Startseite · CD zum Sonntag

26. Oktober — 01. November 2019

Griffige Titel tragen oft dazu bei, dass Werke berühmt werden. Doch Schuberts Streichquartett „Der Tod und das Mädchen“, das sich im zweiten Satz auf ergreifende Weise mit Matthias Claudius` gleichnamigem Gedicht auseinandersetzt, würde auch ohne diesen gruseligen Titel seine Wirkung nicht verfehlen, wie man auf dieser CD hören kann. Das Chiaroscuro Quartet kombiniert darauf dieses sehr berühmte 14. Schubert-Quartett mit dem viel unbekannteren 9. Quartett: ein spannender Kontrast zwischen Früh- und Spätstil des großen Klassikers. Das Quartett um die russische Geigerin Alina Ibragimova spiegelt die Internationalität der heutigen Musikwelt wider, denn neben der Primaria spielen seit der Quartett-Gründung 2005 am Londoner College of Music ein spanischer Geiger, eine schwedische Bratschistin und eine französische Cellistin in diesem Ensemble. Was die vier verbindet, ist ihre intensive Suche nach dem „Originalklang“. Daher auch der Quartettname „Chiaroscuro“, der sich auf die Hell-Dunkel-Malerei in der Spätrenaissance und im Barock bezieht. Wie in dieser Kunstform erkunden auch die vier Musiker – mit Darmsaiten und historischen Bögen – vor allem die Kontraste, die Schattierungen und Feinheiten der Werke, denen sie sich widmen. Bei Schubert ist diese historisch informierte Herangehensweise für heutige Ohren noch ungewohnt, passt aber besonders gut. So klar und beseelt und dann plötzlich wieder anpackend, grob – geradezu existenziell – erlebt man seine Musik selten. Schönheit und Schrecken, Dunkelheit und Licht: In Schuberts Welt, und auch im Spiel des Chiaroscuro Quartet, liegen diese Extreme bisweilen sehr nah beieinander.

19. — 25. Oktober 2019

Ahnengalerie: Im Wien der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hat man es schon schwer als Komponist. Mozart, Beethoven, Schubert – übermächtig liegt auf allen Gattungen der Glanz der Heroen, die den klassischen Kanon geschaffen hatten. Was kann man dem noch hinzufügen? Johannes Brahms, dem man oft melancholisches Zaudern unterstellte, setzte sich in Wirklichkeit besonders lange und eingehend mit diesen Vorbildern auseinander, bevor er seinen Beitrag stimmig empfand. So ist sein Werk geprägt von einem schönen Dialog über alle Zeiten hinweg – vom Volkslied über Variationen berühmter Melodien bis zu den Bach-Adaptionen und Formenspielen seiner 4. Sinfonie. Für sein Klavierquintett von 1865 schwankte er lange zwischen einer Streichquintettbesetzung oder vierhändigem Klavier – und entschied sich für eine Mischform, ohne den eingewobenen Gruß an Schubert, Ländler und wehmütigen Streicherschmelz, dabei zu verlieren. Sein drittes Streichquartett hört sich an wie ein Briefwechsel mit Mozart, dessen Jagdquartett zitierend und fortschreibend. Denn das Brahms aus dem Dialog Eigenes ableiten und Neues finden konnte, hat schon Arnold Schönberg dankbar hervorgehoben: „Von Brahms habe ich gelernt: Vieles von dem, was mir durch Mozart unbewusst zugeflogen war, insbesondere Ungradtaktigkeit, Erweiterung und Verkürzung der Phrasen […] Ökonomie und dennoch: Reichtum.“
Das Hagen Quartett hat sich für sein neues Album Kirill Gerstein an die Seite geholt und die beiden Werke in wunderbar klarer, präziser, dabei leidenschaftlich beschwingter Weise aufgenommen. Genau das richtige für ein halb sonniges, halb stürmisches Herbstwochenende.

12. — 18. Oktober 2019

Wenn man eine Umfrage über die Lieblingsjahreszeiten machen würde, dann würde der Winter dabei vermutlich eher schlecht abschneiden. Zu kalt, zu nass, zu dunkel – so die landläufige Meinung über diesen introvertierten Bruder des sonnensatten Sommers und der farbenfrohen Übergangszeiten. Nur Weihnachten, das bildet ein kleines, gemütliches (wenn auch für viele nicht unstressiges) Glanzlicht in der Winter-Tristesse. Doch der Winter ist weit mehr als nur die dunkle Jahreszeit, das hat auch das phänomenale Vokal-Oktett „VOCES8“ 2016 auf einem ganzen Album mit Vokalwerken, zum Teil a cappella, zum Teil dezent begleitet, herausgearbeitet. Es trägt den schlichten Titel „Winter“ und zelebriert die Verlangsamung und Verinnerlichung dieser Jahreszeit, wenn Regen und Schnee für ein natürliches Retardieren des Weltentrubels sorgen. Bis an die Grenzen des Hörbaren gehen die Vokalisten in ihrem betörenden, polyphonen Gesang mit Werken aus mehreren Jahrhunderten. Da darf natürlich Praetoriusberühmtes Weihnachtslied „Es ist ein Ros entsprungen“ nicht fehlen, das hier in einer eigenwillig verfremdenden Bearbeitung von Jan Sandström zu hören ist. Romantische Stücke von Rachmaninow und Holst werden ebenso erkundet wie Werke unserer Zeitgenossen, etwa von Arnalds, Dale und Pärt. Arrangiert für acht Stimmen entfalten diese Winter- und Weihnachtslieder einen ganz eigenen Zauber: fern der Betriebsamkeit, der Zeit enthoben. Ein guter und wohltuender Einstieg in die kühlere Jahreshälfte, auch jetzt schon, lange vor dem meteorologischen und dem kalendarischen Winteranfang im Dezember.

05. — 11. Oktober 2019

Wag-Halsig: Den Mythos, der Gregorio Allegris für hundert Jahre ausschließlich in der Capella Sistina aufgeführtes und bestauntes „Miserere“ ausübte, konnte erst Wolfgang Amadeus Mozart brechen. Denn er war in der Lage, das dort gehörte Werk aus dem Kopf zu notieren. Das schloss aber nicht die Verzierungen und Aufführungskonventionen mit ein, die sich seit 1630 über das weithin berühmte und regelmäßig von der Capella gesungene Vokalstück gelegt hatten. Um diese wiederzubeleben muss man einen Spagat beherrschen: sich forschend in das 17. Jahrhundert vertieft haben und dann auf Basis dieser Regeln eine frei und spontan wirkende Fassung mit Verzierungen musizieren können. Schon in seinem Album „Nuove Metamorfosi“ hatte Leiter Vincent Dumestre mit seinem Ensemble Le Poème Harmonique, das dieses Jahr sein 20. Jubiläum feiert, ins anspruchsvolle Gebiet des improvisatorisch verzierten Faux-bourdons vorgewagt. Meditative Klangflächen bildeten den Hintergrund für virtuos geschmückte Gesangslinien. Im neuen Album „Anamorfosi“ gehen sie noch einen Schritt weiter: Nicht nur verwandeln sie Allegris Miserere mit überraschenden Reibungen und Wendungen wieder in ein lebendiges Musikstück, sie stellen Bezüge zu Claudio Monteverdis weltlichen Umdichtungen geistlicher Werke heraus - und wagen sich in erstaunliche, fast avantgardistisch klingende Bereiche der Harmonie vor.

28. September — 04. Oktober 2019

Neben den großen Berühmtheiten der Klassik – Haydn, Mozart, Beethoven – verblassen immer wieder andere hochbegabte Naturtalente dieser Zeit in unserem ungerecht selektiven Bewusstsein. Wer nicht berühmt geworden ist, ist meist zu Recht ein Unbekannter geblieben: Das behaupten in so einem Kontext gern böse Zungen. Das gilt aber wahrlich nicht für alle vergessenen Komponisten. Hört man sich zum Beispiel durch die sechs Streichquartette aus dem Opus 5 von Franz Xaver Richter (1709-1789) in der fulminanten Einspielung des casalQuartett aus Zürich, kann man sich dem Charme dieser Musik nicht entziehen. Was haben diese dreisätzigen Stimmungsbilder nicht alles zu bieten: pure Musizierlust in den Kopfsätzen, gleichberechtigt über die vier Instrumente verteilte Soli, die stellenweise an Concerti grossi erinnern lassen, beseelte Melodien und innige Dialoge in den langsamen Sätzen. Gerade in der Stimmbehandlung schien Richter, der selbst Bass sang und als Komponist ein wichtiger Vertreter der Mannheimer Schule war, seiner Zeit weit voraus. Neben den Streichquartetten hinterließ er der Welt 70 (!) Sinfonien, diverse Solokonzerte und Triosonaten und auch zahlreiche geistliche Werke wie Messen, ein Magnificat und sogar ein Oratorium. Als „Einstiegsdroge“ in seine Welt der kunstvollen Frühklassik eignen sich die Quartette op. 5 aber besonders gut mit ihren Farbwechseln, ihren Abgründen und ihrer Lust an der spielerischen Interaktion der Stimmen. Sie gehören zum „Missing link“ zwischen Spätbarock und Klassik. Und sie gehören unbedingt ins Repertoire der großen Streichquartette unserer Zeit!

« zurück 61/63 weiter »





CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Darm mit Charme: Auf dem Buchmarkt hat unser Verdauungstrakt schon vor einigen Jahren seine marketingverbauschte Renaissance gefeiert. Stimmt es, dass dieses hochkonzentriert von Nerven durchsetzte Organ in der Evolution die Leistungen des später ausgebauten Gehirns mit der Intelligenz des Gefühls vereinte? In der Alten Musik ist der Darm bereits völlig ekelfrei in aller Munde: als Darmsaite. Dazu wird nach der Schlachtung von meist Schafen und Lämmern der Darm gewendet, von Schleimhaut und […] mehr »


Top