Da ist die Hölle los. Glaubt man Christoph Willibald Gluck und seinem Textdichter Raniero de Calzabigi, dann fristen Furien, Geister und Schatten ihr unterirdisches Dasein in "unerbittlicher Wut". In Glucks Musik zu dieser Wut ist ebenfalls die Hölle los: Orpheus, dem Menschen, dem Poeten, der seine Gattin aus der Unterwelt ins Leben zurückholen will, fahren singend die Toten ins Wort; das ist großartig komponiert, ungemein effektvoll gemacht.
Dass gerade die höllischen Szenen die ansonsten handlungsarme Oper attraktiv machen, weiß auch René Jacobs. Deshalb heizt er hier besonders die Dramatik an - allerdings nicht etwa durch eine variable Gestaltung oder gar durch eine Beschleunigung des Tempos, sondern lediglich durch eine Schärfung der rhythmischen Gestalten. Das macht sich gut, klingt sehr pointiert und genau, wirkt am Ende aber doch ein bisschen zu brav und allzu gebremst.
Jacobs lässt das Freiburger Barockorchester, das sehr präzise und farbintensiv spielt, nicht los. Er hält die Zügel straff. Tatsächlich wirkt die Dressur, die er hörbar intensiv trainiert hat, tadellos, aber nicht wirklich mitreißend. Bernarda Fink in der tragenden Rolle des Orpheus ist immerhin eine begnadete Ausdrucks-Sängerin: Etwas zu schwer zwar gelegentlich, dafür jedoch ungemein intensiv in ihrem Leiden, Hoffen und Verzweifeln. Dass die Eurydike nur eine kleine Partie zu singen hat, ist bedauerlich, denn Veronica Cangemi steht der Sängerin des Amor, Maria Cristina Kiehr, in Belangen der Leichtigkeit und Beweglichkeit in der Höhe sowie in ihrer Fähigkeit zur differenzierten Ausdrucks-Gestaltung in nichts nach.
Am Ende geht die Oper gut aus. Nur diese Aufnahme von ihr ist zu schön, um wirklich gut und vor allem - auch im Sinne des Opern-Reformators Gluck - zu schön, um wahr zu sein.

Susanne Benda, 13.09.2001



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