Startseite · CD zum Sonntag

15. — 21. Juni 2019

Er galt als der „Liszt des Violoncellos“: Jacques Offenbach. Zu Recht? Jener Meister der prickelnd-leichten Unterhaltungsmusik, der mit seiner Opéra bouffe „Orphée aux enfers“ und „Les contes d`Hoffmann“ als Komponist berühmt wurde? Am 20. Juni wäre Offenbach 200 Jahre alt geworden, dementsprechend wird der Scheinwerfer derzeit nochmal neu auf ihn und sein Schaffen ausgerichtet. Und dabei zeigt sich: Offenbach und das Cello – das war eine Herzensverbindung. Cellistin Raphaela Gromes und Pianist Julian Riem erkunden auf ihrer neusten, mittlerweile dritten CD für Sony genau diese bisher fast unbekannte Facette des französischen Kreativkopfs. In Offenbachs Duett op. 54 gesellt sich auch Wen-Sinn Yang, Gromes‘ ehemaliger Cello-Professor, zu dieser Exkursion ins Paris des 19. Jahrhunderts. In einem Bonus-Track spielen als krönenden Abschluss alle drei gemeinsam die „Barcarolle“ aus „Les contes d‘ Hoffmann“ in einem Arrangement von Julian Riem. Der Begriff vom „Liszt des Cellos“ wurde in Bezug auf Offenbach im Übrigen 1843 in der Pariser Musikzeitschrift „L‘ Artiste“ geprägt, in der die „geheimnisvolle Beziehung“ zwischen dem Künstler und seinem Cello für Faszination sorgte. Er war aber eben nicht nur Virtuose, sondern schrieb auch selbst eine ganze Reihe von Werken für das Cello, die heute fast nie auf den Konzertprogrammen zu finden sind. Die letzte größere Einspielung von Offenbach-Cellostücken stammt gar aus dem Jahr 1980, wahrlich eine Schmach für den berühmten Jubilar! Das ändern Gromes und Riem nun mit ihrer reinen Offenbach-CD. Sie kombinierten dabei effektvolle Virtuosenstücke von Offenbach – wie die „Danse bohémienne“ op. 28 und die „Tarantelle“ (in einer Weltersteinspielung) – mit Werken unterschiedlichsten Charakters: „Introduction et valse mélancolique“, das träumerische „Reverie au bord de la mer“ oder auch die klangmalerische Schlittenfahrt „La cours en traineau“. Was für Entdeckungen sind da dabei! Zumindest für Freunde der gehobenen und brillanten Salon-Musik. In der klangschönen, seelenvollen, aber oft auch feurigen Interpretation durch Gromes kann man die Vielfalt von Offenbachs unbekanntem Schaffen für Cello neu entdecken. Ein tolles Geburtstagsgeschenk!

08. — 14. Juni 2019

Aus Alt mach Neu: Die Eigenschaft Georg Friedrich Händels, die die am romantischen Werkbegriff hängende Musikforschung des 20. Jahrhunderts am meisten irritierte, ist sein nachhaltiger Umgang mit seinen Einfällen. Will sagen: Händel ließ keinen melodischen Funken verkommen, nur weil seine Komposition abgespielt war. Vielmehr war er ein Meister darin, durch Umformung, Umbesetzung und Umtextierung das Genie einer Erfindung zu neuem Leben zu erwecken.
Das machte sich zum Beispiel bezahlt, als das Londoner Publikum die italienische Oper über hatte und sich neuen Formen der musikalischen Unterhaltung zuwandte. Händel gelang durch den mutigen Wechsel zum englischsprachigen Oratorium nochmal ein „Comeback“, wobei eine Attraktion der nur halbszenischen Aufführungen der Auftritt des in die Tage gekommenen Maestros als Solist war – als Pausenfüller und Solist der Orgelkonzerte op. 4 & 7. Parallel ließ er die Evergreens seiner Opern und Kantaten eingeflochten in Kammermusikwerke Revue passieren. Der Wiedererkennungseffekt schlug ein bei den Londonern, und Händels Bearbeitungen wurden ein großer Kassenschlager für das häusliche Musizieren.
Maurice Steger hat sich mit den Musikern von La Cetra zu „Mr. Handel’s Dinner“ eingeladen und begleitet ihn durch eine Retrospektive, die keinerlei Wehmut zulässt, so fliegen die Girlanden, Tonleitern und waghalsigen Sprünge der Blockflöte durch das Streicherdickicht. Durch die Annäherung an improvisierte Sätze oder die von Francesco Geminiani mit nach London gebrachten, von seinen dortigen Schülern prima vista notierten Verzierungen seines römischen Mentors Arcangelo Corelli, ist das Album zugleich ein erfrischender – und ästhetisch auch ohne Seminarbesuch sehr erfüllender – Abstecher in die Musizierpraxis des 18. Jahrhunderts.

01. — 07. Juni 2019

Für alle Oboen-Liebhaber: „Longing For Paradise“ lautet der Titel der neuen CD mit Albrecht Mayer, Solooboist der Berliner Philharmoniker, in der Hauptrolle. Neben bekannten Namen wie Richard Strauss, Maurice Ravel und Edward Elgar findet sich auf der CD aber auch eine echte Überraschung: der aus England stammende Eugene Goossens. Ohne Frage ist das Konzert für Oboe und kleines Orchester in D-Dur von Richard Strauss das Hauptwerk dieses Albums. Das verrät uns bereits das Cover, auf dem Albrecht Mayer mit Schnauzbart und Kostüm à la Richard Strauss wehmütig in die Ferne blickt. Dem Elend entfliehen, das Paradies vor Augen – Albrecht Mayer in Begleitung der Bamberger Symphoniker vermittelt Aufbruchsstimmung. Vielleicht kreisten auch Edward Elgars Gedanken um die Erlösung seines Leids im Jenseits, als er sein Werk „Soliquo For Oboe and Orchestra“ schrieb. Zu diesem Zeitpunkt kämpfte er bereits mit fortgeschrittenem Darmkrebs. Und auch Maurice Ravel beschäftigte sich mit dem Leben nach dem Tod durch die Widmung seines Musikstücks „Le tombeau de Couperin“ an zwei im Krieg gefallene Kameraden. Sie ist sowohl eine Hommage an die barocke Trauermusik-Gattung „Tombeau“ als auch an den ebenfalls aus Frankreich stammenden Komponisten François Couperin. Was die einzelnen Werke verbindet, ist die bittersüße Diskrepanz, die zwischen dem melancholischen Klang der Oboe und den oft beschwingten, hoffnungsvollen Melodien besteht. Das Beschwörerische und gleichzeitig Englisch-Pastorale, so äußert sich Albrecht Mayer in einem Interview, ist in „Concerto For Oboe and Orchestra In One Movement“ von Eugene Goossens herauszuhören. Etwas so Schwieriges wie Goossens Solopassagen für Oboe so leichtfüßig klingen zu lassen – das zeugt von einer Virtuosität, welche nur die ganz großen Oboisten beherrschen. Die Zuhörer der CD werden dazu eingeladen, die Gedanken schweifen zu lassen, loszulassen und von einer besseren Welt zu träumen.

(Der CD-Tipp stammt diese
Woche von unserer Praktikantin Gloria Tropsch)

25. — 31. Mai 2019

Melodien für Millionen: 2013 veröffentlichte die Pianistin Ekaterina Derzhavina auf 9 CDs ihre Einspielung sämtlicher Klaviersonaten und kleinen Klavierwerke von Joseph Haydn. Nun legt sie mit einem Doppelalbum nach, das den Variationenwerken und Bearbeitungen gewidmet ist. Darauf lernt man sozusagen eine volkstümliche Seite Haydns kennen, denn Ende des 18. Jahrhunderts konnte man mit Variationen bei den Liebhabern und Hauspianisten natürlich besonders punkten. Dazu nahm man sich beliebte Gassenhauer, Volkslieder oder Arien aus Opern, die gerade besonders im Schwange waren, und vollführte an ihnen das musikalische Kunststück, das immer gleiche immer wieder neu zu sagen. Ein paar Konventionen erleichterten die Sache, mal liegen die Triolen in der rechten, in der nächsten Variation in der linken Hand, und überhaupt wird das Figurenwerk immer feiner und virtuoser bis hin zur pompösen Abschlussvariation. Nicht so bei Haydn: Das Volkslied von den „Sauschneidern“ schickt er durch die Gehirnwaschanlage seines Erfindungsreichtums, bis kein Motivsteinchen mehr am anderen steht, dreht an allen Gelenken und Scharnieren wie jemand, der die Technik einer Maschine untersuchend verstehen will. Dann aber führt er das harmlose Thema urplötzlich in fast sinfonische Weiten der Verarbeitung – harmlose Liebhabermusik ist das jedenfalls keine mehr. Bearbeitungen, wie die des langsamen Satzes aus seinem Klaviertrio Nr. 22, kontrastieren das Variationenfeuerwerk als willkommene Momente des Verweilens bei einem Gedanken und seiner Ausführung. Ekaterina Derzhavina besticht bei all dem wieder durch ihre Technik, vor allem aber die Souveränität und ohrenöffnende Freiheit ihrer Lesart, die überraschend eingestreuten Details und ihre zu Haydn wunderbar passende uneitle Musikalität.

18. — 24. Mai 2019

Es gibt Musik, die macht die trübe Kälte und die eisigen Regengüsse der vergangenen Tage vergessen, heizt so richtig ein. Und dabei sind die Stücke, die das Amsterdamer Cello Octet und Sopranistin Nuria Rial auf dieser CD unter dem einfachen Titel „Vocalise“ versammelt haben, alles andere als leichtfüßige Sommerhits, wie sie jeden Frühling nach Standardplan den Popmarkt überschwemmen. Nein, bei den „Four Seasons“ von Astor Piazzolla und seinen „Bachianas Brasileiras“ handelt es sich um Musik auf feiner und wunderschöner Gratwanderung zwischen wohliger Wärme und traurigster Melancholie. Die Bearbeitung von Piazzollas „Jahreszeiten“ für acht Celli mit ihrer besonderen Mischung an Timbres verleiht der Musik noch eine Spur mehr Substanz und Erdverbundenheit, als es das Original besitzt. In den „Bachianas“, von Haus aus für Cello-Oktett geschrieben, trifft in der Aria der schimmernde Sopran von Núria Rial auf geballte Cello-Melancholie. Eine Reverenz an Rials Heimat Katalonien findet sich zudem im berühmten „Gesang der Vögel“, den Pablo Casals stets als letztes Stück seiner Konzerte im Exil spielte, nachdem er im Spanischen Bürgerkrieg seine Heimat verlassen musste. Und auch die Ersteinspielung von Bernat Vivancos Komposition für Sopran und Cello-Oktett verheißt zwar „Vocal Ice“, aber die sanft wogenden, fast spektral glänzenden Klangflächen bringen dieses Eis zugleich wieder zum Schmelzen, und die Herzen gleich dazu. Ein heiß-kaltes Erlebnis ist diese CD also, genauso wie dieser unentschiedene Frühling.

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CD zum Sonntag:

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