Startseite · CD zum Sonntag

12. — 18. Januar 2019

Klavier ist gleich Klavier? Von wegen! In der Geschichte dieses Tasteninstruments gibt es Kapitel und Unterkapitel wie bei kaum einem anderen Instrument. Dass sich heutzutage vieles auf einem modernen Flügel abspielt, überlagert leider die Tatsache, dass es in den vergangenen Jahrhunderten die unterschiedlichsten Typologien des Klaviers und seiner Vorformen gab. Pianist Alexander Melnikov ist daher vor einiger Zeit auf die naheliegende (und doch bis dahin von kaum einen Pianisten verwirklichte Idee) gekommen, auf einer einzigen CD verschiedene Instrumente dem Hörer vor Ohren zu führen, passend natürlich zu den ausgewählten Werken. Drei historische Instrumente kommen zum Einsatz: Schuberts Wanderer-Fantasie erklingt auf einem Wiener Alois-Graff-Flügel aus dem Jahr 1828, Chopins Etüden op. 10 werden auf einem Pariser Érard von 1837 gespielt und Liszts „Réminiscences de Don Juan“ auf einem Bösendorfer von 1875. Auch ein moderner Steinway darf nicht fehlen: Er wird zu Melnikovs Spielplatz für Strawinskis „Pétrouchka“. Im Beiheft erklärt der Pianist Spieltechniken und Besonderheiten der Instrumente, doch wer einfach konzentriert zuhört, der braucht diese Erläuterungen gar nicht, um zu merken: Die Welt der Klaviere ist ein Universum für sich. Mit ungeahnten Farben und Klängen, Texturen und Lautstärken. Faszinierend!

05. — 11. Januar 2019

Neue Zeit: Mit Carl Friedrich Abel, der 1759 „zu Fuß, mit drei Talern und sechs Symphonien“ in London eintrifft, erreicht erstmals ein Bach-Schüler die Themse. Und damit ein Komponist, dem – mit einem Bein im Barock und dem anderen in der frühen Klassik – dort Erstaunliches gelingen wird. Abel ist ein herausragender Gambenvirtuose und aus dem von Preußen zerbombten Dresden geflohen, wo er lange Jahre in der Kapelle des Kurfürsten und polnischen Königs als Solist musizierte. Seine Wanderung führte ihn durch verschiedene Städte Süddeutschlands und nach Paris, bevor er sich für London entscheidet. Als parlamentarische Monarchie ist die britische Gesellschaft liberaler und bürgerlicher als die alten Königreiche auf dem Festland. Er hat Erfolg mit seinen Konzerten, wird Kammermusiker der Königin Charlotte. Bald gesellt sich Johann Christian Bach zu ihm, und gemeinsam gründen sie die ersten öffentlichen Abonnement-Konzerte. Für knapp zwanzig Jahre prägen die beiden das musikalische Leben der Weltstadt mit.
Die neue Zeit bildet Carl Friedrich Abel auch auf seinem Instrument ab, der Viola da gamba. Eigentlich ist dessen Zeit abgelaufen, sein feiner sanglicher Ton stammt aus Fürstenkammern und füllt nicht mehr die größer werdenden Konzertsäle. Für diese schreibt Abel daher Sinfonien, Konzerte und Quartette – die Gambe bleibt seine intime Stimme. In seinen Solokompositionen, die sich in der New York Public Library im so genannten „Drexel-Manuskript“ erhalten haben, balanciert er auf der flexiblen Grenze zwischen den Epochen, wie auf einem Hochseil. Was wir hören, ist kein Barock mehr, keine stilisierten Allemanden und Couranten, sondern italienisch behauchte Sonatensätze ohne Begleitung. So stellt sich als Glück heraus, dass Paolo Pandolfo seit jeher ein besonderes Augenmerk auf die alte Kunst der Improvisation gelegt hat, denn so gelingt es ihm auf seinem Album, in den notierten Stücken Abels das Momenthafte des Musizierens spürbar werden zu lassen, den Verlauf aufregend und überraschend zu gestalten. Das Ergebnis: Bewegliche, feine, in gewisser Weise schon fast klassisch-heitere Musik für ein altes Instrument.

29. Dezember 2018 — 04. Januar 2019

Böse Zungen behaupten gern: Zu Unrecht in Vergessenheit geratene Komponisten gibt es nicht. Aber hat es wirklich immer einen guten und gerechten Grund, warum Werke von der Bildfläche verschwinden? Von Bach würde man das heute wohl kaum behaupten wollen, dessen Musik ja erst seit der großen Bach-Renaissance im 19. Jahrhundert mit Hilfe von Mendelssohn ihren wichtigen Platz im Repertoire und in unseren Herzen gefunden hat. Nun gut, mit Bach wollen wir die Komponisten Ernst Naumann und Wilhelm Berger nicht vergleichen, und doch ist es angesichts der auf dieser CD vom Dresdner Streichtrio dokumentierten Kammermusik-Schätze erstaunlich und auch bitter, dass man diese Werke eigentlich nie zu hören bekommt. Auch über ihre Schöpfer ist so gut wie nichts herauszufinden. Seinerzeit war zumindest Ernst Naumann (1832-1910) als Organist, Komponist, Dirigent, Arrangeur und Musikwissenschaftler durchaus anerkannt. Außerdem war er mit Brahms und Schumann befreundet und dirigierte sogar die Uraufführung der Alt-Rhapsodie von Brahms im Jahr 1870. Diese Komponisten sind es auch, die – neben Mendelssohn – als Seelenverwandten aus Naumanns Musik sprechen. Wie klassisch perfekt ausbalanciert sind hier die Formen, wie wunderbar belebt von romantischem Geist! Vor allem der dritte Satz dieses Streichtrios ist ein Instrumentalgesang, wie er auch von Mendelssohn stammen könnte: beseelt und traurig-süß. Wer an Weihnachten ein Mußestündchen übrig hat, dem sei diese Aufnahme (die augenscheinlich einzige der beiden Werke) dringend ans Herz gelegt.

22. — 28. Dezember 2018

Böse Zungen behaupten gern: Zu Unrecht in Vergessenheit geratene Komponisten gibt es nicht. Aber hat es wirklich immer einen guten und gerechten Grund, warum Werke von der Bildfläche verschwinden? Von Bach würde man das heute wohl kaum behaupten wollen, dessen Musik ja erst seit der großen Bach-Renaissance im 19. Jahrhundert mit Hilfe von Mendelssohn ihren wichtigen Platz im Repertoire und in unseren Herzen gefunden hat. Nun gut, mit Bach wollen wir die Komponisten Ernst Naumann und Wilhelm Berger nicht vergleichen, und doch ist es angesichts der auf dieser CD vom Dresdner Streichtrio dokumentierten Kammermusik-Schätze erstaunlich und auch bitter, dass man diese Werke eigentlich nie zu hören bekommt. Auch über ihre Schöpfer ist so gut wie nichts herauszufinden. Seinerzeit war zumindest Ernst Naumann (1832-1910) als Organist, Komponist, Dirigent, Arrangeur und Musikwissenschaftler durchaus anerkannt. Außerdem war er mit Brahms und Schumann befreundet und dirigierte sogar die Uraufführung der Alt-Rhapsodie von Brahms im Jahr 1870. Diese Komponisten sind es auch, die – neben Mendelssohn – als Seelenverwandten aus Naumanns Musik sprechen. Wie klassisch perfekt ausbalanciert sind hier die Formen, wie wunderbar belebt von romantischem Geist! Vor allem der dritte Satz dieses Streichtrios ist ein Instrumentalgesang, wie er auch von Mendelssohn stammen könnte: beseelt und traurig-süß. Wer an Weihnachten ein Mußestündchen übrig hat, dem sei diese Aufnahme (die augenscheinlich einzige der beiden Werke) dringend ans Herz gelegt.

15. — 21. Dezember 2018

Wie klingt eigentlich der Winter? Vivaldi fällt einem dazu ein, Schubert natürlich, aber der Lette Pēteris Vasks? Das sollte sich ändern. Denn das Vokalensemble Voces 8 hat sich 2016 dieses Thema gesetzt und ein ebenso atmosphärisches wie überraschendes Album rund um Vasks mehrteilige Komposition „Plainscapes“ für Violine und Chor zusammengestellt. Da finden sich Neo-Classics wie Ólafur Arnalds‘ „For Now I Am Winter“ und Rebecca Dales „Winter“, aber auch Arvo Pärts „Nunc dimittis“ oder Gustav Holsts „In The Bleak Midwinter“ in anspruchsvollem Arrangement. Bis auf Jan Sandströms berühmt gewordene Praetorius-Entschleunigung „Es ist ein Ros‘ entsprungen“ zitiert die Auswahl das Weihnachtsfest nur von Ferne. Die Werke vereint vielmehr eine atmosphärische Schilderung der kalten Jahreszeit, die Stille des Schneefalls, die Kühle, die meditative Innenschau, das fast milchig-neblige Licht der Frühe. Und der fantastisch disponierte Chor der Voces 8 verliert auch im gemessenen Fluss mancher Kompositionen nie den großen Bogen oder die lupenreine Intonation aus den Augen. Ein überzeugendes Konzeptalbum und wie nur nebenbei auch ein starkes Bekenntnis zur Neuen Musik für Chor.

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CD zum Sonntag:

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Mozart war neun Jahre alt, da komponierte Georg Christoph Wagenseil seine Sammlung von sechs Konzerten für Orgel oder Cembalo, zwei Violinen und Basso continuo. Mit einem Bein stand er im Barock (als Lieblingsschüler von Johann Joseph Fux) und dem anderen in der Wiener Klassik (als Lehrer von Königin Marie Antoinette und Johann Baptist Schenk, der wiederum Ludwig van Beethoven unterrichtete). Heute kennt ihn so gut wie niemand mehr, dabei prägten seine Werke die klassische Tonsprache ganz […] mehr »


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