Sergei Rachmaninow

Klavierkonzert Nr. 2, Études-tableaux op. 33 u.a.

Boris Giltburg, Royal Scottish National Orchestra, Carlos Miguel Prieto

Naxos 8.573629
(67 Min., 2016)

 

Sergei Rachmaninow

Klavierkonzert Nr. 2, Paganini-Rhapsodie

Anna Vinnitskaya, NDR Elbphilharmonie, Krzysztof Urbański

Alpha/Note 1 ALP 275
(57 Min., 5/2016)

 

Wenn ein Klassik-Stück es bis in einen Hollywood-Klassiker geschafft hat, muss es Rührpotenzial im Breitwandformat haben. Beim 2. Klavierkonzert von Sergei Rachmaninow schmolz daher sogar Marilyn Monroe in „Das verflixte 7. Jahr“ dahin. So sehr das 1901 uraufgeführte Konzert herrliche Kitschmomente und sogar Tschingderassa-Schmiss (3. Satz) besitzt – der Russe Rachmaninow wusste als Komponist immer da rechtzeitig auf die Bremse zu treten, wo es allzu sehr auf pures Reißertum und klebriges Pathos hinaus zu laufen drohte, das zeigt auch seine eigene Aufnahme des Werkes. Die Balance zwischen Power und Pochendem, Nostalgischem und Nervösem, Effekt und Elegischem sowie zwischen großer und gesanglicher Geste hinzubekommen, ist denn auch oberste Interpretenpflicht bei einem Konzert, von dem es tolle bis überragende Einspielungen gibt. Und manchmal geschieht dann dieses kleine Wunder, dass auf einen Schlag gleich zwei Neuaufnahmen veröffentlicht werden, die sich auf Weltklasse-Niveau bewegen. Es sind die russischstämmigen, nahezu gleichaltrigen Boris Giltburg und Anna Vinnitskaya, die nun ihrem Ruf als Rachmaninow-Spezialisten gerecht werden. Und erstaunlicherweise bewegen sich beide auf fast einer Wellenlänge. Mit den oben angeführten Tugenden nehmen Giltburg und Vinnitskaya das Stück vor allen verlockenden Klischees in Schutz, ohne dabei eben allzu kopflastig zu Werke zu gehen. Im Gegenteil. Hier wie da sind Emotionen mit im Spiel, wobei es jedoch einfühlsam und nicht tränenselig zugeht. Und wenn sich beide Musiker im langsamen Satz auf den Dialog mit der Klarinette einlassen, entsteht ein intimes, seelenvolles Gespräch abseits von floskelhafter Rhetorik. Dass Giltburg und Vinnitskaya zwar glänzende Techniker sind, dies aber nicht ständig zur Schau stellen müssen, sondern das manuelle Können in den Dienst der Musik stellen, gehört zu den vielen Pluspunkten dieser beiden Einspielungen. Einen Unterschied gibt es aber dennoch. Es sind die Orchesterpartner. Während das Royal Scottish National Orchestra unter Carlos Miguel Prieto eher die klare, bisweilen drahtig anmutende Musizierhaltung bevorzugt, besitzt die von Krzysztof Urbański geleitete NDR Elbphilharmonie vielleicht ein wenig mehr Körperlichkeit, Wucht und Stoßkraft. Wenngleich beide Aufnahmen allein schon wegen Rachmaninows Zweitem unbedingt zu empfehlen sind, gibt es jeweils noch gleichermaßen unbedingt hörenswerte „Zugaben“. Vinnitskaya zeigt sich bei Rachmaninows „Paganini-Rhapsodie“ in Höchstform, was brillant fliegende Finger und mitreißende Impulsivität angeht. Von derb schnittig bis impressionistisch funkelnd legt Giltburg hingegen eine phänomenale Version der Études-tableaux op. 33 hin – und beschließt sein Album mit zwei Rachmaninow-Arrangements von Salon-Stückchen aus der Feder von Fritz Kreisler und Franz Behr.

Guido Fischer, 14.10.2017




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