Startseite · CD zum Sonntag

11. — 17. Mai 2019

Staatstragend: Der Wirbel um den jüngsten Neuzugang des Hauses Windsor ist noch immer nicht ganz abgeklungen, und wieder hat sich gezeigt, welch reges Interesse auch die Deutschen (die sich laut Umfragen klar gegen eine Monarchie im eigenen Land aussprechen) an der britischen Königsfamilie haben. Doch Glamour-Magazine und Blitzgewitter einmal beiseite genommen: Auch für den Klassikfreund hält die britische Monarchie lohnenswerte Überraschungen parat. Der wohl renommierteste Fachmann für die Wiederbelebung historisch bedeutsamer Musikereignisse, Paul McCreesh, erinnert auf seinem neusten Album an die vier britischen Krönungszeremonien des 20. Jahrhunderts – und ihre musikalische Ausgestaltung. Dazu gehören altbewährte „Schlachtrösser“ wie Händels Krönungsanthem „Zadok the Priest“, das nach Komposition bei bisher jeder Krönung gespielt wurde, bis hin zu neu kommissionierten Werken von Edward Elgar oder Herbert Howell, denen zu ihrer Zeit als bedeutendsten Komponisten des Inselreichs die ehrenvolle Aufgabe zuteilwurde, einen Beitrag abzuliefern. Natürlich hat McCreesh für diese Aufnahme, die in der Kathedrale von Ely nahe Cambridge stattgefunden hat, seine Kräfte entsprechend der großbesetzten Krönungsfeierlichkeiten um junge Stimmen und Mitspieler aufgestockt. So entstand eine überzeugende, am besten in royaler Lautstärke zu genießende Nachschöpfung, die durch die Stilmischung der überlieferten Werke zugleich einen Querschnitt durch dreihundert Jahre britischer Musikgeschichte bietet.

04. — 10. Mai 2019

Wie machte er das nur? Bis heute ist es unfassbar, dass Felix Mendelssohn Bartholdy sein phänomenales Streichoktett mit 16 Jahren schrieb. Bei ihm traf eine absolute Frühbegabung auf eine umfassende Förderung und Wertschätzung von Seiten seiner Familie: Im Anwesen der Familie Mendelssohn in Berlin Mitte (dem heutigen Sitz des Bundesrats!) gingen die großen Dichter und Denker ein und aus – von Alexander von Humboldt bis E.T.A. Hoffmann. Regelmäßig wurde im Gartenhaus zu „Sonntagsmusiken“ eingeladen, wo auch die Kinder Felix und Clara sich nicht nur als Interpreten präsentierten, sondern ihre eigenen Werke einer illustren Gästerunde vorgestellt wurden. Mendelssohn hatte schon früh die besten Lehrer und großen Ehrgeiz. Das Streichoktett, in seiner Besetzung mit doppeltem Quartett bis dahin nahezu einzigartig, entstand zum Geburtstag seines guten Freunds und Violinlehrers Eduard Rietz und wurde bei einer jener „Sonntagsmusiken“ erstmals aufgeführt. Und dass der Part der ersten Violine für einen herausragenden Musiker geschrieben ist, hört man dieser Komposition an. Über weite Strecken mutet sie wie ein Violinkonzert an, doch genauso kennt sie auch intimste kammermusikalische Momente. Immer scheint hier eine große jugendliche Leidenschaft sich Bahn zu brechen, ein noch ungezügeltes Temperament, ohne aber dass die Musik in der heiklen Besetzung mit acht Streichern je ins allzu Orgiastische abdriftet. Stattdessen ist dieses Oktett feinste Balancearbeit im beständigen Wechsel zwischen kammermusikalischem und sinfonischem Klanggewand. Grandios!

27. April — 03. Mai 2019

Nebel von Avalon: Zu Zeiten, in denen eine Schottlandministerin ernsthaft verkündet, dass ihr Land es nochmal mit dem Exit vom Brexit probieren und die Vereinigten Königreiche verlassen möchte, wirkt ein Album wie „Enchanted Isle“ des Ensembles Voces 8 wie ein wehmütiger Rückblick. Die saftiggrünen Hügel im Morgennebel, die auch das Cover zieren, sie stehen für die keltisch-schottischen Anteile der britischen Identität - auch wenn man geneigt ist, den Titel derzeit eher mit „Verhexte Insel“ zu übersetzen. Stattdessen mäandert der phänomenale Solistenchor wie gewohnt zwischen gut verdaulichen Neo-Classics und Soundtracks hindurch, präsentiert Irische Volkslieder und Popsongs mit Musikergästen und in interessanten Arrangements, die sich alle der vertrauten Ästhetik des Ensembles unterordnen, einem etwas sphärisch-schwebenden Klangideal. Dadurch bekommt die Auswahl zugleich etwas Unbestimmtes, Unfassliches, und auch der Ort, der hier besungen wird, bleibt letztlich schwebend der Fantasie des Hörers überlassen, wie bei einem andeutungsvollen Aquarell. Denn die Stücke spielen nur mit Versatzstücken der keltischen Melodie- und Verzierungskonvention, ähnlich wie schon der ebenfalls vertretene „Herr der Ringe“-Soundtrack oder Pop-Ikone Enya. Diese Inseln sind Sehnsuchtsorte, auf die einen keine Fähre bringen kann.

20. — 26. April 2019

Ironie, Satire, Persiflage: Es sind die wohl schwierigsten Kommunikationsformen überhaupt. Und noch mehr, wenn es um musikalische Kommunikation geht. Denn hier ist selten einfach das gemeint, was offensichtlich ausgedrückt wird, sondern meist eine Haltung des Komponisten dazu, sei es eine Distanzierung, eine Kritik oder einfach nur ein derber Spaß, den er sich erlaubt. Dmitri Schostakowitsch war ein Meister dieser unterhaltsamen Kunst der Zwischentöne. Sein erstes Klavierkonzert, das er mit 26 Jahren niederschrieb, nannte er ganz harmlos „Konzert“ und legte es in mehreren Sätzen an, wie die Tradition es vorgab. Doch er sah diese Komposition als eine „spöttische Herausforderung an den konservativ-seriösen Charakter des klassischen Konzert-Gestus“, wie er selbst offen zugab. Eine Kampfansage, die dazu führte, dass Schostakowitsch E- und U-Musik waghalsig miteinander kombinierte und die Mittel zum Teil exzessiv übersteigerte. Dem Soloklavier stellte er als oft ebenbürtigen Partner noch eine Solo-Trompete an die Seite, begleitet werden die beiden von einem selbstbewussten Streich-Orchester. So entwickelt sich ein kurzweiliger Streifzug durch die Epochen und Stile, mit Reminiszenzen an Beethoven, Haydn, Ravel und Rachmaninow, aber auch an Jazz, Music Hall und Filmmusik. Eine wahnwitzige Mischung, die im letzten Satz in einer Trompeten-Fanfaren-Ekstase mit zwischen geschobenen Klavier-Glissandi und Ragtime-Elementen ihren krönenden Abschluss findet. Das ist Musik, die durch den ganzen Körper fährt und die Ohren heftig durchpustet: genial schön. Hier in einer Aufnahme mit den Berliner Philharmonikern, Ole Edvard Antonsen an der Trompete und Mikhail Rudy am Klavier unter Mariss Jansons.

13. — 19. April 2019

Grenzüberschreitend: Traditionell hatte die Kirche immer besonders dann ein Problem, wenn die Religion zu subjektiv, schwärmerisch – mit einem Wort: im Sinne der Mystik verstanden wurde. Der ganz auf sich bezogene Dialog zwischen einem (spürbaren) Gott und dem Menschen sieht einfach keinen Platz vor für Machtansprüche und die priesterlich vermittelnde Stellung. Dabei war die Mystik nicht erst im Christentum ein starker Motor für die Religion: Auch im Vorderen Orient, dem Alten Ägypten und Babylon, wurde mit Mehrdeutigkeiten zwischen weltlicher Erotik und Spiritualität gespielt, konnten Menschen und Götter in den Erzählungen fließend in Kontakt treten.
Das seit Luther so genannte „Hohelied Salomos“, ursprünglich: das „Lied der Lieder“, ist ein bemerkenswertes Buch des Alten Testaments. Wohl nirgends sonst in der Bibel wird die Liebe so gefeiert, finden sich so schwärmerische, unverhüllt die körperlichen Vorzüge des/der Geliebten feiernden Vergleiche wie dort. Dass die einzeln überlieferten und bis um 500 v. Chr. gesammelten Liebeslieder ihre Aufnahme in die Heilige Schrift fanden und im Mittelalter zu den häufig in Predigten ausgelegten Texten gehören, haben sie der Synode von Jamnia zu verdanken. Sie sah in den Gedichten, allegorisch überhöht, die Liebe Gottes zum Menschen oder seiner Kirche zum Ausdruck gebracht. Und die durfte durchaus auch einmal leidenschaftliche Formen annehmen.
„Desires“ – Leidenschaften, ist der Titel des neuen Albums der phänomenalen ORA Singers. Ihre Auswahl an Vertonungen aus dem „Canticum Canticorum“ bleibt ihrem Konzept treu: Im a-capella-Gesang findet Alte und Neueste Musik nebeneinander zu reizvoller Mischung, und das Traditionsbewusstsein heutiger Komponisten wie Jonathan Dove, Gabriel Jackson oder Francis Grier macht es nicht immer einfach, sich in diesem Zeit-Kontinuum zu orientieren. Warum auch? Hier gehen die Epochen eine subjektive, schwärmerische – mit einem Wort: mystische Verbindung ein.

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CD zum Sonntag:

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Er galt als der „Liszt des Violoncellos“: Jacques Offenbach. Zu Recht? Jener Meister der prickelnd-leichten Unterhaltungsmusik, der mit seiner Opéra bouffe „Orphée aux enfers“ und „Les contes d`Hoffmann“ als Komponist berühmt wurde? Am 20. Juni wäre Offenbach 200 Jahre alt geworden, dementsprechend wird der Scheinwerfer derzeit nochmal neu auf ihn und sein Schaffen ausgerichtet. Und dabei zeigt sich: Offenbach und das Cello – das war eine Herzensverbindung. Cellistin Raphaela […] mehr »


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