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N° 1273
01. - 07.10.2022

nächste Aktualisierung
am 08.10.2022



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Dream

Kinga Głyk

Warner 9029575752
(41 Min., 3/2017)

Auch Jazzmusiker können Vorurteile haben – wie beispielsweise der Vater von Kinga Głyk. Der polnische Vibrafonist Irek Głyk hätte es lieber gesehen, dass seine elfjährige Tochter ein mädchentypisches Instrument wie Klavier, Geige oder Gitarre lernt. Doch sie entschied sich für den E-Bass, der trotz Kim Clarke, Meshell Ndegeocello oder Tal Wilkenfeld offenbar immer noch als Männersache gilt. Der Vater ließ sich jedenfalls schnell von der richtigen Wahl seiner Tochter überzeugen und nahm sie in die Familiencombo auf, um das Wunderkind Bühnenluft schnuppern zu lassen.
Jetzt, mit 20, ist Kinga Głyk bereit für eine internationale Karriere. Der Umstand, dass ihre fabelhafte Bassversion des Eric-Clapton-Hits „Tears In Heaven“ auf YouTube stattliche 750.000 Mal angeschaut wurde, dürfte eine gewisse Rolle dabei gespielt haben, dass das Label Warner die junge Bassistin unter Vertrag genommen hat.
Aber nicht ausschließlich. Denn Kinga Głyk, die auf ihrem Major-Debüt von dem britischen Saxofonisten und Bassklarinettisten Tim Garland, dem israelischen Pianisten Nitai Hershkovits und dem US-Drummer Gregory Hutchinson begleitet wird, ist eine erstaunlich reife Instrumentalistin. Natürlich ist sie höchst virtuos, beherrscht akkordische Tricks genauso wie Tappings oder Flageolettmagie. Aber wie sie beispielsweise ihre Soli auf ihrem wohlig knurrenden Fender Jazz Bass ausgestaltet, die mit ihrem Instinkt für Pausen und klaren Melodiestatements niemals in protzerisches Gefuddel ausarten – davon können sich ihre männlichen Kollegen gerne etwas abschauen. Etwa Pianist Hershkovits und Drummer Hutchinson, die bei dem Klaviersolo im Titelstück „Dream“ beinahe schon verkrampft viel Hektik und Lärm machen.
Sicher: In der Musik von Kinga Głyk, die sich auf Facebook-Fotos mit Bass auf der Hand balancierend zeigt wie Jaco Pastorius und gerne Hüte wie Marcus Miller zu tragen pflegt, ist streng genommen nichts neu. Das gilt vor allem für die Songs auf „Dream“, die eine solide Mischung aus 80er Jahre-Fusion, Bass-Balladen und Coverversionen (neben dem übrigens von Jeff Berlin stammenden „Tears In Heaven“-Arrangement eine Reinterpretation des Weather-Report-Klassikers „Teen Town“) sind. Aber mit 20 Jahren muss Kinga Głyk auch nicht den Bass revolutionieren. Es reicht schon, wenn sich die Welt so langsam an fantastische E-Bassistinnen gewöhnt.

Josef Engels, 06.01.2018



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