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Henry Purcell, Felix Mendelssohn, Robert Schumann, Roger Quilter

Lost Is My Quiet

Carolyn Sampson, Iestyn Davies, Joseph Middleton

BIS/Klassik Center BISSACD-2279
(79 Min., 9/2016) SACD

Anfang der Siebziger Jahre veröffentlichte die englische EMI den Mitschnitt eines Duett-Rezitals, das Janet Baker und Dietrich Fischer-Dieskau mit Daniel Barenboim am Klavier in der Londoner Queen-Elizabeth-Hall gegeben hatten. Zahlreiche Nummern des damaligen Programms tauchen auf der vorliegenden CD wieder auf, und so fühlte sich der Rezensent an die alte Schallplatte erinnert – auch wenn die vorliegende CD keine Live-Produktion ist. Seinerzeit war Janet Baker einer der „Darlings“ des britischen Konzertpublikums, heute dürfte Carolyn Sampson nicht weniger beliebt sein, und der Counter-Tenor Iestyn Davies ist zumindest auf dem besten Weg dazu.
Das Rezital mit demselben Purcell-Duett („Sound The Trumpet“) beginnend wie damals Baker und Fischer-Dieskau, erlauben die beiden sich gleich bei der Wiederholung des A-Teils eine Extravaganz, die 1971 so noch kaum denkbar gewesen wäre: Sampson katapultiert den langen ersten Ton unvermittelt in die Oktave, der danach einsetzende Davies springt imitierend immerhin in die Quinte. Ein wenig hypertroph, dieser Effekt – aber er zeigt, wie sehr der kreativ freie Umgang mit dem Notentext barocker Musik heute zur Selbstverständlichkeit geworden ist. Das ist auch an der Continuo-Aussetzung durch den Begleiter Joseph Middleton zu bemerken, der zwar am modernen Konzertflügel spielt, es sich aber nicht nehmen lässt, mit seiner rechten Hand textversinnbildlichend einzugreifen, so etwa in der Phrase „till the snakes drop from her head“ in „Music For A While“, solistisch vorgetragen von Iestyn Davies.
In der anschließenden Mendelssohn-Gruppe harmonieren die beiden Stimmen besonders gut: Diese Lieder funktionieren phrasenweise mit Terz- oder Sextparallelen, deren besonderer Reiz eben dann zum Tragen kommt, wenn zwei Sänger in jeder Hinsicht – Phrasierung, Artikulation, Vokalfarben, Dynamik – an einem Strang ziehen. Das klappt hier u. a. deshalb so überzeugend, weil weder Sampson noch Davies in puncto Vibrato besonders enthaltsam sind. Ob einem das freilich in dieser Üppigkeit gefällt, muss man selbst entscheiden – auf jeden Fall sind die ganz vibratoarmen Jahre im Gesang wohl vorbei – dies sei wiederum auch mit Blick auf das oben erwähnte Rezital von 1971 vermerkt, bei dem Vibrato-Verzicht noch kein Thema war.
Einen schönen, ganz und gar englischen Akzent setzen die Künstler noch mit der abschließenden Gruppe aus Duetten und Liedern von Roger Quilter. Dieser verträumte Spätest-Romantik – Quilter starb erst 1953 – repräsentiert eine ausgesprochen sympathische Seite der britischen Selbst-Isolierung gegenüber den Tendenzen der festländischen Völker; in Zeiten des Brexit vielleicht eine kleine Verständnishilfe für die Mentalität der Inselbewohner.

Michael Wersin, 16.09.2017



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