Startseite · CD zum Sonntag

14. — 20. September 2019

Die Solopartiten und -sonaten von Johann Sebastian Bach gelten vielen als der Heilige Gral der Geigenmusik. Darf man sie anrühren, verändern, verfremden? Gefährliches Unterfangen! Doch andererseits haben schon so einige Instrumentalisten den Beweis erbracht, dass gerade Bachs Werke sich mit ihren Walking Basses für eine Begegnung mit dem Jazz und anderen moderneren Stilrichtungen hervorragend eignen. Nun hat Geiger Benjamin Schmid seine waghalsige und ziemlich überzeugende Bach-Modernisierung vorgelegt, unter dem Titel „Bach: Reflected“. Schmid ist schon lange als Doppelagent in der Klassik genauso wie in der Jazzmusik zuhause. Für das Bach-Album hat er sich mit besonderen musikalischen Partnern zusammengetan: Jazzgitarrist Dikknu Schneeberger, Georg Breinschmid am Kontrabass, Stian Carstensen am Akkordeon, Miklos Skuta am Klavier und Emiko Uchiyama am Marimbafon, wobei von Nummer zu Nummer ein passender Mix aus diesen außergewöhnlichen Klangfarben gesucht wird. So singen Schmid und Schneeberger etwa den langsamen Satz aus Bachs E-Dur-Violinkonzert aus wie eine melancholische Jazzballade, das Solopräludium aus der Partita in E-Dur wird zu einem unwirklichen „Fiebertraum“, wie Schmid es nennt. Und auch der berühmte Sinti-Jazz von Django Reinhardt und Stéphane Grappelli, dem Schmid vor Jahren bereits eine mitreißende CD gewidmet hat, erlebt hier ein erstaunliches Rendezvous mit Bachs Welt, in der langsamen „Loure“ aus der E-Dur-Partita. „Bach:Reflected“ ist keine Konkurrenz zu den Originalwerken, das will dieses spielfreudige Album auch gar nicht sein. Es ist eine musikalische Begegnung von Barock und Moderne, von E- und U-Musik auf Augenhöhe – und mit einem Augenzwinkern.

07. — 13. September 2019

Werkstattgespräche: Es ist ja ein altes Klischee, Wolfgang Amadeus Mozart sei schon als Kind einfach fixfertig als Komponist vom Himmel gefallen. Dabei lohnt sich der Blick auf die Werkbank, nicht allein zum 300. Geburtstag von Vater Leopold, der maßgeblich dazu beitrug, dem Sohn die Grundlagen des Handwerks und einen internationalen künstlerischen Horizont zu vermitteln. Den größten Schritt, in die damals noch heikle Selbständigkeit eines freien Komponisten, ist Wolfgang Amadeus mit der Entscheidung, sein Glück fürderhin in Wien zu versuchen freilich gegen den Willen des Vaters gegangen. Denn Wien bot ihm an kaiserlichen und privaten Häusern die Betätigungsfelder, sich auch als Opernkomponist zu entfalten. Welchen Weg er dabei zurückgelegt hat offenbart ein neues Album von Pygmalion unter Raphaël Pichon, der sich nach den Amouren um die Weber-Familie nun ein neues Kapitel aus Mozarts Biografie zum Klingen bringt. Gemeint sind die Jahre zwischen 1782-86, in denen der knapp Dreißigjährige skizzenhaft oder in Konzertarien seinen ungemein psychologischen Zugriff auf Bühnenfiguren erprobte und ausbaute. Die formt Pichon nun lose zu einem dreiaktigen Pasticcio, das dafür doch erstaunlich dramatische Zündfunken versprüht. Auch die Kollegen, die Mozart bei diesem Weg als Fixsterne und Antipoden dienten, sind vertreten, wie Martin y Soler, Paisiello und Salieri. Und der Hörer trifft auf zahlreiche nicht bis kaum bekannte Mosaiksteine aus dem Werkkatalog, die sich auf einmal zu einer Blaupause fügen, hinter der am Ende die großen drei Da-Ponte-Opern warten. 

31. August — 06. September 2019

Alfred Schnittke ist immer wieder ein Phänomen. Polystilistik war das Markenzeichen dieses musikalischen Grenzgängers. Und das bedeutete für ihn: ein bedingungsloses, neugieriges Suchen nach Formen der Synthese von Altem und Neuem, von „banaler“ und „erhabener“ Musik, eine kreative Begegnung von Gattungen, Stilen und Epochen. Diese CD von Geiger Roman Mints und Pianistin Katya Apekisheva präsentiert das schillernde Panorama von Möglichkeiten, das Schnittke für Geige und Klavier im 20. Jahrhundert auskundschaftete. Neben seinen drei Geigensonaten und einigen kürzeren Werken wurde auch die selten zu hörende „Suite im alten Stil“ für Viola d`Amore, Cembalo und Percussion mit in diese spannende Werkschau Schnittkes aufgenommen: in ihrer barocken Simplizität zugleich eine lustvolle Irritation fürs Ohr! Vor allem aber auch in der 2. Sonate für Violine und Klavier aus dem Jahr 1987 wird Schnittkes konstruktive Dekonstruktion evident: „Quasi una sonata“ nannte Schnittke das Werk und meinte dazu, es handle sich um eine „Art Grenzfall der Sonatenform. Sie wird in Frage gestellt und scheint nicht zustande zu kommen und – da ist die Sonate schon zu Ende.“ In dieser Sonate kollidiert auf knappem Raum die harmonische Sphäre eines g-Moll-Dreiklangs mit einem aggressiv dissonanten Violinakkord, bis sich die Spannung kurzzeitig in einem B-A-C-H-Motiv auflöst. Doch diese „Lösung“ ist nur Schein. Am Ende bleiben die zwei harmonischen Sphären – Tonalität und Atonalität – als kompromisslos Gegenpole in einem fragilen und merkwürdig ansprechenden Gleichgewicht bestehen. Schnittkes Musik erträgt diese Konflikte nicht nur, sie macht wahre Kunst daraus.

24. — 30. August 2019

Nordlicht: Aus dem damals dänischen Holstein stammend, wird Dieterich Buxtehude im Frühling 1668 der neue Kirchenmusiker an St. Marien in Lübeck. Mit der Übernahme von Amt (und Heirat der Tochter) von Franz Tunder führt er auch dessen „Abendmusiken“, festliche und groß besetzte Adventskonzerte, fort. Diese sind so erfolgreich, dass Buxtehude bald der strahlendste Vertreter der Norddeutschen Orgelschule ist, den zu besuchen sich Johann Sebastian Bach, Georg Friedrich Händel und Johann Mattheson auf den Weg machen. Für Bach und seine Orgelkunst wird die Begegnung mit dem Virtuosen und berühmten Improvisator am prägendsten sein. Dennoch hat Buxtehude weit mehr Werke auf dem Gebiet der Vokalmusik hinterlassen. Schon ein Jahr nach Amtsantritt Buxtehudes hatten die Kirchenvorsteher durch Einbau von Seitenemporen in St. Marien die Aufführung mehrchöriger Werke ermöglicht, und der Organist wusste davon reizvoll Gebrauch zu machen. Das 2010 erschienene Album des Ensembles Götheborg Baroque unter Magnus Kjellson gibt einen schönen Querschnitt durch Buxtehudes große Psalmen und Geistliche Konzerte, ausgehend vom überwältigenden „Benedicam Dominum“ BuxWV 113. Und wer genau hinhört, wird merken, dass der einleitende machtvolle Akkord nur scheinbar reglos im Kirchenraum steht – wie Lerchen laufen die Zinken trillernd und verzierend die Tonleiter auf und ab und sorgen für einen schimmernden Glanz – nur ein Beispiel für den lebendigen und stets hellwachen Gestus dieser prachtvollen Aufnahme.

17. — 23. August 2019

Das ging fix! In Schumanns „Haushaltsbuch“ kann man nachlesen, wenn auch gewohnt kryptisch, wie rasch er mit der Arbeit an seinem Klaviertrio op. 110 vorankam: „1. Okt. 1851 Kompositionsgedanken, 2. Okt. Triogedanken, 3. Okt. 1. Satz fertig, 4. Okt. 2. Satz, 5. Okt. 3. Satz, Freude, 27. Okt. Probe zum Trio zum ersten Mal, Freude.“ Dabei war Schumann sonst nicht unbedingt ein Schnellschreiber wie etwa Mozart. Doch die vier Sätze wirken wie aus einem Guss, wie in einem Schaffensrausch zu Papier gebracht. Als Robert Schumann seiner Frau Clara das Trio zeigte, meinte sie, es sei „durch und durch voller Leidenschaft“ und lobte „besonders das Scherzo, das einen bis in die wildesten Tiefen mit fortreißt“.
Ein wenig kurios mutet es an, dass Schumann das Finale rückwirkend mit „Kräftig, mit Humor“ betitelte, während er es zuvor schlicht und einfach mit „mäßig“ überschrieben hatte. Vielleicht wollte er zumindest dem Titel nach noch einen etwas freundlicheren Abschluss finden nach den drei ersten Sätzen, die wie eine Achterbahnfahrt durch emotionale Abgründe und Höhenflüge anmutet. Dabei ist dieses „humorvolle“ Finale meist in großem Aufruhr, wilde Sprünge und rauschende Läufe geben der Musik einen aufgepeitschten Gestus. Mit ungewöhnlichen Sforzati versehen, wirken die ersten Takte merkwürdig instabil und fast ein bisschen grotesk. Wenn hier Humor am Werke ist, dann ein sehr abgründiger … Robert Schumann war es bewusst, dass seine Musik das Publikum schnell überfordern konnte: „Ich bin daran gewöhnt, meine Compositionen, die besseren und tieferen zumal, auf das erste Hören vom größeren Theil des Publikums nicht verstanden zu sehen.“ Manchmal brauchen Werke ihre Zeit, um sich einen Platz in Musikgeschichte zu erobern – und Interpreten wie Isabelle Faust, Jean-Guihen Queyras und Alexander Melnikov, die das dunkle Lodern und die schmerzliche Sehnsucht dieses Klaviertrios erst wirklich zum Leben erwecken.

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