Mit einem Opernarien-Rezital der alten Schule präsentiert sich die italienische Mezzosopranistin Anna Bonitatibus. Mit der Palette ihres Könnens, die sie hier präsentiert, knüpft sie an die traditionelle breitgefächerte Anlage ihres Faches an: Beginnend mit Händel (Radamisto) und Vivaldi (Farnace) spannt sie einen weiten Bogen über Mozart (Le nozze di Figaro), die italienische Opernromantik bis hin zu Puccini (Manon Lescaut) und Massenet (Chérubin), aber auch Strauss (Rosenkavalier) und Ravel (L’Enfant et les sortilèges). Bei Händel schon beweist sie ihre Gewandtheit bei Koloraturen, bei Vivaldi erzeugt sie über größere Strecken Spannung im Mezza-voce-Bereich und öffnet ihre Stimme von dort aus problemlos auch zu dramatischen Ausbrüchen. Mozarts „Voi, che sapete“ gerät dynamisch etwas unruhig und in der Linienführung angespannt – hier würde man sich mehr Ruhe beim Ausbreiten der großen Melodiebögen wünschen. Spätestens an dieser Stelle beginnt man über das schnelle, flatternde Vibrato nachzudenken, das Bonitatibus leider nicht wirklich unter Kontrolle hat. Zwar versucht sie auch, es als besondere Eigenheit ihres Timbres zu Ausdruckszwecken einzusetzen, was aber nicht durchgehend überzeugt.
Bis dahin in diesem Rezital so nicht gehörte Qualitäten in puncto klangliche Rundung werden dann in „O pallida che un giorno mi guardasti“ von Pietro Mascagni hörbar. In diesem Repertoire integriert sich Vibrato auch weitaus selbstverständlicher in einen ausladenderen, weiträumigeren Ansatz, der dem grundsätzlich sehr wohlklingenden Stimmmaterial entgegenkommt. Dass Bonitatibus in diesem Repertoire besonders daheim ist, zeigt sich auch direkt anschließend in Puccinis reizendem „Sulla vetta tu del monte“. Dass Bonitatibus als Octavian (Rosenkavalier) ihre Affinität zur italienischen Oper (und auch ihre sprachliche Verwurzelung im italienischen Idiom) nicht verleugnen kann, lässt den Hörer schmunzeln. Der Ausklang des Programms mit Henry Mancinis „Crazy World“ öffnet noch einmal ein ganz neues Fass – wie sehr die Sängerin in diesem Repertoire beheimatet ist, lässt sich anhand dieser kurzen, aufgrund der tiefen Lage eher antiklimatischen Nummer nicht entscheiden.
Ein stets aufmerksam und im Rahmen des epochenübergreifend Machbaren recht stilsicher begleitendes Münchner Rundfunkorchester unter Corrado Rovaris trägt sehr zum Erfolg dieses im Großen und Ganzen erfreulichen Rezitals bei.

Michael Wersin, 24.03.2018



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