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György Kurtág

Sämtliche Werke für Ensemble und Chor

Reinbert de Leeuw, Ensemble Asko/Schönberg, Natalia Zagorinskaya, Tamara Stefanovich, Jean-Guihen Queyras, Harry van der Kamp, Netherlands Radio Choir u.a.

ECM/Universal 4812883
(151 Min., 3/2013 - 7/2016) 3 CDs

Im vergangenen Februar hat György Kurtág seinen 91. Geburtstag gefeiert. Jetzt endlich erschien mit dieser Box auch das überfällige CD-Geschenk dazu. In einem Langzeitaufnahmeprojekt wurden sämtliche Werke des Ungarn aufgenommen, die er zwischen 1959 und 2011 für Ensemble und/oder Chor sowie Solostimme geschrieben hat. Der niederländische Neue Musik-Dirigent Reinbert de Leeuw nahm sich zusammen mit seinem Ensemble Asko/Schönberg sowie zahlreichen prominenten Gastsolisten dieser anspruchsvollen Reise durch einen einzigartigen Werkkatalog an. Frucht ihrer Arbeit ist diese 3 CD-Box des Münchner Labels ECM, das schon seit jeher ein großes Augenmerk auf das Schaffen von Kurtág gelegt hat (etwa bei seinen „Kafka-Fragmenten“ mit Sopranistin Juliane Banse).
Nun besaß Kurtág im Grunde schon immer eine gewisse Sonderstellung in der zeitgenössischen Musikszene. Erst spät im Westen entdeckt (es war 1981), wurde Kurtág auch im großen Konzertbetrieb etwa von Claudio Abbado gespielt bzw. dirigiert. Und in den letzten Jahren mauserte sich Kurtágs „Hommage à Robert Schumann“ für Klarinette, Viola und Klavier zu so etwas wie einem Live-Hit in jenen Konzerten, in denen eben diese seltene Trio-Besetzung zu hören ist. Dennoch war und ist Kurtágs Klangsprache nicht auf den breiten Erfolg ausgerichtet, sie scheint sich vielmehr gegen eine allzu große Umarmung abschirmen zu wollen. Bisweilen ziehen sich dann seine extrem kurzen, an den Aphorismus-Stil von Anton Webern angelehnten Vokalwerke „Botschaften der verstorbenen R. W. Troussowa“ für Sopran und Kammerensemble op. 17 wie in ein Schneckenhaus zurück. Eine geradezu beklemmende, an Ives´ „Unanswered Question“ erinnernde Aura besitzt ein Satz aus den „Brefs Messages“ (2011). Und bei der Beethoven-Verbeugung „…quasi una fantasia“ op. 27 Nr. 1 für Klavier und im Raum verteilte Ensemblegruppen lässt Kurtág Akkordblöcke wie Mahnmale aus dem Klangkörper schleudern. Von geheimnisvoll hineingewehten Klanggesten bis zu heftig verkantetem Furor, von komprimierten Signalen der Sehnsucht bis zu rätselhaft nervösem Tonflackern reicht das Spektrum eines Komponisten, der sich fernab jeglicher Neue Musik¬-Moden stets treu geblieben ist. Wenn einem nun als beispielsweise der Netherlands Radio Choir die sechs „Lieder der Schwermut und der Trauer“ op. 18 entgegenpeitscht, meint man sogar einen gewissen volksmusikalischen Balkan-Ton zu vernehmen, den Kurtág für sich eigentlich stets kategorisch ausgeschlossen hatte. Ein beeindruckenderes Geschenk als diese nachträgliche Gesamtaufnahme hätte sich Kurtág zum 91. nicht wünschen können.

Guido Fischer, 25.11.2017



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