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Hans Abrahamsen

Streichquartette Nr. 1 - 4

Arditti String Quartet

Winter & Winter/Edel 1002422WIN
(68 Min., 12/2015, 4/2016)

Es gibt in der zeitgenössischen Musik immer wieder diese besonderen Komponistenfiguren, die sich nicht mit ihren Werken lautstark, mit großem Effekt aus dem Fenster hängen müssen, um einen zum Hinhören zu zwingen. Genau das schaffen auch jene Ausnahmemusiker, die sich konsequent an den Schnittstellen zwischen Stille und Nicht-Stille bewegen. Zu ihnen gehörte der Amerikaner Morton Feldman. Und was die Gattung „Streichquartett“ betrifft, schritt der Italiener Luigi Nono einst mit seinem „Diotima“-Opus einen ultrafragilen Klangparcours ab. Nun hat das Arditti String Quartet die vier Streichquartette des Dänen Hans Abrahamsen aufgenommen. Entstanden sind die Werke zwischen 1973 und 2012. Und je jünger die Entstehungsdaten sind, desto zarter, gläserner kommen sie daher. In der scheinbar immer radikaleren Reduktion, zu der der 65-Jährige in den letzten Jahren gefunden zu haben scheint (was aber so gar nichts mit einer wie auch immer gearteten Altersmilde zu tun hat), hat Abrahamsen einen ungemein prismatischen, beweglichen wie bewegenden Klangzauber entdeckt. Mit Folklorismen, die etwa mit ihren Pizzicati an afrikanische Musik erinnern, ist das 4. Streichquartett gespickt. Schon der Eröffnungssatz zerstäubt mit seinen packenden Flageolett-Gesten die Befürchtung, dass Abrahamsen hier ein gefällig-postmodernes, sich dem Weltmusikgeschmack anbiederndes Quartett geschrieben hätte. Mit ganz einfachen, aber magischen Kantilenen (geschrieben 2008!) versetzte Abrahamsen sein 3. Streichquartett in eine Art Dauerzustand des Ein- und Ausatmens. Zwischen diesem und dem 2. Streichquartett lagen 27 Jahre. Und in dieser Zeitspanne hat sich in diesem Komponistenleben einiges getan. Denn auch das Erstlingswerk für Streichquartett, das der 25-Jährige offiziell mit „10 Preludes“ bezeichnet hatte, spiegelt bei allem Minimal-Music-Drive eine auch verblüffend robustere, stachligere Gangart wider, die von Ferne auch an die klassische Moderne etwa eines Bartók erinnert. Diese ungemein reiche Streichquartettmusik hat jetzt in den Ardittis ihre Meister gefunden. Das vierköpfige Team um Spiritus Rector Irvine Arditti erweist sich als einzigartiger Seismograf noch für die allerfeinsten Erschütterungen in Abrahamsens Musik.

Guido Fischer, 21.10.2017



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