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Johann Sebastian Bach

BWV…or not? (Sonaten für Violine oder Flöte, Triosonate C-Dur)

Amandine Beyer, Gli Incogniti

harmonia mundi 902322
(70 Min., 2/2017)

In einer Epoche, in der es noch keine Copyright-Wächter und bis auf den Notendruck keine weiteren Verbreitungsmedien gab, konnten Komponisten nach Herzenslust plagiieren, parodieren, recyclen. Und nicht selten kam es dann schon mal einem Ritterschlag gleich, wenn der wesentlich Berühmtere sich ein Thema oder gleich einen kompletten Satz von einem geschätzten Kollegen ausborgte und verarbeitete. Die gesamte Hautevolee der Barockkomponisten hat das so gemacht, auch Johann Sebastian Bach. Dementsprechend provozieren in dessen Werkverzeichnis immer noch manche Kompositionen die Frage: Original oder Fälschung? Oder wie es der Titel des jüngsten Albums von Geigerin Amandine Beyer und ihrem Ensemble Gli Incogniti auf den Punkt bringt: „BWV…or not?“
Im Mittelpunkt dieser etwas anderen musikhistorischen, musikantisch ungemein lebendig umgesetzten Recherche stehen Kammermusikwerke für Violine bzw. Flöte, hinter denen eben nicht immer nur Bach gesteckt hat. Da taucht etwa der Name des großen Lautenisten Silvius Leopold Weiss auf, von dem Bach Sätze für Cembalo bzw. Violine bearbeitet hat. Eine Sonate für zwei Violinen, die bisher als BWV 1037 geführt wurde, konnte inzwischen Bachs Schüler Johann Gottlieb Goldberg zugeordnet werden. Wie schwer bei anderen Werken die wahre Autorenschaft zu entschlüsseln ist, spiegeln Violinsonaten wider, die mutmaßlich von Sohnemann Carl Philipp Emanuel bzw. vom damaligen Geigenvirtuosen Johann Georg Pisendel stammen. Trotz so mancher ungelöster Problemfälle macht das versiert aufspielende Team um Madame Beyer nicht nur große Lust, sich diesem Themenkomplex auf diesem Weg zu nähern. Auch wenn die Bach-Rezeption nach diesem Album nicht umgeschrieben werden muss, verdeutlicht es beispielhaft, wie pragmatisch damalige Genies zu Werke gegangen sind.

Guido Fischer, 03.02.2018



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