Responsive image

Trip

Mike Stern

Heads Up/in-akustik 08100010
(67 Min., 1 - 3/2017)

Am 3. Juli 2016 stolperte Mike Stern beim Verlassen seines New Yorker Appartements über Bauschutt auf dem Bürgersteig und brach sich beide Arme. „Keine gute Sache für einen Gitarristen“, bemerkt der 67-Jährige nun trocken in dem Booklet seiner neuen CD. Zumal der Unfall neben den Brüchen auch eine permanente Nervenschädigung in der rechten Hand zur Folge hatte.
„Trip“ mag das 17. Soloalbum des extrem umtriebigen Fusiongitarristen sein, in Wirklichkeit aber muss man es als einen Neuanfang und als ein Dokument unermüdlichen Kampfeswillen bezeichnen. Denn schon ein halbes Jahr nach dem Horrortrip präsentierte sich Stern im Studio ganz wie der Alte. Angesichts der Schwere der Verletzungen muss man es als Wunder bezeichnen, dass er nichts von seiner Virtuosität und seinem musikalischen Optimismus eingebüßt hat.
Im Verbund mit einer hochklassigen Riege langjähriger musikalischer Partner (die von Saxofonist Bill Evans und den Trompetern Randy Brecker und Wallace Roney über Keyboarder Jim Beard bis hin zu Dennis Chambers und Dave Weckl an den Drums reicht) lässt Stern wieder seinen charakteristisch delaygeschwängerten Saitengesang erklingen.
Die stilistische Palette erweist sich als fusiontypisch weitgefächert: Mal rockboppig angefunkt wie im Auftakt „Trip“, mal weltmusikalisch angehaucht wie in dem nach Afrika weisenden „Emilia“ (in dem Stern auch singt und seine Frau Leni auf der N’goni-Langhals-Spießlaute aus Mali zu hören ist), mal traditionell swingend wie im schwer nach Monk klingenden „Half Crazy“, mal an Miles angelehnt wie in „Screws“.
Letzteres zeigt aber schon im Titel, dass das unbeschwert wirkende Musikantentum schwer erkauft ist. Die „Screws“ sind die Schrauben, die Sterns Arm zusammenhalten. Und „Scotch Tape and Glue“, ein anderer Stückname, verweist auf den Kleber, mit dem der Gitarrist sein Plektrum an der Hand befestigen muss, weil er es sonst nicht halten kann. Man sieht: Diese Einspielung ist nicht nur für eingefleischte Stern-Fans etwas Besonderes. Sie macht Mut, auch in aussichtslosen Situationen nicht die Strat ins Korn zu werfen.

Josef Engels, 20.01.2018



Diese CD können Sie kaufen bei:



Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Mozart war neun Jahre alt, da komponierte Georg Christoph Wagenseil seine Sammlung von sechs Konzerten für Orgel oder Cembalo, zwei Violinen und Basso continuo. Mit einem Bein stand er im Barock (als Lieblingsschüler von Johann Joseph Fux) und dem anderen in der Wiener Klassik (als Lehrer von Königin Marie Antoinette und Johann Baptist Schenk, der wiederum Ludwig van Beethoven unterrichtete). Heute kennt ihn so gut wie niemand mehr, dabei prägten seine Werke die klassische Tonsprache ganz […] mehr »


Top