Startseite · CD zum Sonntag

18. — 24. Mai 2019

Es gibt Musik, die macht die trübe Kälte und die eisigen Regengüsse der vergangenen Tage vergessen, heizt so richtig ein. Und dabei sind die Stücke, die das Amsterdamer Cello Octet und Sopranistin Nuria Rial auf dieser CD unter dem einfachen Titel „Vocalise“ versammelt haben, alles andere als leichtfüßige Sommerhits, wie sie jeden Frühling nach Standardplan den Popmarkt überschwemmen. Nein, bei den „Four Seasons“ von Astor Piazzolla und seinen „Bachianas Brasileiras“ handelt es sich um Musik auf feiner und wunderschöner Gratwanderung zwischen wohliger Wärme und traurigster Melancholie. Die Bearbeitung von Piazzollas „Jahreszeiten“ für acht Celli mit ihrer besonderen Mischung an Timbres verleiht der Musik noch eine Spur mehr Substanz und Erdverbundenheit, als es das Original besitzt. In den „Bachianas“, von Haus aus für Cello-Oktett geschrieben, trifft in der Aria der schimmernde Sopran von Núria Rial auf geballte Cello-Melancholie. Eine Reverenz an Rials Heimat Katalonien findet sich zudem im berühmten „Gesang der Vögel“, den Pablo Casals stets als letztes Stück seiner Konzerte im Exil spielte, nachdem er im Spanischen Bürgerkrieg seine Heimat verlassen musste. Und auch die Ersteinspielung von Bernat Vivancos Komposition für Sopran und Cello-Oktett verheißt zwar „Vocal Ice“, aber die sanft wogenden, fast spektral glänzenden Klangflächen bringen dieses Eis zugleich wieder zum Schmelzen, und die Herzen gleich dazu. Ein heiß-kaltes Erlebnis ist diese CD also, genauso wie dieser unentschiedene Frühling.

11. — 17. Mai 2019

Staatstragend: Der Wirbel um den jüngsten Neuzugang des Hauses Windsor ist noch immer nicht ganz abgeklungen, und wieder hat sich gezeigt, welch reges Interesse auch die Deutschen (die sich laut Umfragen klar gegen eine Monarchie im eigenen Land aussprechen) an der britischen Königsfamilie haben. Doch Glamour-Magazine und Blitzgewitter einmal beiseite genommen: Auch für den Klassikfreund hält die britische Monarchie lohnenswerte Überraschungen parat. Der wohl renommierteste Fachmann für die Wiederbelebung historisch bedeutsamer Musikereignisse, Paul McCreesh, erinnert auf seinem neusten Album an die vier britischen Krönungszeremonien des 20. Jahrhunderts – und ihre musikalische Ausgestaltung. Dazu gehören altbewährte „Schlachtrösser“ wie Händels Krönungsanthem „Zadok the Priest“, das nach Komposition bei bisher jeder Krönung gespielt wurde, bis hin zu neu kommissionierten Werken von Edward Elgar oder Herbert Howell, denen zu ihrer Zeit als bedeutendsten Komponisten des Inselreichs die ehrenvolle Aufgabe zuteilwurde, einen Beitrag abzuliefern. Natürlich hat McCreesh für diese Aufnahme, die in der Kathedrale von Ely nahe Cambridge stattgefunden hat, seine Kräfte entsprechend der großbesetzten Krönungsfeierlichkeiten um junge Stimmen und Mitspieler aufgestockt. So entstand eine überzeugende, am besten in royaler Lautstärke zu genießende Nachschöpfung, die durch die Stilmischung der überlieferten Werke zugleich einen Querschnitt durch dreihundert Jahre britischer Musikgeschichte bietet.

04. — 10. Mai 2019

Wie machte er das nur? Bis heute ist es unfassbar, dass Felix Mendelssohn Bartholdy sein phänomenales Streichoktett mit 16 Jahren schrieb. Bei ihm traf eine absolute Frühbegabung auf eine umfassende Förderung und Wertschätzung von Seiten seiner Familie: Im Anwesen der Familie Mendelssohn in Berlin Mitte (dem heutigen Sitz des Bundesrats!) gingen die großen Dichter und Denker ein und aus – von Alexander von Humboldt bis E.T.A. Hoffmann. Regelmäßig wurde im Gartenhaus zu „Sonntagsmusiken“ eingeladen, wo auch die Kinder Felix und Clara sich nicht nur als Interpreten präsentierten, sondern ihre eigenen Werke einer illustren Gästerunde vorgestellt wurden. Mendelssohn hatte schon früh die besten Lehrer und großen Ehrgeiz. Das Streichoktett, in seiner Besetzung mit doppeltem Quartett bis dahin nahezu einzigartig, entstand zum Geburtstag seines guten Freunds und Violinlehrers Eduard Rietz und wurde bei einer jener „Sonntagsmusiken“ erstmals aufgeführt. Und dass der Part der ersten Violine für einen herausragenden Musiker geschrieben ist, hört man dieser Komposition an. Über weite Strecken mutet sie wie ein Violinkonzert an, doch genauso kennt sie auch intimste kammermusikalische Momente. Immer scheint hier eine große jugendliche Leidenschaft sich Bahn zu brechen, ein noch ungezügeltes Temperament, ohne aber dass die Musik in der heiklen Besetzung mit acht Streichern je ins allzu Orgiastische abdriftet. Stattdessen ist dieses Oktett feinste Balancearbeit im beständigen Wechsel zwischen kammermusikalischem und sinfonischem Klanggewand. Grandios!

27. April — 03. Mai 2019

Nebel von Avalon: Zu Zeiten, in denen eine Schottlandministerin ernsthaft verkündet, dass ihr Land es nochmal mit dem Exit vom Brexit probieren und die Vereinigten Königreiche verlassen möchte, wirkt ein Album wie „Enchanted Isle“ des Ensembles Voces 8 wie ein wehmütiger Rückblick. Die saftiggrünen Hügel im Morgennebel, die auch das Cover zieren, sie stehen für die keltisch-schottischen Anteile der britischen Identität - auch wenn man geneigt ist, den Titel derzeit eher mit „Verhexte Insel“ zu übersetzen. Stattdessen mäandert der phänomenale Solistenchor wie gewohnt zwischen gut verdaulichen Neo-Classics und Soundtracks hindurch, präsentiert Irische Volkslieder und Popsongs mit Musikergästen und in interessanten Arrangements, die sich alle der vertrauten Ästhetik des Ensembles unterordnen, einem etwas sphärisch-schwebenden Klangideal. Dadurch bekommt die Auswahl zugleich etwas Unbestimmtes, Unfassliches, und auch der Ort, der hier besungen wird, bleibt letztlich schwebend der Fantasie des Hörers überlassen, wie bei einem andeutungsvollen Aquarell. Denn die Stücke spielen nur mit Versatzstücken der keltischen Melodie- und Verzierungskonvention, ähnlich wie schon der ebenfalls vertretene „Herr der Ringe“-Soundtrack oder Pop-Ikone Enya. Diese Inseln sind Sehnsuchtsorte, auf die einen keine Fähre bringen kann.

20. — 26. April 2019

Ironie, Satire, Persiflage: Es sind die wohl schwierigsten Kommunikationsformen überhaupt. Und noch mehr, wenn es um musikalische Kommunikation geht. Denn hier ist selten einfach das gemeint, was offensichtlich ausgedrückt wird, sondern meist eine Haltung des Komponisten dazu, sei es eine Distanzierung, eine Kritik oder einfach nur ein derber Spaß, den er sich erlaubt. Dmitri Schostakowitsch war ein Meister dieser unterhaltsamen Kunst der Zwischentöne. Sein erstes Klavierkonzert, das er mit 26 Jahren niederschrieb, nannte er ganz harmlos „Konzert“ und legte es in mehreren Sätzen an, wie die Tradition es vorgab. Doch er sah diese Komposition als eine „spöttische Herausforderung an den konservativ-seriösen Charakter des klassischen Konzert-Gestus“, wie er selbst offen zugab. Eine Kampfansage, die dazu führte, dass Schostakowitsch E- und U-Musik waghalsig miteinander kombinierte und die Mittel zum Teil exzessiv übersteigerte. Dem Soloklavier stellte er als oft ebenbürtigen Partner noch eine Solo-Trompete an die Seite, begleitet werden die beiden von einem selbstbewussten Streich-Orchester. So entwickelt sich ein kurzweiliger Streifzug durch die Epochen und Stile, mit Reminiszenzen an Beethoven, Haydn, Ravel und Rachmaninow, aber auch an Jazz, Music Hall und Filmmusik. Eine wahnwitzige Mischung, die im letzten Satz in einer Trompeten-Fanfaren-Ekstase mit zwischen geschobenen Klavier-Glissandi und Ragtime-Elementen ihren krönenden Abschluss findet. Das ist Musik, die durch den ganzen Körper fährt und die Ohren heftig durchpustet: genial schön. Hier in einer Aufnahme mit den Berliner Philharmonikern, Ole Edvard Antonsen an der Trompete und Mikhail Rudy am Klavier unter Mariss Jansons.

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CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

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