Barocke Musik kann so unendlich öde klingen, wenn sie nicht kompetent aufgeführt wird. Und „kompetent“ heißt sicher nicht nur „historisch informiert“: Das Temperament, das nötig ist, um dieses abgefahrene Programm bekannter und unbekannter Meisterstücke so auf die CD zu bannen, dass es den Hörer daheim nicht auf dem Stuhl hält, lässt sich aus keiner historischen Quelle ableiten oder gar mithilfe einer solchen erzeugen. Es ist der Ensembleleiter und Cembalist Ottavio Dantone, der eine auserlesene Crew brillanter Instrumentalisten zusammengeführt hat und sie mit seinem virtuos improvisierten Cembalospiel zu immer neuen Höhepunkten antreibt – Hochspannung ohne Ende begeistert etwa im Concerto grosso op. 2/II von Giovanni Lorenzo Gregori, in dem Dantones Tastenkunst passagenweise auch solistisch zu hören ist.
Hinzu kommt zu diesem furiosen Treiben der historischen Instrumente die Pariser Altistin Delphine Galou – und sie steht den Kollegen in puncto Temperament in nichts nach: Gleich die obsessiv redundanten Phrasen von Vivaldis Arie „Agitata infido flatu“ schleudert sie dem Hörer so vehement um die Ohren, dass er die junge, stimmlich noch brillante Cecilia Bartoli zu hören glaubt. Keine Sorge: Galou nervt nirgends durch overacting, sie gibt dieser Musik nur jenes Maß an „Agitato“, das sie braucht, um mitreißende Leidenschaftlichkeit zu entfalten; jene Leidenschaftlichkeit, ohne die sie eine beliebige Aneinanderreihung exaltierter Phrasen wäre.
Das ist überhaupt die Entdeckung dieser Veröffentlichung: Fast glaubt man nicht, dass es sich um ein geistliches Programm handelt! Das stupende Espressivo des italienischen Hochbarock ergreift sogar altehrwürdige Texte wie die Klagelieder des Propheten Jeremia, einst Gegenstand faszinierend düsterer vokalpolyphoner Vertonungen, und belebt sie neu mit vibrierender Ausdrucksenergie. Einfach mitreißend.

Michael Wersin, 21.10.2017



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