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There Is Only Make

Lisbeth Quartett

Traumton/Indigo 145722
(63 Min., 2/2017)

Frauen im Jazz sind gerade das große Thema in Deutschland. Die Jazzabteilung der Berliner UdK hat mit „Planet 9“ ein Projekt gegründet, das die Arbeitsbedingungen von Frauen in der improvisierten Musik theoretisch und praktisch durchleuchtet. Angelika Niescier wurde just zur erst zweiten weiblichen Albert-Mangelsdorff-Preisträgerin in der Geschichte der Auszeichnung gekürt. Eine 3sat-Dokumentation über ihre junge Saxofonkollegin Anna-Lena Schnabel sorgte schließlich wegen eines (wohl nicht ganz haltbaren) Zensurvorwurfs Richtung NDR für mediale Aufregung, widmete sich aber im Kern dem Los, das eine Künstlerin auf der Suche nach dem kompromisslosen Ausdruck in der gegenwärtigen Musiklandschaft zu tragen hat.
Die Altsaxofonistin und Komponistin Charlotte Greve ist ein weiteres wunderbares Beispiel dafür, dass Frauen im deutschen Jazz nicht nur mittlerweile eine Selbstverständlichkeit sind, sondern zur Speerspitze der Weiterentwicklung des Genres gehören. Seit 2009 arbeitet die inzwischen in New York lebende Greve mit ihrem Lisbeth Quartett, in dem sie drei Männern (Manuel Schmiedel, Klavier; Marc Muellbauer, Bass; Moritz Baumgärtner, Perkussion) die Richtung weist, kontinuierlich an einem eigenen Gruppensound.
Die fünfte Einspielung zeigt, wie weit das transatlantische Kollektiv bei dieser Suche gekommen ist. Der vorsichtig tastende, verquer-lyrische Kammerjazz aus den Anfangstagen strotzt nun vor einer Energie, die sich etwa in dem urban und beinahe funky wirkenden „5.3“ in kreiselnden Figuren über rhythmische Asymmetrien entlädt. Greve, deren Spiel in seiner Durchdachtheit zuweilen an Lee Konitz und in seiner Helligkeit an Charlie Mariano erinnert, zeigt sich nun auch kompositorisch nahbarer. Trotz ihrer Vertracktheit strahlen die Stücke oftmals eine Lässigkeit aus, die wahlweise an die guten alten Blue-Note-Tage („Shirley“) oder an Brad Mehldaus Pop-Adaptionen („We Alter and Repair“) gemahnen.
Gewissermaßen als Gegenpol zu der neuen Leichtigkeit, zu der die Quartettmitstreiter mit fabelhaften Soli (vor allem Pianist Manuel Schmiedel leistet Hervorragendes), singenden Bass-Begleitlinien und eigentümlichen Klängen entscheidend beitragen (Moritz Baumgärtners Becken klingen auf wirklich unerhörte Weise), hat Greve zwei Duo-Stücke mit Schlagzeug und zwei Gastspiele des Saxofonisten Christian Weidner auf dem Album installiert. Das Resultat sind fein gesponnene Dialoge im Geiste Ornette Colemans. Wen interessiert es da, ob die Verantwortliche eine Frau ist? Gute Musik kennt kein Geschlecht.

Josef Engels, 18.11.2017



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