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Felix Mendelssohn Bartholdy

Violinkonzert, Die Hebriden, Sinfonie Nr. 5

Isabelle Faust, Freiburger Barockorchester, Pablo Heras-Caado

harmonia mundi HMM 902325
(61 Min., 3/2017)

Die Vergangenheit als solche lässt sich nicht zurückholen – diese Binsenweisheit setzt den Bemühungen um eine „historisierende Aufführungspraxis“ schon seit geraumer Zeit Grenzen, was die Zuverlässigkeit der Ergebnisse angeht. Von der nicht zu rekonstruierenden rezeptionsästhetischen Verfasstheit zeitgenössischer Zuhörer ganz zu schweigen. Aber man kann – und soll! – sich dennoch immer wieder darum bemühen, aufführungspraktische Rahmenbedingungen und nachweisbare spieltechnische Praktiken zu rekonstruieren; das ist unbedingt nötig, wenn man sich ein wenigstens einigermaßen umfassendes Bild verschaffen möchte vom Wollen lang verstorbener Komponisten und vom potentiellen Ausdrucks- und Wirkensspektrum ihrer Musik.
Isabelle Faust hat in diesem Sinne Mendelssohns Violinkonzert neu erarbeitet auf Basis von Erkenntnissen über Fingersätze, Gebrauch von leeren Saiten und Flageolett-Tönen sowie Einsatz von Vibrato, die sich aus den persönlichen Notizen dreier Geiger ermitteln lassen, mit denen Mendelssohn sein 1844 vollendetes Konzert besprochen und erarbeitet hat. Das Hörerlebnis dieser „Rekonstruktion“ ist zunächst teilweise bestürzend: Wir hören einerseits eine fast vibratolose Darbietung, die andererseits aber von zahlreichen Portamenti geprägt ist sowie vom häufigen Gebrauch leerer Saiten, deren Klang von der Spielerin deutlich weniger beeinflusst werden kann als derjenige von gegriffenen Tönen.
Der Rezensent, der selbst kein Streicher ist, hat sich ein Bild gesucht aus einer ihm vertrauteren Gattung: Man höre Rossinis „Una voce poco fa“ zunächst von Amelita Galli-Curci (1917), dann von Maria Callas (z. B. live 1956): Die Galli-Curci singt mit ziemlich geradem, schlanken Ton hochbeweglich und behände, mit vielen Portamenti aber gleichzeitig recht neutral, was ihr Erscheinen als Person innerhalb des Interpretationsprozesses angeht. Die Callas hingegen tritt stark als Callas in Erscheinung: Sie „kämpft“ mit jeder Phrase, teils mit jedem Ton auch um ihre eigene Existenz als Künstlerin, sie setzt ihr Brustregister wie auch ihre hohe Lage mit der vollen Dramatik auch ihres persönlichen Befindens ein. Unter den historischen Einspielungen des Mendelssohn-Violinkonzerts gibt es Vergleichbares: Man stelle etwa Fritz Kreisler Aufnahme, die eine Nähe zu der Tradition erkennen lässt, der sich Isabelle Faust nähert, gegen diejenige von Jascha Heifetz oder Henryk Szeryngk, die in das münden, was später eine Anne-Sophie Mutter aus dem Stück macht …
Kurzum: Was Isabelle Faust und das Freiburger Barockorchester unter Pablo Heras-Casado mithilfe des Mendelssohn-Konzerts hörbar werden lassen, ist ganz sicher eine hörenswerte Annäherung an Felix Mendelssohns in vieler Hinsicht klassizistisch unterfütterte Sichtweise des Romantischen in der Musik. In diesem Sinne gelang den Interpreten eine absolut hörenswerte Aufnahme, die gerade den Kennern des Konzerts das eine oder andere Auge öffnen wird.

Michael Wersin, 19.08.2017



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Kommentare

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Arnulf Marquardt-Kuron
Rezension des Violinkonzerts von Mendelssohn, 4/2017 Nehme zur Kenntnis, dass die Rezension einer Neuaufnahme des geläufigen Violinkonzerts auch über Abwege, ohne fach- bzw instrumental-gerechten Vergleich - u.a. Heifetz - möglich ist, und Isabelle Faust nun weiss, dass sie nicht wie Rossini, resp. Maria Callas klingt - und ev auch irritiert über solch absurden und ebenso fragwürdigen Vergleich nachdenkt, ob und wie Rosinas zur Geigen-Stimme ihres wie auch immer 'neuentdeckten' Mendelssohn- Konzerts wird. - Kreislerianesque Fantasien von Klängen und Gesängen. gemihaus, Berlin




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