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Johann Sebastian Bach

„Du treuer Gott“ (Leipziger Kantaten BWV 101, 115 und 103)

Collegium Vocale Gent, Philippe Herreweghe

PHI/Note 1 LPH027
(62 Min., 10/2016)

Bachkantaten über Bachkantaten – selbst die in historisierender Praxis musizierten Einspielungen liegen mittlerweile schon in kaum überschaubarer Fülle vor. Wie verschafft man sich Orientierung? Eine Möglichkeit hierfür bietet die jeweils spezielle Handschrift der verschiedenen Dirigenten: Philippe Herreweghes Klangbild zeichnet sich – je länger er aufnimmt, desto mehr – durch Wärme des vokalen wie instrumentalen Timbres, Eleganz der Linienführung und Geschmeidigkeit der dynamischen Ausgestaltung aus. Lauter lobenswerte Tugenden, die „seinen“ Bach insgesamt auf ein hohes interpretatorisches Niveau hieven, wenngleich die negative Qualität „Glätte“ zumindest hier und da im Hintergrund lauert. Interessant in diesem Zusammenhang der Eingangschor der Choralkantate BWV 101: Das untergründige chromatische Rumoren der Sündenverfallenheit, das immer wieder die Musik von der Basis her in Schwanken versetzt, kommt vor allem durch die flexible Dynamik, die Herreweghe zur Anwendung bringt, durchaus zur Geltung. Würde man aber noch weniger strikt legato musizieren, ließen sich auf agogischer Ebene zusätzliche Effekte erzielen.
Aber wir waren ja auf der Suche nach Wegweisung im Aufnahmedschungel: Freilich kann man sich auch an besetzungstechnischen Parametern orientieren. Herreweghe war in puncto Chorstärke noch nie ein Minimalist – die solistische Viererbesetzung ist nicht das seine. Aber er nimmt immer wieder auch Abstand von der Konzerthauspraxis des 19. Jahrhunderts, ein Solistenquartett, das dann nur Rezitative und Arien bestreitet, vor einen Chor zu setzen. Nein: In der – angenehm kleinen – Zwölferbesetzung der vokalen Ebene sind die vier Solisten jeweils auch primus inter pares unter den Chorsängern. Das ist historisch korrekt und verbindet die verschiedenen Abteilungen des Ensembles auf sinnvolle – und hörbar vorteilhafte – Weise miteinander. Unter den Soli ist vor allem Dorothee Mields erneut hervorzuheben: Ihr Bachgesang ist schlicht und einfach phänomenal gut. Peter Kooij ist mittlerweile so etwas wie „der Klaus Mertens von Herreweghe“, nämlich immer dabei und trotz unverändert präsentem leichten Edelknödel über große Zeiträume erstaunlich stabil in seiner Qualität geblieben. Damien Guillon ist wohl timbriert, könnte aber sprachlich immer noch prägnanter werden. Thomas Hobbs erfreut in der prachtvollen Trompetenarie aus BWV 103 mit einer hellen, nicht allzu körperhaften, aber dennoch durchschlagskräftigen Stimme. Störend sind allerdings die aspirierten Koloraturen.

Michael Wersin, 03.03.2018



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