Startseite · CD zum Sonntag

16. — 22. März 2019

Full House: Was muss das für ein prachtvolles Gedränge gewesen sein, als sich der europäische Hochadel und zahlreiche Gesandte 1568 zu einer Hochzeit in München versammelten. Wilhelm von Bayern ehelichte Renata von Lothringen, und der Vater des Bräutigams, der ebenso selbstbewusste wie prunkliebende Albrecht V. von Bayern hatte geladen. Wie gut, dass ein Sänger aus der Kapelle, Massimo Troiano beschrieb, was er mit eigenen Augen erlebte. Und Ohren! Denn Albrecht besaß eine der größten Hofkapellen seiner Zeit: 12 Knaben, 40 erwachsene Sänger, 12 Bläser und Streicher und drei Organisten. An ihrer Spitze stand der berühmte Flame Orlando di Lasso (wie er seit seinen italienischen Jahren genannt wurde).
Und der hatte für die Feierlichkeiten eine musikalische Spezialitätenfolge zusammengestellt, die den leiblichen Genüssen in nichts nachstand. Leider benannte Troiano zwar die Namen der aufgeführten Komponisten, nicht jedoch die vertonten Texte, so dass das genaue Programm mehrere hundert Jahre unbekannt war. Es brauchte einen fleißigen Doktoranden des 21. Jahrhunderts, um im Ausschlussverfahren den beschriebenen Instrumenten unter Kenntnis der damaligen Transpositionsregeln die einzig wahrscheinlichen Werke zuzuordnen. Und so kann Roland Wilson, mit seiner Capella Ducale nebst zugehörigem Ensemble Musica fiata musikalisch ebenso so gut ausgestattet wie einst Albrecht V., die Hochzeitskapelle von einst erstmals wieder aufspielen lassen. Als Hörer kann man sich berauschen lassen von den großen vokal-instrumental besetzten Chören in Annibale Padovanos 24-stimmiger Messe. Aber auch verwundert die Liebe der Renaissance zu einer raffinierten Klangfarben- und Instrumentalregie genießen, wie sie das auf Besetzungskontraste ausgelegte Musikprogramm zum Festbankett offenbart. Und wer dann noch nicht genug hat, den werden spätestens die buttercremigen Klangwogen der 40-stöckigen, pardon: -stimmigen Hochzeitsmotette „Ecce beatam lucem“ in die Knie zwingen. Ein Ohrenschmaus, wortwörtlich.

09. — 15. März 2019

Schöne Besetzungen haben es nicht zwangsläufig leicht. Die Kombination etwa aus dem samtigen, dunklen Waldhorn-Timbre, dem helleren und schlankeren Klang der Violine und der Rahmung durch ein volltönendes Klavier findet man in der Musikgeschichte äußerst selten. Es war mal wieder der Klang-Visionär Johannes Brahms, der ein ausgedehntes Kammermusikwerk für diese Trio-Formation schrieb. Ein trauriger Anlass dafür war vermutlich der Tod seiner Mutter im Jahr 1865. Sie hatte das Hornspiel sehr geliebt und den kleinen Johannes als Kind das Instrument erlernen lassen. So sehen einige Brahms-Forscher sein Trio auch als Hommage an seine Mutter, vor allem den ergreifenden langsamen Satz. Er ist mit „Adagio mesto“ („Trauriges Adagio“) überschrieben, eine sehr ungewöhnliche Satzvorgabe für Brahms. Doch auch die Natur, die Brahms in jenem Jahr einmal mehr besonders intensiv erlebte, mag ihren Beitrag geleistet haben zu diesem romantisch durchwirkten Waldstück. Für seinen Sommerurlaub hatte sich Brahms damals in der Nähe von Baden-Baden, an den Ausläufern des Schwarzwalds, eine Bleibe gesucht und unternahm jeden Morgen ausgedehnte Spaziergänge. Und so klingt nicht nur ein Rheinisches Volkslied in diesem wertvollen kammermusikalischen Kleinod an, im Trio-Teil des Scherzos, sondern ganz deutlich auch ein in der Romantik so beliebtes Jagd-Szenario, mit fröhlichen Hornrufen und voranstürmenden Rhythmen. Brahms` Trio für Waldhorn, Geige und Klavier kennt eben beides: Trauer und Glück, Schatten und Licht.

02. — 08. März 2019

Der Karneval, die tollen Tage, stehen an. Dass nicht nur die Menschen, sondern auch Instrumente in verschiedene Rollen schlüpfen und sich dafür prima verkleiden können, stellt die Saxifonistin Asya Fateyeva bereits in der einleitenden „Opera Fantasy“ unter Beweis. Wie eine wirbelnde Abfolge von Szenen rauschen Klassiker der Opernbühne am Hörer vorbei, eine ausladende Kadenz inbegriffen. Und Fateyeva singt und glitzert, gurrt und knurrt mit ihrem Instrument, das sich durch die Nähe des Saxofon-Timbres zur menschlichen Stimme wunderbar für solch ein Programm eignet. Neben dieser Fantasie und Arrangements von Opernarien lässt sich Originalkompositionen für das Saxofon aus dem frühen 20. Jahrhundert hören, was die ersten Komponisten nach seiner Entwicklung daran schätzten: die Vielfältigkeit der Klangfarben, die Beweglichkeit, der warme Ton. So etwa in Alexander Glazunows kurzem „Concerto“ oder in Darius Milhauds putzmunter vorwärts rollendem Porträt eines „Scaramouche“, einer Figur des italienischen Volksschauspiels. Dass wir heute vor allem die späteren Stile des Saxofon mit seinem Klang assoziieren, Big Band und Jazz, kommt bei diesem Album nicht ungelegen und sorgt für eine gewisse Nonchalance, die dem Karneval ja auch nicht fremd ist. Asya Fateyevas Album kommt also genau zur rechten Zeit: Die tollen Tage können beginnen.

23. Februar — 01. März 2019

Impressionistische geistliche Musik: Das hört man eher selten. André Caplet hat in „Le miroir de Jésus“ 1923 die Passionsgeschichte vertont, nach Gedichten des Poeten Henri Gheon. Heute kennt man Caplet, wenn überhaupt, nur noch als geschickten Orchestrator von Claude Debussys Klangmalereien. Doch er war selbst ein großes Kompositionstalent mit einem außergewöhnlichen Sinn für Klangfarben und -effekte, für Stimmungen und Schattierungen: ein wahrer „Impressionist“ eben. In den drei Teilen seiner Komposition für Mezzosopran, Frauenchor, Streicher und Harfe vergegenwärtigt er – wie die Perlen am Rosenkranz – die Lebens- und Leidensstationen Jesu als klingende Meditationen, gespiegelt im Blick der Heiligen Jungfrau Maria, die als Solostimme die Gedichte singt, rezitiert, spricht. So entspinnen sich die drei Teile „Spiegel der Freude“, „Spiegel des Leids“ und „Spiegel der Glorie“ jeweils mit einem ausdrucksstarken instrumentalen Prélude und fünf Episoden als hochexpressive Erzählung von Maria Verkündigung bis hin zur Maria Krönung. Für Caplet selbst war es ein Abschiedswerk: Aus dem ersten Weltkrieg war er mit schweren Lungenschäden zurück gekehrt und hatte seine vielversprechende Laufbahn als Dirigent beenden müssen. Bereits mit 45 starb er, zwei Jahre nach der Komposition von „Le miroir de Jésus“. Ein Mensch, der wahrlich nicht länger im Schatten des ungleich erfolgreicheren Claude Debussy stehen sollte, wie diese Einspielung mit der Mezzosopranistin Brigitte Desnous, dem Orchestre des Pays de Savole und dem Knabenchor von Radio France unter der Leitung von Mark Foster deutlich macht.

16. — 22. Februar 2019

Mozart war neun Jahre alt, da komponierte Georg Christoph Wagenseil seine Sammlung von sechs Konzerten für Orgel oder Cembalo, zwei Violinen und Basso continuo. Mit einem Bein stand er im Barock (als Lieblingsschüler von Johann Joseph Fux) und dem anderen in der Wiener Klassik (als Lehrer von Königin Marie Antoinette und Johann Baptist Schenk, der wiederum Ludwig van Beethoven unterrichtete). Heute kennt ihn so gut wie niemand mehr, dabei prägten seine Werke die klassische Tonsprache ganz entscheidend, war er doch sowohl für Haydn als auch Mozart, die seine Kompositionen studierten, ein geschätzter Kollege. Seiner Wiederentdeckung hat das Ensemble „Piccolo Concerto Wien“, hier 2012 mit Solistin Elisabeth Ullmann, nun schon drei Alben gewidmet, und zurecht: Niemand würde dem bärbeißigen Herrn in der barocken Allonge-Perücke, wie Wagenseil überliefert ist, so einfallsreiche, sanglich-melodische, tänzerisch beschwingte – eben Wiener Orgelkonzerte zutrauen. Der süß-hölzerne Klang einer kleinen Kirchen- oder Kammerorgel harmoniert auch prima mit den nur kammermusikalisch besetzten Streichern. Die richtige Musik für ein frühlingshaftes Februarwochenende.

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CD zum Sonntag:

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