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Truth, Liberty & Soul

Jaco Pastorius

Resonance Records/H’art HCD2027
(131 Min., 6/1982)

Was für eine Bigband! Was für ein Bassist! Jaco Pastorius, unbestrittener Meister des bundlosen Elektrobasses, spielte nur wenige Konzerte mit seiner „Word of Mouth“ Bigband. Nun ist eine Rundfunkaufnahme vom 27. Juni 1982 aus der Avery Fisher Hall erschienen: ein Dokument unbändiger Spielfreude und eine gute Ergänzung zum bisher einzigen Live-Album dieser Formation, dem 1995 auf Warner Records veröffentlichten „Birthday Concert“, das Pastorius am 1. Dezember 1981 in Fort Lauderdale gab. Unglaublich, wie Pastorius Finger über die Saiten tanzen, wie er das Instrument Melodien singen lässt, wie er begleitet, führt, welche klangliche Brillanz er seinem bundlosen Instrument verleiht.
Das New Yorker Konzert unterscheidet sich nicht nur durch Umbesetzungen unter den Bläsern vom Geburtstagskonzert. Dass New Yorker Größen, darunter die Trompeter Randy Brecker, Lew Soloff und Jon Faddis sowie die Saxofonisten Lou Marini, Frank Wess und Howard Johnson die Sitze ihrer Kollegen aus Florida einnahmen, wird wohl den Reisekosten geschuldet sein. Auch sie sind brillante Tuttispieler, für die messerscharfe Einsätze und ausgebuffte Soli selbstverständlich sind. Wunderbar auch, wie Othello Molineaux mit den Steel Drums den knackigen Klängen Glanzlichter aufsetzt. Dass Pastorius als Gast den Mundharmonikavirtuosen Toots Thielemans gewinnen konnte, bescherte zusätzliche Klangfarben sowie eine bezaubernde Duo-Improvisation mit Pastorius über Duke Ellingtons Klassiker „Sophisticated Lady“.
Die erste Scheibe umfasst darüber hinaus energiegeladene Versionen von „Invitation“, „The Chicken“ einschließlich der „Soul Intro“, „Three Views Of A Secret“ und „Liberty City“ – Repertoire aus dem Birthdaykonzert. Der Jazzklassiker „Donna Lee“ sowie „Bluesette“ aus Thielemans Repertoire vervollständigen die erste Disc. Die zweite bringt überwiegend Neues: den Bob-Marley-Hit „I Shot The Sheriff“, ebenfalls mit Thielemans, sowie „Okonkolé Y Trompa“, ein fünfzehnminütiges Percussionsolo von Don Alias und eine „Bass and Drum Improvisation“, in der Pastorius live (Bandschleifen)Loops als Grundlage für seine melodiösen Soli einspielte – damals eine sensationelle Avantgarde-Präsentation. Im Konzert mögen diese beiden Nummern fasziniert haben, im Wohnzimmer wirken sie zu lang. Als Entschädigung bringen das Medley „Reza / Giant Steps“ und „Mr. Fonebone“ die volle Band zurück: grandiose Bigbandpower, die in einem mitreißenden Finale über die Soulnummer „Fannie Mae“ mündet. Ein Muss für Pastorianer und ein großartiges Zeitdokument aus der Live-Kultur der 1980er.

Werner Stiefele, 17.06.2017



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