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Salvatore Sciarrino, Elliott Carter, Emmanuel Nunes, Pierre Boulez

„Caprices“ („Sei capricci“, „4 Lauds“, „Einspielung I“, „Anthèmes I“)

Irvine Arditti

Aeon/Note 1 AECD1755
(64 Min., 8 & 9/2015)

Messerscharfe Stahlfäden scheinen da vom Violinbogen abgeschabt zu werden, mit den irrwitzigen Arpeggien in der ersten Caprice. Und während in der dritten Caprice unablässig ein Pizzicato-Regen auf die vier Saiten heruntertröpfelt, schaudert es einen in der gespenstisch sich unaufhörlich asthmatisch windenden Nr. 5. Keine leichte Kost für Geiger ist das alles – auch wenn es sich dabei nicht um eine der 24 Capricen von Dämon Niccolò Paganini handelt, sondern die „Sei capricci“ aus der Feder seines italienischen Landsmannes Salvatore Sciarrino stammen. Mitte der 1970er Jahre entstanden diese Solo-Stücke, die sechs zeitgenössischen Paganini-Fantasmagorien gleichen. Und man muss schon durchaus an die spieltechnisch-körperlichen und intellektuellen Grenzen gehen, um sich in diesem Klangkosmos so frei zu bewegen wie es jetzt Irvine Arditti bei seinem spektakulären Solo-Recital vorführt. Andererseits kann Arditti ja im Umgang mit den kniffligsten Aufgabenstellungen, die die Neue Musik zu bieten hat, auf eine knapp 50-jährige Erfahrung zurückgreifen. So hat er als Mastermind des von ihm gegründeten Arditti Quartets nicht nur viele hunderte Partituren uraufgeführt, sondern diese zumeist zusammen mit den Komponisten einstudiert. Auch die Werke der vier Komponisten, die auf Ardittis Solo-Album zu hören sind, kennt er wie seine Westentasche. Und wie im Fall von Pierre Boulez´ „Anthèmes I“ ist Arditti maßgeblich am Entstehungsprozess so mancher Stücke beteiligt gewesen. Die 1991 uraufgeführte erste Fassung von „Anthèmes“ (1997 entstand eine elektro-akustische Zweitversion) ist quasi ein Bündel voller faszinierender Gedankensplitter zum Thema „zeitgenössisches Violinspiel“. Das aber in „Einspielung I“ des großen portugiesischen Komponisten Emmanuel Nunes 1979 auch noch einmal von seiner Bewegungslust her auf die Spitze getrieben wurde: Immerhin sorgen da sage und schreibe 219 Tempiwechsel für einen knapp 20-minütigen auf-reibenden wie auf-regenden Monolog. Zuvor präsentiert Arditti vier Huldigungsvignetten, die der amerikanische Altmeister Elliott Carter unter dem Titel „4 Lauds“ zwischen 1984 und 2000 zu Ehren und in Erinnerung an Komponistenkollegen wie Aaron Copland und Goffredo Petrassi geschrieben hat. Und hier entpuppt sich Arditti auf seinem Instrument nicht nur als großer rhapsodischer Sänger – gleich mit dem ersten, klar und höchst spannungsvoll gebauten Stück empfiehlt er sich sogar für eine Gesamteinspielung des Bachschen Solo-Violin-Schaffens. Vielleicht wagt er diesen Schritt ja doch noch einmal.

Guido Fischer, 18.11.2017



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