst für Südspanien üblich wären, kann man auch gleich den Fächer zur Hand nehmen und eine musikalische Stippvisite wagen. Enrique Granados ist der geeignete Reiseführer dazu, denn seine 12 „Danzas Españolas“ wirken wie ein nach Regionen sortierter Atlas der Halbinsel. Da finden sich sowohl klassisch-rokokohafte Melodien (Galante – Minueto), als auch der Einfluss der Araber (Oriental) oder ein feuriger Fandango. Berühmt geworden ist die Andaluza mit ihrem virtuosen Ineinander von Melodiestimme und angedeutetem Begleitzupfen – und zwar in einer Version für die hier porträtierte und als volkstümlicher für Spanien empfundene Gitarre. Wer aber könnte sich authentischer in der originalen Klavierfassung bewegen und diesen Miniaturen aus Hitze und Lebenslust zu farbiger Sinnlichkeit verhelfen, als die Enkelschülerin Enrique Grandos‘, Alicia de Larrocha. Als Rausschmeißer schickt sie noch die „Valses poéticos“ hinterher, einen fast viertelstündigen Wirbel aus Dreivierteltakten, der so gar nichts mit der leicht morbiden Sentimentalität der ansonsten habsburgisch verschwägerten Wiener und ihrer Walzer zu tun hat.

22. — 28. Juni 2019

Olé! Nachdem sich nun in Mitteleuropa schon Temperaturen eingebürgert haben, wie sie sonst für Südspanien üblich wären, kann man auch gleich den Fächer zur Hand nehmen und eine musikalische Stippvisite wagen. Enrique Granados ist der geeignete Reiseführer dazu, denn seine 12 „Danzas Españolas“ wirken wie ein nach Regionen sortierter Atlas der Halbinsel. Da finden sich sowohl klassisch-rokokohafte Melodien (Galante – Minueto), als auch der Einfluss der Araber (Oriental) oder ein feuriger Fandango. Berühmt geworden ist die Andaluza mit ihrem virtuosen Ineinander von Melodiestimme und angedeutetem Begleitzupfen – und zwar in einer Version für die hier porträtierte und als volkstümlicher für Spanien empfundene Gitarre. Wer aber könnte sich authentischer in der originalen Klavierfassung bewegen und diesen Miniaturen aus Hitze und Lebenslust zu farbiger Sinnlichkeit verhelfen, als die Enkelschülerin Enrique Grandos‘, Alicia de Larrocha. Als Rausschmeißer schickt sie noch die „Valses poéticos“ hinterher, einen fast viertelstündigen Wirbel aus Dreivierteltakten, der so gar nichts mit der leicht morbiden Sentimentalität der ansonsten habsburgisch verschwägerten Wiener und ihrer Walzer zu tun hat.

15. — 21. Juni 2019

Er galt als der „Liszt des Violoncellos“: Jacques Offenbach. Zu Recht? Jener Meister der prickelnd-leichten Unterhaltungsmusik, der mit seiner Opéra bouffe „Orphée aux enfers“ und „Les contes d`Hoffmann“ als Komponist berühmt wurde? Am 20. Juni wäre Offenbach 200 Jahre alt geworden, dementsprechend wird der Scheinwerfer derzeit nochmal neu auf ihn und sein Schaffen ausgerichtet. Und dabei zeigt sich: Offenbach und das Cello – das war eine Herzensverbindung. Cellistin Raphaela Gromes und Pianist Julian Riem erkunden auf ihrer neusten, mittlerweile dritten CD für Sony genau diese bisher fast unbekannte Facette des französischen Kreativkopfs. In Offenbachs Duett op. 54 gesellt sich auch Wen-Sinn Yang, Gromes‘ ehemaliger Cello-Professor, zu dieser Exkursion ins Paris des 19. Jahrhunderts. In einem Bonus-Track spielen als krönenden Abschluss alle drei gemeinsam die „Barcarolle“ aus „Les contes d‘ Hoffmann“ in einem Arrangement von Julian Riem. Der Begriff vom „Liszt des Cellos“ wurde in Bezug auf Offenbach im Übrigen 1843 in der Pariser Musikzeitschrift „L‘ Artiste“ geprägt, in der die „geheimnisvolle Beziehung“ zwischen dem Künstler und seinem Cello für Faszination sorgte. Er war aber eben nicht nur Virtuose, sondern schrieb auch selbst eine ganze Reihe von Werken für das Cello, die heute fast nie auf den Konzertprogrammen zu finden sind. Die letzte größere Einspielung von Offenbach-Cellostücken stammt gar aus dem Jahr 1980, wahrlich eine Schmach für den berühmten Jubilar! Das ändern Gromes und Riem nun mit ihrer reinen Offenbach-CD. Sie kombinierten dabei effektvolle Virtuosenstücke von Offenbach – wie die „Danse bohémienne“ op. 28 und die „Tarantelle“ (in einer Weltersteinspielung) – mit Werken unterschiedlichsten Charakters: „Introduction et valse mélancolique“, das träumerische „Reverie au bord de la mer“ oder auch die klangmalerische Schlittenfahrt „La cours en traineau“. Was für Entdeckungen sind da dabei! Zumindest für Freunde der gehobenen und brillanten Salon-Musik. In der klangschönen, seelenvollen, aber oft auch feurigen Interpretation durch Gromes kann man die Vielfalt von Offenbachs unbekanntem Schaffen für Cello neu entdecken. Ein tolles Geburtstagsgeschenk!

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CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Der Himmel hinter Mauern: Es mag ungewöhnlich aus heutiger Sicht erscheinen, dass eine Ordensschwester Arbeiten nachgeht, die sich nicht unmittelbar aus ihrem Dienst am Kloster ergeben zu scheinen, aber tatsächlich waren Klöster bis kurz vor der Reformation bereits blühende Orte der Konversation, der Kultur und der Künste. Chiara Margarita Cozzolani, eine im Mailänder Raum des 17. Jahrhunderts in eine wohlhabende Familie hineingeborene Frau, legte mit 18 Jahren ihr Gelübde bei den […] mehr »


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