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X-Mas Death Jazz

Panzerballett

Gentle Art of Music/Soulfood GAOM 052
(69 Min.)

Jetzt ist sie wieder da – die Zeit der trauten Weihnachtsmelodien, der Re-Issues adventlicher Jazzklassiker und der Neuerscheinungen mit mehr oder minder gewitzten Überarbeitungen krippalen Liedguts. Aber mal ganz ehrlich: Kann man diese besinnliche Soße noch hören? Will man sich angesichts der Jahresendzeithektik nicht manchmal wutentbrannt das Hemd vom Leibe reißen, den Tannenbaum hysterisch kichernd abfackeln und das Christkind mit Whisky aus dem Nachlass von Lemmy Kilmister ordentlich betrunken machen?
Für den Jazzfan mit genügend Aggressionspotenzial und wetterfestem Humor hätten wir da in diesem Jahr was: die erste Weihnachtsplatte des für seinen gnadenlos metallischen Umgang mit Jazzklassikern wie „Birdland“ oder Schnulzen wie „Ein bisschen Frieden“ berühmt-berüchtigten Quintetts Panzerballett. Mit brachialer Saitengewalt, beängstigend ratternden Doublebassdrums und einer Gastsängerriege, die unter anderem schon Elfendienste für Frank Zappa, Joe Satriani, Steve Vai oder Evanescene leistete, wird auf dem passend „X-Mas Death Jazz“ betitelten Tonträger aus Liedern wie „White Christmas“, „Kling Glöckchen“ oder „Last Christmas“ ein veritabler Hackbraten angerichtet.
Das klingt dann so, als habe sich Bing Crosby nackte Frauen auf die Oberarme tätowieren lassen, oder wie eine Horror-Oper, in der das Kommen des Christkindes ungefähr genauso freudig erwartet wird wie die Ankunft einer Horde Zombies. Aber Spaß beiseite: Zehrfeld, Co-Gitarrist Joe Doblhofer, Saxofonist Alexander von Hagke, Bassist Heiko Jung und Schlagzeuger Sebastian Lanser haben die Stücke mit derart viel Energie aus dem Spannungsfeld von Metal, Led Zeppelin und John McLaughlin-Virtuosität aufgepumpt und komplett neu gedacht, dass man bei den laut Eigenbezeichnung „verkrassten“ Versionen schon fast von Liebeserklärungen sprechen muss.
Wer zart besaitet ist und immer noch daran glaubt, dass der DHL-Mann die Geschenke bringt, sollte die Finger von „X-Mas Death Jazz“ lassen. Allen anderen kann eine kathartische Erfahrung garantiert werden. Oder, um es mit Panzerballett im Refrain von „Little Drummer Boy“ zu fauchen: Rapapa-Pamm!

Josef Engels, 09.12.2017



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