Startseite · CD zum Sonntag

09. — 15. November 2019

Seine fröhlichen Werktitel wie „Rheinische Sinfonie“ oder „Frühlingssinfonie“ lassen einen bei Robert Schumann manchmal denken, er sei eine unbeschwerte Frohnatur gewesen. Dabei hat wohl kaum ein anderer Komponist so mit sich und dem Leben gehadert und zugleich sich selbst immer wieder so grandios aus den Tiefen der Depression in die Höhenflüge der Musik gerettet wie Schumann. Seine zweite Sinfonie entstand in einer Zeit, in der sich der Komponist von einer schweren Lebens- und Schaffenskrise erholte. Seine erste Sinfonie in B-Dur war 1841 beim Publikum nicht sonderlich gut angekommen, und 1844 erlitt Schumann dann einen völligen Zusammenbruch. Auf Kur in Dresden erholte er sich nur langsam wieder. Sein erstes großes Projekt nach diesem Tief: die 2. Sinfonie. Mit vorsichtigem Optimismus schrieb er im September 1845 an Mendelssohn: „In mir paukt und trompetet es seit einiger Zeit sehr, ich weiß nicht, was daraus werden wird.“ Daraus wurde: ein sehr ambitioniertes Werk, in dem man die Spuren der großen Sinfoniker – vor allem von Beethoven und Schubert – deutlich hören kann, das aber zugleich von einem ganz eigenen, hochromantischen Charakter geprägt ist. Die traditionelle viersätzige Anlage stellt sich in den Dienst einer großen Entwicklung zum Finale hin. Dieses Epos aber beginnt, ähnlich wie Schuberts „Große Sinfonie“, mit einer langsamen Einleitung, die in ein Allegro mündet. Schumann selbst sah in diesem kraftvollen Satz metaphorisch auch seinen psychischen Zusammenbruch und dessen Überwindung: „Der erste Satz ist voll dieses Kampfes und in seinem Charakter sehr launenhaft, widerspenstig“. Depressive Erkrankungen können sehr quälend sein. Wenn die Kämpfe der Seele letztlich zu Werken wie diesem führen, dann ist zumindest für die Mit- und Nachwelt etwas Großartiges dabei auch gewonnen worden.

02. — 08. November 2019

Spätestens nach der Zeitumstellung umfängt uns spürbar wieder die Dunkelheit der kalten Jahreszeit, und im langen Zwischenreich aus Tag und Nacht erwachen auch die Fantasie- und Spukgeschichten wieder zum Leben, auch abseits von Halloween. So wie die Geschichte des unglücklich verliebten Künstlers, der seinem Leben mit einem Schuss ein Ende setzen will, aber die tödliche Dosis verfehlt. So dämmert er im Halbschlaf durch grauenvolle Bebilderungen seiner Eifersucht: Die Suche nach der Angebeteten auf einem prunkvollen Ball, die sich, kaum entdeckt schon wieder entzogen hat. Eine Landpartie, deren friedvolle Szenerie zur Folie düsterer Vorahnungen von Verlassensein und Raserei wird. Das Erlebnis der eigenen Hinrichtung als Mörder bei einem prahlend-blechlastigen Volksaufmarsch. Doch auch im Tod ist keine Ruhe: Ein Reigen unseliger Geister feiert die Ankunft des neuen Untoten zu seinen Qualen auf dem Friedhof in einem Stelldichein aus Gregorianik und wüstem Hexensabbat, angeführt von der entstellten Ermordeten. Lange Zeit war Hector Berlioz ein One-Hit-Wonder, doch das Jubiläumsjahr 2019 hat bereits gezeigt, dass es beim kompromisslostesten unter den französischen Romantikern noch so einiges zu entdecken gilt. Ein schönes Jubiläumsgeschenk ist die neue Live-Einspielung seines bekanntesten Werkes durch das Aufführungspraxis-Orchester Les Siècles unter ihrem Chef und Gründer François-Xavier Roth. Selbstbewusst hemdsärmelig und doch unerhört präzise im Detail, entschieden und rau im Gestus und doch mit romantischem Schmelz wo nötig, dazu aber auch so kristallklar von der Tontechnik eingefangen ist diese „Symphonie fantastique“. Eine rauschende Feier der musikalischer Vorstellungskraft und menschlicher Abgründe.

26. Oktober — 01. November 2019

Griffige Titel tragen oft dazu bei, dass Werke berühmt werden. Doch Schuberts Streichquartett „Der Tod und das Mädchen“, das sich im zweiten Satz auf ergreifende Weise mit Matthias Claudius` gleichnamigem Gedicht auseinandersetzt, würde auch ohne diesen gruseligen Titel seine Wirkung nicht verfehlen, wie man auf dieser CD hören kann. Das Chiaroscuro Quartet kombiniert darauf dieses sehr berühmte 14. Schubert-Quartett mit dem viel unbekannteren 9. Quartett: ein spannender Kontrast zwischen Früh- und Spätstil des großen Klassikers. Das Quartett um die russische Geigerin Alina Ibragimova spiegelt die Internationalität der heutigen Musikwelt wider, denn neben der Primaria spielen seit der Quartett-Gründung 2005 am Londoner College of Music ein spanischer Geiger, eine schwedische Bratschistin und eine französische Cellistin in diesem Ensemble. Was die vier verbindet, ist ihre intensive Suche nach dem „Originalklang“. Daher auch der Quartettname „Chiaroscuro“, der sich auf die Hell-Dunkel-Malerei in der Spätrenaissance und im Barock bezieht. Wie in dieser Kunstform erkunden auch die vier Musiker – mit Darmsaiten und historischen Bögen – vor allem die Kontraste, die Schattierungen und Feinheiten der Werke, denen sie sich widmen. Bei Schubert ist diese historisch informierte Herangehensweise für heutige Ohren noch ungewohnt, passt aber besonders gut. So klar und beseelt und dann plötzlich wieder anpackend, grob – geradezu existenziell – erlebt man seine Musik selten. Schönheit und Schrecken, Dunkelheit und Licht: In Schuberts Welt, und auch im Spiel des Chiaroscuro Quartet, liegen diese Extreme bisweilen sehr nah beieinander.

19. — 25. Oktober 2019

Ahnengalerie: Im Wien der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hat man es schon schwer als Komponist. Mozart, Beethoven, Schubert – übermächtig liegt auf allen Gattungen der Glanz der Heroen, die den klassischen Kanon geschaffen hatten. Was kann man dem noch hinzufügen? Johannes Brahms, dem man oft melancholisches Zaudern unterstellte, setzte sich in Wirklichkeit besonders lange und eingehend mit diesen Vorbildern auseinander, bevor er seinen Beitrag stimmig empfand. So ist sein Werk geprägt von einem schönen Dialog über alle Zeiten hinweg – vom Volkslied über Variationen berühmter Melodien bis zu den Bach-Adaptionen und Formenspielen seiner 4. Sinfonie. Für sein Klavierquintett von 1865 schwankte er lange zwischen einer Streichquintettbesetzung oder vierhändigem Klavier – und entschied sich für eine Mischform, ohne den eingewobenen Gruß an Schubert, Ländler und wehmütigen Streicherschmelz, dabei zu verlieren. Sein drittes Streichquartett hört sich an wie ein Briefwechsel mit Mozart, dessen Jagdquartett zitierend und fortschreibend. Denn das Brahms aus dem Dialog Eigenes ableiten und Neues finden konnte, hat schon Arnold Schönberg dankbar hervorgehoben: „Von Brahms habe ich gelernt: Vieles von dem, was mir durch Mozart unbewusst zugeflogen war, insbesondere Ungradtaktigkeit, Erweiterung und Verkürzung der Phrasen […] Ökonomie und dennoch: Reichtum.“
Das Hagen Quartett hat sich für sein neues Album Kirill Gerstein an die Seite geholt und die beiden Werke in wunderbar klarer, präziser, dabei leidenschaftlich beschwingter Weise aufgenommen. Genau das richtige für ein halb sonniges, halb stürmisches Herbstwochenende.

12. — 18. Oktober 2019

Wenn man eine Umfrage über die Lieblingsjahreszeiten machen würde, dann würde der Winter dabei vermutlich eher schlecht abschneiden. Zu kalt, zu nass, zu dunkel – so die landläufige Meinung über diesen introvertierten Bruder des sonnensatten Sommers und der farbenfrohen Übergangszeiten. Nur Weihnachten, das bildet ein kleines, gemütliches (wenn auch für viele nicht unstressiges) Glanzlicht in der Winter-Tristesse. Doch der Winter ist weit mehr als nur die dunkle Jahreszeit, das hat auch das phänomenale Vokal-Oktett „VOCES8“ 2016 auf einem ganzen Album mit Vokalwerken, zum Teil a cappella, zum Teil dezent begleitet, herausgearbeitet. Es trägt den schlichten Titel „Winter“ und zelebriert die Verlangsamung und Verinnerlichung dieser Jahreszeit, wenn Regen und Schnee für ein natürliches Retardieren des Weltentrubels sorgen. Bis an die Grenzen des Hörbaren gehen die Vokalisten in ihrem betörenden, polyphonen Gesang mit Werken aus mehreren Jahrhunderten. Da darf natürlich Praetoriusberühmtes Weihnachtslied „Es ist ein Ros entsprungen“ nicht fehlen, das hier in einer eigenwillig verfremdenden Bearbeitung von Jan Sandström zu hören ist. Romantische Stücke von Rachmaninow und Holst werden ebenso erkundet wie Werke unserer Zeitgenossen, etwa von Arnalds, Dale und Pärt. Arrangiert für acht Stimmen entfalten diese Winter- und Weihnachtslieder einen ganz eigenen Zauber: fern der Betriebsamkeit, der Zeit enthoben. Ein guter und wohltuender Einstieg in die kühlere Jahreshälfte, auch jetzt schon, lange vor dem meteorologischen und dem kalendarischen Winteranfang im Dezember.

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CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

An den Feiertagen immer wieder dieselben Weihnachtsklassiker hören? Wem dabei potenziell eher langweilig wird, dem sei die CD „O heilige Nacht“ des Dresdner Kammerchores wärmstens ans Herz gelegt. Was dem Titel nach zunächst verdächtig nach traditionellen Arrangements klingt, entpuppt sich beim genaueren Hinschauen und Hinhören als vokaler Ausflug in eine Zeit, auf die für Weihnachtsmusik nur selten zurückgegriffen wird: die Romantik. So singt der Chor unter der Leitung von […] mehr »


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