Startseite · CD zum Sonntag

22. — 28. Februar 2020

Hereinspaziert in die Boulangerie! So wurden die wöchentlichen Treffen bei den Komponistinnenschwestern Lili und Nadia Boulanger liebevoll von ihren Schülern genannt. In der Boulangerie analysierte man Fugen, tauschte sich aus, spielte neue Werke. Die hiervon abgeleitete Konzertreihe des Boulanger-Trios folgt diesem Ansatz; mit ihr möchten Birgit Erz, Illona Kindt und Karla Haltenwanger zeitgenössische Komponisten und Komponistinnen durch Begegnungen dem Publikum vermitteln. Auf der jüngsten, mittlerweile neunten CD-Veröffentlichung des Hamburger Ensembles findet sich – überraschenderweise – aber gar nichts Zeitgenössisches. Dafür Musik des weitgehend unbekannten Schweizer Komponisten Paul Juon, der um die Jahrhundertwende wirkte und heute immerhin als Zeitgenosse der Boulanger-Schwestern gelten kann. Vergessenes wiederbeleben, Bekanntes und Unbekanntes kombinieren – das ist der Markenkern des Ensembles. „Es gibt so viel großartige Musik, die fast nie gespielt wird“, sagt die Violinistin Birgit Erz. Auf der CD wird Juons Tondichtung für Klavier, Violine und Violoncello „Litaniae“ mit Pjotr Tschaikowskis einzigem Klaviertrio kombiniert. In beiden Werken reagieren die Komponisten jeweils auf Verlust und Trauer. Feinsinnig und farbenreich klingt die Neuentdeckung Juons, die nach einem kraftvollen Aufbäumen und zarten Klavier-Arpeggios schillernd verklingt. Tschaikowskis monumentales und formsprengendes Trio – mit lediglich zwei Sätzen, aber insgesamt fünfzig Minuten Länge – tönt hier nie pathetisch-dick, das Trio rückt jeweils die richtigen Instrumente in den Vordergrund. Dabei hielt Tschaikowski von dieser Gattung nicht wirklich viel. Glücklicherweise bereitet der Zusammenklang der Instrumente auf dieser Aufnahme mehr Freude, als es der Komponist von dieser Kombination zunächst für möglich gehalten hatte.

15. — 21. Februar 2020

Am seidenen Faden: Das hatte sich die kretische Königstochter sicher anders vorgestellt. Der schneidige Athener Prinz Theseus, mit dem sie von Zuhause ausgebüchst war, lässt sie auf der erstbesten der zahlreichen griechischen Inseln schlafend am Strand liegen und sticht in See. Dabei hatte sie ihm das Eheversprechen abgeluchst, bevor sie ihm im Gegenzug aus dem Labyrinth des Minotaurus heraushalf – mithilfe eines einfachen Fadens, den dieser beim Gang ins Innere abspulte und beim Weg zum Tageslicht wieder aufwickelte. Doch was zählt schon der Männer heiliger Schwur an die Leidensgenossin von gestern. Kein Wunder, dass die Figur der Ariadne, die zwischen Liebe zu Theseus, Zorn und ihrer Trauer hin- und hergerissen das Erlebte überdenkt, zu den Lieblingssujets der Kunst zählt, sowohl in Malerei und Skulptur, als auch in der Musik. Gleich drei Vertonungen hat das Ensemble Arcangelo unter Jonathan Cohen nun auf einem Album versammelt, das sich dank des beschriebenen Plots recht besetzungsökonomisch um eine einsame Mezzosopranistin herum aufbauen lässt. Kate Lindsey gibt eine wunderbare Königstochter ab, mit ihrem noblen Timbre und ihrer geschmackvollen Gestaltung der Partie. Dabei scheint sie stets zu beben wie vor kaum zu zügelnden Empfindungen, bis ihr Zorn in heftige, flackernd-schnaubende Ausbrüche gipfelt. Die Möwe auf dem Felsen dieser Aufnahme aber ist, dass man durch die Ohren Alessandro Scarlattis, Georg Friedrich Händels und Joseph Haydns dieselbe Geschichte dreimal völlig unterschiedlich erzählt bekommt, während sich das Klangbild des Orchesters langsam von zurückhaltendem Hochbarock über deftige Theatralik bis in die feinen, holzbläserverzierten Farben der Wiener Klassik verwandelt.

08. — 14. Februar 2020

Junge schneidige Cembalisten stehen momentan durchaus hoch im Kurs. Justin Taylor zum Beispiel, der mit seinem Promo-Video, in dem er György Ligetis „Continuum“ in die Schreibmaschine tippt, immerhin für einen Opus Klassik nominiert war. Viel wichtiger: Fernab all dieser Marketingmechanismen ist Taylor zunächst einmal ein mit seinem Spiel begeisternder Cembalist der modernen Riege. Wie er Domenico Scarlattis tonrepetierende, ungemein modern klingende d-Moll-Sonate KV.141 rauschhaft in das Cembalo nagelt, ohne dabei die Farben zu verlieren, ist beeindruckend. Es ist der Einstieg in sein 2018 bei Alpha erschienenes Konzeptalbum „Continuum“. Der Titel verweist auf das gleichnamige Stück des Neue-Musik-Pioniers György Ligeti aus dem Jahr 1968, bei dem der Spieler zum Namen passend mit der Kielmechanik des Instruments ein permanent flirrendes Tongewebe erzeugt. Ligetis Musik mit der des Frühklassikers Domenico Scarlatti zu verschränken, ist eine fantastische Idee. Nicht nur, weil Taylor die im Vergleich zu Mozart wesentlich kürzeren, charakterreichen Sonaten so frisch und funkensprühend präsentiert, sondern weil mit dieser Verzahnung Synergieeffekte hörbar werden. In Ligetis „Passacaglia ungherese“ etwa klingen die ersten Takte noch ganz und gar scarlattiös, in ihrer kontrapunktischen Anlage wirkt sie mehr archaisch als modern, obwohl sie doch dem 20. Jahrhundert entsprungen ist. Genial! Mit diesem musikalischen Dialog macht Taylor Werbung für alle Beteiligten: Scarlatti, Ligeti, sich selbst, aber auch für sein Instrument.

25. — 31. Januar 2020

Heute auf den Tag genau, am 26. Januar, wäre sie 75 Jahre alt geworden: Jacqueline du Pré, die viel zu früh verstorbene Ausnahmecellistin, Schülerin von Pablo Casals und Mstislaw Rostropowitsch. Legendär ist nicht nur ihre Aufnahme des Cellokonzerts von Edward Elgar, nein, das Werk selbst, mittlerweile beliebt im Konzertsaal, erfuhr durch du Pré erst seinen Aufschwung: Die Londoner Uraufführung am 27. Oktober 1919 war zunächst eine große Enttäuschung. Der Dirigent Albert Coates hatte mit dem Orchester offenbar zu viel Skrjabin und zu wenig Elgar geprobt. Die Premiere wurde von der Presse nicht gut besprochen, selbst wenn die Schlichtheit von Elgars Komposition, dessen vier Sätze von einem durchgehend melancholischen Ton durchzogen sind, durchaus erkannt wurde. In den Repertoire-Kanon schaffte es das Werk allerdings nicht. Mehr als vierzig Jahre brauchte es, ehe mit der erst zwanzig Jahre alten Cellistin du Pré die Renaissance des Konzerts begann. Du Prés Aufnahme mit dem London Symphony Orchestra unter der Leitung Sir John Barbirolli, der schon bei der Uraufführung als Cellist im Orchester mitgewirkt hatte, gilt bis heute als die unbestrittene Referenz. Im Jahr 2004 wurde sie bei Warner neuaufgelegt, gemeinsam mit Elgars Cockaigne-Ouvertüre und den „Sea Pictures“, die man hierzulande nur selten zu hören bekommt. Der leidenschaftliche, emotionale Zugriff von du Pré, die knackigen Tutti im Kopfsatz, die großen melodischen Linien, schließlich die Kraft des Finales, das den Bogen zum Anfang schlägt – hier passt einfach alles zusammen. Wer heutzutage an Elgars Konzert denkt, denkt an du Pré, und wer an du Pré denkt, denkt an Elgar. Es gibt keinen besseren Anlass als diesen 75. Geburtstag, um an die besondere Aufnahme einer besonderen Cellistin zu erinnern.

18. — 24. Januar 2020

Darm mit Charme: Auf dem Buchmarkt hat unser Verdauungstrakt schon vor einigen Jahren seine marketingverbauschte Renaissance gefeiert. Stimmt es, dass dieses hochkonzentriert von Nerven durchsetzte Organ in der Evolution die Leistungen des später ausgebauten Gehirns mit der Intelligenz des Gefühls vereinte? In der Alten Musik ist der Darm bereits völlig ekelfrei in aller Munde: als Darmsaite. Dazu wird nach der Schlachtung von meist Schafen und Lämmern der Darm gewendet, von Schleimhaut und Muskelschicht befreit, gebeizt, in Streifen geschnitten und zur Saite gesponnen. Heikel ist der Anschliff, denn schon ein Weniges, und der saubere Klang ist dahin. Schon Heinrich Christoph Koch erklärte in seinem „Musikalischen Lexikon“ von 1802: „Eine gute Darmsaite darf sich bei dem Aufziehen nicht verfärben und muss hell, durchsichtig und elastisch sein. […]Die besten Saiten werden in Italien verfertigt. Dieses kommt teils daher, weil in diesem Lande die mehresten Lämmer geschlachtet werden, deren Därme besser zum Saiten sind, als die des alten Schaafviehes, teils gibt man sich daselbst auch mehr Mühe mit der Reinigung der Därme und hat mehr Kenntnisse von der dazu nötigen Beize als in andern Ländern.“ Aus Pescara wird denn auch ein Fall von kluger Abwehr von Wirtschaftsspionage berichtet: Die Sattelmacher, die die hohe Qualität der Därme von Bergschafen entdeckt hätten, behaupteten, sie würden die Saiten aus Katzendarm fertigen, denn das Töten von Katzen brachte im Volksglauben Unglück. So hat sich bis heute im Englischen der Begriff „cat gut“ (Katzendarm) erhalten, obwohl die Därme vom Schaf kommen und niemand fürchten muss, vom Blitz getroffen zu werden. Stets aber das unvermeidliche Nachlassen der Stimmung durch die Luftfeuchtigkeit im Konzertsaal.
Die bereits bestens bekannte Barockviolinistin Amandine Beyer hat sich mit drei hervorragenden Kollegen für die Erkundung fein geschliffener Streichquartettliteratur zusammengetan. Als „Kit Gut Quartet“ (Kätzchendarmquartett) bekennen sie: „‘Tis too late to be wise“. Das ist auch gar nicht nötig, denn was die vier in Werken von Henry Purcell, Matthew Locke, John Blow und Joseph Haydn vollbringen, bannt vom ersten Moment an. Hier versteht man sofort, was für Qualitäten an den besten Darmsaiten stets gerühmt wurden: die leichte Ansprache, die noch feinstes Nachhorchen im Pianissimo bei einem Maximum an Farben und Nuancen ermöglicht und vor allem der warme, menschliche Ton, der von innen heraus lebendig zu sein scheint. Und man ist leicht geneigt, der Theorie zu folgen, dass sich hier, im Darm, Herz und Hirn aufs Schönste vereinen können.

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CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Erstens kommt es anders: Die Vielzahl der Initiativen klassischer Musik, die gerade auf die in selbstgewählter Isolation befindlichen Freunde dieser Musik einstürmt, ist enorm. Wäre die Lage der meisten freien Musikerinnen und Musiker nicht so verzweifelt angesichts der Veranstaltungsabsagen, könnte man sich ungetrübt über die Frische und Begeisterung freuen, die da zutage tritt. Auch das RONDO ist nicht unverschont geblieben – da Einzelhandel und Bibliotheken geschlossen sind, wollen […] mehr »


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