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N° 1291
04. - 10.02.2023

nächste Aktualisierung
am 11.02.2023



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Nightfall

Quercus

ECM/Universal 5743078
(66 Min., 12/2015)

Wenn sich Briten auf ihre eigenen Wurzeln besinnen, muss das nicht unbedingt so unangenehme und unabsehbare Folgen haben wie die Brexit-Entscheidung. Das zeigten die englische Folk-Queen June Tabor, der Saxofonist Iain Ballamy und der Pianist Huw Warren schon mit ihrem Debüt, das 2013 mit dem Jahrespreis der Deutschen Schallplattenkritik ausgezeichnet wurde. Und auch der Nachfolger „Nightfall“, aufgenommen in der Dämmerung vor dem schicksalsträchtigen Referendum, lässt Kontinentaleuropäer voller Liebe und Empathie auf die Insel schauen.
Es liegt an der Haltung, mit der Tabor, Ballamy und Warren erneut traditionelles britisches Liedgut mit alten und neuen Texten interpretieren – in weltoffener Kombination mit zwei amerikanischen Standards und einem Bob-Dylan-Song. Tabors dunkle Stimme erzählt in den gemeinsam mit den beiden Mitmusikern arrangierten Traditionals von ertrunkenen Seeleuten, tragischen Soldatenliebesgeschichten, Schäfern und Kuckucksvögeln mit so viel Weisheit, Intimität und unaufgeregter Noblesse, dass man an ihren Lippen hängen bleibt, auch wenn man sonst nicht viel mit englischen oder irischen Volksliedern anfangen kann.
Saxofonist Ballamy gesellt sich mit großer Bescheidenheit und Sensibilität dazu wie der alte Bekannte, der im Silvesterklassiker „Auld Lang Syne“ besungen wird. Mal doppelt er höchst einfühlsam die Melodielinie, mal kommentiert er das erzählerische Geschehen wie ein wortloser Dichter. Pianist Warren grundiert mit lichterfunkelnden, herbstwinddurchwehten Klavierlandschaften, auf denen sich Tabor und Ballamy nachdenklich niederlassen oder Tenor- und Sopransaxofon in den beiden gesangslosen Kammerduetten „Christchurch“ und „Emmeline“ ihren Landeplatz finden.
Möglicherweise vermittelt diese Rezension den Eindruck, es handele sich bei „Nightfall“ um ein zerbrechliches Gebilde voll poetischen Wehe- und Wohlklangs. Aber es ist gerade die Nüchternheit, die die Stärke der Aufnahme ausmacht. Stellvertretend dafür kann man Bob Dylans „Don't Think Twice It's Alright“ nennen. Tabor singt das mit einem kurzen trockenen Lachen, wie jemand, der sich mit der Unvollkommenheit der Welt auf lässige Weise abgefunden hat. Nicht jammern, es geht immer weiter. Soll die Nacht doch anbrechen.

Josef Engels, 17.06.2017



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