Startseite · CD zum Sonntag

30. November — 06. Dezember 2019

Wenn man einmal die drei Künstlerpersönlichkeiten Nicolas Dautricourt, Pascal Schumacher und Knut Erik Sundquist gemeinsam auf der Bühne erlebt hat, dann vergisst man ihre abgefahrene, spielversessene Energie nicht so schnell wieder. Auch auf der neuesten CD des Trios – „Porgy and Bess Revisited“ – spürt man diese Experimentierfreude, aber auch die reiche Erfahrung und das unglaubliche Vertrauen in die gemeinsame Intuition, die die drei Musiker auf Violine, Kontrabass und Vibrafon vermitteln. Sie haben sich mit „Porgy and Bess“ Gershwins längst zum Klassiker gewordene Folk-Oper vorgeknöpft, auf deren Basis sie improvisieren, was das Zeug hält: sehr versiert und zugleich immer überraschend. Gershwin schrieb dieses Unikat in den Jahren 1935 und 1936 für den New Yorker Broadway und schuf mit ihm eine mitreißende Synthese aus U- und E-Musik, in der der Jazz erstmals eine Oper durchtränkte. Kunst als grenzenlose, genreübergreifende Kommunikation: Das war Gershwins Vision. Und das ist auch das Statement, das einen aus „Porgy and Bess – Revisited“ entgegen tönt. Ein guter Muntermacher für den dunklen Herbst, und eine Inspiration fürs Leben. Denn wie Gershwin einst selbst meinte: „Life is a lot like jazz… it is best when you improvise.“

23. — 29. November 2019

Aus alten Tagen: Zu den Merkwürdigkeiten der Gegenwart gehört, dass wir seit erst wenigen Jahrzehnten über dreihundert Jahre Musikgeschichte parallel genießen können, nachdem lange Zeit der Horizont kaum 50 Jahre in die Vergangenheit reichte. Inzwischen haben die Aufführungspraktiker lange schlummernde Archive ausgewertet und die Meisterwerke der Epochen erneut ins Bewusstsein geholt. Doch mit der Gleichzeitigkeit ungleichzeitiger Stile, Moden, Verzierungsweisen und Haltungen stehen plötzlich auch die sich wandelnden Aufführungstraditionen nebeneinander. Es gehört schon ein bißchen Mut dazu, die Granden des französischen Barock – Rameau, Lully, D’Anglebert – nach den sagenhaften Cembalo-Einspielungen eines Christophe Rousset auf einem modernen Flügel zu spielen. Alexandre Tharaud bildet da jedoch eine Ausnahme: So belegen seine bisherigen Aufnahmen, dass es ihm nicht darum geht, auch mal ein bisschen zu barockisieren. Vielmehr schafft er es bei seiner ernsthaften Beschäftigung mit dem Repertoire, seinem Instrument einen ungemein filigranen, der Clavecinisten-Kunst verwandten Klang zu entlocken. Außerdem betreibt er auch kein Maskenspiel, sondern schält aus den Suiten und Tänzen so etwas wie einen überzeitlichen musikalischen Kern heraus. Dieser gewinnt dann gerade im (inzwischen für diese Musik gar nicht mehr vertrauten) Klangbild eines Flügels überraschende und überzeugende Seiten. Das reicht von fast romantisch-verschattetem Nachsinnen bis zu harfenartig gezupften Läufen und Girlanden. Ein heiter-melancholischer Spaziergang durch die nun verlassenen Säle und Galerien des französischen Königsschlosses.

16. — 22. November 2019

Seine fröhlichen Werktitel wie „Rheinische Sinfonie“ oder „Frühlingssinfonie“ lassen einen bei Robert Schumann manchmal denken, er sei eine unbeschwerte Frohnatur gewesen. Dabei hat wohl kaum ein anderer Komponist so mit sich und dem Leben gehadert und zugleich sich selbst immer wieder so grandios aus den Tiefen der Depression in die Höhenflüge der Musik gerettet wie Schumann. Seine zweite Sinfonie entstand in einer Zeit, in der sich der Komponist von einer schweren Lebens- und Schaffenskrise erholte. Seine erste Sinfonie in B-Dur war 1841 beim Publikum nicht sonderlich gut angekommen, und 1844 erlitt Schumann dann einen völligen Zusammenbruch. Auf Kur in Dresden erholte er sich nur langsam wieder. Sein erstes großes Projekt nach diesem Tief: die 2. Sinfonie. Mit vorsichtigem Optimismus schrieb er im September 1845 an Mendelssohn: „In mir paukt und trompetet es seit einiger Zeit sehr, ich weiß nicht, was daraus werden wird.“ Daraus wurde: ein sehr ambitioniertes Werk, in dem man die Spuren der großen Sinfoniker – vor allem von Beethoven und Schubert – deutlich hören kann, das aber zugleich von einem ganz eigenen, hochromantischen Charakter geprägt ist. Die traditionelle viersätzige Anlage stellt sich in den Dienst einer großen Entwicklung zum Finale hin. Dieses Epos aber beginnt, ähnlich wie Schuberts „Große Sinfonie“, mit einer langsamen Einleitung, die in ein Allegro mündet. Schumann selbst sah in diesem kraftvollen Satz metaphorisch auch seinen psychischen Zusammenbruch und dessen Überwindung: „Der erste Satz ist voll dieses Kampfes und in seinem Charakter sehr launenhaft, widerspenstig“. Depressive Erkrankungen können sehr quälend sein. Wenn die Kämpfe der Seele letztlich zu Werken wie diesem führen, dann ist zumindest für die Mit- und Nachwelt etwas Großartiges dabei auch gewonnen worden.

09. — 15. November 2019

Seine fröhlichen Werktitel wie „Rheinische Sinfonie“ oder „Frühlingssinfonie“ lassen einen bei Robert Schumann manchmal denken, er sei eine unbeschwerte Frohnatur gewesen. Dabei hat wohl kaum ein anderer Komponist so mit sich und dem Leben gehadert und zugleich sich selbst immer wieder so grandios aus den Tiefen der Depression in die Höhenflüge der Musik gerettet wie Schumann. Seine zweite Sinfonie entstand in einer Zeit, in der sich der Komponist von einer schweren Lebens- und Schaffenskrise erholte. Seine erste Sinfonie in B-Dur war 1841 beim Publikum nicht sonderlich gut angekommen, und 1844 erlitt Schumann dann einen völligen Zusammenbruch. Auf Kur in Dresden erholte er sich nur langsam wieder. Sein erstes großes Projekt nach diesem Tief: die 2. Sinfonie. Mit vorsichtigem Optimismus schrieb er im September 1845 an Mendelssohn: „In mir paukt und trompetet es seit einiger Zeit sehr, ich weiß nicht, was daraus werden wird.“ Daraus wurde: ein sehr ambitioniertes Werk, in dem man die Spuren der großen Sinfoniker – vor allem von Beethoven und Schubert – deutlich hören kann, das aber zugleich von einem ganz eigenen, hochromantischen Charakter geprägt ist. Die traditionelle viersätzige Anlage stellt sich in den Dienst einer großen Entwicklung zum Finale hin. Dieses Epos aber beginnt, ähnlich wie Schuberts „Große Sinfonie“, mit einer langsamen Einleitung, die in ein Allegro mündet. Schumann selbst sah in diesem kraftvollen Satz metaphorisch auch seinen psychischen Zusammenbruch und dessen Überwindung: „Der erste Satz ist voll dieses Kampfes und in seinem Charakter sehr launenhaft, widerspenstig“. Depressive Erkrankungen können sehr quälend sein. Wenn die Kämpfe der Seele letztlich zu Werken wie diesem führen, dann ist zumindest für die Mit- und Nachwelt etwas Großartiges dabei auch gewonnen worden.

02. — 08. November 2019

Spätestens nach der Zeitumstellung umfängt uns spürbar wieder die Dunkelheit der kalten Jahreszeit, und im langen Zwischenreich aus Tag und Nacht erwachen auch die Fantasie- und Spukgeschichten wieder zum Leben, auch abseits von Halloween. So wie die Geschichte des unglücklich verliebten Künstlers, der seinem Leben mit einem Schuss ein Ende setzen will, aber die tödliche Dosis verfehlt. So dämmert er im Halbschlaf durch grauenvolle Bebilderungen seiner Eifersucht: Die Suche nach der Angebeteten auf einem prunkvollen Ball, die sich, kaum entdeckt schon wieder entzogen hat. Eine Landpartie, deren friedvolle Szenerie zur Folie düsterer Vorahnungen von Verlassensein und Raserei wird. Das Erlebnis der eigenen Hinrichtung als Mörder bei einem prahlend-blechlastigen Volksaufmarsch. Doch auch im Tod ist keine Ruhe: Ein Reigen unseliger Geister feiert die Ankunft des neuen Untoten zu seinen Qualen auf dem Friedhof in einem Stelldichein aus Gregorianik und wüstem Hexensabbat, angeführt von der entstellten Ermordeten. Lange Zeit war Hector Berlioz ein One-Hit-Wonder, doch das Jubiläumsjahr 2019 hat bereits gezeigt, dass es beim kompromisslostesten unter den französischen Romantikern noch so einiges zu entdecken gilt. Ein schönes Jubiläumsgeschenk ist die neue Live-Einspielung seines bekanntesten Werkes durch das Aufführungspraxis-Orchester Les Siècles unter ihrem Chef und Gründer François-Xavier Roth. Selbstbewusst hemdsärmelig und doch unerhört präzise im Detail, entschieden und rau im Gestus und doch mit romantischem Schmelz wo nötig, dazu aber auch so kristallklar von der Tontechnik eingefangen ist diese „Symphonie fantastique“. Eine rauschende Feier der musikalischer Vorstellungskraft und menschlicher Abgründe.

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