Startseite · CD zum Sonntag

30. Mai — 05. Juni 2020

Beutezüge im Barock: Manche Solisten haben das Pech, dass die größten Komponisten gerade für ihr Instrument kein Konzert geschrieben haben. Keine Trompete bei Mozart, keine Flöte bei Bach und überhaupt keine Konzerte von Schubert. Und obwohl Antonio Vivaldi dank seiner versatilen Schülerinnen in der Pietà für fast jedes erdenkliche Instrument und jede Kombination Concerti in Fülle entworfen hat – allein 39 für’s Fagott, nur seine eigene Violine hat mehr bekommen – gibt es keines für die Klarinette. Die war damals schlichtweg noch nicht entwickelt worden, und ihre Erbtante, das Chalumeaux, ein derart heikles Instrument, dass es beim Venezianer nur in Grosso-Kombinationen auftaucht. Oder als zart gehauchte Begleiterin des Gesangs in Opernarien.
Macht nichts, dachte sich der schwedische Klarinettist Martin Fröst, und begann in eben jenen Arien Vivaldis zu stöbern, die dank dessen 49 überlieferten Opern in reicher Auswahl vorliegen und vor allem oft wenig bekannt sind, obwohl wunderschön. Nun ist schon ein Arienrecital oft eine etwas selbstbezügliche, artistische und auf die Dauer wenig erbauliche Angelegenheit, ohne Gesang aber wohl noch schwerer zu ertragen. Doch wie von selbst bildeten sich für Fröst bei der Auswahl der Arien Sinneinheiten nach barockem Muster, gruppierten sich ernste, langsame und heitere Arien zu Concerti. Drei „Klarinettenkonzert“ aus Vivaldis Feder sind so entstanden, und dank Frösts überragender Fähigkeiten sowohl der musikalischen Gestaltung als auch chamäleonhafter Klangfarbenwechsel kommen Vivaldis vokale Juwelen im neuen Gewand zu einem Glanz, als wären sie schon so erdacht worden.

23. — 29. Mai 2020

13 Sekunden! Keine Sekunde mehr oder weniger erfreut sich der Hörer an Ludwig van Beethovens Bagatelle op. 119 Nr. 10. Und diese Episode deutet schon auf das entscheidende Schlagwort der neuen Beethoven-CD von Kilian Herold (Klarinette), Peter-Philipp Staemmler (Violoncello) und Hansjacob Staemmler (Klavier) hin, das da lautet: Kurzweiligkeit. „Composing Beethoven“ präsentiert freilich keine Stangenware, sondern ein klug konzipiertes Album, das originale Werke des Geburtstagskindes mit seinen eigenen Bearbeitungen sowie Bearbeitungen aus der Jetztzeit kombiniert. Dass diese Idee viel Spielspaß, Witz und Freude mit sich bringt, lassen schon die ersten Takte des „Gassenhauer“-Trios erahnen, das erstens zu den Originalkompositionen Beethovens zählt und seinen Namen einem beliebten Thema aus Joseph Weigl Oper „Lʼamor marinaro“ verdankt. Das Trio in Es-Dur op. 38, basierend auf dem zu Lebzeiten Beethovens besonders populären Septett in Es-Dur op. 20, zählt zweitens zu der Gruppe, die der Komponist selbst für eine andere Besetzung neu in Form goss. Bleiben drittens die musikalischen Kurzgeschichten von Webernscher Knappheit, die der Komponist Johannes Schöllhorn, geboren 1962, auf Basis der Bagatellen für Klavier arrangierte. Farbenreich, lustig, überraschend. Mal stampfend und schnaubend, mal schillernd von den Interpreten zum Leben erweckt. Doch bei diesem Trio sind ohnehin alle drei Kategorien, von Frische und Spontaneität durchströmt, in besten Händen. Unter den vielen Neuentdeckungen Beethovens, die das Jubiläumsjahr verspricht, zählt diese zu den überaus gelungenen!

16. — 22. Mai 2020

Maskenspiele: Was seine Kameraden und Familienmitglieder schon am Schüler Robert Schumann verblüffte, war die Fähigkeit der genauen Charakterzeichnung von Personen – in Tönen improvisiert. Ganze Abende soll er unterhalten haben durch seine treffgenauen Porträts ohne Worte. Für den jungen Musiker steht die Zeit des ungeliebten und kaum erfüllten Jurastudiums in Heidelberg in Wirklichkeit für die Phase intensiver Persönlichkeitsbildung durch Lektüre und Auseinandersetzung mit literarischen Vorbildern und Nachdichtungen in Musik beim rauschhaften Klavierspiel. Besonders identifiziert er sich mit den Figuren der Romane Jean Pauls und E. T. A. Hoffmanns, ihrer künstlerischen Selbstverteidigung gegen eine engstirnige und unpoetische Gesellschaft und ihrem Leiden, deren Lebensgefühl er durch Rollenspiele und Identitätenwechsel einzustudieren versuchte. Als Frucht dieser Zeit entstanden in den späten 1830er Jahre Zyklen von Klavierstücken, die die musikalische Auseinandersetzung rückblickend kondensierte. Der hochfahrende und sprunghafte wie zart empfindende Charakter des Hoffmannschen „Kapellmeisters Kreisler“ findet Niederschlag in der Bilderfolge der „Kreisleriana“, dabei aber mehr Ausdruck der eigenen Lebenslinien als direkte Literaturnachdichtung in Musik setzend. Der „Carnaval“ spiegelt hingegen die Personen und Vorbilder Schumanns, vertreten durch ihre Pendants in seiner Gedankenwelt und verschlüsselt durch ein komplexes Motiv- und Buchstabenspiel rund um den Namen seiner damaligen Verlobten. Die überbordende Vielgestaltigkeit und Frische dieses Wurfs, an dem Schumann in Wahrheit hart gearbeitet hat, um seinem hohen Anspruch an sich selbst entsprechen zu können, weiß die Pianistin Klara Min auf berückende Weise zu zähmen wie zu entfesseln. Sie spürt den Bocksprüngen Schumann-Kreislers mit einer Virtuosität nach, die ihrer lyrischen Gestaltungskraft Freiheit von den zahlreich vorhandenen technischen Fallstricken erlaubt. So schafft sie es, ihrem Flügel das Ideal der Schumannschen Klaviermusik zu entlocken: einen freien, ungebundenen, berührenden Gesang auf zehn Fingern.

09. — 15. Mai 2020

Bei diesem Brahms liegt alles offen: Die französischen Duo-Freunde Jean-Guihen Queyras und Alexandre Tharaud erzählen die erste Cellosonate auf ihrem bei Erato erschienenen Album mit beeindruckender Geradlinigkeit und finden genau die richtige Balance zwischen Durchsicht und einer Expressivität, die sich nicht in dick aufgetragenen Schwelgereien äußert. Manche Achtelketten klingen schnurgerade, der Verzicht auf romantische Zierde steht ihnen blendend. Und trotzdem stößt der Hörer im Kopfsatz auf einen guten Puls, begegnet Passagen voll griffiger Kraft. Diese Transparenz und Klarheit machen Freude, hier klingt Brahms mehr poetisch denn romantisch. Das Allegretto ist zunächst von seinem Tanzcharakter geprägt, hier tönt jede Note wohlgeordnet am rechten Platz, ehe die Stimmung in einen an Chopin erinnernden Ton umschwenkt. Im kontrapunktisch gearbeiteten Schlusssatz, durch den man freilich durchbrettern oder die Flammen lodern lassen kann, treten Queyras und Tharaud auf die Bremse und entwickeln in barocker Klarheit eine kultivierte Erzählung mit sehr gezielt gesetzten, aber durchaus heftigen Akzenten. Auch in der zweiten Cellosonate von Johannes Brahms, zwanzig Jahre sind inzwischen vergangen, findet der Hörer expressive und lichte Momente in einem ausgewogenen Verhältnis. Und über fehlende Leidenschaft kann man sich im Allegro passionato nicht beklagen. Diesem Cello-Kernrepertoire, über dem die Frage nach der Nachfolge Beethovens steht, ergänzen Queyras und Tharaud eigene Bearbeitungen der ursprünglich für vierhändiges Klavier komponierten ungarischen Tänze. Funken sprühend, versehen mit klangverspieltem Humor und einem singenden, teils pfeifenden Cello. Die berühmte Nr. 5 darf dabei natürlich nicht fehlen.

02. — 08. Mai 2020

Gleich zwei Huch-Momente schenkt diese CD des Quatuor Arod dem aufmerksamen Hörer. Der erste: Mitten in Arnold Schönbergs Streichquartett op. 10 mischt sich die Stimme der aufstrebenden Sopranistin Elsa Dreisig hinein in diese eigentlich doch instrumentale Musik. Falsch gedacht! Hier trifft, wie schon im 2017 erschienenen Mendelssohn-Album des Ensembles, Lied auf Streichquartett. Elsa Dreisig deklamiert die Verse von Stephan George klar und verständlich, das französische Streichquartett gestaltet das Werk mal furios, direkt und mit wildem Drive, mal delikat und zurückgenommen. Und klingt zum Teil nach quietschender Schaukel. Intensiv ist diese Kammermusik immer! Der zweite Überraschungsmoment: Im zweiten Satz zitiert Schönberg kess das Kinderlied „O du lieber Augustin“. Und weist damit ebenso wie der Titel der CD „The Mathilde Album“ auf das familiäre Drama hin, das zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Hause des Komponisten herrschte. Die namensgebende Frau Mathilde Schönberg, geborene Zemlinsky, brannte mit ihrem Liebhaber Richard Gerstl durch (der sich später erhängte), was sich – hier streiten sich die Gelehrten – möglichweise in dem zweiten Streichquartett niederschlägt, das Schönberg in ebenjenem Sommer schrieb und mit dem er der Tonalität den Rücken kehrte. Alles ist hin, heißt es doch im zitierten Kinderlied. Auch in den beigefügten Werken, etwa Anton Weberns Quartettsatz (für den Meister der kleinen Form verhältnismäßig eine Langstrecke), erweist sich das Quatuor Arod als ein reifer und umsichtiger Interpret. Hier werden die Saiten nur gestreichelt, feiner geht es kaum. Das zweite Streichquartett des Schönberg-Lehrers Alexander von Zemlinsky klingt zunächst fast archaisch, sein letzter Ton schillert dann eine Unendlichkeit lang – eine tolle Aufnahme.

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CD zum Sonntag:

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