Startseite · CD zum Sonntag

12. — 18. September 2020

Das Käuzchen ist nicht fortgeflogen! Heißt es in einer der programmatischen Überschriften aus Leoš Janáčeks zehnsätzigem Klavierzyklus „Auf verwachsenem Pfade” („On an Overgrown Path“). In tiefer Trauer über den Tod seiner Tochter Olga schrieb Janáček 1911 diese verrätselten wie kontrastreichen, autobiografisch deutbaren Miniaturen. Der Kauz, an der Oberfläche mit einer scheinbar friedlich anmutenden Choralmelodie in Musik gesetzt – und doch der Unheilsbote. Thomas Adès, als Komponistendirigent in aller Munde, hat nun gemeinsam mit der Klaviersonate „1. X. 1905“ diesen und den Zyklus „Im Nebel“ („In the Mists“), und somit den wesentlichen Teil der Klaviermusik des tschechischen Komponisten, auf CD eingespielt. Es handelt sich um schlichte, aber keineswegs banale Klavierstücke, die Geschichten in Tönen erzählen und von der Natur und den eigenen Lebens- und Leidenserfahrungen inspiriert Stimmungen evozieren, bisweilen rhythmisch komplex, mit reichlich Taktwechseln und immer wieder in unerwartete Richtungen abbiegenden harmonischen Wendungen versehen. Ades gelingt es, die Schichten dieser feingliedrigen Musik freizulegen, die Texturen können stets klar herausgehört werden. Trotz der zahlreichen Motivversatzstücke, die in der Summe das Ganze ergeben, bleiben große Linien erkennbar – im Volkstümlichen wie im Aufbrausendem wie im Zarten. Für diese eigentümlich schöne Klaviermusik, die einen guten Eindruck von Janáčeks Personalstil vermittelt, eine sehr empfehlenswerte Aufnahme.

05. — 11. September 2020

Frühlingsquell: Wie staunte Johannes Brahms, als er von Clara Schumann das Autograph der Erstfassung von Robert Schumanns 4. Sinfonie d-moll überreicht bekam – und damit in manchen Punkten ein viel leichteres und anmutigeres Werk, als das er aus der 1851 revidierten Partitur kannte. „Ich finde es [...] entzückend, wie das liebliche Werk auch sofort im lieblichsten, angemessensten Gewande da war. Dass Schumann es später so schwer behängt hat, dazu mag ihn das schlechte Düsseldorfer Orchester verführt haben, aber alle seine schöne, freie und anmutige Bewegung ist in dem schwerfälligen Kleid unmöglich geworden.“ Die nur wenig später nach der „Frühlings-Sinfonie“ Nr. 1 komponierte Nr. 4 war bei ihrer Uraufführung auch beileibe kein Misserfolg, Clara Schumann vermutete vielmehr, dass die Mitwirkung von Franz Liszt die Aufmerksamkeit der Besucher zu sehr auf sich gezogen habe, um dem Neuling gerecht zu werden. Und Verleger Breitkopf scheint sich vor allem um die Marktsättigung gesorgt zu haben: „Es will uns aber scheinen, als ob es weder für Ihre erste noch für diese zweite Sinfonie und deren Verbreitung gut sein könnte, wenn die zweite schon jetzt, wo sich die erste erst noch den Weg ins große Publikum brechen soll, erschien.“ So war es an Johannes Brahms, den Wert der schlanken Wendigkeit zu erkennen, den die Sinfonie ursprünglich in sich trug (das Gewandhaus-Orchester der Uraufführung etwa hatte damals nur um die 50 Musiker). Wenn François-Xavier Roth und das Gürzenich Orchester Köln sich nun dieser 2003 neu herausgegebenen Urfassung in ihrem Live-Mitschnitt widmen, schließt sich der Kreis doppelt. Nicht nur, dass man beim Hören dieser inspirierten, durchpulsten, aber nicht durchhasteten Aufnahme Brahms sehr dankbar dafür ist, dass er dieser im Großen so sprunghaft unentschieden wirkenden Sinfonie die zuweilen fast kammersinfonisch wendig wirkende Urgestalt wiedergegeben hat (worin sich die vermeintliche Unentschiedenheit, verstärkt durch die ununterbrochen verbundenen Sätze, zu einer reizvollen Themenfülle löst). Er holte sie in dieser Fassung 1889 auch gleich zurück in den Konzertsaal, mit Franz Wüllner am Pult – des Gürzenich Orchester Köln. Ein Handschlag mit und durch die Geschichte, sozusagen.

29. August — 04. September 2020

Der Countertenor, sich ein Taschentuch zwischen die Lippen pressend, solle „nicht in übertriebenem Maße versuchen, sich verständlich zu machen“, heißt es recht amüsanterweise in den Vortragsbezeichnungen zu Salvatore Sciarrinos „Tre canti senza pietre“. Und singen, nun ja, das ist eben nur eine Kompetenz der Schola Heidelberg, des im Heidelberger Klangforum beheimateten Vokalensembles, das sich im mikrotonalen Raum trittsicher bewegt und ebenso zeitgenössische Gesangstechniken, etwa die Ausführung von Stimm- und Atemgeräuschen, präzise und wirkungssicher beherrscht. Jene Grenzbereiche zwischen Musik und Geräusch, zwischen Singen und Sprechen sind es denn auch, die mit der Neuerscheinung „Parole e Testi“ erkundet werden, auf der unter der Leitung von Walter Nußbaum an der Seite der Schola das ensemble aisthesis den instrumentalen Part übernimmt. Die Musik steuern die italienischen Großmeister der Neuen und zeitgenössischen Musik Luigi Nono und Salvatore Sciarrino bei. Freilich erfordert es konzentriertes und aufmerksames Hören, um gewinnbringend in diesen Klangkosmos einzutauchen; das ausführliche Beiheft mit Kontexte erschließenden Informationen ist dabei für die Einordnung und das Verständnis sehr nützlich. Im Mittelpunkt der Einspielung steht Nonos Frühwerk „Polifonica – Monodia – Ritmica“, das hier in der von Dirigent, Klangforscher und Nono-Mentor Hermann Scherchen 1951 bei den Darmstädter Ferienkursen uraufgeführten, allerdings auch recht gnadenlos gekürzten Fassung – sie brachte den Komponisten gar zum Weinen! – sowie in der originalen Langversion vorliegt, für dessen zehn zusätzliche Minuten akribische Rekonstruktionsarbeit nötig war. Dazu passt Sciarrinos Ausspruch trefflich: „Das Kunstwerk fesselt mich in der Konfusion seines Entstehens eher als in einer vorgeblichen Enderfüllung“. In dessen „Lʼalibi della parola“ von 1994 spielt sich vokale Virtuosität dann nicht als Textausdeutung, sondern auf der Lautebene ab. Die reicht vom Raum zwischen Atmen und Singen über Mechanisches bis hin zu Echowirkungen. Fragmentcharakter, das ist bei dieser Einspielung kein Zeichen von Unvollkommenheit, im Gegenteil: Das Spiel mit der Isolierung sprachlicher Einheiten, ihren musikalischen Entsprechungen und seriellen Kompositionstechnischen, die jeder Note einen eigenen Wert beimessen, steht über dem vertrauten Harmonie- und Melodieverständnis. Das ist herausfordernd, bleibt aber schlüssig und nachvollziehbar. So verdient sich das Projekt mit seiner ambitionierten Repertoire-Erschließung den Platz auf der Bestenliste des Preises der deutschen Schallplattenkritik redlich.

22. — 28. August 2020

Weltgewandt: Den jungen Händel zieht es nach Rom, dann nach London, und Georg Philipp Telemann ist zu Besuch in Paris. Wer nun im Gegenzug auf die Idee käme, Johann Sebastian Bach für einen Primelpott zu halten und als Stilkopist einzustufen, weil er Deutschland nie verlassen konnte, der irrt. Die französisch inspirierten Kompositionen Bachs atmen den authentischen Geist der Grande Nation. Im Fall der groß besetzten Orchesterouvertüren etwa den pathetisch aufgeladenen, scharf punktierten Rhythmus der Einleitung und das elegante Laufwerk des fugierten Mittelteils. Denn in diesem Fall kam der Berg zum Propheten. So lernte Bach echten französischen Geschmack wahrscheinlich schon als Schüler der Lüneburger Michaelisschule kennen, der bei den jungen französischen Adeligen der dortigen Ritterakademie untergebracht war, und auch Bekanntschaft zu ihrem Tanzlehrer Thomas de Selle hatte, einem Studenten Lullys. Und später verschafften ihm seine Beziehungen zu den Dresdner Hofmusikern Partituren und Zeugnisse aus erster Hand.
Natürlich waren für einen mitteldeutschen Barockkomponisten wie Bach stets beide Pole seiner musikalischen Welt bedeutsam, Italien und Frankreich. Und auch wenn sich die italienischen Vorlagen in der Musikgeschichte vielleicht weitreichender durchgesetzt haben, findet sich der französische Geschmack nicht nur in vielen instrumentalen Solowerken Bachs. Selbst in einleitenden Chorsätzen zu Kantaten wie „Preise, Jerusalem, den Herren“ BWV 119 lässt sich die Ouvertürenform als Ausdruck in diesem Fall himmlischer Majestät heraushören. Oder direkt destillieren: Alfredo Bernardini hat 2016 für sein Ensemble Zefiro zwei solcher Einleitungen in ihre hypothetische Urform als Orchesterouvertüre zurückgeführt und stellt sie den großen drei Ouvertüren-Suiten BWV 1066, 1068 und 1069 gegenüber. Dabei begeistert das Ensemble mit seinem hellwachen Spiel, das die orchestrale Prachtentfaltung mit fast kammermusikalischem Zusammenspiel und Aufeinander Hören zu erfüllen versteht. So zum Beispiel, wenn in den Wiederholungen der Tanzsätze plötzlich hervortretende Nebenstimmen für Überraschungen sorgen. Der Bach dieser Aufnahme ist ein wahrlich welterfahrener Grandseigneur.

15. — 21. August 2020

Gleich vier Klaviere versammelte der Pianist Alexander Melnikov für diese hörenswerte Einspielung eines Repertoires, das allerhöchste pianistische Fähigkeiten erfordert. Dabei geht es Melnikov, wie er im Beiheft verdeutlicht, keineswegs darum, eine Aufnahme vorzulegen, die die Musik von Schubert, Chopin, Liszt und Strawinsky historisch korrekt auf dem Instrumentarium ihrer Zeit abbildet. Stattdessen bringt „Four Pieces, Four Pianos“ ein Kaleidoskop an Farben und Facetten mit sich, das mit vermeintlich trockener historischer Aufführungspraxis nichts zu tun hat. Hier hat man das Gefühl, dass Melnikov für jedes Stück ein zu seinen Ideen passendes Klavier gefunden hat. Schon bei Franz Schuberts „Wanderer-Fantasie“ beindrucken die dynamischen Gestaltungsmöglichkeiten, die Melnikov aus dem Graff-Flügel holt. Mal krachend und schroff wie im gehämmerten Eingangsmotiv, dann wieder in großen Bögen erzählend und mit einem eigentümlich dumpfen Strahlen im Adagio. Frédéric Chopins Etüden op. 10 denkt Melnikov klar zyklisch, Franz Liszts Don-Giovanni-Paraphrase, mit dem berühmten Duett „Là ci darem la mano“ im Mittelpunkt, grollt klar in den Texturen. Die sich auftürmenden Akkordberge und Materialschichten, für dessen effektreiche und klanggewaltige Verschaltung Liszt alle Register zieht, werden hier nicht zu dick aufgetragen; die Läufe klingen farbig, das Tempo drosselt Melnikov bisweilen zugunsten eines klaren Ausdruck. Mit Igor Strawinskys „Trois mouvements de Petrouchka“ endet die Reise durch die Klangwelt historischer Tasteninstrumente, die von einem umfassenden Booklet mit Informationen zur Instrumentengeschichte begleitet wird, schließlich rauschhaft und ohrenklingelnd in der Gegenwart – auf einem modernen Steinway.

« zurück 70/70 weiter »





Top