Startseite · CD zum Sonntag

25. — 31. Januar 2020

Heute auf den Tag genau, am 26. Januar, wäre sie 75 Jahre alt geworden: Jacqueline du Pré, die viel zu früh verstorbene Ausnahmecellistin, Schülerin von Pablo Casals und Mstislaw Rostropowitsch. Legendär ist nicht nur ihre Aufnahme des Cellokonzerts von Edward Elgar, nein, das Werk selbst, mittlerweile beliebt im Konzertsaal, erfuhr durch du Pré erst seinen Aufschwung: Die Londoner Uraufführung am 27. Oktober 1919 war zunächst eine große Enttäuschung. Der Dirigent Albert Coates hatte mit dem Orchester offenbar zu viel Skrjabin und zu wenig Elgar geprobt. Die Premiere wurde von der Presse nicht gut besprochen, selbst wenn die Schlichtheit von Elgars Komposition, dessen vier Sätze von einem durchgehend melancholischen Ton durchzogen sind, durchaus erkannt wurde. In den Repertoire-Kanon schaffte es das Werk allerdings nicht. Mehr als vierzig Jahre brauchte es, ehe mit der erst zwanzig Jahre alten Cellistin du Pré die Renaissance des Konzerts begann. Du Prés Aufnahme mit dem London Symphony Orchestra unter der Leitung Sir John Barbirolli, der schon bei der Uraufführung als Cellist im Orchester mitgewirkt hatte, gilt bis heute als die unbestrittene Referenz. Im Jahr 2004 wurde sie bei Warner neuaufgelegt, gemeinsam mit Elgars Cockaigne-Ouvertüre und den „Sea Pictures“, die man hierzulande nur selten zu hören bekommt. Der leidenschaftliche, emotionale Zugriff von du Pré, die knackigen Tutti im Kopfsatz, die großen melodischen Linien, schließlich die Kraft des Finales, das den Bogen zum Anfang schlägt – hier passt einfach alles zusammen. Wer heutzutage an Elgars Konzert denkt, denkt an du Pré, und wer an du Pré denkt, denkt an Elgar. Es gibt keinen besseren Anlass als diesen 75. Geburtstag, um an die besondere Aufnahme einer besonderen Cellistin zu erinnern.

18. — 24. Januar 2020

Darm mit Charme: Auf dem Buchmarkt hat unser Verdauungstrakt schon vor einigen Jahren seine marketingverbauschte Renaissance gefeiert. Stimmt es, dass dieses hochkonzentriert von Nerven durchsetzte Organ in der Evolution die Leistungen des später ausgebauten Gehirns mit der Intelligenz des Gefühls vereinte? In der Alten Musik ist der Darm bereits völlig ekelfrei in aller Munde: als Darmsaite. Dazu wird nach der Schlachtung von meist Schafen und Lämmern der Darm gewendet, von Schleimhaut und Muskelschicht befreit, gebeizt, in Streifen geschnitten und zur Saite gesponnen. Heikel ist der Anschliff, denn schon ein Weniges, und der saubere Klang ist dahin. Schon Heinrich Christoph Koch erklärte in seinem „Musikalischen Lexikon“ von 1802: „Eine gute Darmsaite darf sich bei dem Aufziehen nicht verfärben und muss hell, durchsichtig und elastisch sein. […]Die besten Saiten werden in Italien verfertigt. Dieses kommt teils daher, weil in diesem Lande die mehresten Lämmer geschlachtet werden, deren Därme besser zum Saiten sind, als die des alten Schaafviehes, teils gibt man sich daselbst auch mehr Mühe mit der Reinigung der Därme und hat mehr Kenntnisse von der dazu nötigen Beize als in andern Ländern.“ Aus Pescara wird denn auch ein Fall von kluger Abwehr von Wirtschaftsspionage berichtet: Die Sattelmacher, die die hohe Qualität der Därme von Bergschafen entdeckt hätten, behaupteten, sie würden die Saiten aus Katzendarm fertigen, denn das Töten von Katzen brachte im Volksglauben Unglück. So hat sich bis heute im Englischen der Begriff „cat gut“ (Katzendarm) erhalten, obwohl die Därme vom Schaf kommen und niemand fürchten muss, vom Blitz getroffen zu werden. Stets aber das unvermeidliche Nachlassen der Stimmung durch die Luftfeuchtigkeit im Konzertsaal.
Die bereits bestens bekannte Barockviolinistin Amandine Beyer hat sich mit drei hervorragenden Kollegen für die Erkundung fein geschliffener Streichquartettliteratur zusammengetan. Als „Kit Gut Quartet“ (Kätzchendarmquartett) bekennen sie: „‘Tis too late to be wise“. Das ist auch gar nicht nötig, denn was die vier in Werken von Henry Purcell, Matthew Locke, John Blow und Joseph Haydn vollbringen, bannt vom ersten Moment an. Hier versteht man sofort, was für Qualitäten an den besten Darmsaiten stets gerühmt wurden: die leichte Ansprache, die noch feinstes Nachhorchen im Pianissimo bei einem Maximum an Farben und Nuancen ermöglicht und vor allem der warme, menschliche Ton, der von innen heraus lebendig zu sein scheint. Und man ist leicht geneigt, der Theorie zu folgen, dass sich hier, im Darm, Herz und Hirn aufs Schönste vereinen können.

11. — 17. Januar 2020

Man denkt, sie spiele auf mehreren Violinen gleichzeitig, doch es ist nur eine. Zugleich mit dem Bogen gestrichen und mit der linken Hand gezupft, es ist einer jener Effekte, mit denen der Violinvirtuose schlechthin, Niccolò Paganini, die Musikwelt seiner Zeit aufwirbelte. Für die norwegische Geigerin Vilde Frang ist das natürlich nicht weniger höllenschwer, klingt aber ganz zart und einfach. Gemeinsam mit dem Pianisten Michael Lifits hat sie sich auf ihrer neuen CD an eine ungewohnte Repertoirezusammenstellung gewagt: Paganini, der Virtuose, auf der einen Seite, Franz Schubert, der Poetisch-Tiefsinnige, auf der anderen. Doch diese Kombi funktioniert, und wie! Paganinis Variationen über „Nel cor più non mi sento“, die viel variierte Arie aus Giovanni Paisiellos Oper „La bella molinara“, spielt Frang so schwebend und leicht, musikalisch nicht akrobatisch – man vergisst ganz, dass die wie ein Duo klingenden Passagen ja auf einem Instrument nachgebildet werden. Der Frankfurter Kapellmeister Carl Guhr hatte die Noten einst aus dem Gedächtnis aufgeschrieben und so an die Nachwelt übermittelt. Den Beginn von Schuberts Fantasie in C-Dur holt Frang faszinierend wie aus dem Nichts hervor. Wunderschön delikat schleicht sich die Violinstimme in das Ohr der Hörer, darunter das agile Klaviertremolo-Fundament, mit dem sich Licht und Schattierungen ändern. Der dialogische Ton des Allegrettos kippt, frisch-zupackend gespielt und vom Klavier geführt, auf Knopf- respektive Tastendruck schnell ins Nachdrücklich-Dramatische. Und das Rondo brillant in B-Dur drängt mit viel Spaß nach vorn. Zum Abschluss tönt Heinrich Wilhelm Ernsts Grand Caprice über Schuberts „Erlkönig“ dann irgendwie bizarr und weniger balladesk. Wie auch immer: Paganini und Schubert, so gegensätzlich sie sein mögen, das geht offensichtlich doch ziemlich gut zusammen!

04. — 10. Januar 2020

Was bleibt, was wird kommen? Der Klavierzyklus „Das Jahr“ von Fanny Hensel-Mendelssohn ist Ausblick und Rückschau zugleich. Ausblick, weil sie sich wenige Jahre später vom Familiendiktum, die Musik dürfe ihr „nur Zierde, nicht Grundbass“ sein, lossagt und unter eigenem Namen als Komponistin hervortreten möchte. Mit diesem Wissen wirkt die Vielgestaltigkeit und Fülle der 13 Klavierstücke wie ein Wirbelwind, der zum Sprung ansetzt und alle seine Kräfte zählt. Eine Rückschau, weil sich darin das Jahr 1839 mit der Italienreise verdichtet, die sie gemeinsam mit Ehemann und Sohn unternommen hatte. Unter italienischer Sonne gelingt ihr ein freieres, selbstbestimmteres Leben als im preußischen Berlin und sie hofft, dass sich etwas von der Lebensfreude hinüberretten ließe über die Alpen: „Oh, du schönes Italien! Wie reich bin ich innerlich durch Dich geworden. Welch einen unvergleichlichen Schatz trag‘ ich im Herzen zu Haus! Werde ich so lebhaft behalten, wie ich empfunden?“ Ein Jahr dauert es, bis sie aus ihren Tagebucheinträgen eine musikalische Chronik komponierte, dabei jedem Monat ein Charakterstück von zweieinhalb bis fünf Minuten Dauer widmend, ergänzt um ein Nachspiel. Der turbulente Karneval im Februar und der Dezember mit seinen Zitaten aus Luthers „Vom Himmel hoch“ sind noch leicht zuzuordnen, die Stimmungen und Empfindungen anderer Monate sehr persönlicher Natur. Es ist ein Bilderbogen, der weit weniger illustrativ angelegt ist als vergleichbare Werke von Peter Tschaikowsky oder Antonio Vivaldi, dem man sich hörend anvertrauen und folgen muss, um ihn zu entdecken. Els Biesemans entlockt dem zeitgenössischen Hammerklavier in ihrer Einspielung von 2012 ein ganzes Zauberreich der Zwischentöne, so etwa dem Mai und seiner Frühlingsfreude ein harfenartiges Glitzern und Schimmern. Ein Jammer, dass der Frühling der Fanny Hensel-Mendelssohn nach ihrem selbstbewussten Entschluss nur noch die wenigen Jahre bis 1847 andauern durfte.

14. — 20. Dezember 2019

An den Feiertagen immer wieder dieselben Weihnachtsklassiker hören? Wem dabei potenziell eher langweilig wird, dem sei die CD „O heilige Nacht“ des Dresdner Kammerchores wärmstens ans Herz gelegt. Was dem Titel nach zunächst verdächtig nach traditionellen Arrangements klingt, entpuppt sich beim genaueren Hinschauen und Hinhören als vokaler Ausflug in eine Zeit, auf die für Weihnachtsmusik nur selten zurückgegriffen wird: die Romantik. So singt der Chor unter der Leitung von Hans-Christoph Rademann etwa Lieder von Johannes Brahms, Max Reger, Carl Loewe und Max Bruch. Besonders schön: Bei acht Stücken des Albums verweist ein kleiner Stern neben dem Titel auf die Weltersteinspielung. Unter diesen Weihnachtsraritäten findet sich zum Beispiel der chromatisch angeschärfte „Nachtgruß“ von Franz Wüllner gleich zu Beginn der CD oder Carl Gottlieb Reißigers „Es ist ein Reis entsprungen“ – uns heute vor allem als Kirchenlied aus dem 16. Jahrhundert bekannt, nach dem Text von Michael Praetorius. Die erweiterten Harmonien des 19. Jahrhunderts streichen das Fest musikalisch in neuen Farben an. Dieses Geschenk des Dresdner Kammerchors an sich selbst zum 30-jährigen Bestehen macht sich auch heute noch gut unter dem Weihnachtsbaum. Als willkommene Abwechslung zum allseits bekannten, selbstverständlich nicht minder schönen O-du-fröhliche-Vom-Himmel-hoch-Weihnachtsliedgut. Für die Traditionalisten ein kleiner Trost: Auf „Stille Nacht“ muss hier nicht verzichtet werden.

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CD zum Sonntag:

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